Waffentechnik: Sternenkrieger

Die US-Luftwaffe drängt darauf, High-Tech-Waffen im All zu stationieren. Präsident Bush entscheidet in den kommenden Wochen über die neue Doktrin für die militärische Nutzung des Weltraums.

Ein in Tokio zwischengelandetes nordkoreanisches Flugzeug steht im Verdacht, illegal Waffen zu transportieren. Die Atommacht Nordkorea weigert sich, eine Inspektion des Flugzeugs zuzulassen. Japan und die USA drohen mit drastischen Konsequenzen – doch Nordkorea reagiert nicht. Laut Erkenntnissen der US-Aufklärung werden zur gleichen Zeit in Nordkorea Mittelstreckenraketen scharf gemacht, sodass diese innerhalb von fünfzehn Minuten startbereit sind. In dieser knappen noch verbleibenden Zeit ist keine wie immer geartete militärische Intervention möglich. Nordkorea schweigt. Da entschließt sich das amerikanische „Strategic Command“ zum Einsatz eines bisher geheim gehaltenen, im All stationierten Hochenergielasers. Fünf Minuten und einen Knopfdruck später gehen die Raketenabschussrampen in Nordkorea in dunklem Rauch auf.

Das Szenario klingt nach Science Fiction. Doch für eine Koryphäe wie den Physiker Richard Garwin, der US-Regierungen seit fast 50 Jahren in Fragen der Sicherheit berät, ist es „durchaus vorstellbar, dass die USA in den nächsten 15, 20 Jahren ihre militärische Präsenz im Weltall deutlich ausbauen“. Derartige Spekulationen bekamen neue Nahrung, als die „New York Times“ Mitte Mai auf der Titelseite berichtete, die US-Luftwaffe dränge den US-Präsidenten George W. Bush zur Absegnung eines weltraumgestützten, ambitionierten Waffenprogramms. Es stünden nicht nur im Erdorbit stationierte Laserwaffen auf der Wunschliste der Air Force, sondern auch im Erdorbit schwebende Kanonen mit Hyperschallgeschossen sowie Radiowellenkanonen und Killersatelliten. Kurz: eine veritable Waffenkammer für den Krieg der Sterne. Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, räumte zwar ein, dass über eine neue Richtlinie für die militärische Nutzung des Weltraums debattiert würde, fügte aber etwas sibyllinisch hinzu: „Wir wollen keine Waffen im All, aber wir müssen doch sichergehen, dass unsere Satelliten im Orbit effizient geschützt werden.“

Die Befürchtungen, die USA könnten das All nicht nur technologisch, sondern bald auch militärisch dominieren, kommen nicht von ungefähr. Seit dem Anfang der achtziger Jahre vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan gestarteten SDI-Programm (siehe Kasten), das die Errichtung eines Raketenschutzschilds gegen das „Reich des Bösen“ vorgesehen hatte, aber nach einigen technischen Misserfolgen sang- und klanglos wieder eingeschlafen war, wälzt das US-Militär immer wieder Pläne zur waffentechnischen Nutzung des Weltraums. Eine vom heutigen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld geleitete Kommission warnte in einem im Jänner 2001 veröffentlichten Bericht, „Schurkenstaaten“ wie Nordkorea würden bald dazu in der Lage sein, die USA mittels Raketen anzugreifen. Deshalb sei sicherzustellen, dass der US-Präsident „die Option habe, Waffen im Weltraum zu stationieren“. Der löchrige Raketenschild, an dem die USA seither auf Bushs Geheiß basteln (siehe Kasten auf Seite 103), basiert auf derartigen Warnungen vor neuartigen Gefahren, denen sich die Vereinigten Staaten gegenübersähen.

Radiowellen. Im Jahr 2003 veröffentlichte die U.S. Air Force zudem ein Zukunftspapier mit der Bezeichnung „Transformation Flight Plan“. Darin sind gleich mehrere Forschungsprojekte für die Entwicklung von Weltraumwaffen genannt, in die das Pentagon mehrere Milliarden Dollar investiert und die es eines Tages auch zu verwirklichen hofft. Bis 2010 sollten die USA etwa in der Lage sein, feindliche Satelliten mit elektronischen Mitteln zu neutralisieren und fliegende Raketen schon kurz nach dem Start abzufangen. In beiden Fällen liegt die Luftwaffe bestens im Zeitplan: Bereits Anfang vergangenen Jahres ging das bodengestützte „Counter Satellite Communications System“ in Betrieb, das den Funkverkehr von Kommunikationssatelliten mithilfe so genannter Jammer durch Radiowellen lahm legen kann. Auch der „Airborne Laser,“ der demnächst an Bord eines Jumbos installiert werden soll, hat mit seiner fokussierten Stärke von rund 10.000 100-Watt-Glühbirnen im Testbetrieb bereits Raketen und Granaten im Flug erfolgreich abgeschossen.

