„Vranitzky hat keine Leistung erbracht“

Der Investmentbanker Wolfgang Flöttl über seine Rollen im Bawag-Krimi und im Wahlkampf, Vorverurteilungen durch Politiker, seine frühere SPÖ-Mitgliedschaft und das Gefühl, Milliarden zu verlieren.

profil: Herr Flöttl, die Anklageschrift im Bawag-Komplex ist fertig. Sie sind einer der neun Hauptbeschuldigten. Sind Sie schuldig?
Flöttl: Die Justiz hat bisher sehr fair gearbeitet. Ich stehe seit sechs Monaten mit der Staatsanwaltschaft in Kontakt und habe alle relevanten Dokumente vorgelegt. Ich fühle mich unschuldig. Ich habe nichts Falsches oder Illegales getan. Was Medien oder Politiker äußern, möchte ich nicht kommentieren.
profil: Viele Politiker würden Sie wahlkampfbedingt schon heute gern in Handschellen sehen.
Flöttl: Ich halte es für befremdlich, dass etwa der Vorsitzende einer großen politischen Partei in einer Demokratie die Verhaftung von Personen fordert, ohne die Fakten zu kennen. Mit solchen Vorverurteilungen schaltet man sich unbefugterweise in einen juristischen Prozess ein. Die Unschuldsvermutung funktioniert zwar auf juristischer, aber nicht auf medial-politischer Ebene.
profil: Was sind aus Ihrer Sicht die Fakten?
Flöttl: Meine Geschäftsbeziehungen als Investmentbanker zur Bawag haben 1987 begonnen und waren ein großer Erfolg. Insgesamt wurden zwischen drei und vier Milliarden Schilling netto verdient.
profil: Kritisiert wurde allerdings, dass dies Geschäfte zwischen Ihnen und Ihrem Vater Walter Flöttl waren, der damals Generaldirektor der Bawag war.
Flöttl: Ich kann nur sagen: Die Geschäfte waren damals sehr erfolgreich, wurden allerdings eingestellt. Im Jahr 1995 haben wir die Geschäftsbeziehungen auf Wunsch von Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner wieder aufgenommen. Bis 1998 hat es weiterhin nur Gewinne gegeben. Die Verluste traten im Oktober 1998 aufgrund einer außerordentlichen Situation ein. Erst kollabierte der Rubel in Russland, und dann krachte mit Long Term Capital einer der größten Hedgefonds der Welt. In der Folge verlor der US-Dollar innerhalb von fünf Tagen 20 Prozent gegenüber dem Yen. Mit solchen schockartigen Bewegungen am Kapitalmarkt konnte niemand rechnen. Die Bawag hat dadurch 639 Millionen Dollar verloren, und ich habe auch privates Vermögen verloren.
profil: Wie viel?
Flöttl: 140 Millionen Dollar.
profil: Wie schläft man an einem Tag, an dem man so viel Geld verloren hat?
Flöttl: Man muss die Realität akzeptieren. Die Bawag wollte diese Verluste so schnell wie möglich wettmachen und hat sich wieder an mich gewandt. Um 600 Millionen Dollar rasch zurückzuverdienen, muss man eine riskante Strategie wählen. Die Bawag hat etwa 350 Millionen Dollar in eine einzige Währungsoption gepackt. Da können Sie das Fünffache verdienen oder mit einem Schlag alles verlieren.
profil: Warum kam der Bawag-Vorstand eigentlich trotz der hohen Verluste erneut zu Ihnen?
Flöttl: Ich habe der Bank elf Jahre lang Monat für Monat große Gewinne gebracht, auch wenn mein Vater nur vom Groscherlgeschäft gesprochen hat. Die Bawag hatte nie ein gutes Margengeschäft, weil sie keine wohlhabenden Anleger hatte. Sie hatte nur kleine Sparer, musste aber hohe Dividenden an den ÖGB zahlen.
profil: Hätte das Desaster verhindert werden können?
Flöttl: Man hätte 1998 nach den ersten Verlusten sagen können: Aus, Schluss, das war’s. Aber der Bawag-Vorstand und auch ich waren damals wahrscheinlich von den Gewinnchancen überzeugt.
profil: Wie viel haben Sie persönlich mit der Bawag verdient?
Flöttl: Ich habe eine marktübliche Rendite erzielt.
profil: Und seit den Verlusten im Jahr 1998 bis in die jüngste Vergangenheit hatten Sie Generaldirektor Helmut Elsner im Nacken?
Flöttl: Bis Ende 2000 hat die Bawag mein Unternehmen, die Ross Capital, dominiert. Danach ging es vor allem darum, dass ich meine Kunstsammlung verkaufe, um die Verluste der Bawag auszugleichen. Die Gemälde wurden in Zürich gelagert. Sobald ein Bild verkauft worden war, habe ich die Bawag verständigt.
profil: Sie haben nach eigenen Angaben 240 Millionen Dollar aus den Gemäldeverkäufen an die Bawag überwiesen. Die Bank will aber nur 193 Millionen erhalten haben. Wurde der Rest unterschlagen?
