Wahlen: Heinz, der Erste! Gusenbauer im Glück, Schlappe für Schüssel

Sonntagvormittag, die Wahllokale waren schon seit drei Stunden geöffnet, brach im Lager Heinz Fischers plötzlich schwere Unruhe aus. Eine am Vortag durchgeführte Ifes-Umfrage zeige beide Kandidaten nun doch gleichauf, so ein Gerücht, das in Wiens politischen Kreisen, vor allem aber in den Zeitungsredaktionen sofort die Runde machte.

Fünf, vielleicht sogar acht Prozent werde Heinz Fischer vor seiner Gegenkandidatin liegen, hatten noch in der letzten Wahlkampfwoche praktisch alle Institute prognostiziert. Selbst die treuesten Bürgerlichen schienen nicht mehr an einen Erfolg von Benita Ferrero-Waldner zu glauben. „Viel deutet darauf hin, dass Heinz Fischer neuer Bundespräsident der Republik wird“, schrieb „Presse“-Chefredakteur Andreas Unterberger in seinem Samstag-Leitartikel.

Und jetzt doch wieder Kopf an Kopf?

Sonntag, 17 Uhr war der Sturm im Wasserglas vorbei: Heinz Fischer hatte seine Gegenkandidatin um 4,8 Prozentpunkte abgehängt.

„Es war kein Kopf-an-Kopf-Rennen, und dieses Ergebnis ist nicht knapp“, meint der OGM-Forscher Peter Hajek.

Die Zahlen bestätigen das. Nur Waldheim gegen Steyrer – Abstand 7,8 Prozentpunkte – ging deutlicher aus. Der Vorsprung der Präsidentenlegende Rudolf Kirchschläger vor dem ÖVP-Kandidaten Lois Lugger betrug 1974 hingegen nur 3,3 Prozentpunkte. Die Wiederwahl-Kandidaturen von Jonas, Kirchschläger und Klestil zeigten naturgemäß größere Abstände.

Fischer erwies sich als famoser Kandidat. „Er hat am Anfang gesagt: ,Seien Sie sich klar: Ich werde mich nicht verbiegen‘“, erinnert sich Alois Schober, Chef der Werbeagentur Young & Rubicam, an die erste Sitzung zur Entwicklung der Werbestrategie. „Der Wahlkampf hat einfach zum Kandidaten gepasst“, bestätigt OGM-Chef Wolfgang Bachmayer, „er war ruhig und wie auf Schienen.“

Der Einsatz Heinz Fischers in der Wahlkampagne brachte manchen Roten ins Grübeln. Josef Cap: „Wir müssen uns fragen, warum wir jahrzehntelang eine solche Kanzlerreserve in unseren Reihen hatten, ohne sie zu nützen. Man hat immer geglaubt, er sei ein schlechter Wahlkämpfer.“

Dabei war der Sieg keineswegs immer ausgemachte Sache.

Noch im November war Benita Ferrero-Waldner mit grandioser TV-Präsenz als Außenministerin um acht Prozentpunkte vor ihrem wahrscheinlichen Konkurrenten gelegen.

Um den Jahreswechsel war ihr Vorsprung verspielt. Ferreros schwankende Haltung in der Neutralitätsfrage, eine patscherte TV-„Pressestunde“, die VP-internen Debatten um ihre Kandidatur und die reibungslose Nominierung Fischers ließen sie in den Umfragen absacken.

Dann folgte auch noch die verkorkste Präsentation: Am selben Tag, als die Regierung in Salzburg die Steuerreform präsentierte, outete sich die Außenministerin in Wien als Präsidentschaftskandidatin. „Ferreros Nominierung ist nicht das Thema“, schnaubte Wolfgang Schüssel unwirsch auf Journalistenfragen.

Aufschwung und Dämpfer. Ab Mitte Februar fasste der Wahlkampf der Ministerin Tritt: Die auffallenden Plakate sorgten für Gesprächsstoff, das Frauenthema schien zu greifen.

In der zweiten Märzwoche setzte es für Fischers Kampagne einen argen Dämpfer: Die überfallsartige Koalitionsbildung zwischen FPÖ und SPÖ in Kärnten, die wirren Erklärungsversuche und die Gusenbauer-Debatte schadeten ihm in den Umfragen. Sein Vorsprung schmolz auf einen Prozentpunkt zusammen. Potenzielle Fischer-Wähler bei den Grünen waren von den Kärntner Vorgängen erheblich irritiert.

