Vom Suchen und Finden der Liebe:
Die Mechanismen der Partnerwahl

Nach 122 Folgen „Liebesg’schichten & Heiratssachen“ weiß Elizabeth T. Spira: Beamte gehen immer. Ansonsten bleiben die Mechanismen der menschlichen Partnerwahl aber weitgehend rätselhaft. Auch Evolutionsbiologie, Verhaltensforschung, Neurowissenschaft und Psychologie tappen ziemlich im Dunkeln.

Karin, 40, zwei Kinder, arbeitet als Altenbetreuerin, liebt Wohnzimmerkaraoke („La Luna Blue“) und befindet sich seit fast drei Jahren auf der Suche. Wonach? Großzügig, gut aussehend, schwarze oder blonde Haare, 180 bis 185 Zentimeter groß, nicht zu schlank, wenn möglich Nichtraucher. Älter sollte er auch sein, zirka 45 bis 55 Jahre, weil: „Die haben mehr Erfahrung, mehr im Kopf und ziehen sich besser an.“ Karin weiß ziemlich genau, was sie will. Bekommen hat sie es, also ihn, bis dato nicht. Darum hat sie, quasi letzte Chance, bei Frau Spira angerufen und sich beworben. In der aktuellen, dreizehnten Staffel von „Liebesg’schichten und Heiratssachen“, Elizabeth T. Spiras immergrüner TV-Partnersuchsendung, gibt Karin ihre berührende Tele-Annonce auf – und danach noch ein Liebeslied zum Besten. „La Luna Blue“.

Seit zwölf Jahren stellt Elizabeth T. ­Spira beziehungslosen Menschen mit Hang zum Exhibitionismus ihr quotenstarkes Kontaktanbahnungsforum zur Verfügung. Über die Motive ihrer Kandidaten weiß sie mittlerweile recht genau Bescheid; sie sind durchaus vielfältig: „Bei sehr vielen ist es eine jahrelange Einsamkeit, die sie letztlich zu uns führt. Manche sind auch auf der Suche nach einem erotischen Abenteuer. Und einige wollen auf diese Weise einfach ihren Marktwerkt kennen lernen.“ Insgesamt wurden in den 122 Folgen der ersten zwölf Staffeln 538 Kandidaten interviewt; 25 dieser Gespräche endeten in einer Hochzeit, was einer (nicht bereinigten) Ehequote von immerhin 4,65 Prozent entspricht.

Nun ist der typische Spira-Gast ja eher nicht repräsentativ für den österreichischen Durchschnitts-Single. Auch wenn Spira eine gewisse Normalisierung registriert: „Inzwischen wird die Sendung als gangbarer Weg wahrgenommen. Es melden sich auch immer mehr Menschen aus der Mittelschicht.“ Merke: Einsamkeit gibt es überall. Und Liebe ist überall kompliziert.

„Liebe wird oft überbewertet“ , behauptete die Berliner Band Lassie Singers in ihrer gleichnamigen Antipärchenhymne und untermauerte das mit guten Argumenten: „Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens / Und die anderen Teile sind auch nicht schlecht“. So ganz hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt, wie eine Studie des Instituts Marketagent.com zeigt: Eine Umfrage unter 6000 Österreichern, Deutschen, Schweizern und Tschechen ergab, dass „ein liebender Partner“ (75 Prozent) und „eine glückliche Familie“ (71,7 Prozent) nach der Gesundheit (77,9 Prozent) die wichtigsten Faktoren für das subjektive Glück sind – weit vor finanziellem Wohlstand (47,8 Prozent). Insgesamt leben laut Statistik Austria 1,2 Millionen Menschen in Österreich in Einpersonenhaushalten. Nun muss das nicht zwangsläufig auf ein Single-Dasein hindeuten, das Sozialforschungsinstitut Ifes geht aber davon aus, dass sogar 1,3 Millionen Österreicher zwischen 18 und 69 Jahren Single sind. Das wäre knapp ein Viertel der Bevölkerung in dieser Altersgruppe.

Was Alleinstehende wiederum zu einem echten Wirtschaftsfaktor macht. Laut einer europaweiten Studie des Online-Partnervermittlers Parship geben österreichische Singles durchschnittlich 273 Euro pro Jahr für die Partnersuche aus. Niederländern hingegen ist die Beziehungsanbahnung im Jahr nur 66 Euro wert. Wissen sie etwas, was wir nicht wissen? Warum sich, zum Beispiel, so viele Unglückliche verlässlich und immer wieder in den Falschen verlieben, andere hingegen ausschließlich in die Supermodels aus dem Fernsehen? Liebe ist ein kompliziertes, ziemlich unwissenschaftliches Gefühl. Was die Wissenschaft nicht daran hindert, sie mit aller gebührenden Emotionslosigkeit zu erforschen. Evolutionsbiologen, Anthropologen, Biochemiker und Psychologen fragen seit Jahren: Wie kommt der Topf zum Deckel, und warum eigentlich?

