Warum der ewige Krisenstaat Haiti nicht auf die Beine kommt

Warum der ewige Krisenstaat trotz Milliardenhilfe stagniert und was jetzt getan werden müsste.

Der einzig sichtbare Erfolg ist dieser Stempel, den man auf die Häuser in Port-au-Prince gedruckt hat. Er ist 20 mal 50 ­Zentimeter groß, mal ist er rot, mal gelb, manchmal auch schwarz. „MPTPC“ steht drauf, es die Abkürzung des Ministeriums für Bauarbeiten.

Die haitianische Regierung hat eine Gruppe von nationalen und internationalen Architekten ausgesandt. Sie untersuchten in den vergangenen Monaten die Häuser von Port-au-Prince auf ihre Baufälligkeit. Die schwarze Farbe bedeutet, das Haus blieb vom Beben verschont. Gelb heißt, die Schäden sind reparabel, bei rotem Druck besteht akute Einsturzgefahr, das Gebäude darf nicht länger benutzt werden.

Die Markierungen sind ein Anfang. Doch genau hier endet die bisherige Bilanz eines globalen Projekts, das sich den Wiederaufbau einer von einem Erdbeben zerstörten 1,2-Millionen-Einwohner-Stadt zum Ziel gesetzt hat.
Auf den Straßen von Port-au-Prince sind bis heute keine Bagger und Lastwägen zu sehen, die den Bauschutt aus dem Stadtkern entfernen könnten. Niemand sieht sich dafür verantwortlich, und selbst die wohlhabenden Haitianer können den Wiederaufbau ihrer Wohn- und Arbeitsstätten nicht bezahlen.

Die „Villa Creole“ in Pétionville, einem der reicheren Vororte von Port-au-Prince, südöstlich des Stadtkerns gelegen, ist auch nach dem Erdbeben ein gut besuchtes Hotel. Mitglieder von internationalen Organisationen und Journalisten aus dem Ausland schlafen hier für 70 Euro die Nacht, es gibt einen gepflegten Garten mit Pool, der Betrieb ist in vollem Gang. Nur ein zerstörter Gebäudekomplex der Hotelanlage liegt immer noch in Trümmern. Der Optik wegen wurde eine Holzwand vor den Schutthaufen gestellt. „Die lokalen Baufirmen verlangen unglaublich viel Geld, so viel haben wir einfach nicht“, meint ein Mitarbeiter, dessen Bürodecke mit zwei Eisenstangen gestützt wird. „Ich habe meine Schuhfabrik verloren, sie wiederaufzubauen, ist ohne geregeltes Einkommen unmöglich“, sagt ein Unternehmer, der seine Restbestände von Schuhen an einer Straßenecke in Pétionville verkaufen muss und damit durchschnittlich drei Euro am Tag verdient.

Haiti, das sich mit dem Touristenparadies Dominikanische Republik eine Insel teilt, war schon vor dem großen Beben vom 12. Jänner 2010 ein gescheiterter Staat. Es ist bis heute einer geblieben. Jede Maschine, die Haiti anfliegt, ist voll mit Hilfskräften und selbst ernannten Samaritern. Wie ist es also möglich, dass die gesamte westliche Welt trotz Milliarden an Hilfsgeldern und Zigtausenden Helfern an einem Land scheitert, das nicht einmal ein Drittel der Fläche und nur um eine Million Einwohner mehr als Österreich hat?

Über eine Million Haitianer lebt immer noch in Zelten oder selbst gebauten Wellblechhütten und verkauft meistens Billigwaren an Straßenrändern. Fast alle sind frustriert, weil ihnen seit einem Jahr von der Politik und den Vereinten Nationen falsche Versprechungen gemacht werden. „Weg mit Präsident Préval und weg mit den UN!“, wurde an zahlreiche Hauswände gesprayt. „Wenn ich unserem Präsidenten jemals persönlich begegne, werde ich ihn am Scheiterhaufen verbrennen und genüsslich dabei zusehen, wie er leidet“, sagt ein junger Mann aus einem Flüchtlingslager in der Nähe des Flughafens.

