Vorabdruck: Ursachen des Fremdenhasses

Vorliegender Text ist ein Auszug aus einem bisher noch unveröffentlichten Manuskript einer Rede, die Ringel 1993 in Salzburg hielt.

Ich habe als Kind erlebt, wie mein Vater im Jahre 1938 den Arzt seiner Schule, der als Jude sofort suspendiert wurde, auf eine Bank zum Niedersetzen eingeladen hatte. Da kam ein Rotzbub und sagte zu dem Arzt: „Sehen Sie nicht, was hier steht? Nur für Arier! Sie sind kein Arier, man erkennt es, Sie sind ein Jude! Aufstehen!“ Und mein Vater sagte: „Ich habe diesen Herrn gebeten, neben mir hier Platz zu nehmen.“ Da sagte der: „Wenn Sie noch ein Wort sagen, so kommen Sie morgen auch auf die Gestapo!“ Man muss Menschen, die diese Zeiten nicht erlebt haben, diese Zeit offenbar doch immer wieder von Neuem vor Augen führen. Denn man kann sich doch nicht vorstellen, dass ein Mensch, der nur ein Achtel seines Verstandes bei sich hat, einmal wünschen könnte, dass eine solche Zeit noch einmal kommt.

Ich komme jetzt zu einem Punkt, der mir psychologisch der allerwichtigste zu sein scheint. Die Frage ist: Warum sind wir bereit, geistlos, unter Ausschaltung jedes Denkens, die Feindbilder anzunehmen? Da muss ich eine Parallele ziehen. Ich behaupte: Je mehr ein Mensch bereit ist, im Fremden den Feind zu sehen, umso weniger kennt er sich selber. Es steht fest: Negatives und Böses ist ausnahmslos in uns allen. Das braucht uns nicht zu erschrecken. Nur müssen wir den Mut haben, es in uns selber zu entdecken, es zu finden. Die Griechen haben einen Spruch gehabt, der auf ihren Tempeln stand, „gnoti seauton“, „Erkenne dich selbst“. Geh mit dir ins Gericht, bevor du einen anderen verurteilst, und prüfe, ob nicht vielleicht etwas davon auch in dir ist. Das heißt nicht, dass wir jetzt in Sack und Asche, uns als Sünder anklagend, herumgehen sollen. Aber wir sollten den Mut haben, in uns selbst hineinzuschauen, uns vor den Spiegel zu stellen und zu sagen: So bin ich, aber so wie ich sein möchte, bin ich nicht, es ist noch viel Fragliches in mir. Dieses Fragliche zu entdecken ist wichtig. Wer selbst wenigstens die Bereitschaft hat, allein die Bereitschaft, das Negative in sich zu entdecken, macht einen ungeheuren Fortschritt. Zum Beispiel: Ein Kind macht Schwierigkeiten. Wenn die Eltern bereit sind, zu sagen: „Vielleicht hat das etwas mit mir zu tun, vielleicht mache ich etwas falsch?“, ist schon viel gewonnen, denn dann kann es zu einer positiven Wende kommen. Wenn aber die Eltern sagen: „Ich hab damit nichts zu tun, dieses böse Kind macht solche Schwierigkeiten, gehen wir zu einem Arzt oder zu einem Erzieher“, dann wird oft ein ungeheurer Apparat in Bewegung gesetzt, nur um der wahren Ursache auszuweichen.

Also: Ich glaube, man muss zugeben, was immer man über Ausländer hören mag, dass das Problem auch in uns allen ist und dass wir uns alle damit herumschlagen müssen und dass das menschliche Leben Identität finden heißt. Identität finden bedeutet: irren, fallen, aber wieder aufstehen und sagen: „Jetzt werde ich es besser machen, und vielleicht gelingt es mir dann das nächste Mal“, und dann vielleicht wieder fallen, aber immer noch die Hoffnung haben aufzustehen. Sich mit der eigenen Person auseinander zu setzen, das ist eigentlich unsere Aufgabe. Je weniger wir sie erfüllen, desto mehr ist der Ausländer, der Andere, der Fremde der Feind. Und dann können wir all das, was wir bei uns selbst verdrängen, in ihm entdecken. Und statt es in uns zu bekämpfen, bekämpfen wir es im anderen. Darum habe ich ein Buch geschrieben mit dem Titel „Fürchte den anderen wie dich selbst“ – anders gesagt: Fürchte zuerst dich, denn im Allgemeinen müssen wir sagen, der größte Feind, der lauert in uns selber! Und wir können gar nicht genug Zeit bekommen vom lieben Gott, um diesen Feind zu besiegen, um das zu erfüllen. Dazu brauchen wir alle Kräfte, dazu brauchen wir allen Ernst und allen Ehrgeiz, sodass uns dann für die Verfolgung anderer nur mehr wenig Interesse übrig bliebe.