Mannsbilder. Dabei kommen durchaus interessante, zum Teil sogar praxistaugliche Erkenntnisse zustande. Etwa zu der Frage, was einen Mann – statistisch gesehen – attraktiv macht. Soziologen der Universität Eichstätt-Ingolstadt stellten Frauen und Männern diese simple Frage – mit dem Ergebnis, dass 68 Prozent der Männer annahmen, ein hohes Einkommen mache Männer attraktiv, aber nur 31 Prozent der Frauen derselben Ansicht waren. Leider widerspricht die langjährige Erfahrung Elizabeth T. Spiras dieser spektakulären Erkenntnis: „Beamte gehen wie warme Semmeln. Die können stottern und aussehen, wie sie wollen, die kriegen in jedem Fall hunderte Zuschriften. Da schwingt die Hoffnung auf Versorgung mit.“ Davon abgesehen gelte, ganz unverbindlich, die Formel: „Man kann diese Dinge nicht verallgemeinern.“

Kann man eben schon – sagt die Evolutionsbiologie. Denn gewisse Dinge sind nun einmal universell, zum Beispiel, dass der Mensch vom Affen abstammt. In den letzten Jahren zeichnet sich in der Paarforschung denn auch eine Renaissance darwinistischer Theorien ab. Dabei werden freilich – auch die Wissenschaft entwickelt sich – nicht nur die alten Steinzeitargumente aufgewärmt, nach denen etwa der Mann, Menschenaffe, der er ist, gar nicht anders könne, als seinen Samen möglichst offensiv auf möglichst viele, möglichst gebärfreudige Frauen zu verteilen.

Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher, Autorin des Standardwerks „Why We Love“, verbindet in ihrer Forschung neurologische Erkenntnisse mit anthropologischen Theorien und geht davon aus, dass nicht nur die menschliche Sexualität, sondern auch romantische Liebe und Beziehungswille einen triebhaften Charakter aufweisen und hormonell gesteuert werden. Selbst gestandene Steinzeitmänner wollen Liebe, müssen Liebe wollen. Die beim Sex ausgeschütteten Hormone, etwa das „Kuschelhormon“ Oxytocin, fördern auch die emotionale Bindung. Das ist aus evolutionärer Perspektive sinnvoll, weil eine funktionierende Partnerschaft die Entwicklung allfälliger Nachkommen fördert. Gegen die Mühen des Alltags kommt aber auch das stärkste Kuschelhormon nicht an: Der US-amerikanische Psychologe John Gottman begleitete 82 Liebespaare über mehrere Jahre hinweg und stellte fest, dass kurz nach der Niederkunft das subjektiv empfundene Beziehungsglück ins Bodenlose stürzt. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam auch das ­Österreichische Institut für Familienforschung – mit der nur ­geringfügig beruhigenden Zusatzerkenntnis, dass sich das Beziehungsklima nach erfolgreich absolvierter Pubertät wieder einrenkt.

Liebeshormone. Wenn aber nicht nur Sex, sondern auch Liebe und Partnerschaft hormonell gesteuert werden, basieren auch sie auf einem sensiblen biochemischen Gleichgewicht, das durch äußere Einflüsse relativ leicht gestört werden kann. Helen Fisher warnt etwa vor den unerwünschten Nebenwirkungen handelsüblicher Psychopharmaka: „Menschen, die Antidepressiva nehmen, verlieren nicht nur die Fähigkeit, den richtigen vom falschen Partner zu unterscheiden, sondern können sich unter Umständen überhaupt nicht mehr verlieben oder verliebt bleiben.“
Andererseits besteht der Mensch bekanntlich nicht nur aus Neurorezeptoren. Die Evolution mag einen entscheidenden Einfluss auf sein (bewusstes wie unbewusstes) Verhalten haben; dennoch gibt es – wie es der Wiener Verhaltensforscher Karl Grammer formuliert – „keine Natur ohne Kultur. Und keine Kultur ohne Natur“. Ein Beispiel: In einem im Vorjahr publizierten Fachartikel beschrieb Grammer gemeinsam mit seiner Kollegin Elisabeth Oberzaucher den Einfluss, den moderne Massenmedien auf evolutionäre Mechanismen ausüben: „Wenn Medien Attraktivitätsstandards erhöhen, indem sie Schönheit zum Protoyp erheben, entstehen unrealistische Erwartungen an die Partnerqualität. Übertrifft dieser Prototyp die tatsächlichen Gegebenheiten, entzieht dies der Partnerwahl ihre reale Grundlage. Das Resultat könnten steigende Alleinstehendenraten sein.“

