Warum erst jetzt?

Auschwitz ist uns heute näher als in den vergangenen Jahrzehnten.

Warum gedachten die UN erst vergangene Woche in einer Sondersitzung das erste Mal der Shoah? Warum feierten die Staatschefs Europas, Russlands und Israels erst vorigen Donnerstag in großem und repräsentativem Rahmen den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz? Warum rückt Auschwitz, als Hauptort der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, als Chiffre für den gesamten Holocaust jetzt, sechs Jahrzehnte danach, ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit?

Als die Soldaten der Roten Armee hinter den Stacheldrahtzäunen die ausgemergelten Gestalten und Leichenberge entdeckten, waren sie zutiefst schockiert. Und die Welt sah mit Erschütterung die Fotos und Filme, die das ganze Ausmaß der Ungeheuerlichkeit sinnlich begreifbar machten.

Da mag man heute den subjektiven Eindruck haben, dass darüber eh immer schon geredet wurde. Aber das stimmt nicht. Kurz nach dem Kriegsende verschwand Auschwitz jahrzehntelang aus der öffentlichen Wahrnehmung und dem kollektiven Bewusstsein. Auschwitz wurde eine Geschichte der Verleugnung. Die Täter hatten allen Grund, nicht darüber zu sprechen. Die Nationen, die in dieser oder jener Form am Massenmord beteiligt waren, hatten alle Hände voll damit zu tun, den Wiederaufbau zu organisieren. Und Mehrheiten, die hinter Hitler gestanden waren, aus dem politischen Prozess ausgrenzen wollte man auch nicht. Man brauchte sie schließlich als Wähler.

Selbst die Opfer waren vielfach nicht bereit zu reden. Aus Scham über das Erniedrigende und Peinigende des Erlebten. Und das Interesse der Umwelt an Erzählungen aus dem KZ hielt sich in Grenzen. Selbst im entstehenden israelischen Staat waren, wie der israelische Autor Amos Oz gerade in seinem autobiografischen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ eindringlich schildert, die Überlebenden nicht gerade hoch angesehen. Sie passten nicht so recht ins Selbstbild des selbstbestimmten Judentums, das sich da pionierhaft einen eigenen Staat schuf.

Schließlich fror der Kalte Krieg die Erinnerung an die Judenvernichtung ein. Die Frontlinie lief nun für Jahrzehnte nicht mehr zwischen den Kriegsalliierten da und den Nazis dort, sondern zwischen dem Westen und dem Osten. „Antifaschismus“ wurde zunehmend bloß zur Sache der kommunistischen und sozialistischen Linken.
Noch 1987 schien es vielen nicht ganz unglaubhaft, als Kurt Waldheim sich unter anderem mit der Behauptung verteidigte, er habe erst jetzt von der Deportation der Juden aus Saloniki, die ein Drittel der Bevölkerung dieser nordgriechischen Stadt gestellt hatten, nach Auschwitz erfahren – obwohl er in dieser Zeit als Wehrmachtsoffizier dort stationiert war. Ausgeschlossen kann auch nicht werden, dass Jörg Haider noch Anfang der neunziger Jahre nichts wirklich Böses meinte, als er von den KZs als „Straflager“ sprach.

Die eingefrorene Erinnerung an den Holocaust taute in Schüben auf. En détail erfuhr die Welt 1961 über die Nazi-Vernichtungsmaschinerie im israelischen Prozess gegen Adolf Eichmann, den aus Linz stammenden Oberbürokraten des Genozids. Auch der große Auschwitzprozess im Deutschland der sechziger Jahre ließ die Öffentlichkeit einen scharfen Blick auf das Grauen werfen. Aber nachhaltigen Eindruck hatte das offenbar in der europäischen Öffentlichkeit nicht gemacht. In Österreich etwa wurden KZ-Kommandanten und andere Kriegsverbrecher regelmäßig von Geschworenengerichten freigesprochen. Auch sonst blieb das Schicksal der Juden unter Hitler lange Jahre ein wenig diskutiertes Thema.

Auschwitz kam seltsamerweise erst über einen amerikanischen Umweg wieder nach Europa zurück. Ab den siebziger Jahren „entdeckten“ die USA die Shoah. Populäre Filme entstanden, wie die hervorragende Fernsehserie „Holocaust“ mit Meryl Streep. Während Monumente, Memorials und Museen zum Thema in Europa noch nicht einmal in Planung waren, schossen sie in den USA wie Pilze aus dem Boden. Scheel blickte man von hier über den Atlantik, wo, so bemerkte man naserümpfend, mit „Hollywood-Kitsch“ dieses so unaussprechbare und undarstellbare Böse behandelt werde. Das zynische Wort vom „Shoah-Business“ ging um.

Voll im Bewusstsein Europas angelangt ist Auschwitz erst in den neunziger Jahren. Der Kalte Krieg war vorbei. Befreit vom ritualisierten „Antifa“ der KP-Herrschaft konnte in Osteuropa unbehindert in die Vergangenheit geblickt werden. Und im Westen erkannte man im Zuge der Restitutionen mit Schrecken, wie schamlos – bis heute – ehrenhafte Institutionen wie Banken, Versicherungen und Museen von der Vernichtung der Juden profitiert hatten.

Dass erst jetzt, sechzig Jahre danach, so groß und beeindruckend die Befreiung von Auschwitz gefeiert wird, mag auch damit zusammenhängen, dass man spürt: Es ist das letzte Mal, dass man gemeinsam mit Überlebenden einen runden Jahrestag begehen kann. Dass uns Auschwitz paradoxerweise am Beginn des 21. Jahrhunderts näher ist als in den vergangenen Jahrzehnten, hat aber tiefere Gründe.
In diesen so beunruhigenden weltpolitischen Zeiten ist man auf der Suche nach Fundamenten. Man wird fündig: Jetzt begreift man erst so recht, dass die Konfrontation mit der Hitler-Barbarei grundlegend identitätsstiftend für die westlichen Demokratien war. Ohne den Schock über den großen Zivilisationsbruch, den die Judenvernichtung darstellte, wäre die Menschenrechts-Charta der UN nicht verfasst worden. Und ohne dieses fundamentalste Ereignis der europäischen Geschichte, ohne diese historische Schande des Abendlandes, die Auschwitz darstellt, wäre auch die europäische Integration nicht gestartet worden, wäre das vereinte Europa, wie wir es heute kennen, nicht entstanden.