Wahr ist vielmehr

Darf Alf Poier beim Song-Contest die Wahrheit singen?

Fällt einem ja gar nicht leicht, ihn zu verteidigen. Alf Poier ist so knapp ein Künstler, wie der Eurovisions-Song-Contest eine künstlerische Angelegenheit ist. Eher nicht also. (Obwohl zum Beispiel: „Gestern schienen alle meine Sorgen so weit weg. Oh, ich glaube an gestern!“ – Auch nicht unbedingt ein Textlein von W. B. Yeats. Aber das ist eine andere Baustelle.)

„Es ist hart, aber das läuft unter künstlerischer Freiheit“, sagt Markus Spiegel. Er ist laut „News“ derzeit „Contest-Konsulent“. Stimmt das also? Nicht zu beantworten. Spiegels Satz ist ein Nichtsatz. Es gälte zu fragen, wo die Grenzen der „künstlerischen Freiheit“ beim Liedchenträllern sind, was „Freiheit“ ist und was „künstlerisch“, was „läuft“, wo „hart“ im Gegensatz zu einem allfälligen „weich“ anzusetzen ist, ob „es“ wirklich „es“ ist und warum der Rest „aber“ ist. Spiegels Satz ist kein Argument gegen die Argumente, sondern ein Instrument gegen die Angriffe.

Diese Angriffe: Anas Shakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs, glaubt: „Der Liedtext vergiftet die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den zwei größten Religionsgemeinschaften unserer Welt.“ Omar Al-Rawi, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft, sagt: „Das Lied spielt mit Klischees und schürt Ängste. Wenn so ein Lied Österreich beim Song-Contest vertritt, werde ich das nicht hinnehmen.“ Al-Rawi ist auch Landtagsabgeordneter der SPÖ in Wien.

Kabarettist Alf Poier ist laut „News“ „eine Art Schlingensief der Kleinkunstkeller“. Das ist er nicht. Er ist die Kleinkunst im Keller. 2003 wurde er Sechster beim Song-Contest. Jetzt will er wieder antreten und hat ein Lied geschrieben, das „Good Old Europe Is Dying“ heißt und diese Zeilen enthält: „… und weil sich Mohammed so gut vermehrte, singt schon bald in Rom der Muezzin …“

Der Text ist Schwachsinn, kinderverblödend, erwachsenenverführend, antiintellektuell, hammelquälend: Laut Duden und laut Google „singt“ der Muezzin nämlich nicht, er „ruft“ vielmehr. Jemanden zum Gebet „singen“ geht doch gar nicht.
Und sonst? Die Aufregung im ORF ist groß. Bei den Grünen auch. „tv-media“ titelt: „Poier: Hetze gegen Muslime“. Stimmt das?

Nein, stimmt nicht. Und zwar stimmt es nicht deshalb nicht, weil folgende Aussage des Herrn Poier wirklich stimmt: „Schließlich ist es eine Tatsache, dass sich der Islam stärker vermehrt als das Christentum.“ Die Zahlen stimmen: Klar gibt es heute mehr Muslime in Wien, Österreich, Deutschland, Europa als vor 20 Jahren und weniger Christen. Absolut wie relativ. Die Zuwanderung ist hoch, die Fruchtbarkeitsrate höher.

Aber: So what? Richtig heißt nicht bindend berechtigt. Wahrheit ist dem Menschen nicht zwingend zumutbar. Das Schweigen schlägt schnell mal das Sprudelndsprechen. Der Satz „Schwarze sind bessere Boxer“ ist so wahr, wie er in einem Kärntner Kountry Klub vielleicht Rassismus ist. „Die Frauen bekommen die Kinder“ hält wissenschaftlicher Überprüfung stand und gerät bei den Herren in der Industriellenvereinigung dennoch zur Diskriminierung. „Unter den Drogenhändlern gibt es sehr viele Afrikaner“ ist richtig und würde im Munde Jörg Haiders doch zur Grütze.

Aber Alf „Schlingensief“ Poier?

Poier fehlt die Vorgeschichte, die seinem Satz die Hetze herauszaubert. Österreich fehlt die einschlägige Vergangenheit, die ein Feinwiegen der Worte verlangt. Europa ist kein Hort der Vorurteile gegen Muslime. Der Muezzin in Rom ist dämlich, aber keine Vergiftung.

Feinwiegen ist wichtig. Der beckmesserische Gebrauch der Feinwaage ist ärgerlich. Deren Missbrauch ist gefährlich.

Satz ist nicht Satz: Wer kontextfrei gleichsetzt, der manipuliert und macht punkttreffende Kritik unmöglich. Sprecher ist nicht Sprecher: Wer Gesprochenes nicht mit einem Vorwissen über den Sprechenden ins Verhältnis bringt, der reduziert Inhalte auf Zeichensätze. Publikum ist nicht Publikum: Das Wahre ist nicht allem Menschlichen in gleicher Form zumutbar. Wer undifferenziert zumutet, wird falsch verstanden.

Alf Poier ist nicht ausländerfeindlich, wenn er in einem Schlagertext sagt, die christliche Identität verliere in Europa Bedeutung.

profil ist nicht antisemitisch, wenn es über einen Investor sagt, dass er jüdischen Glaubens ist. (Anmerkung: Wer das behauptet, hat in jenem Moment den miserabelsten Text seines Lebens geschrieben.)

Selbst His Royal Highness Harry wird nicht zum Nazi, wenn er sich als Nazi verkleidet. Er bleibt das dumme Prinzlein in seiner Monarchie genannten Komödie.