Flöttl: Es ist unverständlich. Die Kunstwerke wurden um ungefähr 200 Millionen Euro angeschafft und um etwa 240 Millionen verkauft. Ich habe der Staatsanwaltschaft einen sehr dicken Ordner übergeben, in dem penibel jeder Erlös aus den Verkäufen dokumentiert ist. 90 Prozent der Verkäufe wurden über Sotheby’s abgewickelt. Die Erlöse haben wir der Bawag selbst oder auf Anweisung der Bawag anderen Institutionen, Firmen oder Personen überwiesen. Für diese Anweisungen liegen Faxe des Bawag-Vorstands vor. Ich kann jeden Verkauf und jede Überweisung dokumentieren.
profil: Dass die Bawag Sie aufforderte, das Geld nicht direkt auf ein bankeigenes Konto, sondern an Stiftungen zu überweisen, hat Sie nicht irritiert?
Flöttl: Es hat mich gewundert, und ich habe es nicht verstanden, weil ich zuvor von Stiftungen der Bawag nichts gewusst hatte.
profil: Aber Sie haben nicht nachgefragt.
Flöttl: Doch. Ich habe mich erkundigt, ob die Stiftungen der Bawag gehören. Es war eine lange Liste von Stiftungen. Tauchte ein neuer Stiftungsname auf, habe ich mich erneut erkundigt.
profil: Und im Zuge Ihrer Erkundigungen wurde Ihnen einmal angedeutet, dass es eine Verbindung zwischen der Bawag, den Stiftungen und der SPÖ gäbe?
Flöttl: Ich erhielt im Jahr 2005 per Fax eine Anweisung, einen bestimmten Betrag von den Bermudas nach Zypern zu überweisen. Doch mir war klar, dass es dabei Probleme mit den zypriotischen Behörden geben könnte. Überdies war mir die Stiftung nicht bekannt. Ich habe dem Bawag-Vorstand erklärt, ich könnte das Geld nicht überweisen. Daraufhin wurde mir von einem Vorstandsmitglied mitgeteilt, dass die Bank eine politische Funktion habe, es langjährige Vereinbarungen gebe und dass ich das Geld gefälligst dorthin schicken soll. Am nächsten Tag habe ich ein Fax erhalten, auf dem die Währung geändert worden und statt Zypern Wien als Adresse angegeben war. Daraufhin habe ich das Geld überwiesen. Ich kann allerdings nur wiedergeben, was Bawag-Manager mir gegenüber erklärt haben. Darauf muss sich jeder selber einen Reim machen. Ich selbst habe nie behauptet, dass ich irgendetwas von Parteienfinanzierung weiß.
profil: Wie gut kannten Sie eigentlich Franz Vranitzky?
Flöttl: Ich kannte ihn nur vom Händeschütteln, bis Helmut Elsner 1998 wollte, dass ich Vranitzky als Berater engagiere.
profil: Der Altbundeskanzler sagt, er hätte Sie um eine Gage von einer Million Schilling bei der Euro-Einführung beraten.
Flöttl: Vranitzky hat keine Leistung erbracht. Meine Firma wurde einmal von einem Politiker im Zusammenhang mit der Euro-Einführung beraten. Damals ging es um die politischen Folgen der Euro-Ablehnung durch die Dänen und die Folgen für Deutschland.
profil: Wer war Ihr Berater?
Flöttl: Das war Klaus von Dohnanyi, der frühere Bürgermeister von Hamburg. Für eine ähnlich hohe Summe wie bei Vranitzky war er sechsmal in New York. Er hat laufend Berichte geschrieben und hat mit entscheidenden Leuten in CDU und SPD Gespräche geführt.
profil: Haben Sie auf Anregung Elsners noch andere Personen für Beratungsleistungen heranziehen müssen?
Flöttl: Ich äußere mich nur zu Vorgängen, die bereits öffentlich bekannt sind. Alles andere ist Sache der Justiz.
profil: Die bevorstehenden Wahlen machen Ihren Fall auch zu einer Sache der Politik.
Flöttl: Dass dies alles natürlich politisch ausgeschlachtet wird, ist mir klar. Mir geht es aber nur um die Fakten. Ich will niemandenen schaden, auch nicht der SPÖ.
profil: Sind Sie SPÖ-Mitglied?
Flöttl: Ich war als junger Mann Mitglied der SPÖ, bin aber mit Mitte 20, als ich nach Amerika ging, ausgetreten. Mir sind die sozialen Anliegen der SPÖ sehr wichtig, aber gleichzeitig glaube ich auch an den freien Markt.
profil: Sind Sie eigentlich amerikanischer Staatsbürger?
Flöttl: Ich hätte seit vielen Jahren die Staatsbürgerschaft beantragen können, aber ich wollte sie nie haben, sondern immer Österreicher bleiben. Ich hatte auch immer die Vorstellung, nach meinem Ableben meine Kunstsammlung der Republik Österreich zu überlassen.
profil: Daraus wird ja nun nichts.
Flöttl: Die Kunst war immer meine große Leidenschaft. Die Gemälde zu veräußern war wie Kindesweglegung. Österreich hat nur wenige Werke moderner Kunst, daher wollte ich meine Sammlung stiften, darunter Bilder wie Picassos „Der Traum“.
profil: Das Bild hängt mittlerweile im Wynn Hotel in Las Vegas. Waren Sie schon dort und haben Sie es sich als Privatmann angeschaut?
Flöttl: Nein. Wenn man es verloren hat, schaut man es sich nicht wieder an. Das tut zu weh.

Interview: Gernot Bauer