Es ist also eine große Bitte: dass wir versuchen, die Menschen aufzufordern, sich selbst ernst zu nehmen und sich selbst zur Diskussion zu stellen. Mehr braucht man gar nicht zu verlangen, als sich selbst zur Diskussion zu stellen. Und in diesem Sinne darf ich sagen: Danken wir dem Fremden. Denn der Fremde ist einer, der uns mahnt, eine Frage an uns stellt: Wie weit hast du deine Menschlichkeit entwickelt? Er ist ein Prüfstein, ein Lackmuspapier. Er ist ein anderer als wir, er taucht mit bunten Farben ein in unseren grauen Alltag, in diese schwarzweiße Welt. Ich habe mit Kindern gesprochen, denn man sagt, es ist ja schrecklich, wenn Ausländer in der Klasse sind. Die Kinder haben mir gesagt, wie sie sich freuen über diese Ausländer, sie sind für sie ein Abenteuer, etwas Neues, was sie nie gesehen haben, was sie nie gehört haben. Sie kriegen so eine ganze Fülle neuer Eindrücke, so, als wären sie schon in die Welt unterwegs. Das ist doch eine besondere Gnade, liebe Freunde.

Wohin die Inzucht führt, das haben wir an dem schrecklichen Untergang eines Geschlechtes gesehen, das Österreich lange geführt hat, nämlich der Habsburger. Damit können Sie das nachvollziehen, selbst wenn die Habsburger sicherlich auch Verdienste erworben haben. Aber es ist ebenso klar, dass sie sich selber zugrunde gerichtet haben, man muss schon sagen, in einer katastrophalen Weise.

Liebe Freunde, sehen Sie: Man sagt, die Ausländer bedrohen uns, denn da komme es, um mit Andreas Mölzer zu sprechen, zu einer „Umvolkung“ – ein schrecklicher Ausdruck. Ja, liebe Freunde, ich sage es ganz ruhig, diese Umvolkung hat längst stattgefunden, denn der Österreicher war einst ein Deutscher, aber er ist es heute nicht mehr, er ist ein Österreicher, und er ist eben ein besonderer Typus von Mensch, der sich ganz wesentlich vom Deutschen unterscheidet. Ich habe es selbst miterlebt, als man uns im Jahr 1938 unser Land weggenommen hat, dass die Menschen erst nach dem Krieg begriffen haben, was es für eine gute Devise war, an dieses Land zu glauben und nicht fremden Göttern Opfer zu bringen. Ja, ich sage, dass es also eine schöne Sache ist, dass wir Österreicher sind. Und dass die Österreicher eine Tendenz haben könnten, mit anderen menschlich umzugehen. Diese österreichische Seele ist ursprünglich durch nichts anderes entstanden als durch die Mischung mit allen anderen Völkern, mit Slawen, mit Tschechen, mit Slowenen, mit Slowaken, mit Polen, mit Rumänen, mit Ungarn, mit Kroaten usw. Da ist doch etwas ganz Neues entstanden – glauben wir doch an dieses Neue! Haben wir doch Freude daran! Ich glaube, dass sich in der letzten Zeit etwas sehr geändert hat! Wir bekennen uns zu Österreich, wir bekennen uns zu unserer Identität, und wir bekennen uns damit auch zum österreichischen Menschen. Und der österreichische Mensch hat es als eine Ehre und als eine Auszeichnung empfunden, wenn Menschen gekommen sind, die anders sind als er und mit denen er sich verbinden, vermischen kann. Schauen Sie sich das Wiener Telefonbuch an, dann sehen Sie die Namen, und dann werden Sie wissen, in welch ungeheurem Ausmaß eine solche Mischung stattgefunden hat, zu unserem Wohle, zu unserem Glücke, und hoffentlich auch noch in der Zukunft stattfinden wird.

Zum Schluss noch ein Zitat aus dem „Schloss“ von Franz Kafka. Kafka hat Menschen beschrieben, die sich dem Anonymen, dem Undefinierbaren, dem Ausweglosen, dem Rätselhaften gegenübersahen. Im „Prozess“ wird ein Mann angeklagt, und er erfährt bis zu seiner Hinrichtung nicht, wessen er angeklagt war. Und im „Schloss“ kommt ein Landvermesser und glaubt, dass er im Schloss einen Posten bekommen wird, aber er kommt niemals an das Schloss heran, und da sagt die Wirtin zu ihm: „Was sind nun aber Sie? Nicht aus dem Schloss, nicht aus dem Dorf. Leider aber sind Sie doch da – ein Fremder.“ Ich hoffe, dass Sie mit mir einig sind, wenn ich zum Schluss sage: „Wer einen Fremden zerstört, zerstört sich selbst“, denn wir sind, wie die Araber sagen: „tatwan asi“, „der Andere bin ich“. Und auf diesen Anderen haben wir zu hören, und diesem Anderen haben wir unsere ganze Liebe und unsere Zärtlichkeit und unser Verständnis zu widmen.