„Vielleicht soll die Kunst an sich blamiert werden“

Mit Wolfgang Zinggl leisten sich die Grünen nun einen streitbaren Kunstaktivisten als Bundeskultursprecher im Nationalrat. Ein Gespräch über Kulturfeudalherren und chaotischen Konservativismus.

profil: Mit Ihrem Einstieg ins Parlament haben Sie die Leitung des Diskursforums Depot zurückgelegt. Sie sind aber, mit der Gruppe Wochenklausur, auch Künstler. Treten Sie nun auch von der Kunst zurück?
Zinggl: Sicher nicht. Damit mach ich weiter. Mein Entschluss, in die Politik zu gehen, ist ja eine konsequente Entwicklung aus meinem künstlerischen Verständnis. Wenn man das bezweifeln will, muss man auch den Bildhauer, der nebenbei als Musiker agiert, fragen, ob er überhaupt noch Bildhauer sei, wenn er gerade mit einer Band auftritt. Kunst, die sich ihrer politischen Tragweite nicht bewusst ist, bleibt eine formale Spielwiese.
profil: Ist es nicht seltsam, als Kulturpolitiker für Rahmenbedingungen zu sorgen, die man als Künstler selbst brauchen kann?
Zinggl: Erstens habe ich als Oppositionspolitiker gar nicht die Möglichkeiten dazu. Und zweitens: Wenn man sich als Künstler seiner politischen Aufgabe bewusst ist, kommt man automatisch dazu, selbst auch konkret politisch aktiv zu werden. profil: Ist es nicht so, dass in der Kulturpolitik im Wesentlichen alle dasselbe wollen: erhöhte Kunstbudgets, mehr Transparenz und Sinn fürs Innovative? Gibt es so etwas wie eine spezifisch grüne Kulturpolitik überhaupt – im Unterschied etwa zur sozialdemokratischen?
Zinggl: Ich glaube schon, dass wir auch in der Kultur etwas entwickelt haben, das ureigentlich grün ist. Zum Beispiel verteidigen wir die unterschiedlichen kulturellen Interessen, denen wir täglich begegnen, gegen eine hegemoniale Vorstellung, die Kultur ins enge Korsett verordneter Identität pressen möchte. Wir werden das anlässlich der Staatsfeierlichkeiten im nächsten Jahr wieder erleben, wenn sich Österreich als Kulturnation selbst feiern und doch nur die Repräsentationskultur meinen wird. Das Kulturprogramm der Sozialdemokraten besteht übrigens lediglich aus drei oder vier Zeilen, die im Gesamtprogramm untergehen. Genau so betreibt die SPÖ ja auch Kulturpolitik.
profil: Wie würden Sie Ihren Kulturbegriff beschreiben?
Zinggl: Kultur wird heute, auch in den Medien, mit Kunst gleichgesetzt: Kulturseiten sind Kunstseiten. So ist es auch in der Politik. Und welche Kunst wird dort vor allem berücksichtigt? Eine traditionelle, bürgerliche, institutionell gestützte Kunst.
profil: Welche Kultur möchten Sie denn verteidigen, die nicht unter Kunst fällt?
Zinggl: Kunst ist nur eine Untermenge der Kultur. Nicht umsonst spricht man von einer Gesprächs- oder einer Esskultur. Dennoch wird in der Praxis das, was man unter Kultur diskutieren und verstehen könnte, auf bloßes Interpretieren klassischer und abgesicherter Kunst reduziert.
profil: Ist die Utopie, im Parlament einen derart weit gefassten Kulturbegriff zu diskutieren, nicht ziemlich unrealistisch?
Zinggl: Das Parlament greift gesellschaftliche Strömungen auf und setzt sie in Gesetze um. Erst die Wechselwirkung zwischen außerparlamentarischem Politisieren und parlamentarischen Debatten bringt die Dinge voran. Ich habe das Glück, an der Schnittstelle zu sitzen. Wobei mir schon klar ist, dass ich mit Gesetzesanträgen bei den derzeitigen Koalitionsverhältnissen nicht viel ausrichten werde. Aber das macht ja nichts. Eine parlamentarische Position eröffnet ja über die Öffentlichkeitsarbeit auch viele außerparlamentarische Möglichkeiten.
profil: Halten Sie die Kulturpolitik der Grünen für offensiv genug?
Zinggl: Sie war wahrscheinlich bislang zu kleinmütig. Da war eine Scheu, das weniger Berühmte, scheinbar Kleinere entschiedener gegen den großen, repräsentativen kulturinstitutionellen Betrieb zu setzen.
profil: Wenn man den Begriff „Kultur“ auf der Homepage der Grünen anwählt, findet man vier kritische Grundsatzerklärungen zu KHM-Direktor Wilfried Seipel. Sonst nichts. Ist das nicht ein wenig monokulturell?
Zinggl: Bitte um Verständnis, wenn da noch nicht alles in optimaler Form erscheint. Wir sind in einer Übergangsphase. Das Ziel, gegen das wir agitieren, ist der Zentralismus in der Kultur, der uns in Wahrheit allen längst schon zuwider ist. Wir brauchen keine Kulturfeudalherren mehr, die über Riesenreiche verfügen. Seipel schadet der Reputation des Kunsthistorischen Museums und der österreichischen Kulturpolitik. Die hiesige Museenlandschaft braucht dringendst ein Krisenmanagement. Nur: Die Kulturpolitik der zuständigen Ministerin befindet sich offenbar schon im Ruhestand.
profil: Wie stehen Sie zur Frage der Ausschreibungen großer Kulturmanagementposten, die sich in letzter Zeit immer wieder zur Farce ausgewachsen hat?
Zinggl: Leider gibt es gegenwärtig keine Persönlichkeiten, die eine progressive, also zielgerichtete Kulturpolitik betreiben. In Österreich herrscht eine chaotische Form des Konservativismus. Fragen Sie einmal Ministerin Gehrer, wohin sie mit ihrer Politik will: Sie werden sehen, das ist eine Politik des vorbeiziehenden Kelches. Da ist kein Wille und kein Wirken.
profil: Wann haben Sie Kunststaatssekretär Morak, mit dem Sie jetzt vermutlich vermehrt zu tun kriegen werden, zuletzt getroffen?
Zinggl: Ich glaube, das war kurz nach seiner Angelobung, bei einer Radiodiskussion, in der ich seinen Rücktritt gefordert habe. Die Figur Morak ist aber politisch interessant: Da ist einer, der kein Fettnäpfchen auslässt, und bisweilen sieht das fast nach Absicht aus. Es gibt Menschen, die sich schon fragen, ob da nicht sogar politischer Wille dahinter steckt: Wer weiß, vielleicht soll die Kunst an sich blamiert werden?