„Warnsignal für Herzinfarkt“

Frank Sommer, 37, ist Privatdozent und Spezialist für Männergesundheit und männliche Sexualstörungen. Er wurde für seine wissenschaftlichen Arbeiten auf diesem Gebiet mehrfach ausgezeichnet.

profil: Laut einer aktuellen Wiener Studie haben 32,2 Prozent der Männer zwischen 20 und 80 Jahren Erektionsprobleme. Halten Sie das für realistisch?
Sommer: Wir haben dazu im Vorjahr in Köln mit 20.000 befragten Männern und Frauen die weltweit größte Umfrage gemacht.
profil: Mit welchem Ergebnis?
Sommer: 20 Prozent aller Männer zwischen dem 20. und 80. Lebensjahr haben mittel- bis schwergradige Erektionsstörungen. Wenn man die leichteren Erektionsstörungen dazunimmt, kommt man auf über 30 Prozent.
profil: Aber der Hauptanteil wird wohl eher bei den älteren Männern liegen?
Sommer: Die Erektionsstörungen nehmen pro Altersdekade signifikant zu. Zwischen dem 30. und dem 39. Lebensjahr sind vier Prozent der Männer betroffen, zwischen dem 50. und 59. Lebensjahr 19,7 Prozent, und bei den 70- bis 80-Jährigen sind es 57,3 Prozent.
profil: Die Wiener Studie ortet auch schon Probleme bei 20- bis 30-Jährigen.
Sommer: Da liegt der Prozentsatz allerdings sehr niedrig.
profil: Was sind die Hauptursachen?
Sommer: Man muss zwischen organischen und nicht organischen Störungen differenzieren.
profil: Früher hieß es, 80 Prozent der Erektionsstörungen seien psychisch bedingt.
Sommer: Mittlerweile weiß man, dass nur noch zehn bis 15 Prozent dieser Störungen rein psychosomatisch sind.
profil: Was sind denn die organischen Ursachen?
Sommer: Störungen der Muskulatur, der Blutgefäße am Penis und Nervenstörungen. Dazu kommen Störungen im Hormonhaushalt.
profil: Weniger Testosteron bedeutet weniger Libido. Führt dieser Mangel nicht zwangsläufig zu Potenzstörungen?
Sommer: Eine verringerte Libido heißt noch nicht, dass ich Erektionsstörungen habe. Testosteron hält den Schwellkörper fit. Freilich ist der Schwellkörper bei Älteren nicht mehr so gut strukturiert wie mit 25 oder 30 Jahren.
profil: Wie sehen Sie den Zusammenhang von Lebensstil und Potenz?
Sommer: Es gibt eine signifikante Korrelation mit körperlicher Aktivität, Body-Mass-Index, Fettgewebe. Leute, die regelmäßig Sport treiben und auf ihre Ernährung achten, sind im Allgemeinen potenter als Couch-Potatoes, die nicht auf ihre Ernährung achten.
profil: Worauf muss man achten?
Sommer: Es gibt keine spezielle Ernährungslehre für Erektion. Man sollte generell auf eine ausgewogene Ernährung achten, mit viel Gemüse und wenig cholesterin- und fetthaltiger Nahrung.
profil: Und Rauchen?
Sommer: Raucher haben gegenüber Nichtrauchern ein zwei- bis dreifaches Risiko, Erektionsstörungen zu bekommen.
profil: Alkohol schadet weniger?
Sommer: In Maßen scheint das keinen Einfluss zu haben, aber Missbrauch führt zu neurotoxischen Störungen und hat daher negative Auswirkungen auf die Erektion.
profil: Welche Art von Sport begünstigt die Erektion?
Sommer: Positiv sind Sportarten wie Laufen, Rudern, bei denen der Wechsel von hoher und niedriger Belastung zu einer verbesserten Durchblutung im Becken und des Penis führt. Durch vermehrte Sauerstoffzufuhr bleibt die Struktur des Penis geschmeidig. Negativ sind Sportarten wie Reiten oder Radfahren, wo die Hauptversorgungsgefäße des Penis abgedrückt werden.
profil: Schaden enge Hosen?
