„Völlig daneben“

Der Psychoanalytiker und Theologe Peter Schellenbaum über die rigide Sexuallehre, infantile Priester und die Angst vor den Frauen.

profil: : Verbot der Selbstbefriedigung und der Empfängnisverhütung, kein Geschlechtsverkehr vor der Ehe: Nur mehr wenige Menschen beachten diese Sexvorstellungen, doch die Kirche tyrannisiert damit wie eh und je. Warum?
Schellenbaum: Die offizielle Kirche spürt, dass sie nach und nach in der Gesellschaft aufgehen würde, wenn sie ihre rigiden Moralvorstellungen aufgäbe. Wir beobachten ja, wie stark das Bedürfnis nach Autorität, Struktur, Sicherheit und Ordnung ist, etwa beim Zulauf zu Sekten. Es ist eine Art institutioneller Selbsterhaltungstrieb, der in der Kirche am Werk ist. Wiewohl sich in den breiten Schichten der Bevölkerung kaum mehr jemand darum kümmert.
profil: : Also gar keine falsche Strategie?
Schellenbaum: Aus dem Trieb zur Machterhaltung heraus ist es richtig. In Bezug auf die Botschaft des Christentums ist es völlig daneben.
profil: : Ein weiteres Reizthema ist die Diskriminierung der Frauen. Wie erklären Sie sich als Tiefenpsychologe die Angst der Kleriker vor dem weiblichen Geschlecht?
Schellenbaum: Das fängt in der Kirchengeschichte schon sehr früh an. Durch den Einfluss dualistischer Philosophie – hier das Gute, dort das Böse – wird das Frauenbild aufgespalten. Auf der einen Seite die Heilige, Muttergottes, Jungfrau, auf der anderen Seite die Hure. Trotzdem bleibt eine starke sexuelle Anziehung. Die Lösung: Man entwertet das, was einen an der Frau anzieht.
profil: : Ein Leben ohne Sex ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Kann ein solches Leben überhaupt gelingen?
Schellenbaum: Ich kenne nur wenige Menschen, denen es im Zölibat gelungen ist, sich zu entfalten. Die Allermeisten wurden in ihrem seelischen Wachstum blockiert, blieben emotional unreif und kompensierten ihre Infantilität durch Überheblichkeit oder Macht.
profil: : Hat der Zölibat denn überhaupt einen Sinn?
Schellenbaum: Er hat vor allem das Ziel, die Priester sehr stark an die Kirche zu binden. Ohne Zölibat könnte auch die katholische Lehre keine absolute mehr sein. Dann würden die Priester viel stärker aufgrund dessen handeln, was sie mit ihrem Partner erleben. Das sieht man in den evangelischen Kirchen.
profil: : Wie kompensiert ein Seelsorger das Fehlen körperlicher Kontakte?
Schellenbaum: Er sucht nach Ersatz – oft ein neurotischer Vorgang. Zum Beispiel durch ein überschätztes Macht- und Selbstwertgefühl. Andere fressen viel, eine Kompensation im oralen Bereich. Oder sie sublimieren ihre Bedürfnisse im sozialen Bereich und helfen etwa Menschen in Afrika. Manchmal kommt es da auch zu einer wirklichen Transformation der sexuellen Energie. Ich denke etwa an Gestalten wie Mutter Teresa. Ich glaube aber, dass dazu nur wenige imstande sind.
profil: : Liegt das am Grundkonzept oder an der heutigen Zeit?
Schellenbaum: An beidem. Es war und ist ein Fehler, aus dem Zölibat eine lebenslange Verpflichtung zu machen. Kulturen wie der Buddhismus zeigen, dass es auch anders geht. Der Hedonismus heutzutage spräche sogar für ein Konzept, in dem wieder Verzicht und Askese an Wert gewinnen. Doch wir wissen heute, dass der Mensch ein Ganzes ist, von dem man nicht einfach einen Teil abspalten kann.
profil: : Diese abgespaltene Sexualität symbolisieren Sie in einem Ihrer Bücher durch den Märtyrer Sebastian. Wie kommen Sie ausgerechnet auf diesen Heiligen?
Schellenbaum: Sebastian ist eine der wenigen nackten Darstellungen in der Ikonografie. Er verkörpert einen Widerspruch. Da ist einerseits diese jugendliche Schönheit und Vitalität, doch andererseits stecken Pfeile in seinem Fleisch, die ihn umbringen. Dabei hat er diesen verzückten Gesichtsausdruck, der auf eine große sexuelle Lust schließen lässt. Was ich sagen will: Wenn die männliche Lust unterdrückt wird, richtet sich diese gegen einen selbst – der Pfeil als pervertierter Phallus. Verdrängte Sexualität erklärt oft, warum sich Männer einer Führerfigur so lustvoll unterwerfen. Das gilt aber nicht nur für den Zölibatären.
profil: : Was ist für die Kirche so bedrohlich an der Homosexualität?
Schellenbaum: Die Fixiertheit von Kirchenvertretern ist das Resultat einer Abspaltung. Es ist merkwürdig, dass von der Kirche gesagt wird, Homosexualität sei deswegen falsch, weil sie contra naturam sei. Was ist denn die Natur des Menschen? Die ist doch ganzheitlich. Es ist die Anziehung eines Mannes als ganzer Mann für einen anderen Mann.
profil: : Halten Sie es für möglich, dass sich die Haltung der Kirche zur Sexualität verändern kann?
Schellenbaum: Die offizielle Kirche fühlt sich dermaßen bedroht, dass die Selbstbewahrungstendenzen wahrscheinlich stärker sein werden. Anzeichen dafür, dass das Pendel in eine andere Richtung ausschlägt, sehe ich in der Kirche als Institution nicht, wohl aber an der Basis.