Die Wende kommt mit dem TV-Duell im ORF. Die Presse-Kommentare für Ferrero fallen zwar wohlwollend aus, weil viele Journalisten ihren Totalabsturz erwartet hatten. Das Publikum hatte aber offenbar eine andere Messlatte. Die Außenministerin hatte sich in der TV-Debatte überdies auf gefährliches Terrain begeben, indem sie mit dem ausgefuchsten Juristen und langjährigen Parlamentspräsidenten Fischer Fragen der Nationalratsgeschäftsordnung diskutierte und dabei das Zinken von Stimmzetteln durch die FPÖ verteidigte. Genüsslich schlachtete die SPÖ in der letzten Wahlkampfphase das Thema aus.

Obwohl viele Beobachter Fischer in der TV-Debatte mehr zugetraut hätten als seiner Gegenkandidatin, hatte der SP-Mann den Auftritt nicht auf die leichte Schulter genommen. Stundenlang trainierte er am Vortag vor laufender Kamera unter der Anleitung von TV-Profi Josef Broukal im Renner-Institut, der SP-Parteiakademie.

Den (getrennten) Auftritt der Kandidaten im Privatsender ATVplus am Sonntag vor der Wahl entschied Fischer dann klar für sich: Ferrero wirkte müde, ausgelaugt.

Außer Tritt. Bezeichnend für die in dieser Wahlkampfphase außer Tritt geratende ÖVP-Kampagne: Bei der Mobilisierung der eigenen Fans für das ATV-Televoting nach der Diskussion war in einem SMS an Funktionäre, die sich die Debatte nicht angesehen hatten, irrtümlich jene Telefonnummer angegeben worden, mit der man Ferrero das Misstrauen aussprach. Folge: Nur 46 Prozent waren von Ferrero überzeugt, 54 Prozent gefiel sie nicht. Für Fischer waren zuvor 70 positive und nur 30 Prozent negative Anrufe eingegangen.

Der Einstieg Jörg Haiders in den Wahlkampf zehn Tage vor der Wahl brachte der Fischer-Kampagne einen weiteren Schub. Etwas fadenscheinig hatte sich die FPÖ an die Kandidatin des Koalitionspartners herangepirscht: Zuerst outeten sich die Politikergattinnen Claudia Haider und Renate Haupt als Ferrero-Fans; dann zog Jörg Haider einen Tag mit der Ministerin in Wahlkampfmanier durch Kärnten und unterzog sie anschließend einem lachhaften Schein-Hearing. Schließlich gründete noch just die so ruhmlos aus dem Amt geschiedene Verkehrsministerin Monika Forstinger ein FPÖ-Damenkomitee zur Unterstützung Ferrero-Waldners.

Das FP-Hearing mit Heinz Fischer in Wien lief am Dienstag vor der Wahl erwartungsgemäß weit weniger harmonisch ab als jenes mit der Außenministerin.

Die Argumentationslinie, die der SPÖ-Kandidat im Verhör der Freiheitlichen verfolgen sollte, war zuvor in der so genannten Strategiegruppe festgelegt worden, an der auch Fischers Gattin Margit teilgenommen hatte: freundlich in der Form, hart bei den Inhalten.

Der am Abend von der „Zeit im Bild“ wiedergegebene Hearing-Ausschnitt, in dem sich Fischer vor versammelter FPÖ-Mannschaft hartnäckig von Haiders NS-Beschäftigungslob abgrenzte, war für den Kandidaten pures Gold. Der Politologe Peter Filzmaier: „Das brachte einen Mobilisierungsschub bei den Unentschlossenen, im grünen und im SPÖ-Lager.“

Der Kärnten-Schnitzer der SPÖ war damit einigermaßen wettgemacht.

Als Jörg Haider zwei Tage vor der Wahl seine persönliche Stimme für Ferrero ankündigte, sorgte das bei der Fischer-Schlusskundgebung im Wiener Museumsquartier schon eher für Freude.

