Vorsorgeplanung: Wettlauf gegen die Zeit

Schon wenige Jahre machen bei der Geldanlage verblüffend große Vermögensunterschiede aus. Während Finanzdienstleister bereits spezielle Produkte für Kinder bewerben, versuchen ältere Semester zu wenig, frühere Versäumnisse auszugleichen.

Der Mann ist ein wahrer Gönner. Im Rahmen seiner Stiftung unterstützt Sir John Templeton zum Zwecke des „Fortschritts in Religion und Spiritualität“ mehr als 300 Projekte weltweit mit jährlich rund 15 Millionen Dollar. Der 92-Jährige, der 1987 von der englischen Königin seiner philanthropischen Taten wegen geadelt wurde, kann leicht spendabel sein: 1954 gründete er den Templeton Growth Investmentfonds, und es darf angenommen werden, dass Sir John selbst sein erster Kunde war.

Wer es ihm damals gleichtat und 100 US-Dollar monatlich über die letzten fünfzig Jahre in den Fonds investierte, besaß im September 2004 ein Vermögen von mehr als sieben Millionen Dollar – 7.378.331 Dollar, um genau zu sein. Damit erzielte der Fonds eine jährliche Rendite von 14,43 Prozent.

Anderen Berechnungen zufolge wird man bei einer angenommenen Rendite von acht Prozent und einem konstanten monatlichen Sparbetrag von 46 Euro ab heute in 65 Jahren Euro-Millionär. Wer wiederum rund 7000 Euro bei der Geburt seines Kindes anlegt, ebenfalls mit acht Prozent Rendite, verhilft dem Nachwuchs im Alter von 65 Jahren ebenso zu Millionärsstatus.

Gemeinsam ist den Beispielen: Sie zeigen, dass vor allem für jene, die früh genug mit dem Sparen beginnen, der Traum vom Reichtum in späteren Jahren in Erfüllung geht. Im Finanzjargon spricht man vom Zinseszinseffekt. Der alte Spruch ist hier wörtlich zu nehmen: „Zeit ist Geld.“

Zeitfaktor. Wer indessen denkt, auf ein paar Jahre mehr oder weniger käme es nicht an, unterliegt einem gewaltigen Irrtum: Würde man beispielsweise monatlich 100 Euro bei fünfprozentiger Verzinsung 25 Jahre lang investieren, verfügte man schließlich über knapp 45.000 Euro. Bei bloß um drei Jahre längerer Laufzeit hätte man dagegen – bei exakt denselben Anlagekriterien – rund 8000 Euro mehr auf dem Konto.

Auch am Beispiel eines konkreten Produkts lässt sich die Bedeutung des Zeitfaktors ablesen: Zahlt man zehn Jahre lang monatlich zehn Euro in ein für Kinder gedachtes Zukunftsvorsorgeprodukt der Raiffeisen Versicherung und lässt das Kapital dann liegen, bis das 65. Lebensjahr des Kindes erreicht ist, ergeben wenige Jahre ebenfalls einen Riesenunterschied: Mit 65 hat derjenige, für den ab der Geburt zehn Jahre gespart wurde, knapp 40.000 Euro zur Verfügung. Haben sich die Eltern erst für das Produkt entschlossen, als das Kind schon fünf Jahre alt war, reduziert sich die Summe um rund 10.000 Euro.

Noch drastischer ist der Effekt naturgemäß, wenn die Eltern das Sparprogramm erst starten, wenn das Kind zehn Jahre alt ist. Das mit Eintritt des 65. Lebensjahres verfügbare Kapital schrumpft dann auf lediglich rund 22.200 Euro – nur wenig mehr als die Hälfte jener Summe, die erzielbar gewesen wäre, wenn das Vorsorgeprodukt bei Geburt des Kindes in Anspruch genommen worden wäre.

Schlingerkurs. Doch offenbar setzen nur wenige Menschen auf die im Grunde einfachste Strategie, deren wichtigste Eckpfeiler aus Geduld und Kontinuität bestehen. „Einer der häufigsten Fehler in der Vergangenheit war, dass sich Anleger von besonders viel versprechenden Trends verleiten ließen und einen Schlingerkurs gefahren sind“, analysiert Martin Linsbichler, Country Manager Austria der Fondsgesellschaft Franklin Templeton Investments.

Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der Technologie- und Internet-Hype an den Börsen vor vier Jahren – gefolgt von ebenfalls irrationaler Furcht vor den Unwägbarkeiten der Finanzwelt. Kühle Köpfe indes lassen sich von derartigen Entwicklungen wenig irritieren und bleiben der gewählten Anlagestrategie treu, sofern sie sich als einigermaßen vernünftig erwiesen hat.