Für die Zeit danach verfolgt die Air Force noch tollkühnere Pläne: Sie will einen unbemannten, aber bewaffneten Überschalljet bauen, der mithilfe eines 100 Kilometer hohen Sprungs über die Erdatmosphäre hinaus jeden Ort der Welt innerhalb von nur 45 Minuten erreichen kann. Und Jagdflugzeuge sollen eines Tages Raketen abschießen, um damit feindliche Satelliten aus dem erdnahen Orbit zu holen.

Allen diesen geplanten High-Tech-Waffen ist allerdings gemein, dass sie nicht im Weltall stationiert wären. Denn bis heute ist der Erdorbit waffenfrei. Zwar gab es einige unbeholfene Versuche der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten, während des Kalten Krieges Waffen im All zu positionieren: Die USA brachten 1962 im Weltraum eine Atombombe zur Explosion, die drei ihrer eigenen künstlichen Trabanten beschädigte, und die Sowjetunion schickte ein Dutzend Satellitenkiller in eine Umlaufbahn, deren Schrapnellwolken dort noch heute alles gefährden, was ihre Wege kreuzt. Seither leistet der erdnahe Weltraum den Militärs nur unterstützende Hilfe: um Angriffsziele auszumachen, die Kommunikation zwischen der Truppe und den Kommandozentren zu ermöglichen oder schlicht das Wetter vorherzusagen.

Doch längst hat die US-Luftwaffe eine neue Gangart eingelegt. In einem im August 2004 veröffentlichten Papier zur militärischen Strategie im Weltraum plädiert die Air Force dafür, ihr im All Killersatelliten, Laser oder Jammers zur Verfügung zu stellen. Nur diese Technologien würden sie zu dem befähigen, was Rumsfeld bereits 2001 gefordert hatte: die Infrastruktur der USA im All zu schützen, die gegnerische Nutzung des Alls zu verhindern und jedes Ziel auf der Erde zu jeder Zeit aus dem Orbit angreifen zu können. „Es gibt kaum Zweifel“, kommentiert Captain David C. Hardesty vom Naval War College in der Ostküstenstadt Newport in einem kürzlich veröffentlichten Essay, „dass Waffen im Weltall inzwischen ein akzeptierter Teil der Air-Force-Pläne sind.“

Die US-Streitkräfte haben unterdessen mehrere Milliarden Dollar in die Forschung zur Entwicklung von Weltraumwaffen investiert. Doch Experten schätzen, dass Investitionen von 220 Milliarden bis eine Billion Dollar nötig sein werden, bis diese Offensivsysteme tatsächlich einsatzbereit sind. „Die militärischen Vorteile, die wir durch solche Systeme im Orbit gewinnen, werden langfristig durch die ökonomischen und politischen Folgen aufgehoben“, erläutert Sicherheitsexperte Garwin seine Sicht. „Eine Aufrüstung im Weltraum schafft nur neue militärische Verwundbarkeiten, und es wäre eine Abkehr von seit fünfzig Jahren bestehenden diplomatischen Beziehungen und internationalen Verträgen.“

Energiewaffen. Das US-Militär hält aber dennoch an den hochfliegenden Plänen fest. Geplant sind vor allem drei Waffentypen für den Erdorbit:

  • Energiewaffen wie Laser sollen ihr Ziel direkt erhitzen, um es zu zerstören, und Radiowellen sollen elektronische Schaltkreise außer Gefecht setzen.
  • Kinetische Granaten ohne Sprengladung würden Ziele auf der Erde allein durch die Wucht ihres Aufpralls vernichten.
  • Mikrosatelliten sollen Satelliten ausschalten, indem sie explodieren oder das Ziel schlicht rammen.

Jedes dieser Waffensysteme bringt etliche Probleme mit sich. Zum Beispiel sind Laser, die sich auf irdische Ziele richten, machtlos gegen Rauch und Wolken. Selbst an eher heiteren Tagen streut die Atmosphäre noch ihr gebündeltes Licht. Dass der Strahl sein Ziel überdies mehrere Sekunden lang treffen muss, um Wirkung zu zeigen, erleichtert die Sache nicht gerade – vor allem wenn eine feindliche Rakete oder ein Satellit zur Strecke gebracht werden soll. Verfolgt das Ziel dann zu allem Überfluss noch eine unerwartete Bahn, dreht es sich oder ist es gar in reflektierendes Titaniumoxid gehüllt, richtet der Hochenergiestrahl wenig aus.

Unter den kinetischen Waffen sind futuristische Gottespfeile („Rods from God“) der Air Force liebstes Kind. Die aus Wolfram gefertigten und aus dem Orbit abgefeuerten zylindrischen Hyperschallprojektile sollen Ziele auf der Erde treffen. Trotz seines relativ geringen Gewichts von nur rund 100 Kilogramm entwickelt ein solcher Pfeil durch seine Beschleunigung auf mehr als 10.000 Kilometer pro Stunde eine Aufschlagskraft wie eine kleine Atombombe, allerdings ohne Strahlung. Doch eine derart durchschlagende Wirkung ist aufgrund der hohen Transportkosten ins All nur zum extrem hohen Preis von 66 Millionen Dollar pro Granate zu haben. Zum Vergleich: Ein Marschflugkörper kostet schlanke 600.000 Dollar.

