Von Gamsbärten und Kreuzen

Wie die katholische Kirche ihr Monopol auf Symbole machtvoll verteidigt.

Gut, China, von mir aus Kaiser, China, China, Wetter. Aber wir haben Linz – verändert.“ So räsoniert in einem TV-Spot der Träger eines Huts mit Gamsbart an der Theke, um für die Kulturhauptstadt Linz zu werben – offensichtlich auch in der (ironischen) Absicht, die oberösterreichische Metropole auf die Weltlandkarte zu platzieren. Der Gamsbart hat nicht zu viel versprochen. Vergangene Woche wurde Linz tatsächlich verändert. In Zukunft wird es keine Krabbelstube, keinen Kindergarten und keinen Hort mehr geben, in dem nicht ein Kreuz hängt, das schon den Kleinsten unter uns ein für alle Mal klarmacht: Wir leben in einem christlichen Land. Der gottlose Zustand, dass die Säuglinge und Kleinkinder kreuzlos in den Betreuungseinrichtungen der Gemeinde Linz darben müssen, hat nun ein Ende.

Wochenlang wurde um das Kruzifix gestritten. Ein oberösterreichisches Landesgesetz bestimmt, Kreuze sollen dort aufgehängt sein, wo die Mehrheit der Kinder christlich ist. Die städtischen Kindergärten hielten sich nicht daran. Und niemanden störte es. Bis die dortige ÖVP den vermeintlichen Missstand – ein Jahr vor der Landtagswahl – breitenwirksam für sich entdeckte und begann, die SP-Stadtregierung der virulenten Religionsfeindlichkeit und des militanten Antiklerikalismus zu zeihen. Der sozialdemokratische Bürgermeister Franz Dobusch berief sich anfangs auf die konstitutionell verankerte strikte Trennung von Kirche und Staat und überlegte laut, vom Verfassungsgerichtshof die Rechtmäßigkeit der oberösterreichischen Kreuzbestimmung prüfen zu lassen – bis er schließlich kapitulierte.

Vergangene Woche einigten sich ÖVP und SPÖ im Beisein des Linzer Diözesanbischofs Ludwig Schwarz: Künftig werden in den 90 städtischen Kinderbetreuungseinrichtungen Kreuze angebracht. VP-Landeshauptmann Josef Pühringer freut sich: Das Kruzifix werde als „Zeichen der Erlösung sowie als Anlass zur religiösen Bildung“ wieder an seinem angestammten Platze hängen. Und auch der Bischof ist zufrieden, dass „das Recht der Kinder, ihren Glauben zu entfalten“, wieder beachtet werde.

Während dieser kleine Kulturkampf in der österreichischen Provinz angesichts von internationalem Finanzcrash und heimischer Regierungsbildung nur wenig Aufmerksamkeit fand, erkannte Andreas Khol, ein in diesen Dingen äußerst engagierter Mann, die weit über Oberösterreich, ja über Österreich hinausweisende Bedeutung der Affäre. Der Umfaller des Linzer Bürgermeisters zeichnete sich ab, da triumphierte Khol in einem Artikel in der „Presse“ bereits über die „kräftigen Lebensbeweise unserer Leitkultur“. Er erinnerte daran, dass die Trauerfeiern für Helmut Zilk und Jörg Haider nicht ohne Bischof auskamen und die durchaus religiösen Zeremonien vom staatlichen ORF ausgestrahlt wurden. „Der eine Verstorbene ein bekennender Freimaurer, der andere Spitzenmann jener freiheitlichen Partei, die tief im Antiklerikalismus wurzelt“, ergänzt Khol leicht hämisch. Und er schließt seinen Artikel begeistert: „Die christliche Leitkultur prägt Österreich, prägt Europa, in unserer postsäkularen Gesellschaft.“

Auf den ersten Blick hat Khol Recht – zumindest was Österreich betrifft. Hier ist der Katholizismus allen Kirchenaustritten zum Trotz noch so stark, dass selbst gottlose Rote, wie gerade jetzt im Land ob der Enns, zu Kreuze kriechen müssen. Der in den Sprachgebrauch eingegangene Kampfruf der Gegenreformation „Dich werden wir auch noch katholisch machen“ wirkt offenbar nach wie vor. Und die Erfahrung in diesem Land lehrt, dass in der alle paar Jahre aufflammenden Diskussion über religiöse Symbole in staatlichen Einrichtungen derjenige, der meint, diese hätten dort nichts zu suchen, Gefahr läuft, lächerlich zu wirken – selbst wenn er die besten Argumente vorzubringen hat. „Was regst du dich auf, wem schadet ein Kreuz an der Wand, hast du keine anderen Sorgen?“, wird ihm erwidert.

Wirklich brisant ist die Kreuzfrage durch den Streit um die Minarette geworden. Den Moslems wird vorgeworfen, mit den hohen Gebetstürmen einen Machtanspruch anzumelden. Obwohl es im Land bislang nur zwei (!) Moscheen mit Minaretten für die hunderttausenden moslemischen Österreicher gibt, malen die Gegner der „artfremden“ Gotteshäuser die Gefahr einer Islamisierung des Landes an die Wand. Das ist zwar eine absurde Angstfantasie, lässt aber umso besser verstehen, worum es bei bei dem Streit um das Kruzifix letztlich geht: um den Monopolanspruch der Kirche auf Symbole, um die Verteidigung des Alleinvertretungsanspruchs des Katholizismus, wenn es um Werte geht, gerade auch bei der Erziehung von Kindern, die sich noch nicht wehren können.

Die Gamsbärte und Bischofsmützen sollen sich aber nicht zu früh freuen. Was Andreas Khol als vorwärtsweisenden Sieg des Christentums im Kampf gegen die „Zerfallserscheinungen einer Gesellschaft ohne Gott“ interpretiert, dürfte eher nur ein kleiner, vorübergehender Erfolg im langen Rückzugsgefecht der Kirche und Religion sein. Der Versuch von Fundamentalisten, das Christentum in den EU-Verfassungstext aufzunehmen, ist abgeschmettert worden. Trotz aller Versicherung, wir befänden uns in einer „postsäkularen Gesellschaft“, schreitet die Entchristianisierung Europas munter fort – das zeigen Umfragen, Kirchgangsstatistiken und Priestermangel. Und die Erkenntnis, dass Europa immer mehr zu einem multikulturellen Kontinent geworden und die EU ein säkulares Gebilde ist, das nie und nimmer ein christlicher Club sein kann, hat sich inzwischen durchgesetzt. Auch wenn das offenbar in Österreich noch nicht so recht begriffen wurde. Beginnt’s in Linz? Definitiv: nein.