Voll bewusst oder auf der Flucht? Oder gibt’s vielleicht noch etwas dazwischen?

„Ich will meine Beine spreizen, zwei Betäubungsspritzen kriegen und den kleinen Wurm zwischen meinen Schenkeln ausspucken, und Papa soll die ganze Zeit dabeibleiben und den Camcorder draufhalten, klar?!“ „Ally McBeal“, 2. Staffel, Folge 21

Meine Zunge hängt mir so aus dem Gesicht, dass ich ganz knapp nicht darüber stolpere; an den Seitengängen des voll gerammelten Schulsaals stehen bereits Bataillone von Camcorder-Vatis, die mich mit missbilligenden Blicken torpedieren. Man gibt die „Kleine Raupe Nimmersatt“, meine Tochter spielt die Wurst. „Auch schon da?“, zischelt eines der Camcorder-Mahnmale süffisant.

Der „bewusste“ Vater stand vor dreißig Jahren ganz oben auf der Weihnachts-Wunschliste der Feministinnen – jetzt müssen wir mit ihm leben. Knapp nach der Zeugung haben sie bereits die Hebamme für die Hausgeburt gecastet, dann den ersten Ultraschall-Ausdruck in einen unbehandelten Ikea-Rahmen gespannt. Sie sagen „Wir sind schwanger“ und hatten die Hecheltechnik beim „Gebären, aber richtig“-Crashkurs schon lange vor den dazu gehörenden Schwangeren raus. Sie sind Weltmeister im Kartoffeldruck, alternativer Schürfwundenbehandlung und der Produktion von guten Gemüseaufläufen und schlechtem Gewissen. Letzteren Botenstoff bringen sie vor allem gegenüber jenen Frauen zum Einsatz, die im Hauptgegenstand Mutterschaft allenfalls die Verbalbeurteilung „Du könntest es wirklich besser“ verpasst bekämen. Selbstverwirklichung heißt die Kanaille, die echte Glanzleistungen im Mutter-Rollenfach dieser Frauen verhindert. „Die Fama der Vernachlässigung haftet an diesen Kreaturen wie der Staub an den Möbeln“, schreibt Allison Pearson in ihrem Schmerzstiller in Romanform, „Working Mum“. Dass die Gleichberechtigung in der Brutpflege trotz vereinzelter Nesthocker-Exemplare dramatisch ausbaufähig ist, beweisen die Statistiken. Psychosoziale Schieflagen, soweit das Auge reicht. Dass die Spezies der bewussten und aktiven Väter noch lange nicht die besseren Mütter sind, demonstriert die Tatsache, dass sie so versessen darauf sind, sich dieses Etikett umhängen zu lassen. Wozu all der Theaterdonner? Kennen wir irgendwelche Mütter, die man mit den PR-Argumenten „bewusst, engagiert, aktiv“ imagemäßig zu rehabilitieren versucht? Eben.

Erinnern wir uns an den Tragöden in Jogginghosen, Rainhard Fendrich. Bei seiner ATVplus-Beichte im Jänner suchte er das Unrecht in seiner Ehe durch den Vorwurf zu erhärten, dass er mutterseelenallein seinen Söhnen Spaghetti Carbonara zubereiten musste, während die egozentrische Gattin dem Seniorentennis frönte.

Doch selbst die durch die Mühlen feministischer Aufklärung gewanderten, allein erziehenden Prada-Trägerinnen erweisen sich noch immer voll der Dankbarkeit, wenn ihre Peter-Pan-Papas Leuchtfeuer von Brutinstinkten versenden. „Als Lebensabschnittspartner war der Mann für den Hugo“, flüsterte mir unlängst eine von ihnen. „Aber ist schon sehr lieb mit der Lea.“