Die am weitesten entwickelte Weltraumwaffengattung sind Mikrosatelliten, die bisher allerdings vorwiegend friedlichen Zwecken dienten. Im kommenden Jahr soll jedoch ein Satellit mit der Bezeichnung „Near Field Infrared Experiment“, kurz NFire, ins All starten, um aus seiner Position im Orbit Daten zu sammeln, die helfen, den heißen Abgasstrahl einer Rakete von ihrem Rumpf zu unterscheiden. Freilich könnte dieser Kleinsatellit auch einen Abfangflugkörper mit sich führen, was für einen ursprünglich schon für 2004 angesetzt gewesenen Testflug tatsächlich geplant war. Doch nach öffentlichen Protesten gegen den Beginn eines neuen Wettrüstens im Weltraum erklärte sich das Pentagon bereit, die explosive Waffenladung noch einmal zu überdenken.

Für den Krieg der Sterne wären Mikrosatelliten derzeit wohl die erste Wahl: Zum einen wurden dagegen bisher noch keine effektiven Abwehrmaßnahmen entwickelt, auch die komplizierte Steuerungstechnologie für die mitgeführten kleinen Abfangjäger stellt laut Experten kein unüberwindbares Hindernis dar. Außerdem haben Raumfahrttechniker mit Mikrosatelliten schon reichlich Erfahrung gesammelt: Der erste künstliche Erdtrabant, der 1957 ins All gestartete russische „Sputnik“, war aufgrund seines geringen Gewichts von nur 83,6 Kilogramm bereits der erste Mikrosatellit. Doch jeder potenzielle Gegenspieler würde von dieser Waffengattung mehr profitieren als die Vereinigten Staaten, einfach deshalb, weil die USA über eine viel umfangreichere und kostbarere Satellitenflotte im All verfügen und daher äußerst verwundbar sind.

Vor diesem Hintergrund bleibt unklar, welchen Gewinn sich die USA von der Aufrüstung im All versprechen könnten. Das sehen die Sternenkrieger im Pentagon naturgemäß anders. In ihren Augen müssen sich die USA den Erdorbit als strategischen Ort sichern, wenn sie sich die militärische Vorherrschaft in der Welt bewahren wollen. Laut Everett Dolman, Professor an der Air Force School of Advanced Air and Space Studies im US-Bundesstaat Alabama, stelle sich einfach die Frage, „ob es sich unser Land leisten kann, eines Tages erst der zweite Staat zu sein, der Waffen im Weltall stationiert“. Doch damit wäre ein neues Wettrüsten nahezu unvermeidlich, denn in die Ecke gedrängt wollten sich China, Russland oder auch Indien gewiss nicht sehen. Damit hängt alles davon ab, ob US-Präsident George W. Bush mit einer neu gefassten Militärdoktrin für den Weltraum den unverhohlenen Wünschen seines Verteidigungsministers und seiner Adlaten in den kommenden Wochen folgen wird.

Kleinsatelliten. Physiker Garwin, heftiger Kritiker der Weltraumpolitik der Falken um Pentagon-Chef Rumsfeld, weist außerdem darauf hin, dass es durchaus billigere und effizientere Wege gebe, sich gegen die Verwundbarkeit im Orbit zu schützen. In einem kürzlich im renommierten Elektronik-Fachjournal „IEEE Spectrum“ publizierten Artikel schlägt der Sicherheitsberater vor, im All statt weniger großer, leicht angreifbarer Satelliten doch eher ein dichtes Netzwerk vieler Kleinsatelliten zu spannen. Sollte ein Aggressor in dieses Netz unerwartet ein Loch reißen und so etwa die orbitale Überwachung einer Weltregion oder das GPS-Positionssystem schwächen, könnten diese Aufgaben für einige Zeit Stratosphärenballons und unbemannte Flugzeuge übernehmen.

Wer hingegen vorschnell nach Cowboyart die Weltraumwaffen zücke, könnte dies später bitter bereuen, sagt Garwin. In dem Beinahe-Clash-Szenario zwischen den USA und Nordkorea, mit dem Garwin seine Position zu illustrieren pflegt, beamt ein US-Laser Raketenabschussrampen in Nordkorea zu Schutt und Asche. Doch danach könnte sich die Geschichte ganz anders entwickeln, als es sich die US-Militärs erhoffen. Nordkoreas Leitzentrale bleibt intakt. Innerhalb von dreißig Tagen hat das Land seine Fähigkeit, Raketen abzuschießen, wieder hergestellt. In dem in Tokio zwischengelandeten Flugzeug werden keine illegalen Waffen gefunden. Wenige Monate später explodiert im All just jener US-Laser auf unerklärliche Weise, der Nordkorea angegriffen hat. Eine orbitale Mine steht im Verdacht. Woher sie kommt, ist unbekannt.

Jedenfalls enthüllten die USA auf diese Weise ihr geheimes Waffenprogramm. Ein peinliches Debakel.

Von Hubertus Breuer