„Völlig fehl am Platz“

Wassilios E. Fthenakis, 1937 in Griechenland geboren, gehört zu den renommiertesten Familienforschern des deutschen Sprachraums. Er lehrt unter anderem in München, Berlin und Bozen und leitet am Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik eine Langzeitstudie über die Rolle des Vaters in der Familie.

profil: Seit geraumer Zeit geistert ein Begriff durch die Medien: die so genannten „neuen Väter“. Was kann man sich darunter vorstellen?
Fthenakis: Zunächst wurden diese „neuen Väter“ von der Boulevardpresse eingemahnt. Dabei hat man das Neue an der stärkeren Partizipation am Innenleben der Familie festgemacht. Dann hat man sich angeschaut, ob die Väter familiäre Aufgaben übernehmen und von welcher Qualität die Interaktion mit dem Kind ist. Und man kam zu der wenig überraschenden Erkenntnis, dass die Männer weniger präsent sind, als sie es eigentlich sein sollten. Anschließend stellte man fest, dass es eben keine neuen Väter gibt, und richtete den Appell an die Männer, sie möchten sich doch bitte stärker in der Familie engagieren. Dieses Szenario ist fachlich aber in keinem Punkt haltbar.
profil: Wo liegt der Denkfehler?
Fthenakis: Wenn man sich ansieht, wie in den Köpfen von Müttern, Vätern und Kindern heute Vaterschaft konstruiert wird, dann kommt man zu einer völlig anderen Erkenntnis: dass nämlich gerade die Erzieherfunktion, also die soziale Funktion des Vaters, als die dominante Funktion im Vaterschaftskonzept betrachtet wird.
profil: Darüber herrscht also ein innerfamiliärer Konsens?
Fthenakis: Das ist absoluter Konsens. Wenn die Männer aber für sich ein völlig anderes Konzept entwerfen, als es in der sozialen Realität umsetzbar ist, dann muss man die Frage nach den Bedingungen stellen, die die Umsetzung eines an sich vernünftigen Konzeptes verhindern.
profil: Welche Bedingungen sind das?
Fthenakis: Es handelt sich hier nicht um ein Problem der Männer, sondern um ein Problem des Systems. Damit haben wir eine politische Problematik, die mit individuellen Antworten nicht bewältigt werden kann und darf. Insofern ist jede Politik, die sich appellativ an den Mann richtet, er möge bitte dies und jenes tun, völlig fehl am Platz.
profil: Die Väter machen also tatsächlich das Bestmögliche?
Fthenakis: Frauen wie Männer handeln völlig rational, wenn sie nach der Geburt des ersten Kindes versuchen, ihre finanziellen Ressourcen zu optimieren. Und die Strategie ist dabei natürlich absolut traditioneller Art: Man muss denjenigen in die Arbeit schicken, der mehr verdient – und das ist immer noch der Mann. Der Mann bleibt nur zu Hause, wenn die Frau die Ressourcen besser sichern kann als er. Wer jetzt aus der Politik den Männern vorwirft, den Karenzurlaub nicht in Anspruch zu nehmen, der verlangt von der Familie irrationale Entscheidungen. Und zum Glück folgen die Familien diesen Appellen nicht.
profil: Wie kann aber die individuelle Familie trotzdem versuchen, über das traditionelle Schema hinauszugehen?
Fthenakis: Das übersteigt die Kräfte der Familie. Denn wenn der Mann in den Beruf hineingeht und die Frau sich zurückzieht, entsteht ein Machtungleichgewicht: Der Mann verdient das Geld, und die Frau muss plötzlich darum bitten. Daraufhin besetzt die Frau gewisse Entscheidungsbereiche innerhalb der Familie, um das Machtungleichgewicht auszubalancieren. Das aber führt noch tiefer in die Traditionalisierung des Modells hinein. Die Familie kann aus eigener Kraft nicht aus diesem Modell ausbrechen.
profil: Welche Rahmenbedingungen bräuchte es, um diese Malaise zu überwinden?
Fthenakis: Wir brauchen den Ausbau der außerfamiliären Betreuungsangebote für Kinder. Zweitens brauchen wir eine andere betriebliche Politik, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf erlaubt – für Frauen und für Männer. Und drittens brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über das fundamentale Problem, nämlich das Wertproblem der Gesellschaft: Wie viel wert ist uns die Familie heute? Wir müssen Vaterschaft und Mutterschaft als kulturelle Werte per se betrachten, unabhängig davon, in welcher Familienform, in welchem rechtlichen Rahmen sie stattfinden.
profil: Trotzdem gibt es Familien, die es schaffen, ein anderes Modell zu leben.
Fthenakis: Etwa fünfzehn Prozent der Familien gelingt es, nicht von einem Modell der Gleichberechtigung in ein Modell der Ungleichheit zu schlittern. Und das sind auch die einzigen zufriedenen Paare. Allerdings ist das eine Minorität.
profil: Was machen diese Paare anders?
Fthenakis: Sie haben individuelle Optionen genutzt: eigene Ressourcen, einen verständnisvollen Arbeitgeber, ein soziales Umfeld. Das große Problem der Partnerschaften heute liegt darin, dass die neuen Paare weder ein traditionell orientiertes noch ein klassisch feministisches Modell anstreben, sondern einen dritten Weg gehen: das Modell der gemeinsamen Bewältigung aller Aufgaben. Für die meisten Paare ist es das kurzlebigste Modell überhaupt. Nach der Geburt bricht es für über 80 Prozent der Paare zusammen und wird wieder traditionalisiert.
profil: Wie zielführend ist es für einen Vater, sich in Erziehungsfragen an der eigenen Kindheit zu orientieren?
Fthenakis: Die Normen und Werte, die einem die Eltern mitgegeben haben, können für die Erziehung der eigenen Kinder nur begrenzt – wenn überhaupt – verwendet werden. Der soziale Wandel verläuft so rasant, dass man mit den eigenen Werten und Normen die Kinder mehr begleiten kann. Die heutige Elterngeneration erfährt aus dieser inneren Spannung eine tiefe Unsicherheit. Außerdem stehen Kinder und Eltern heute nicht mehr in einem Erziehungs-, sondern in einem Beziehungsverhältnis – und dafür gibt es keine Vorbilder. Beides zusammen verursacht ein großes Ausmaß an Unsicherheit. Deshalb ist es nicht korrekt, wenn Eltern für nicht kompetent gehalten werden. Elternschaft wird heute unter Bedingungen praktiziert, die Unsicherheit schaffen.