In Port-au-Prince stapelt sich Plastikmüll, die Straßen sind wegen tiefer Mulden und Staubwolken nur mit geländegängigen Fahrzeugen und bei geschlossenen Fenstern zu befahren. Für fünf Kilometer benötigt man bei guter Verkehrslage über eine Stunde. Täglich bleiben bunt bemalte, restlos überfüllte Passagierbusse wegen Reifen- und Motorpannen stecken und verursachen kilometerlange Staus.

Kurz nach dem Jahrestag des Erdbebens ist Haiti wieder aus den Nachrichten verschwunden. Das Ärgste ist vorerst überwunden: Niemand muss heute verhungern, für alle gibt es – zumindest theoretisch – ausreichend Nahrungsmittel und Zugang zu sauberem Trinkwasser, Zelte wurden für die obdachlosen Familien bereitgestellt. Organisationen wie CARE haben für einige der am schlimmsten betroffenen Familien sogar schlichte Holzhäuser gebaut. Die Cholera-Infizierten werden auch in den entlegenen Bergdörfern meist rechtzeitig versorgt. „Die Aufklärung und die medizinische Versorgung zeigen ihre Wirkung, die Menschen sind vorsichtiger geworden, die Neuerkrankungen gehen derzeit stark zurück, der Höhepunkt der Neuinfizierungen scheint überschritten“, sagt der Wiener Alexander Teutsch von „Ärzte ohne Grenzen“, der seit ein paar Wochen in Haiti arbeitet.

Die Soforthilfe hat funktioniert, der Bau von Häusern, Straßen und Fabriken bleibt auf der Strecke. Wer also ist schuld an der ewigen Tragödie dieses Landes? Wer hat versagt und wer nichts getan? Schuldzuweisungen an Hilfsorganisationen, die haitianische Regierung oder die Vereinten Nationen greifen zu kurz. Die Gründe sind zum Teil im frühen 19. Jahrhundert, zum Teil in der haitianischen Politik und zum Teil in der falsch verstandenen Hilfe des Westens zu suchen.

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1. Die internationale Staatengemeinschaft zahlt nicht.

Die Geberländer tragen keine Verantwortung für die jährlich wiederkehrenden Wirbelstürme oder das Erdbeben im vergangenen Jahr, wohl aber für die Folgen der Katastrophen. Denn im Grund wird Haiti von einer Katastrophe zur nächsten durchgefüttert. Mit dem abklingenden Interesse an der darbenden Bevölkerung Haitis bleiben auch versprochene Spendengelder aus. Neue Straßen und der Aufbau einer lokalen Wirtschaft sind schon lange geplant. Im Jahr 2004 wurden Haiti, das eineinhalb Flugstunden von der amerikanischen Küste entfernt liegt, fast eine Milliarde Euro versprochen. Tatsächlich bekam das Land nur zwölf Prozent davon. Ende 2008 wüteten die Wirbelstürme „Fay“, „Hanna“, „Ike“ und „Gustav“. Und wieder hieß der Slogan: Der Inselstaat soll gerettet werden. Doch das Ergebnis einer Geberkonferenz fiel katastrophal aus: 324 Millionen Dollar sollte Haiti für die nächsten Jahre bekommen, 227 Millionen zusätzlich von den USA. Ein halbes Jahr später wandte sich Bill Clinton, Sonderbeauftragter der UN für Haiti, mahnend an die Öffentlichkeit – das Geld war immer noch ausständig. Nur etwa 21 Millionen Dollar trudelten bis Anfang 2009 ein. Zum Vergleich: Der Kosovo hat bei einer Einwohnerzahl von knapp über zwei Millionen zwischen 1998 und 2008 rund drei Milliarden Euro an internationaler Hilfe erhalten. Auf der vorerst letzten Geberkonferenz im Frühjahr 2010 wurden Haiti acht Milliarden Euro versprochen – angekommen im Land ist davon nicht mehr als ein Drittel. Die meisten Staaten wollen ausschließlich mit Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten, weil befürchtet wird, dass das Geld sonst in korrupten und inkompetenten Behörden versickert. Den NGOs, die finanziell stark aufgestellt, aber logistisch überfordert sind, wird somit die Hauptverantwortung für den Wiederaufbau des Landes übertragen.