So bieten Aktien trotz der unerfreulichen Börsenjahre 2000 bis 2003 nach wie vor die höchsten Ertragschancen. Weil diese Anlageform zugleich auch das größte Rückschlagsrisiko birgt, gilt es erst recht, eine längere Behaltedauer einzuplanen, um negative Entwicklungen verkraften zu können. „Aktien machen nur für jene Kunden Sinn, die den entsprechenden Zeitraum einplanen und auch das passende Nervenkostüm besitzen“, sagt Andreas Zakostelsky, Geschäftsführer von Raiffeisen Capital Management.

„Wer langfristig gleich bleibende Beträge investiert, kann die gefürchteten Kursschwankungen durch den Cost-Average-Effekt sogar zu seinem Vorteil nutzen“, betont Helmut Sobotka, Vorstandsvorsitzender der Capital Invest Kapitalanlagegesellschaft. Dieser Durchschnittskos- ten-Effekt beim regelmäßigen Erwerb von Anteilen für einen gleich hohen Betrag bewirkt, dass bei fallenden Kursen mehr Anteile angekauft werden können, was sich dann bezahlt macht, wenn die Kurse wieder steigen.

Franz Gschiegl, Vorstand der SparInvest KAG, fügt hinzu: „Selbst wenn jemand bereits älter ist und eine größere Summe zur Verfügung hat, sollte man aber in Raten anlegen, sonst liefere ich mich komplett einem einzigen Stichtag aus.“

Auch der Faktor Inflation ist beim Ansparen nicht zu unterschätzen: „Der Kaufkraft von 1000 Euro entsprechen bei einer Inflationsrate von drei Prozent nach nur fünf Jahren bereits 1159 Euro“, rechnet Werner Holzhauser, Vorstand der FinanceLife Lebensversicherung AG, vor. „Nach 45 Jahren sind es schon 3782 Euro.“ Idealerweise beginnt die erste Phase des Sparens dementsprechend nicht erst mit dem ersten Gehaltsscheck.

Banken, Fondsgesellschaften und Versicherungen stellen daher verstärkt die allerjüngste Klientel in den Mittelpunkt ihrer Produktkampagnen. So wird die erst 2003 eingeführte prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge inzwischen sogar speziell für Kinder angeboten. „Gerade bei der staatlich geförderten Zukunftsvorsorge handelt es sich um das Einstiegsprodukt schlechthin“, glaubt Holzhauser.

Kinderpolizzen. Seit kurzem wird zum Beispiel die für Uniqa und die Raiffeisen Versicherung vertriebene Zukunftsvorsorge ab einer reduzierten Einzahlung von zehn Euro monatlich angeboten. Holzhauser: „Dieser Tarif wird auch nicht umgestellt, wenn das Kind 18 Jahre alt geworden ist.“ Auch für Zakostelsky macht dies Sinn: „Wir werden im kommenden Jahr das Thema Kleinkinder bei der Zukunftsvorsorge forcieren. Aber auch Berufseinsteiger sollten sich zu Beginn ihres Erwerbslebens daran gewöhnen, für das Alter anzusparen.“

Tatsächlich kommt die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge gerade bei den Jungen an: Jeder fünfte Vertrag wird für einen unter 19-Jährigen abgeschlossen. Laut einer Untersuchung des Fessel-Instituts ist dabei weniger die staatliche Prämie der Grund für die Wahl dieser Produkte, sondern der Steuervorteil. Für 56 Prozent der Befragten trifft dies zu. 40 Prozent investieren in das Produkt wegen der Kapitalgarantie. Die Erträge sind während der Phase der Vermögensbildung steuerfrei, auch die daraus resultierende lebenslange Rente wird nicht versteuert.

Martina Eschelmüller von Sigmasicher Finanzdienstleistungen hält dagegen eine andere Form der Veranlagung für sinnvoller. „Für Kinder rate ich aufgrund der besseren Renditechancen und höheren Flexibilität zu einer normalen fondsgebundenen Lebensversicherung“, so Eschelmüller. Bei der Zukunftsvorsorge sei man schließlich für mindestens zehn Jahre gebunden.

Fast jede Assekuranz hat denn auch mittlerweile spezielle Kinderpolizzen im Programm – meist als fondsgebundene Versicherung konstruiert. Diese Starthilfen zeichnen sich durch geringe Prämienhöhe, Flexibilität bei den Laufzeiten und häufig durch eine Kapitalgarantie aus. Inkludiert ist immer auch der Schutz für den Fall, dass das Familieneinkommen ganz oder teilweise ausfällt – etwa durch Berufsunfähigkeit oder einen Todesfall. Dann übernimmt die Versicherung die Prämienzahlungen.

