Von Journalisten und Agenten

Rücktritte bei der BBC – statt beim britischen Nachrichtendienst.

Großbritannien hat die Kelly-Affäre untersucht und Tony Blair nicht schuldig befunden: Weder hat er die Irak-Informationen seines Geheimdienstes wider besseres Wissen übertrieben noch deren Kritiker David Kelly durch Preisgabe seines Namens in den Tod getrieben. Was nicht untersucht wurde, wäre in meinen Augen wichtiger gewesen: wie der britische Nachrichtendienst zu seinen von Blair zwar richtig zitierten, aber inhaltlich offenkundig falschen Irak-Informationen gekommen ist.

Denn was derzeit darüber bekannt wird, erschüttert mich mindestens so sehr wie das Fehlverhalten der BBC, die Blair zu Unrecht der Lüge geziehen hat: Grundlage der nachrichtendienstlichen Behauptung, dass Saddam Hussein imstande sei, „innerhalb von 45 Minuten chemische und biologische Massenvernichtungswaffen einzusetzen“, war angeblich eine einzige Information. Und zwar nicht vielleicht aus dem Führungsstab des Diktators, sondern aus Kreisen irakischer Oppositioneller beziehungsweise Exilanten.
Ich möchte das einmal auf profil-Recherchen übertragen: Es gab eine Phase, in der wir mit großem Einsatz die Steueraffäre und unternehmerischen Aktivitäten des damaligen Finanzministers Hannes Androsch verfolgten. Im Steuerstrafverfahren waren die Indizien erdrückend, aber was uns viel mehr interessierte, war Androschs mögliche Verwicklung in den AKH-Skandal: Immerhin war bei einem ehemaligen Partner von ihm ein Papier aufgetaucht, wonach ein „Dr. A. verdeckt“ Teilhaber eines dort genannten Unternehmens gewesen sein könnte. (Die Beteiligten erklärten in der Folge, es habe sich bei diesem Schriftstück nur um einen niemals realisierten Entwurf gehandelt.)

Ich will nicht leugnen – und Hannes Androsch hat es bis heute nicht vergessen –, dass ich es damals sehr gerne gesehen hätte, wenn profil eine Coverstory mit dem Titel „Androschs geheime Konten“ gelungen wäre. In dieser Phase erhielten wir aus ÖVP-nahen Kreisen die Fotokopien zweier angeblicher Banküberweisungen eines AKH-Beteiligten auf ein Konto „Hannes Androsch“ bei einer Schweizer Bank. Im Stil des britischen Geheimdienstes hätten wir diese Belege nur mehr aufs Titelblatt rücken müssen.

Statt dessen ist profil mit einer Story über gefälschte Belege erschienen, die offenbar dazu dienen sollten, eine Großaktion der Justiz gegen Androsch (mit Hausdurchsuchungen und Ähnlichem) in Gang zu setzen (von der man mutmaßlich hoffte, sie könnte echte belastende Belege zutage fördern).

Die wichtigste Berufsregel, die zu dieser raschen Klärung führte, lautet: Gerade einem so intensiv herbeigewünschten Beleg hat man jene kritische Skepsis entgegenzubringen, die sich aus dem Wissen um die eigene Befangenheit ergibt. In der Sache musste auffallen, dass die Information nicht aus Schweizer Bankenkreisen oder von (Ex-)Vertrauten des Finanzministers, sondern aus Kreisen seiner politischen Gegner kam, bei denen man unlautere Absichten für möglich halten und zumindest die Sorge haben musste, dass sie besonders gern auf eine Fehlinformation Dritter hereinfallen.

Ein Besuch bei der Schweizer Bank hat unsere skeptische Vorsicht in jeder Hinsicht gerechtfertigt: Als wir den Beleg einer von uns tatsächlich durchgeführten Überweisung mit dem fotokopierten Beleg verglichen, stellte sich heraus, dass die auf Letzterem eindrucksvoll angeführten Ziffernkombinationen getürkt sein mussten.

Bezüglich des britischen Irak-Materials scheint sich herauszustellen, dass mehrere Unterlagen, aus denen auf verbotene Atomforschung geschlossen wurde, nicht realen Projekten entsprachen, sondern vorrangig dazu dienten, Saddam Gelder zu entlocken.
Aber die Agenten ihrer Majestät glaubten, dass Saddam schon bald über die A-Bombe verfügen könnte.

Natürlich wollte Tony Blair nichts sehnlicher als einen Bericht, der Saddam des Besitzes von Massenvernichtungswaffen überführt – das entspricht dem sehnlichen Wunsch jedes Chefredakteurs, den Minister zu überführen, mit dem seine Zeitung im Clinch liegt. Natürlich wusste der britische Nachrichtendienst um Blairs Wunsch und setzte alles daran, ihn zu erfüllen – das entspricht dem Wunsch jedes Redakteurs, seinem Chef die erhoffte Story zu liefern.

Natürlich war man in Kreisen der irakischen Opposition besonders geneigt, an ABC-Waffen Saddam Husseins zu glauben, und hoffte zu Recht, dass jede Information in diese Richtung Bush und Blair darin bestärken würde, loszuschlagen – das entspricht der Neigung ÖVP-naher Informanten, an Androschs geheime Konten zu glauben und zu hoffen, dass jede Information in diese Richtung die Justiz zum Losschlagen ermuntert.

Nicht dass irgendein Journalist die Fallgruben, die den britischen Geheimdienst umgeben haben, geringschätzte. Aber dem stand doch immerhin die Verantwortung gegenüber, eine seriöse Grundlage für die Entscheidung zu einem blutigen Feldzug zu liefern.

Ich glaube nicht, dass angeblich höchst unseriöse BBC-Journalisten bereit gewesen wären, auf der Basis des nun bekannt gewordenen Materials einen Bericht über einsatzbereite Massenvernichtungswaffen im Irak zu verfassen.

Wenn ein Nachrichtendienst das tut, muss man dort entweder Dilettanten oder Zyniker vermuten.

Deshalb war die Untersuchung der Kelly-Affäre bestenfalls die zweitwichtigste im Zusammenhang mit den Informationen, die zur Rechtfertigung des Einmarsches in den Irak dienten: Vorrangig untersucht gehörte, wie in den USA, Struktur, Qualität und Integrität der Nachrichtendienste.