„Die Wahlempfehlungen der Freiheitlichen vertrieben Ferrero-Waldner die jungen Frauen“, meint der Demoskop Günther Ogris vom Institut SORA. „Man kann nicht um schwarz-grüne Wähler mit Jörg Haider im Rucksack kämpfen.“

FPÖ-Chefin Ursula Haubner teilt diese Analyse im Gespräch mit profil keineswegs: „Man sieht doch das hervorragende Ergebnis in Kärnten: Wo Freiheitliche eine Frau unterstützen, da kann sie was werden.“

Analyse. Genauere demoskopische Grundlagen für Heinz Fischers Triumph bietet die Wählerstromanalyse des SORA-Instituts:

  • Die SPÖ hat ihre Anhänger in hohem Maß mobilisiert: 83 Prozent all jener, die bei der Nationalratswahl von 2002 die Sozialdemokraten gewählt hatten, stimmten diesmal für Fischer. Nur sechs Prozent konnten sich für Ferrero erwärmen, der Rest blieb zu Hause.
  • Der Mobilisierungsgrad der ÖVP-Wähler für die schwarze Kandidatin lag hingegen nur bei 69 Prozent. Immerhin zwölf Prozent der ÖVP-Wähler des Jahres 2002 entschieden sich für Fischer.
  • Die freiheitlichen Sympathisanten folgten den Empfehlungen ihrer Parteispitze offenbar nur in Kärnten wirklich. 47 Prozent der Blauen von 2002 wählten Benita, 45 Prozent blieben zu Hause. Heinz Fischer mochte das 2002 so klein gewordene FP-Trüppchen freilich gar nicht: Bloß acht Prozent konnten sich zu einer Stimme für den Roten durchringen.
  • Bei den Grünen wählte eine absolute Mehrheit (56 Prozent) Fischer, für 13 Prozent war offenbar der Faktor Frau ausschlaggebend. Jeder dritte Grüne von 2002 ging nicht zur Wahl.
  • Die Nichtwähler des Jahres 2002 waren nicht zu gewinnen: 92 Prozent von ihnen blieben auch der Präsidentenwahl fern.

Insgesamt scheint der Frauenfaktor weniger ins Gewicht gefallen zu sein als angenommen. Laut der Wahltagsbefragung des Meinungsforschungsinstituts OGM gewann Fischer bei den Männern mit 55 zu 45 Prozent. Bei den Frauen endete das Rennen 49 zu 51. Im Lager Ferrero-Waldners hatte man sich bei den Frauen einen klaren Vorsprung erhofft.

Alfred Gusenbauer kann, vorerst jedenfalls, aufatmen. Hätte Heinz Fischer das Rennen um die Hofburg verloren, wäre bei den Sozialdemokraten noch am Wahlabend eine heftige Führungsdebatte entbrannt.

Personalpolitik. Im Getöse der letzten Wahlkampftage wurden in der SPÖ wichtige personelle Weichen gestellt, die am Dienstag vom Parteipräsidium abgesegnet werden sollen:

  • Den Prestigeposten des Zweiten Nationalratspräsidenten, der durch die Übersiedlung Heinz Fischers in die Hofburg frei wird, bekommt SPÖ-Frauenchefin Barbara Prammer.
  • Damit wird Prammers Funktion als stellvertretende Klubobfrau vakant. Diese soll nun Josef Broukal übernehmen. Der ehemalige ORF-Star lässt dafür ein verlockendes Angebot des Privatsenders ATV fahren, der ihn als Anchorman heuern wollte.
  • SPÖ-Spitzenkandidat bei der Europawahl am 13. Juni wird aller Voraussicht nach der derzeitige Fraktionschef im Europaparlament, Hannes Swoboda. Wohl nicht zufällig sprach Swoboda Sonntagabend als erster Redner bei der Siegesfeier vor dem Parteihaus in der Löwelstraße.

Bezeichnend für Heinz Fischers Triumph war unter anderem die Spannweite des politischen Spektrums, das die Schlachtenbummler im Zelt vor der Wahlkampfzentrale repräsentierten. Mit Freda Meissner-Blau, Gertraud Knoll, Heide Schmidt und Richard Lugner freuten sich nicht weniger als vier ehemalige Präsidentschaftskandidaten über seinen Sieg.

Wobei Richard Lugners Stimme für Heinz Fischer innerfamiliär umstritten war: Gattin Christine „Mausi“ Lugner hatte sich im Wahlkampf für Benita Ferrero-Waldner stark gemacht.

Still saß ein alter, aber rüstiger Herr auf einem Sessel in der Wahlkampfzentrale: Otto Binder, 92, war am Tag genau 66 Jahre vor der Wahl seines Schwiegersohns Heinz Fischer ins Konzentrationslager Dachau deportiert worden.