Garantiemodelle. Ab einer gewissen Laufzeit neutralisieren sich dank der Befreiung der Erträge von der Kapitalertragsteuer (KESt) die im Regelfall höheren Einstiegskosten solcher Fondspolizzen gegenüber einem reinen Fondssparmodell ohne Versicherung. Zudem kann bei den meisten Anbietern im Fall von Liquiditätsbedarf oder Arbeitslosigkeit die Prämienzahlung ausgesetzt werden. So genannte Garantiemodelle wiederum sichern einen bestimmten Rücknahmekurs der Fondsanteile für zwischenzeitliche Gewinne nach einer bestimmten Periode zu, ab der dann eine entsprechend höhere Garantiezusage gilt (dynamische Gewinnsicherung).

Viele der heute 30- bis 50-Jährigen genießen freilich nicht das Privileg, seit ihrer Kindheit über derartige Vorsorgeinstrumente zu verfügen, weil das Bewusstsein ihrer Eltern dafür noch nicht so ausgeprägt war. Doch auch in späteren Jahren werden die Versäumnisse vielfach nicht ausgeglichen – was besonders auf Frauen zuzutreffen scheint.

Impulskäufe. „Obwohl die österreichischen Frauen im Schnitt besser gebildet sind als die Männer und Frauen außerdem länger leben als Männer, haben Frauen wenige Maßnahmen für den Vermögens-aufbau getroffen“, konstatiert Susanne Höllinger, Leiterin Private Banking & Wealth Management bei der Erste Bank. „Mehr als die Hälfte der Frauen verfolgt keine besondere Strategie oder hat sich überhaupt noch nicht mit dem Thema auseinander gesetzt. Eine weitere große Gruppe tätigt lediglich Impulskäufe“, berichtet Höllinger.

Verschärft wird die Situation durch allgemeine Trends, die beide Geschlechter betreffen: Laut Statistik steigt die Lebens- erwartung in den Industrieländern beständig um etwa 35 Tage pro Jahr. Dies stellt Versicherungsunternehmen wie auch deren Kunden vor neue Gegebenheiten. Günter Friedl, Generaldirektor der Gerling Financial Services GmbH: „In Deutschland kommen nächstes Jahr neue Sterbetafeln zur Anwendung, und auch in Österreich wird an neuen Tafeln gearbeitet, die zeitverschoben zum Einsatz gelangen werden.“ Diese würden besagen, dass für 2005 Geborene eine um neun Jahre längere Lebenserwartung angenommen wird als beim Jahrgang 1940. Friedl: „Das Problem dabei ist, dass es zu Abweichungen in der Leistung kommt beziehungsweise die Monatsprämie angehoben werden muss, um die gleiche garantierte Leistung zu bekommen.“

FinanceLife-Vorstand Werner Holzhauser wartet mit einem entsprechend unerfreulichen Rechenbeispiel auf: „Um eine monatliche Rente von 100 Euro zu erhalten, benötige ich heute etwa zwanzig Prozent mehr Kapital als noch vor 16 Jahren.“ Andererseits werden bei gleichem Kapital-einsatz künftige Rentenansprüche aufgrund neuer Rententafeln, die zur Berechnung der Garantierente einer Versicherung dienen, geringer ausfallen.

Dem Thema „Investment ab 40“ hat sich deshalb beispielsweise die Skandia Leben AG angenommen: Ähnlich wie bei den Kinderpolizzen handelt es sich bei dem Produkt „Skandia Sprint“ um eine fondsgebundene Lebensversicherung mit Kapitalgarantie. „Die beste Pensionslücke ist die, die man erst gar nicht entstehen lässt“, formuliert Skandia-Marketingleiter Bernd Hartweger. Allerdings solle der Sparer hier zumindest 350 Euro monatlich investieren, um im Alter über das erhoffte Kapital verfügen zu können.

Männer wie Frauen, die noch wenig Vorsorge getroffen haben, sollten zunächst freilich ihre tatsächliche Liquiditätssituation sowie ihre Renditeansprüche abklären. Die Laufzeit der monatlichen Zahlungen auch einer Lebensversicherung sollte in der Folge auf die Höhe der gewünschten Zusatzpension abgestellt werden, raten Pensionsexperten.

Eine praktikable Hilfe im Internet, um zu errechnen, wie viel man monatlich zur Seite legen muss, ist die Homepage des Deutschen Instituts für Altersvorsorge: http://www.dia-vorsorge.de/finanztool.htm . Dort finden sich inflationsbereinigte Berechnungen, wie viel das künftige Sparkapital nach heutigen Preisen wert ist und wie sich das Kapital bei unterschiedlichen Zinssätzen entwickelt. Die Site bietet auch die Option, eine gewünschte Sparsumme zu definieren und interaktiv den finanziellen Aufwand für dieses Ziel zu ermitteln. Zudem lässt sich auch errechnen, wie viel monatlich entnommen werden kann, damit das Vermögen eine bestimmte Zeit reicht.