Ein Schicksal , das – wiederum statistisch betrachtet – vor allem Männern droht. Schließlich verlassen sich Männer bei der Partnerwahl viel eher als Frauen auf optische Signale. David Buss von der University of Texas, Austin, befragte zu diesem Thema über 10.000 Probanden auf allen Kontinenten. Kulturunabhängig ergab sich dabei: Männer reagieren vor allem auf visuelle Reize (als Idealmaß kristallisierte sich, nur nebenbei, ein Hüfte-zu-Taille-Verhältnis von 1 zu 0,7 heraus). Frauen sind diesbezüglich weitaus flexibler – und nicht nur diesbezüglich. Wie die US-Sexualforscherin Lisa Diamond herausfand, überschreitet weibliches Begehren sogar Geschlechtergrenzen überraschend leichtfüßig. Diamond spricht von einer „fließenden Sexualität“: „Frauen verlieben sich nicht in ein bestimmtes Geschlecht, sondern in einen bestimmten Menschen.“

Und sie sind es auch, die – wiederum sehr allgemein gesprochen – die Partnerwahl vornehmen. Denn beim Menschen gilt, wie auch im Tierreich, das Prinzip der aktiven weiblichen Wahl. Kein Wunder: Schließlich haben Frauen bei Partnerwahl und Reproduktion rein biologisch mehr zu verlieren als Männer. Anthropologen sprechen auch vom jeweiligen „Investment“, das Männer und Frauen in eine Partnerschaft einbringen.

Evolutionäre Ästhetik. Bleibt die Frage: Wie weiß man, wann sich ein solches Investment rentiert? Anders gefragt: Was sucht der Mensch in seinem Partner? Was zieht ihn an? Wen empfindet er als attraktiv? Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass der Mensch sozusagen einen eingebauten Sinn für Schönheit hat – und Schönheit in diesem Sinn auf bestimmte genetische Dispositionen schließen lässt. Schon Neugeborene betrachten attraktive Gesichter länger als hässliche. Die Wiener Anthropologen Karl Grammer und Elisabeth Oberzaucher sprechen von einer „evolutionären Ästhetik“ und identifizieren acht „Säulen der Schönheit“ (darunter Gesichtssymmetrie, Hautbeschaffenheit, Körpergeruch), die im Wesentlichen genetische Fitness signalisieren. Zum Teil auf etwas verquere Art und Weise: Weil rein optisch signalisierte Fitness leicht vorgetäuscht werden kann, hat die Evolution „ehrlichere“ Signale hervorgebracht – nämlich solche, die selbst auf ein Handicap hinweisen. Beim Mann sind etwa breite Kieferknochen das Resultat eines hohen Testosteronspiegels. Nun hemmt allzu viel Testosteron aber die Funktion des Immunsystems. Wer es sich trotzdem leisten kann, einen hohen Testosteronspiegel (und damit breite Kieferknochen) zu haben, beweist also überdurchschnittliche Fitness. Mit dem Resultat, dass breite Kieferknochen durchgehend als attraktiv empfunden werden. Mit dem gleichen Mechanismus ist übrigens die Attraktivität von vorstehenden Wangenknochen bei Frauen (ein Zeichen für einen hohen Östrogenspiegel) zu erklären. Wobei ein attraktiver Knochenbau allein natürlich keinen Traumpartner macht und ein gedie­gener Oxytozinflash noch lange keine Partnerschaft erhält. „Natürlich spielen hier auch psychologische Mechanismen eine Rolle“, erklärt Elisabeth Oberzaucher. „Sowohl Männer als auch Frauen erwarten von ihrem Partner in erster Linie, dass er nett, verträglich und verständnisvoll ist. Erst danach achten Männer auf Attraktivität, Frauen auf Status. Aber im Grunde sind wir uns ziemlich einig.“

Aber wenn wir Beziehungen schon als Investment betrachten, sollten wir wohl auch die üblichen Marktgesetze in den Blick nehmen. Zum Beispiel die ökonomische Binsenweisheit, dass Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen und dass zwischen ihnen meistens ein Ungleichgewicht besteht. Was wiederum die Allgemeingültigkeit evolutionärer Mechanismen fragwürdig macht und immerhin erklärt, warum es nach Jahrtausenden menschlicher Evolution immer noch Menschen gibt, die mehrheitlich nicht als übertrieben hübsch gelten. Evolutionäre Ästhetik hin, genetische Fitness her: Wer sich immer nur in die Supermodels im Fernsehen verliebt, wird nie einen Partner finden. Liebe bleibt ein unwissenschaftliches Gefühl. Oder, wie es Spira-Kandidat Günther, 60, erklärt: „Blond, schwarz, groß, klein oder sonst irgendwas – das kann man nicht einfach in einen Rahmen pressen. Aber es gibt Situationen, da macht es zack, und dann funktioniert es.“ So einfach ist das.

Foto: Monika Saulich