Vor uns die schönen Jahre

Einige Beispiele zur Aufrüstung der Zuversichtlichen.

„Bevor etwas gelingt, muss man daran glauben.“ Ernest Dichter

In einem Ö1-Interview zur Sendereihe „Logos“ wurde ich unter anderem gefragt, woher ich mein helles Weltbild nähme. Das weiß ich zwar nicht, gab aber zur Antwort, wahrscheinlich sei meine heitere Verwandtschaft auf dem Lande daran schuld. Sobald ich in meinen Geburtsort komme, falle ich in ein warmes Vollbad der guten Laune. „Stellen Sie sich vor“, sagte ich im Überschwang zum Radio-Kollegen Johannes Kaup, „dort wohnen fünf Generationen fröhlich unter einem Tisch.“ Mittlerweile haben sie auch ein Dach.

Wie man Optimist wird, ist vielleicht nicht so wichtig. Eher, wie man damit umgeht. Ein Berufsoptimist sollte beispielsweise mit einem Mindestmaß an Selbstironie zu seinen Irrtümern stehen. Optimisten irren ja so oft wie Pessimisten, nur ungefährlicher. Die vorauseilende Schreckenserwartung der Schwarzmaler ist ja deshalb so naturweich (höflicher Wiener Ausdruck für deppert), weil sie vor der Zeit die Kräfte raubt, die man bräuchte, um das Schlimme vielleicht noch abzuwenden. In den Worten meines Großvaters: „Geschrieen wird erst, wenn der Schmerz da ist.“
Dass gerade jetzt wieder genug Schmerz auf der Welt ist, um ordentlich zu schreien, weiß mittlerweile sogar der Government-hörige US-TV-Sender CNN. Eine Betroffenheit über den Irak und Israel muss nicht erst geweckt werden. Umso wichtiger aber, nicht depressiv zu werden und auch das Positive zu sehen. Beispielsweise die neue, früher unterentwickelte Transparenz der Medien. Undenkbar, dass die Berichterstattung über Folter und Gefängnispraktiken fortan nicht zu Verbesserungen im militärischen und zivilen Bereich führt. Wobei wir Zivilisten uns nicht allzu hoch über die Militärs stellen sollten. Wir sind selbstgerechte Korrekte, die seit jeher gebilligt haben, dass junge Strafgefangene von älteren Kriminellen vergewaltigt werden. Bezüglich der allgemeinen Sensibilität für Menschenrechte wäre es lächerlich, den Optimisten hervorzukehren. Es gliche dem Versuch gestörter Gestriger, an Hitler toll zu finden, dass er Nichtraucher war.

Umso größerer Optimismus ist angebracht, wo die natürlich-egoistischen, existenziell tiefsten Ängste zu Hause sind, in der Wirtschaft, im Beruf, im Haushaltseinkommen.

Erstens: Es kann, sofern nicht übertriebene Ölpreise bremsen, bald nur noch aufwärts gehen. Wir haben einen Tiefstand erreicht, den die Nationalökonomen und Bankiers „rock bottom“ (Felsgrund) oder „untere Widerstandslinie“ nennen. Wir erleiden gerade das Maximum der Reibungsverluste von vier Übergangsphasen: von Handarbeit auf Kopfarbeit, von analog auf digital, von provinziell auf global und vom fünften Kondratieff-Zyklus (Info-Technologie) auf den sechsten (Gesundheit & Freizeit). Jeder Lerneffekt in diesen vier neuen Feldern holt uns aus der kompliziertesten Lage der Nachkriegszeit zurück ans Licht.

Zweitens: Die Arbeitslosigkeit wird sinken, da geburtsschwache Jahrgänge wirksam werden. Die Hochebene dieser Wirkung wird 2007 erreicht (nicht 2005, wie ich erstmals 1998 optimistisch schrieb; da setzt die Wirkung erst ein).

Der einzige Prominente, der deutlich auf diesen zweiten Punkt wies und damit die Arbeitsmarkthysterie dämpfte, war Christoph Leitl, der ganzheitlich eine Stütze der Zuversichtlichen ist. Leitl ist der bei weitem beste Präsident, den die Wirtschaftskammer je hatte. Er ist im Ausland hoch angesehen, begünstigt durch seine Parallelrolle als EU-Kammerpräsident. Er kann auch gut mit dem „Klassenfeind“. Er denkt ungefähr so sozialpartnerschaftlich wie Rudolf Sallinger (der einst mit Gewerkschafts-Benya ein effektives, diktatorisches Duo bildete), ist aber diesem frühen Gentleman instrumental und intellektuell überlegen. Er hat keine Schwierigkeit, komplexe Mischformen durchzudenken zwischen völlig freier Marktwirtschaft (die seit Thatcher und Reagan nicht das Gelbe vom Ei ist) und Staatslenkung (die diesem Verdacht nie ausgesetzt war). Beispielsweise Übergangsregelungen für Lehrlinge bis 2007.

Ähnliches Denken wäre jetzt in der Nachfolge des neuen Tierschutzgesetzes gefragt. Selbst in der Wolle gefärbte Optimisten hätten dieses Gesetz nie erhofft. Umso schöner, dass es wurde. Für alle, die zugleich denken und fühlen können, ist es ein Fortschritt. Es dürfte vielen Politikverdrossenen, vor allem auch Frauen und Jugendlichen, den Glauben an die Konsensfähigkeit der vermeintlich grauslichen, kalten Politiker zurückgeben. Wir werden auch international an Sympathie gewinnen. Nur sollten jene, die für das Agreement die größte Bewunderung verdienen, weil sie das höchste politische Risiko nach innen eingingen, im flachen Alltag nach der Euphorie nicht im Stich gelassen werden. Die Landwirtschaftspolitiker weisen mit Recht darauf hin, dass vor allem jenen Kleinbauern, die existenziell betroffen sind, im Übergang geholfen werden müsse – ähnlich den Leitl’schen Lehrlingen und Lehrlingsbetrieben.

Kompromisse und Flexibilitäten dieser Art sind keine Schande. Im Gegenteil: Sie kosten zwar Staatsgeld, also Steuergeld, das ist wahr, kommen aber auf lange Sicht billiger. Die Streber, die jedes Budgetziel um jeden Preis einhalten wollen, sind so gefährlich wie starre Flugzeugflügel. Diese sind zwar auf dem Boden stabiler, brechen aber im Flug.

Dazu kommt: Österreich kann es sich leisten. Wir sind dank lobenswerter Streber-Wirtschaft und Streber-Politik und Streber-Sparsamkeit weit näher am Streber-Stabilitätspakt der EU als Deutschland und Frankreich. Wir haben relative Reserven, um das wunderbare Tierschutzgesetz umzusetzen, ohne die Verminderung tierischen Leides mit einer Erhöhung menschlichen Leides bezahlen zu müssen.