Wir sind nicht zum Campen hier

Vor fünf Jahren entstand der erste Wagenplatz in Wien. Seither tobt der Kulturkampf um die urbanen Nomaden. Aber wer sind diese Leute? Hippies? Ein wenig, ja. Asoziale? Nein.

Irgendwie, irgendwann letzte Nacht sind die Dinge durcheinandergekommen. Wo Brillen waren, liegen Bücher, wo Katzenfutter war, ist Yoghurt, Hüte gingen auf Wanderschaft. Es herrscht Unordnung, wo nie wirklich Ordnung war. Trotzdem macht Oliver, 42, groß, hager, zurückgebundene Haare, einen halbherzigen Versuch, die Ursache des Mysteriums zu erkunden: „Du, oder?“ Er hat einen Verdacht, auch wenn Sophia, 23, rote Dreadlocks, schelmisches Grinsen, nie etwas zugeben würde – obwohl sie sich, ganz ehrlich, schon ein wenig dafür zuständig fühlt, Verwirrung zu stiften.

Oliver und Sophia sitzen an der Bar des Wagenplatzes in der Wiener Lobau, Oliver trinkt Kaffee, Sophia geht gleich noch eine Runde schwimmen, es zwitschert und dröhnt; das Dröhnen kommt von der Baustelle nebenan und von der Lokalbahn, die in der Nähe vorbeibraust. Sophia stammt aus Deutschland, studiert Internationale Entwicklung und hat sich davor in Mainz zur staatlich anerkannten Clown-Schauspielerin ausbilden lassen. Könnte schon sein, dass sie hinter dem nächtlichen Verwirrspiel steckt. Clowns wissen: Verwirrung tut gut. Weil das Leben ein Spiel ist. Oder zumindest weniger ernst, als man gern glaubt, da draußen, in der Stadt.
„Achtung: Wien“ – der Aufkleber am Palisadenzaun des Wagenplatzes ist innen angebracht, wer das Gelände verlässt, soll wissen, was ihn erwartet. Andererseits wissen die Wagenplatzbewohner recht genau, was sie da draußen erwartet: ihr Job, ihr ganz normales Leben, im Büro, in der Werkstatt, auf der Uni, im Fernsehstudio. Wagenplatzbewohner sind keine Aussteiger oder Chaoten, eine modernere Art von Hippies vielleicht, aber weder Weltfremde noch Asoziale – auch wenn sie in der öffentlichen Auseinandersetzung um den Wagenplatz und seine wechselnden Standorte oft so genannt werden.

Oliver zum Beispiel, Filmemacher und Fotograf:
Vor zwei Jahren, als der Wagenplatz noch beim Alberner Hafen logierte, rutschte er irgendwie hinein ins Wagenleben. „Ich wollte eine Doku über den Platz drehen und habe schnell gemerkt, dass mir das als Fremder nicht gelingen wird“, sagt er: „Also bin ich immer wieder hergekommen und habe irgendwann mein Zelt aufgestellt.“ Und irgendwann ist er dann geblieben. Oliver geht zum Postkasten beim Eingangstor zum Wagenplatz – beides unversperrt, natürlich, Postkasten wie Eingang –, fischt Krankenkassen- und Finanzamtpost heraus, sortiert und verteilt. Am Postkasten ein Schild: „Freiheit aushalten“. Stimmt: Das muss man können. Hier könnte es gelingen.

Oliver führt über den Platz, vorbei an blauen Wägen, weißen Wägen, lila Wägen und rosa Wägen, an Bauwägen, Zirkuswägen, Lastwägen und Wägen, denen ihr Wagensein nicht mehr anzusehen ist. Unter Nussbäumen stehen Sitzgelegenheiten: alte Sofas und Barhocker, daneben Gemüsegärten, in denen Salat, Kohlrabi, Mangold und Kräuter wachsen. Ein paar wohlgenährte Hühner picken im Boden, weiter hinten sitzt jemand vor seinem Wagen und tippt in den Laptop. „Dreck ist Freiheit“ steht auf Olivers Wagen, der innen trotzdem erstaunlich sauber ist und aussieht wie ein ganz normales WG-Zimmer: Bett, Küchennische, Schreibtisch mit Laptop, Kästchen, alles schön verstaut und liebevoll dekoriert. Die noch größere Freiheit ist trotzdem der noch größere Wagen, den Oliver sich gerade baut. Das wird zwar noch dauern, aber Eile hat hier, so weit stimmt das Hippie-Klischee, keinen Platz.

Vor fünf Jahren beschlossen drei Studenten, auf einer Wiese in der Nähe des Wiener Zentralfriedhofs einen Bauwagen aufzustellen und dort zu leben. Warum? „Wir wollten unsere Ruhe haben und draußen in der Natur zusammenleben“, sagt Martin, 35, Psychologe und einer der drei Wagenplatzgründer. In Spanien und Deutschland, wo Wagenplätze eine lange Tradition haben (selbst in einer mittleren Kleinstadt wie Mainz gibt es fünf Standorte), hatten sie das Draußenleben kennen gelernt. Warum nicht auch in Wien? Nun: weil Wien halt immer noch ein bisschen anders funktioniert. Es folgten diverse Standortwechsel, die Gruppe wurde größer, auch die Schwierigkeiten mit Behörden, Anrainern und Lokalpolitikern häuften sich. Letztlich bot die Stadt den urbanen Nomaden ein Grundstück in der Lobau an, ursprünglich für symbolische 500 Euro pro Jahr. Nach Protesten der FPÖ („Lärm, Müll, Gestank und hygienische Zustände wie in der Dritten Welt“) wurde ein reguläres Mietverhältnis veranschlagt – für 20.000 Euro. Schließlich einigte man sich auf einen etwas kleineren Platz für etwas weniger Geld, der allerdings schon wieder etwas eng wird – auch weil, wenige Tage nach dem Bezug, wenige Meter neben dem neuen Platz die Bulldozer auffuhren. Die Stadt errichtet dort in den nächsten drei Jahren einen Entlastungskanal, die Bohrmaschinen bohren, und die Wagenplatzleute versuchen, sich nicht verarscht zu fühlen. „Ein komischer Beigeschmack bleibt schon, auch wenn wir niemandem eine Absicht unterstellen wollen“, meint Filmemacher Oliver. „Und eigentlich ist es ja cool hier, wir wollen uns auch nicht beschweren.“