2. Die Hilfsorganisationen können diesen Staat nicht aufbauen.

Haiti ist das Mekka der internationalen Hilfsindustrie geworden, jeder will zeigen, was für die Erdbebenopfer getan wird. Überall in der Stadt, auf Häusern, Zelten und Autos, sind die Logos von Nichtregierungsorganisationen zu sehen, ein Großteil der NGOs wurde erst nach dem Beben gegründet. Wer nach Port-au-Prince reist, trifft im Flugzeug zudem viele Einzelkämpfer, die Spenden in ihrer Heimat gesammelt haben und damit Schulen oder Spitäler errichten wollen. Offiziell sind 500 Hilfsorganisationen in Haiti registriert, inoffiziell sollen sich bis zu 10.000 Institutionen auf der Insel tummeln. Aber viel Geld und viele Helfer bedeuten nicht automatisch Erfolg. Ohne einen zentralen Dachverband können die vielen Organisationen nicht mehr, als den Menschen etwas zu essen zu geben. Es gibt zu viele Pläne, Projekte, Strategien und Zielsetzungen, die selten aufeinander abgestimmt sind. „Jeder will Schulen bauen, aber niemand investiert in die Beseitigung des Schutts, in den Wohnungsbau oder in die urbane Stadtplanung“, sagt Emmanuelle Schneider von der UN-Mission OCHA (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs). Das Dilemma der Hilfsorganisationen besteht darin, dass sie ihren Spendern verpflichtet sind. Die wollen Resultate sehen. Da lassen sich Fotos von Kindern in Broschüren besser verkaufen als etwa die Beteiligung am Bau eines Verkehrswegs. Ein Beispiel: Der Bau der Straße, welche die afghanischen Städte Kabul und Kandahar verbindet, kostete mehr als 200 Millionen Dollar. Doch gerade den Bau solcher Straßen benötigt Haiti, um ausländische Investoren anzuziehen und den Transport von Waren billiger zu machen. Das Land ist dermaßen schwer zu befahren, dass sich der Bau von Fabriken trotz billiger Arbeitskräfte kaum lohnt. Ein Kilo Reis kostet im hohen Norden des Landes 230 Gourde (vier Euro), in Port-au-Prince ist der Reis halb so teuer.

3. Die haitianische Regierung ist an ihrem Volk nicht interessiert.

Wenn sie denn will, ist Haitis Regierung durchaus fähig, etwas Professionelles auf die Beine zu stellen. Während fast alle anderen öffentlich organisierten Dienstleistungen komplett versagten, funktionierte die vorwiegend vom Staat finanzierte Wahlkampfmaschinerie im November vergangenen Jahres nahezu perfekt. Radio und Fernsehen senden Werbeeinschaltungen, und überdimensionale Plakate, von denen Politiker ­lächeln, sind an jeder Straßenecke in Port-au-Prince zu sehen. Die Wahl ist deshalb so umkämpft, weil das neue Kabinett ein Spendenvermögen verwalten soll. Haiti ist im internationalen Korruptionsindex unter den letzten 15 Ländern, immer heftiger kritisieren die Geberländer, dass in den meisten Ministerien Millionen von Euro versickern. Die Geschichte lehrt: Die politischen Eliten des Landes haben nach jeder Katastrophe in den vergangenen Jahren eindrucksvoll versagt. Niemand in Port-au-Prince hat etwa vergessen, dass Präsident Préval sich erst Tage nach dem Erdbeben zu Wort meldete, um dann zu sagen, dass sein privates Haus zerstört wurde. „Noch nie war auch nur ein Vertreter der Regierung hier und hat mit uns gesprochen“, faucht eine dreifache Mutter in dem Zeltlager „Toussaint“, keine zehn Meter vom Präsidentenpalast entfernt. Im Laufe der nächsten Wochen wird Haiti einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin haben. Der regierende René Préval von der „Einheitspartei“ durfte nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Sein favorisierter Kandidat Jude Celestin hat bei den Wahlen im November offenbar Wahlfälschung begangen. Nach einer Neuauszählung der Stimmen steht eine Stichwahl zwischen der Juristin und Senatorin Mirlande Manigat und dem populären Musiker Michel Martelly an. Beide versprechen einen kompletten Neuanfang, der allerdings in der Ausnahmesituation kaum möglich scheint. Die Behörden in den Ministerien mögen korrupt sein. Doch die Mitarbeiter durch neues, unerfahrenes Personal auszutauschen brächte die schwierige Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen völlig zum Erliegen. Viel wichtiger wäre stattdessen, neue Kontroll­instanzen aufzubauen. Ganz egal, wer das Rennen macht: Haiti braucht nun so schnell wie möglich eine neue Regierung, viele Geberländer wollen erst dann ihre versprochenen Beiträge zahlen, wenn der neue Präsident im Amt ist. Ohne eine funktionierende Regierung ist dieser Staat auch mit Milliardenzuschüssen nicht zu retten.

