"Wählen wir doch jemanden mit Hirn"

Lauren Bacall, Hollywood-Legende und Ehrengast der Viennale, über ihr Misstrauen gegenüber der Filmindustrie, ihre Angst vor Howard Hawks, ihre Sympathie für Lars von Trier und ihre Aversion gegen George W. Bush.

profil: Filmprojekte können Ihnen offenbar gar nicht riskant genug sein. Unlängst waren Sie in Jonathan Glazers verstörender neuer Arbeit „Birth“ zu sehen – und Ihre nach „Dogville“ zweite Zusammenarbeit mit Lars von Trier, den Film „Manderlay“, haben Sie gerade erst abgedreht.
Bacall: Ja, „Birth“ war eine Herausforderung. Leider hat Glazer ein paar meiner besten Szenen rausgeschnitten. Aber ich liebe es, mit interessanten jungen Filmemachern zu arbeiten. Was zum Teufel soll ich an diesem Punkt meines Lebens denn sonst tun? Ehe ich mich diesem Blockbuster-Kino, das nichts bedeutet, zuwende, drehe ich wirklich lieber mit außergewöhnlichen neuen Leuten. Obwohl ich dabei, muss ich sagen, nicht wirklich gut bezahlt werde. Das ist die andere Seite der Medaille. Aber letztlich ist es mir wert, diese Risiken zu tragen – das hält mein Interesse am Schauspielen wach.
profil: Sie ziehen die Kunst dem Geld vor? Damit sind Sie im Hollywood dieser Tage ziemlich allein.
Bacall: Ich arbeite ja praktisch nicht in Hollywood, ich bin aus New York. Eigentlich bin ich ja nach dem Theater süchtig, das ist es, was ich wirklich liebe. Aber grundsätzlich geht es mir immer um die Arbeit selbst – mein Gott, irgendwie muss man sich ja motivieren.
profil: Lars von Trier eilt der Ruf voraus, sich am Set bisweilen wie ein Verrückter zu benehmen. War das bei Ihnen auch so?
Bacall: Überhaupt nicht. Gut, in „Manderlay“ habe ich nur eine einzige Szene, ganz am Anfang des Films, aber dabei war Lars absolut liebenswert, warmherzig und freundlich. Ich hege daher allergrößte Sympathie für diesen Filmemacher – und dass er ungeheuer talentiert ist, müssen wir ja wohl nicht erst diskutieren.
profil: Werden Sie auch im letzten Teil der Trilogie Lars von Triers mitwirken?
Bacall: Ich hoffe doch sehr. Da gibt es diesen alten französischen Spruch: „Jamais deux sans trois“ – nie zwei ohne drei. Also hoffe ich inständig, dass dies der Fall sein wird.
profil: Sie leben in Manhattan und arbeiten vor allem in unabhängigen, eher kleinen Produktionen. Sie scheinen recht deutlich auf Distanz zur Filmindustrie in Kalifornien zu bleiben. Haben Sie irgendwann entschieden, sich von Hollywood fern zu halten?
Bacall: Nicht wirklich. 1957, als Bogie (Humphrey Bogart, Anm.) starb, bin ich aus Kalifornien weggezogen, da es mir dort einfach nicht mehr gut ging. Ich musste ohnehin ein ganzes Jahr in England verbringen, weil ich einen Film dort machte. Außerdem lebt meine ganze Familie in New York. Ich bin dort aufgewachsen. Warum sollte ich in Kalifornien bleiben? Die ganze Hollywood-Szene schien mir damals plötzlich sehr leer zu sein.
profil: In Ihrer Autobiografie haben Sie geschrieben, dass Sie Ihre Profession lieben, nicht aber das Geschäft dahinter.
Bacall: Stimmt, ich liebe meinen Beruf. Aber es ist eben auch eine Tatsache, dass sich die Werte innerhalb der Filmindustrie stark verändert haben. Die Qualität der Arbeiten, die man dort heute herstellt, ist stärker zurückgegangen, als ich das je erleben wollte. Ich habe sehr hohe Ansprüche, das ist wohl mein Pech. Klar, es gibt immer noch ein paar extrem talentierte Menschen, die in Hollywood Filme machen – aber das sind ganz bestimmt nicht die Leute, die in den Chefetagen der Filmstudios sitzen.
profil: Haben Sie sich 1953 nicht sogar geweigert, ihren Fußabdruck vor dem berühmten Grauman’s Chinese Theatre am Hollywood Boulevard zu verewigen?
Bacall: Das ist doch hundert Jahre her, wirklich. Damals habe ich einfach beschlossen, dass ich im Gegensatz zu all den prominenten, unvergesslichen Menschen, die da vor dem Theater ihre Spuren in den Beton setzten, lieber vergessenswert sein wollte. Aber auch das hat sich seither geändert: Heute kann man sich an niemanden dieser Leute mehr erinnern. Also spielt das längst keine Rolle mehr.
profil: Ihr Kinodebüt absolvierten Sie 1944, inszeniert von Howard Hawks. Belastete Sie der in der Ferne tobende Weltkrieg, als Sie „To Have and Have Not“ drehten? Wie war das damals in Hollywood, in dieser unwirklichen Studiowelt?