Sommer: Die sind schädlich für die Hoden und die Zeugungsfähigkeit, weil es zu einem Wärmestau in der Hodenregion kommt. Auf die Erektion hat das direkt keinen Einfluss.
profil: Welche Rolle spielt der psychische Druck?
Sommer: Die Mischform – organische Schäden plus seelische Probleme – ist die häufigste Form von Erektionsstörungen. Durch die Veränderung des Frauen- und auch des Männerbildes in der Gesellschaft lastet ein sehr hoher Leistungsdruck auf dem Mann. Und der macht natürlich psychogene Störungen.
profil: Definieren sich Männer über ihre Sexualität?
Sommer: Studien haben gezeigt, dass Männer ihre Männlichkeit über ihre sexuelle Aktivität und ihre Potenz definieren. Wenn sie Erektionsstörungen haben, führt das nicht nur zu einer Einschränkung ihrer Lebensqualität, sondern auch ihres Selbstverständnisses.
profil: Auf der anderen Seite lesen Frauen in den Frauenmagazinen, wie einfühlsam ein Mann sein soll, wie viel Streicheleinheiten sie kriegen sollen und wie potent er sein soll, um sie zu befriedigen.
Sommer: Die Erwartungen, die die Frauen heute an Männer haben, legen die Messlatte natürlich sehr hoch. Und das wirkt sich als Leistungs- und Leidensdruck auf die Männer aus.
profil: Inwiefern spielt Stress eine Rolle?
Sommer: Es ist klar, dass sich steigender wirtschaftlicher Stress und jede Art von Druck negativ auf die Erektionsfähigkeit auswirken. Wenn der Mann entspannt und relaxt ist, können die parasympathischen Nerven gut aktiviert werden, um eine gute Erektion zu haben.
profil: Reden Männer heute eher über ihre Potenzprobleme als früher?
Sommer: Vor zehn Jahren haben wir nur schwere Fälle von Erektionsstörungen gesehen, ganz wenige in der Woche, und die Patienten haben zehn Jahre gewartet, bevor sie zum Arzt gegangen sind. Jetzt sehe ich das Zehn- bis 20fache an Männern mit Erektionsstörungen, und sie warten durchschnittlich zwei Jahre, bevor sie zum Arzt gehen.
profil: Gibt es eine Korrelation zu anderen Erkrankungen?
Sommer: Studien belegen einen Zusammenhang von Erektionsproblemen und Herzerkrankungen. Die Penisgefäße sind die sensibelsten Gefäße im Körper. Bei sexueller Erregung muss bis zu 100-mal mehr Blut durchfließen. Es gibt kein anderes Gefäßsystem im Körper, das so eine Leistung erbringen muss.
profil: Daher zeigen sich dort Gefäßerkrankungen zuallererst?
Sommer: Man hat bei den Patienten, die erstmals mit Erektionsstörungen zum Arzt gekommen sind, das Herz untersucht und festgestellt, dass 40 Prozent dieser Männer Herzprobleme haben. Und wir wissen auch, dass die Erektionsstörung vier bis sechs Jahre vor dem Herzinfarkt auftritt.
profil: Wie untersucht man das?
Sommer: Durch eine spezielle Ultraschalltechnik, mit der man den Blutdurchfluss in den Arterien des Penis feststellen kann.
profil: Was sagen die Männer, wenn sie zu Ihnen kommen?
Sommer: Dass es nicht mehr so gut klappt wie früher, dass der Penis nicht mehr hart genug wird, um die Partnerin zu penetrieren. Oder dass sie zwar den Geschlechtsverkehr ausüben, aber die notwendige Härte des Penis nicht lang genug aufrechterhalten können. Die Männer, die absolut keine Erektion mehr zustande kriegen, sind höchstens fünf Prozent.
profil: Spielt nicht das Stimulationstalent der Partnerin auch eine Rolle?
Sommer: Das ist auf jeden Fall ein Punkt, aber nicht für die Erektionsstörung ausschlaggebend.