Beschwerden gibt es trotzdem, sie kommen von einem anderen Grundstück ein paar hundert Meter weiter. Edi Havranek, 73, pensionierter Kraftwerkstechniker, rosiger Teint, stattlicher Bauch, Freizeittrainingsanzug, stellt den Rasenmäher ab, schickt seinen Schäferhund Tessa ins Körbchen und empört sich: „Ich sage: Nein, das passt nicht hierher in unsere Lobau.“ Havraneks 4000-Quadratmeter-Grundstück grenzt zwar nicht an den Wagenplatz, er hört auch keinen Lärm von da drüben, als Obmann des Siedlervereins Lobau vertritt er aber 55 mehr oder weniger direkte Anrainer und lässt sich seine Interessen ganz bestimmt nicht wegdiskutieren: „Sofort, als es geheißen hat, dass der Wagenplatz kommt, war ich dagegen und habe eine Unterschriftenliste gestartet.“ Vergeblich, Wohnbaustadtrat Michael Ludwig setzte den Platz durch. Seit 1968 lebt Havranek hier, die Großeltern ließen sich schon 1924 in der Lobau nieder, als Angehörige der ersten Siedlungsbewegung, damals noch unter „fürchterlichen Umständen“, meint Havranek. Aber was stört den Nachkommen der ersten Lobausiedler denn so an den neuen Siedlern, mit denen er, nüchtern betrachtet, gar nicht so wenig gemeinsam hat? „Ich verstehe ja, dass Leute frei leben wollen, aber wie es dort ausschaut, da speib ich mich an. Ich sage immer: Gehts doch in den Safaripark, da ist genug Platz, und da störts auch niemanden.“

Doch während der Safaripark zu Gänserndorf schon seit Jahren vor sich hin verwittert, erlebte der Lobauer Wagenplatz zuletzt eine seltsame Karriere als städtische Sehenswürdigkeit. Das Architekturzentrum veranstaltete im Herbst eine Führung hierher, regelmäßig besuchen Schulklassen oder Uni-Seminargruppen den Platz, Fotoreportagen werden gemacht, unlängst schauten sogar Reporter eines norwegischen Magazins vorbei. Das freut die Bewohner einerseits, stößt ihnen aber auch sauer auf: „Manchmal scheint es fast, als wären wir ein Vorzeigeprojekt für die Stadt Wien. Andererseits macht man uns immer wieder das Leben schwer.“ Martin kann sich ein nachdenkliches Kopfschütteln nicht verkneifen – und muss gleich noch einmal nachdenken, als die Frage aufkommt, wie viele Menschen hier eigentlich leben. Oliver und Martin kommen ins Grübeln, zählen Wägen, nun, 17 oder 18 Personen sollten es wohl sein. „Aber so genau kann man das nie sagen. Es gibt immer Wackelkandidaten, Leute, die noch nicht ganz oder nicht mehr ganz hier leben.“ Die Übergänge sind fließend. „Wir bekommen schon auch Anfragen per E-Mail, ob man hier einziehen könnte. Aber so funktioniert das nicht. Wir sind ja kein Campingplatz.“ Martin erzählt von Gästen, die nach minutiöser Einzugsplanung und allgemeinem Okay nie mehr wieder auftauchten, und anderen, „die auf Besuch vorbeikommen und nie mehr gehen“.

Anders als in den nordamerikanischen Trailerparks, die im Zuge der Wirtschafts- und Immobilienkrise vermehrt auch zum Notquartier für bankrotte Mittelständler avancieren, lebt hier niemand aus reiner Geldnot, sondern weil es, so banal wie einfach, schön ist. „Kürzlich waren meine Eltern zu Besuch“, erzählt Sophia: „Sie haben gesagt: Da ist es ja wie im Urlaub.“ Das ist es tatsächlich. Alles wirkt leichter hier, unangestrengter, obwohl die üblichen Komfortbestandteile des städtischen Lebens weitgehend fehlen. Dafür hat hier einiges, wofür üblicherweise sehr viele städtische Komfortbemühungen aufgewendet werden, eine einfache Selbstverständlichkeit: Natur en masse, Sozialleben galore, Badeteiche vor der Tür. „Das Improvisierte perfektionieren“ nennt Martin das Grundgesetz des Wagenplatzlebens. Hier herrscht eine kontrollierte Form von Freiheit, eine entschärfte Art von Kommunenleben ohne Gemeinschaftsbesitz, freie Liebe oder Gruppendynamik, eine durchaus bürgerliche Form von Andersleben. Dem entspricht die Bevölkerung des Platzes, „ein Stück österreichische Leitkultur“ laut Martin, dem Psychologen. Unter den Wagenplatzbewohnern sind Studenten, Freiberufler, Handwerker, Ausstatter, Mechaniker. Lena, die als Physikerin im AKH arbeitet, hat vor Kurzem das erste Wagenplatzkind geboren: Neo, sechs Monate alt. Das bringt Oliver, den Filmemacher, auf einen verwegenen Gedanken, der ihm selbst ein wenig seltsam vorkommt: „Irgendwie fast wie Familie hier, oder?“ Irgendwie schon.