Das Liebsein mit der Lea ist schnell erzählt. Der um die Hüften etwas müde gewordene Peter Pan, bei dem die Schwangerschaft der ehemaligen Zukünftigen seinerzeit denselben Effekt hatte wie Schrotsalven bei Krähen, kassiert seinen Olily-gestylten Augenstern, um die Popcorn-mit-Kino-Tiergarten-Nummer abzuziehen. Er hat es sich im Status des Onkel-Vaters gemütlich gemacht. Der Onkel-Vater oder Feelgood-Daddy ist ein Produkt des postfeministischen Power-Rausches, und wir haben ihn ziemlich oft uns selbst zuzuschreiben. In den Wartezimmern von Kinderärzten zwischen eingespeicheltem Spielzeug und zerfledderten „Brigitte“-Ausgaben ist der Onkel-Vater selten bis gar nicht anzutreffen. Auch auf Elternsprechtagen sieht man ihn kaum. Schließlich hat die Kindsmutter damals für seine Funktionsrolle den Begriff „Sperminator“ in die Welt gesetzt und ihm, aufmunitioniert durch die Klitoris-Presse à la „Cosmopolitan“ , ungeniert das Gefühl vermittelt, dass sie solo eigentlich viel kesser zurechtkäme. In diesen Blättern waren gehäuft Brillenträgerinnen in rebhuhnfarbenen Kostümchen zu sehen, die in ihren Armen Laptop und Baby trugen und die trügerische Illusion vermittelten, im Bermudadreieck Karriere, Kind und Frausein nicht ins Trudeln zu geraten. Der Schuss ging ins eigene Knie. Nachts wurde oft in den Wäschekorb geweint, weil schon wieder das Aupair-Mädchen als Gute-Nacht-Kuss-Stunt herhalten musste. „Mädels“, pfiff da sogar die Feminismus-Ikone Alice Schwarzer zur Räson, „Alleinerziehen ist so doll nicht. Wundert euch nicht, dass ihr erschöpft seid, wenn ihr eure Männer aus der Verantwortung kippt.“ Die als Entsorgungsposten stigmatisierten Väter verzogen sich in den Schmollwinkel und begnügten sich mit dem Part der „lustspendenden Prater-Bolzen“, wie der Kinderpsychiater Max Friedrich das bezeichnet. Dabei standen in den neunziger Jahren die Weichen für mehr „moderne Zärtlichkeit“ und „neue Väter“ recht günstig. In Zeitnerv-Postillen wie „Tempo“ und auf Werbeplakaten posierten gelmanipulierte Model-Männer mit nackten Babys am Chippendale-würdigen Oberkörper. Windelwechseln stempelt den modernen Mann noch lange nicht zum Weichei, lautete die tröstliche Botschaft der Babyboomer-Generation. Schließlich waren sie die Söhne einer Väter-Riege, die vor lauter Wirtschaftswunder ihre eigenen Kinder verpasste. Mit der Menschwerdung der Brut waren ausschließlich die – allerhöchstens – teilzeitarbeitenden Mütter zugange. Väter, das waren in dieser Periode jene graugesichtigen Männer, die abends vor dem Fernseher ihre Ruhe brauchten und am Wochenende im Hobbykeller bei Laubsägearbeiten Entspannung von der marktwirtschaftlichen Mühsal suchten. Nur wenn Mutti an einem Autoritätsproblem laborierte und einen Buhmann für den störrischen Nachwuchs benötigte, wurde der Vater aus der Versenkung bemüht.

Dass den neuen Vätern trotz dieses Traumas in der Praxis bald der Motivationsatem ausging, hat mit den Schwächen der Realität zu tun. Meistens verdienten sie mehr Geld als die Frau. Und wenn ausnahmsweise die Frau mehr Heu einfuhr, hatte das häufig Kastrationsängste zur Konsequenz. Die Natur besitzt nun einmal ein konservatives Design: Was sie sich vor ein paar Millionen Jahren einmal ausgedacht hat, ist nicht so einfach vom Tisch zu wischen. Und jetzt? Jetzt ist „emotional freestyling“ angesagt. Das Panoptikum der Väter-Typen ist so bunt, facettenreich und verstörend wie das Leben selbst. Zwischen den Polen „voll bewusst“ und „auf der Flucht“ hat sich eine Vielzahl von Hybriden angesammelt. Aufgrund des statistischen Trends zur Zweit- und Drittfamilie bekommen Männer in einer Lebensphase, in der früher vorrangig Angeln in stillen Gewässern, Rosenzucht und Prostataprobleme angesagt gewesen wären, Nachwuchs. Siehe zum Beispiel Michael Douglas, der die Maturafeierlichkeiten seiner beiden neuen Kinder höchstwahrscheinlich im Rollstuhl erleben wird. Doch das verdrängen diese Opa-Väter, schließlich wollen sie ihre letzte Chance nützen, alles Verpasste und an früheren Kindern Verbockte im Schnelldurchlauf nachzuholen. Vis-à-vis der stetig wachsenden Armee der Solomütter, die für ihre neuen Lebensabschnittspartner nur im All-inclusive-Arrangement zu haben sind, gedeiht eine neue Papa-Spezies: die Wahl-Väter, die manchmal um Längen mehr drauf haben als die biologische Variante. Wollen wir nicht alle diesen zauberhaften Seal adoptieren, der Heidi Klum so selbstlos aus der Vater-Verlegenheit half, in die der High-Speed-Womanizer Flavio Briatore sie gestürzt hatte? Über Nacht müssen diese Wahlväter plötzlich emotionale Nähe zu einem wildfremden kleinen Menschen entwickeln, der sie zunächst vor allem als Störfaktor in der häuslichen Liebesordnung betrachtet. Meist ähneln die Anfänge des ersatzväterlichen Eroberungsfeldzuges einem Sackhüpfen im Tretminenfeld. Möglicherweise hat dieser Vatertypus das höchste Heldenpotenzial. Doch der Triumph der Korruption „schlägt alles“, wie Will Freeman, der Held von Nick Hornbys Roman „About A Boy“, befindet. „Wenn man sich eine Frau aussucht, die vom Vater ihrer Kinder schlecht behandelt und verlassen worden war, dann liebte sie einen dafür. Urplötzlich war man ein besserer Mensch.“ Na ja. Schließlich gibt es noch den beklemmendsten Neuzugang in der Zeuger-Typologie: den Mann, der in der Biografie seines Kindes eine einzige Spur hinterlässt – im Reagenzglas. Der britische Evolutionsbiologe Robin Baker prognostiziert, dass Sexualität und Fortpflanzung ab 2070 völlig losgelöst voneinander praktiziert werden. Die Frau der Zukunft werde ihren Samen im Internet bestellen, lieben, wen sie wolle, und ihre Kinder in amazonenartigen Frauenverbänden großziehen. Igitt, wir schütteln uns. Denn wer, bitte sehr, will’s denn so billig geben?