Vranitzky: „Die Debatte läuft vollkommen falsch“

Ex-Kanzler Franz Vranitzky über seine Zeit beim Bundesheer und die Notwendigkeit einer Erneuerung

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Dr. Vranitzky, Sie sind 1937 geboren, der erste Jahrgang, der beim neuen Bundesheer einrücken musste. Wo waren Sie stationiert?
Vranitzky: Ich war in der Funkerkompanie der Wiener Fasangartenkaserne als Kraftfahrer. Später wurde ich in die Stiftskaserne in die Heereswirtschaftsschule versetzt, wo ich Literatur für das Intendanzwesen aufbereitete.

profil: Waren damals noch viele ehema­lige Wehrmachtsoffiziere beim Bundesheer?
Vranitzky: Ja, vor allem von der B-Gendarmerie kommend.

profil: Merkte man ihnen ihre Vergangenheit an?
Vranitzky: Man sah Filme über die deutsche Bundeswehr – aber vom Wehrmachtsgeist war das Bundesheer nicht mehr durchflutet.

profil: Wie war damals das Alltagsleben in der Kaserne?
Vranitzky: Wahrscheinlich ähnlich wie heute. In der Früh wurden wir durch laute Stimmen geweckt, mussten uns schnell waschen, die Betten bauen, Frühstück holen und möglichst schnell im Kasernenhof antreten. Ich dachte mir jeden Tag, hoffentlich ist das irgendwann zu Ende.

profil: Ein Argument für die Wehrpflicht ist, dass diese das Heer im Volk verwurzelt. Ist das gelungen?
Vranitzky: Ich höre von jungen Leuten, dass sich am schematischen Ablauf beim Bundesheer wenig geändert hat. Das stundenlange Marschieren im Kasernenhof wurde auch noch viel später praktiziert. Das führt mich zur Überzeugung, dass das Bundesheer reformiert werden muss. Es muss den Ruf loswerden, dass die jungen Leute dort unsinnig ihre Zeit verbringen.

profil: Meinen Sie eine Reform in Richtung Berufsheer oder in eine andere Wehrpflicht?
Vranitzky: Ich würde das Hauptaugenmerk auf Sicherheit, Modernisierung und Europäisierung legen, das aber nicht stur mit Wehrpflicht oder Berufsheer verknüpfen. Wie immer die Volksbefragung ausgeht – eine Reform bleibt dem Bundesheer nicht erspart.

profil: Laut einer Umfrage meinen 80 Prozent der Österreicher, der Katastrophenschutz sei die Hauptaufgabe des Bundesheers. Warum sehen die Österreicher das Heer als Freiwillige Feuerwehr?
Vranitzky: Weil viele Politiker über das Bundesheer sprechen, als ginge es um die Freiwillige Feuerwehr. Diese Debatte läuft vollkommen falsch. Es geht darum, die Weichen für eine europäische Sicherheitspolitik zu stellen. Ich weiß, das ist ein langer Weg, weil die einzelnen Staaten besonders beim Militär auf eine isolierte Souveränität bedacht sind. Die Zukunft wird zeigen, dass das falsch ist. Eine europäische Sicherheitspolitik wäre auch billiger als das heutige System. Warum muss etwa jeder mittelgroße Staat ein eigenes Abfangjägersystem haben? Ich sehe da viele mögliche Synergien. Katastropheneinsatz ist natürlich wichtig, aber nicht die Hauptaufgabe des Heers.

profil: Es stellt sich natürlich die Frage nach der Vereinbarkeit mit der Neutra­lität.
Vranitzky: Wir nehmen seit Jahren an ­internationalen Operationen teil – im Kosovo, am Golan und früher im Kongo und auf Zypern. Da hat das österreichische Bundesheer einen sehr guten Namen, ohne die Neutralität in irgendeiner Weise zu beeinträchtigen.

profil: Die Österreicher interessieren sich nicht besonders für das Militär. Sind wir pazifistischer als andere, oder sitzt uns der Schock des Krieges noch mehr in den Knochen als den Menschen in anderen Ländern?
Vranitzky: Meiner Generation ist der Krieg noch in Erinnerung, der Generation der Enkelkinder überhaupt nicht. Man muss immer in Generationen denken.