Von Löwen und Lämmern

Der Haken an der Kandidatur des schwarzen Demokraten Barack Obama.

Immer wieder habe ich versucht, ein Fan von Barack ­Obama zu werden. Und es ist mir nicht gelungen. Am Ende halte ich dann doch immer wieder Hillary Clinton die Daumen, wenn gerade eine der vielen Vorwahlen geschlagen wird. Ich fühle mich aber immer einsamer: Fast alle in meinem Bekanntenkreis – selbst die eher konservativ eingestellten – sind inzwischen Obamisten geworden.

Rational aber konnte ich mir zunächst nicht erklären, warum ich mich von der allgemeinen Obamania nicht erfassen habe lassen. Er ist ja wirklich der Attraktivere, der Faszinierendere von beiden. Er ist ein Mann der Bewegung, er repräsentiert das Neue. Geht man auf Youtube und gibt „Obama speech“ ein, kommt man auf Videos, die binnen weniger Tage von Millionen aufgerufen werden. Die Clips mit Hillary-Reden interessieren bloß einige tausend. Der mitreißende Rhetoriker elektrisiert das Publikum. Hillary mag in den Debatten punkten, aber vor Massen wirkt sie eher langweilig. Und er ist jung, schön und elegant. Schließlich aber bedeutete der erste Schwarze im Weißen Haus wahrscheinlich einen größeren zivilisatorischen Sprung vorwärts als die erste Frau als US-Präsidentin.

Warum bleibe ich also der ehemaligen First Lady treu? Bei meinem Versuch der Introspektion kam mir zunächst der Verdacht, hier handle es sich um eine emotionelle Generations-Solidarität (Hillary ist ein Jahr jünger als ich). Das mag zum Teil stimmen: Unbewusst fühlt man sich Menschen verwandt, welche in den prägenden Jahren – in diesem Fall die späten sechziger Jahre – ähnliche Erfahrungen hatten. In der Jugend bildet sich die fundamentale Sicht auf die Welt aus, ein Lebensgefühl, das auch die späteren Jahrzehnte einer Biografie überdauert.

Aber wirkt nicht Obama mit seinem Mantra „change“ und „yes, we can“, mit seiner Anti-Establishment-Haltung, mit seiner Betonung der Bewegung, die das Verkrustete aufbrechen soll, ohnehin wie ein Remake des Aufbruchs von vor 40 Jahren? Erkennen wir Babyboomer in dem Ton, den Obama anschlägt, nicht die Melodie unserer Jugend wieder? Warum lasse ich mich von ihm nicht verführen? Ein Grundmotiv zieht sich durch alle seine Reden: Es geht nicht um Schwarz gegen Weiß, nicht um Arm gegen Reich, Mann gegen Frau, Liberale gegen Konservative. Sondern „um Zukunft gegen Vergangenheit“. Eine „Coalition of Change“ muss die Spaltung Amerikas überwinden. Und es ist möglich: „Ja, wir können es.“

Zunächst spricht auch mich das utopische Moment darin an, das die Sehnsucht nach der Versöhnung der Widersprüche verheißt. Es stand doch auch schon in der Bibel: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein, Kalb und Löwe weiden zusammen.“ Und das seit Langem nicht gehörte Veränderungspathos Obamas ist erfrischend. Aber gerade da störte mich etwas. Der Appell, „das Gemeinsame über das Trennende“ zu stellen, hat für mich immer schon etwas Verlogenes. In den meisten Fällen sollen damit echte Konflikte zugedeckt werden. Wie wir wissen, frisst in der Realität, auch in absehbarer Zukunft der Wolf das Lamm, der Panther das Böcklein und der Löwe das Kalb. Besonders in den vergangenen sieben Jahren machten die Amerikaner diese Erfahrung. Da haben bekanntlich die Raubtiere nur so gewütet. Das lyrische Beschwören der Einheit mag bei den Politikverdros­senen, die einen immer stärkeren Ekel vor den Streitereien der Politiker empfinden, besonders gut ankommen. Ob dies, einmal in konkrete Praxis umgesetzt, realitätstüchtig ist, muss aber bezweifelt werden. Dieses Nicht-Benennen des Feindes, weil es ja um die Herstellung der Einheit geht, erklärt auch, warum der versprochene „change“ Obamas so allgemein bleibt: Wohin der Weg der Veränderung führt, wird konkret nie genannt. Und so wird verständlich, wie auch eher Konservative ein Faible für den afroamerikanischen Demokraten entwickeln können.

Während er wie der jugendliche Held vorwärtsstürmt, sieht seine Kontrahentin tatsächlich – nicht nur physisch – alt aus. Kein Wunder: Sie hat von den Kämpfen der vergangenen vierzig Jahre Narben davongetragen. Sie (mit ihrem Mann Bill) hat nicht versöhnt, sondern sich dem jeweiligen Feind gestellt, Niederlagen erlitten und Siege davongetragen, ist Kompromisse eingegangen, manchmal auch unappetitliche, und ist in diesen Kämpfen gewachsen. Wenn sie auf ihre Erfahrung pocht, dann heißt das nicht bloß, dass sie bereits acht Jahre im Weißen Haus gewohnt hat, sondern dass sie sich im Feuer der politischen Gefechte bewährt hat.

Er ist näher an den Sehnsüchten der Menschen, sie näher an deren realen Interessen, er ist ein Guru, sie eine Realpolitikerin. Nun steht Amerika vor harten Zeiten. Wie auch immer muss der Scherbenhaufen, den George W. Bush hinterlassen hat, aufgeräumt werden, wirtschaftlich wird es für einige Zeit bergab gehen, Verteilungskämpfe werden ausbrechen. Die Frontstellungen, die Obama als das überholte Alte darstellt, werden sich in schroffer Art manifestieren. Und da, so ahne ich, ist die so uncharismatische Hillary Clinton weit besser gerüstet als der so anziehende Barack Obama.
Wer schließlich das Rennen macht, ist bekanntlich offen. Ich halte, wie gesagt, Hillary die Daumen, wäre aber auch nicht wirklich unglücklich, wenn Obama gegen sie gewinnt. Geradezu genial wäre aber, wenn er als Vize von ihr auf das demokratische Ticket ginge und dieses Dreamteam gegen den Republikaner John McCain antritt: Hillary und Obama gemeinsam würden sicher siegen. Und ein demokratischer Sieg wäre absolut notwendig. Es geht nicht so sehr abstrakt um das Neue gegen das Alte. Bei dieser Wahl gilt es schlicht, die konservativen Republikaner, die Amerika in den vergangenen Jahren so zuschanden geritten haben, zum Teufel zu jagen.