Bacall: Ich war 18 Jahre alt, vergessen Sie das nicht. Ich war begeistert, dort sein zu dürfen, in einem großen Film mitzuspielen. Vom Krieg bekam ich nichts mit. Natürlich wusste ich von Hitler, aber ich war mehr damit beschäftigt herauszufinden, wer dieser Mensch war, mit dem ich es am Set zu tun hatte: Howard Hawks. Während der Dreharbeiten fand ich dann einiges über ihn heraus. Und ich mochte ihn eigentlich immer, seltsamerweise. Als Regisseur war er großartig. Und ich bin in dieser Hinsicht leicht aus der Fassung zu bringen: Solchem Talent muss ich mich jedes Mal wieder beugen.
profil: Sie haben Hawks einmal als ziemlich furchterregenden Mann beschrieben. Hatten Sie zunächst Angst vor ihm?
Bacall: Eigentlich nicht, er flößte einem eher Respekt als Angst ein. Dieser große, mit sanfter Stimme sprechende Mann schien alles zu wissen. Und ich war ja fast noch ein Kind, daher beeindruckte mich das naturgemäß. Hawks schüchterte mich aber schon auch ein. Stellen Sie sich das vor: Da war ich, reingeworfen in diese Kinowelt, ohne jede Ahnung davon, wie man Filme überhaupt macht. Mein Ziel war eher die Bühne. Aber das änderte sich schnell.
profil: Das Theater war Ihr eigentlicher Traum, bevor Sie nach Hollywood kamen?
Bacall: Für mich kam das Kino zuerst, das Theater folgte später.
profil: Aber Sie haben doch erst an der Academy of Dramatic Arts studiert – und Sie standen auf der Bühne, lange bevor Sie Hawks kennen gelernt haben.
Bacall: Stimmt, ich war auf der Bühne, aber da hatte ich nicht viel zu tun. Ich war 17 und spielte in einem Stück, das George Kaufman inszenierte. Meine Rolle war allerdings eher unbedeutend.
profil: Ihre Performance in „To Have and Have Not“ wird von einer fast gespenstischen Ruhe, einem seltsam abgeklärten Glamour getragen. Woher kam das? Wem eiferten Sie nach?
Bacall: Bette Davis war meine große Heldin damals. Aber ich muss auch sagen, dass ich letztlich selbst nicht weiß, wie ich dieses eigenartige Schauspiel hingekriegt habe. Hawks half mir natürlich sehr, er arbeitete an meiner Stimme und leitete meine Bewegungen auf der Leinwand.
profil: Vor politischen Kämpfen hatten Sie nie Angst. Schon in den vierziger Jahren legten Sie sich mit Ihrem Studioboss Jack Warner an, lehnten binnen weniger Jahre zwölf Rollen ab, die Sie eigentlich laut Vertrag hätten spielen müssen. Und an der Seite Ihres Mannes Humphrey Bogart bezogen Sie öffentlich gegen Senator McCarthy und dessen Jagd aufs „rote Hollywood“ Position. Wie beurteilen Sie die amerikanische Politik heute?
Bacall: Ich halte George Bush für eine vollkommene Katastrophe. Ich kann es kaum erwarten, ihn und seine Berater nie wieder zu sehen.
profil: Unterstützen Sie Kerry gegenwärtig?
Bacall: Absolut! Wählen wir zur Abwechslung doch jemanden, der seinem Amt gewachsen ist. Jemanden mit Hirn. Ich fürchte, ich habe nichts Gutes über George W. Bush zu sagen; ich glaube sogar, dass er schlicht gefährlich ist. In seiner Amtszeit sind den Vereinigten Staaten einige der fürchterlichsten Dinge jemals angetan worden. Und langsam gehen uns die Länder aus, die wir noch nicht belästigt haben. Kommen Sie mir bitte nicht mit Bush, das ist alles, was ich sagen kann. Denn mein Blutdruck steigt ungesund an, wenn ich über diesen Präsidenten sprechen muss.
profil: Andererseits waren Sie nie allzu dogmatisch in Ihren politischen Ansichten: Mit John Wayne beispielsweise, der ja stets eindeutig Republikaner war, sind Sie doch immer bestens ausgekommen.
Bacall: Stimmt, aber so etwas passiert eben. Man mag jemanden, obwohl er einem sehr fern zu sein scheint.
profil: Haben Sie mit Wayne nie über Ihre Weltsichten gesprochen, als Sie mit ihm 1976 „The Shootist“ drehten?
Bacall: Nein, wir waren politisch gar nicht einer Meinung.
profil: Also haben Sie es einfach vermieden, über Politik mit ihm zu sprechen?
Bacall: Sicher, man kann schließlich nicht jedermann ununterbrochen politisch herausfordern. Menschen haben manchmal auch andere Qualitäten, die sie trotz allem sympathisch machen können. John Wayne war so einer: auf der falschen Seite, aber ein großartiger Typ.