Warum kommt da nichts?

Hinter der Debatte um die 40-Stunden-Woche verbirgt sich ein anderes Problem.

Ökonomisch ist nicht allzu viel dran an der Debatte. Dass Österreichs neuer Industriellenchef geneigt ist, deutsche Glaubenskriege zu importieren, überrascht, bleibt ihm aber unbenommen. Er will halt gleich beim Antritt sein Profil schärfen und seiner Klientel demonstrieren, wie heftig er den Kampf ums Kostensenken zu führen gedenkt. Zur Interessenvertretung ist sein Verein ja da.

Was ökonomisch dazu zu sagen ist, hat Wifo-Chef Helmut Kramer getan: Die Länge der Regelarbeitszeit ist keine Schlüsselfrage. Zwischen ihr und der Attraktivität eines Landes als Wirtschaftsstandort gibt es keinerlei signifikanten Zusammenhang, da kommt es auf zig andere, zusätzliche Faktoren an. Im Jahr 2001 lag die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde etwa in Belgien, Frankreich und Holland, also in Ländern, in denen die Leute wesentlich weniger Stunden arbeiten als die Amerikaner, über jener der USA. Irland befand sich auf einer Aufholjagd, Österreich schlug sich gut.
Europa sinkt also durchaus nicht in den Dämmerschlaf.

Ein entscheidender Unterschied besteht freilich zwischen dies- und jenseits des Atlantiks: Hier verteilt sich die geleistete Arbeit auf viel weniger Stunden. Die Europäer widmen sich dem Müßiggang. Entweder freiwillig im Sinn einer Joie de vivre, die jenseits beruflicher Ambitionen liegt, oder unfreiwillig, im Sinn von Arbeitslosigkeit: Europas Arbeitslose erhalten Sozialtransfers in einer Höhe, die zum Leben tatsächlich reicht. Deshalb wird Arbeit, die weniger bringt als die Transfers, praktisch nicht angenommen. In den USA dagegen arbeitet ein viel größerer Teil der Bevölkerung viel mehr, teilweise mit einer niedrigeren als der europäischen Produktivität. Millionen leben von Niedrig- und Niedrigstlöhnen. Weil es Staatsgeld für Arbeitslose im europäischen Sinn nicht gibt, sind die Leute am Fuß der Einkommenspyramide gezwungen, auch solche Arbeit anzunehmen.

Das Gesamteinkommen eines Staates beziehungsweise eines Kontinents, das alle Europäer beziehungsweise alle Amerikaner solcherart erzielen, verteilt sich dann statistisch auf die entsprechende Zahl von Einwohner-Köpfen. Und bei der Wertschöpfung pro Kopf der Bevölkerung beziehungsweise beim Pro-Kopf-Einkommen liegen die USA gegenüber Europa in der Tat um fast 30 Prozent vorne.

Bloß ist eine Schlussfolgerung, wonach der eine oder der andere Standort für Unternehmen attraktiver wäre, aus dem geschilderten Unterschied nicht abzuleiten. Wie eine Gesellschaft ihre Wertschöpfung organisiert und wie sie ihren Gesamtwohlstand verteilt, sind verschiedene Paar Schuhe. In Bezug auf die Fähigkeit zur Wertschöpfung sind „Modell USA“ und „Modell Kontinentaleuropa“ gleichwertig. Von daher spricht nichts dagegen, dass beide gleich große Kuchen backen. Länder wie Finnland haben gezeigt, dass das rechnerisch Beweisbare in der Praxis auch funktionieren kann.

Womit wir bei den Themen wären, in die die Arbeitszeitfrage eingebettet ist. Wirtschaftsunternehmen arbeiten in einem gesellschaftlichen Kontext, und der ist politisch gestaltbar. Ein britischer Professor namens Ronald Dore hat die Zusammenhänge zwischen sozialen und ökonomischen Trends in einzelnen Gesellschaften untersucht. Dore hält es für „unabwendbar“, dass sich das sozioökonomische Modell Kontinentaleuropas an das amerikanische angleicht:

Globalisierung & Co haben es den Unternehmen möglich gemacht, sich ihre Standorte nach dem Aspekt der Kostenminimierung auszusuchen. Sie finden ja mittlerweile auch in Osteuropa oder Asien qualifizierte Arbeitskräfte und eine entsprechende Infrastruktur vor. Von daher fällt es ihnen leicht, ihre bisherigen Standorte vor die Alternative zu stellen: Entweder ihr passt die Kosten nach unten an, oder wir sind weg. Wirkung zeigt das allemal. Und wenn dann auch noch die staatlichen Absicherungssysteme an den „alten“ Standorten kein Fangnetz für mittellose Bevölkerungsteile mehr bieten – was angesichts leerer Kassen zusehends der Fall sein wird – dann ist das US-Modell erreicht.

Nun betonen freilich alle Politiker, dass sie für den Erhalt eines modifizierten, aber nach wie vor „europäischen Modells“ stünden. Bloß hat interessanterweise keiner eine Ahnung, was das sein soll: Die Bewahrung und der Ausbau einer Mittelstandsgesellschaft, während sich die USA in den letzten Jahrzehnten in Ober- und Unterschicht polarisiert haben? Oder dass man den „sozialen Boden“ staatlicher Existenzsicherung als solchen erhalten und nicht allzu tief abgesenkt sehen möchte – auch wenn das viel öffentliches Geld kostet?

Nicht einmal eine Debatte über ein Zielmodell findet statt. Stattdessen passt sich Europa eben mal hier, mal dort dem jeweils entstandenen „Sachzwang“ an. Unsystematisch, ohne geistigen Leitfaden. Einzelbetrieblicher Lohnverzicht hier, gekürzte Sozialtransfers dort – und immer kommt es nur auf die Stärke der jeweiligen Lobby an. Wobei jeder, der so handelt, gleichzeitig beteuert, dies habe mit seinem Bekenntnis zum „europäischen Modell“ aber schon gar nichts zu tun.

In der Kunst solcher Doppelzüngigkeit brachten es besonders die Gewerkschaften zur Meisterschaft: Weil sie es nicht schafften, europaweit gemeinsame Vorstellungen zu erarbeiten (und nur auf gesamteuropäischer Ebene gäbe es die Chance, eine Alternative zum US-Modell zu verwirklichen), spielen sie das Spiel der langsamen Aushöhlung, demonstrativ und lauthals dagegen anschimpfend, mit. Hätten sie eine eigene Vorstellung, könnten sie, offensiv, auch das unpopulär Notwendige – Flexibilisierung – glaubwürdig vertreten.

Wenn es so weiterläuft, behält Professor Dore Recht. Irgendwann hat die normative Kraft der Ökonomie schlicht gesiegt. Von konservativen oder wirtschaftsliberalen Parteien ist nicht zu erwarten, dass sie, europaweit kohärent, Dämmwälle in den Strom zementieren. Gefordert wären Gewerkschaften und Sozialdemokratie. Nur – warum kommt da nichts?