4. Haiti leidet unter seiner Vergangenheit.

Manchmal ist es verständlich, wenn die neun Millionen Einwohner Haitis glauben, irgendjemand muss ihre Insel auf alle Zeit verflucht haben. Die Geschichte dieses Staats ist eine Abfolge von Krisen, Kriegen und Tragödien – obwohl Haiti eigentlich die besten Voraussetzungen hatte, ein hoch entwickeltes Land zu werden. Am 1. Jänner dieses Jahres feierten die Haitianer den 207. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. 1791 kam es zu einem Sklavenaufstand gegen die französischen Kolonialisten, 1804 erklärte der haitianische Nationalheld Jean-Jacques Dessa­lines die Unabhängigkeit des Inselstaats. Haiti war die erste selbstständige „schwarze“ Nation der Welt, wie auch der erste unabhängige Staat Lateinamerikas. Doch vielleicht wurde der „Perle der Antillen“, wie das Land hieß, gerade die frühe Autonomie zum Verhängnis. Der Preis der Freiheit waren politische Instabilität, internationale Isolierung durch die Kolonialstaaten und damit auch wirtschaftliche Unterentwicklung. Nach dem Ende der Kolonialherrschaft verlangte Frankreich hohe Reparationen. Da Haiti kein Geld hatte, musste die Rückzahlung in Form von Holz erfolgen. Die Folge: Die Wälder auf Haiti wurden zu 96 Prozent gerodet, der Boden erodierte und wurde unfruchtbar. Wer zum ersten Mal nach Haiti kommt, ist von seiner Landschaft enttäuscht. Hier gibt es bloß karge, zum Teil wüstenähnliche Hügel, nach saftigen Wäldern und Karibikflair sucht man vergeblich. Die internationale Staatengemeinschaft muss jetzt auch in Wiederaufforstungsprogramme investieren. Die haitianische Regierung hat solche Programme zumindest angekündigt.

5. UN-Soldaten sind überflüssig.

Die Vereinten Nationen wirken in Haiti überfordert und desorientiert. Ein brasilianischer Missionschef beging Suizid, sein tunesischer Nachfolger wurde bei den Erdstößen in seinem Büro erschlagen. Der aktuelle Leiter steht am Pranger, weil nepalesische Blauhelme die Cholera eingeschleppt haben sollen. Die UN müssen sich fragen, ob 12.000 Blauhelm-Soldaten zwischen Ruinen und Camps tatsächlich notwendig sind. Nachdem Jude Celestin, der Kandidat von Präsident René Préval, aus dem Rennen um das Präsidentenamt geflogen ist, droht Haiti kein Bürgerkrieg. Ein Großteil der Soldaten könnte daher abgezogen werden. Der Staat braucht stattdessen eine effektive Polizei und vor allem Techniker, Ingenieure und Fachkräfte für Schulungen. „Wir wollten den Menschen in Port-au-Prince helfen. Doch dabei haben wir vergessen, mit ihnen zu sprechen“, sagt Emmanuelle Schneider, Sprecherin der UN-Mission OCHA. „Wir wissen eigentlich nicht, was die Menschen hier wirklich wollen.“ Solche selbstkritischen ­Parolen sind eine Seltenheit. Immerhin, das ist ein Anfang.