Was lief wirklich in Bethlehem? Legenden,
Mythen & Verwirrung um die Heilige Nacht

Mythen, Legenden und reichlich Verwirrung, was das Protokoll der Heiligen Nacht betrifft. Es war höchstwahrscheinlich nicht Bethlehem und schon gar nicht der 24. Dezember. Die Heiligen Drei ­Könige waren vulgäre Astrologen, und der Kindsmord des Herodes ist historisch nicht nachweisbar. Bei der Erzählung der Geburtsgeschichte waren sich schon die Evangelisten nicht einig. Und die Wissenschafter sind es sich noch viel weniger.

War Jesus das Produkt eines Fehltritts Marias mit einem römischen Legionär? Gab es Josef, den Patchwork-Pionier, überhaupt? Ist die Flucht nach Ägypten nichts als dramaturgische Dekoration eines fantasievollen Evangelisten? Und: Feiern zwei Milliarden Christen seit Jahrhunderten am falschen Tag Weihnachten?

Angesichts der zahllosen Theorien, die seit über 2000 Jahren die Geschehnisse der „Heiligen Nacht“ zu rekonstruieren versuchen, kursiert unter Bibelforschern folgender Witz: In Wahrheit ist nur eines sicher, nämlich, dass Jesus Jude war. Warum? Antwort: Er arbeitete im Geschäft seines Vaters, wohnte bis 30 bei seiner Mutter, und die hielt ihn für den Messias. Das Rätselraten um die Geburtsstunde des Christentums erregt den Unmut der katholischen Würdenträger. Und dürfte Christoph Schönborn zu seiner aktuellen Plakataktion bewegt haben: Das Szenario erweckte den Anschein, als hätte es dem Kardinal mehr als gereicht. Als hätte er soeben höchstpersönlich die Leitung eines dringend notwendigen Wahlkampfs für seinen göttlichen Spitzenkandidaten übernommen. Ein „Aha-Erlebnis“ und im schönsten Fall „Zustimmung“ erwartete Christoph Schönborn, als er ein Plakat vorstellte, das im Advent landesweit 2300-mal affichiert werden sollte. Zu lesen ist eine Botschaft, so einfach und selbstverständlich formuliert, wie es wenige Wochen zuvor im Nationalratswahlkampf geschah. „Zu Weihnachten wurde Jesus Christus geboren.“

Verzeihung, aber das musste wieder einmal klar ausgesprochen werden, denn laut einer Studie aus dem Jahr 2007, so die Initiatoren aus der Werbebranche, wissen angeblich nur noch acht Prozent der Bevölkerung, was genau zu Weihnachten gefeiert wird – exakt das nämlich, was derzeit auch im Wiener Dommuseum in 60 Exponaten unter dem Titel „Baby Jesus“ ausgestellt wird: die Mutter aller Geburten, heillos verkitscht, über Jahrtausende glorifiziert und mythisch überhöht, samt Ochs und Esel, Komet und Krippe, geschnitzt oder geknetet, genäht oder geklebt.

Politischer Retter. Aber wirklich fest steht wohl nur eines: Geklittert nach Kräften ist sie, die Geburtsgeschichte des Messias, inspiriert von antiken – auch heidnischen – Mythen, aufgebaut auf damals bekannten Überlieferungen des Alten Testaments und getragen vom Anspruch, die Gestalt des Gottessohns noch erhabener strahlen zu lassen als die ebenfalls vergöttlichten römischen und griechischen Herrscher. „Jesus“, sagt Christoph Heil, Professor für neutestamentliche Bibelwissenschaft in Graz, „sollte größer als Kaiser Augustus oder Alexander der Große erscheinen.“ Und das von Geburt an. Unter diesem Aspekt lassen sich die Evangelien nach Matthäus und Lukas, in denen die Geburtsgeschichte eine Rolle spielt, auch politisch interpretieren: Die griechische Bezeichnung „Soter“ (Retter) für Jesus in Lk 2,11 war ein häufig verwendeter Begriff in der Kaiserverehrung; in Windeln gehüllt, wie Jesus in Lk 2,7, wurden vor allem hocharistokratische Säuglinge; und dass – wie in Lk 1,52 – „die Mächtigen vom Thron“ gestürzt werden, zeigt laut Christoph Heil, dass Jesus im römisch besetzten Palästina „auch politisch der eigentliche Retter ist“.

Darüber hinaus sind sich historische Leben-Jesu-Forscher weitgehend einig darüber, wie die Geburtsgeschichte heute zu lesen ist: als Legende jedenfalls, die noch dazu in den Augen mancher kritischer Forscher „historisch wertlos“ sei. „Es stimmt“, erläutert Bibelexperte Heil, „man könnte auch bei Matthäus 3 oder Lukas 3 zu lesen beginnen und hätte nicht viel verloren. Dennoch würde ich die Geburtsgeschichten nicht in den Papierkorb werfen. Es sind keine Primärtexte, die historische Wahrheit transportieren wollen, sondern eher Ouvertüren, in denen erst einmal theologisch ausgebreitet wird, was Sache ist. Matthäus wie auch Lukas nehmen wenig Rücksicht auf historische Tatsachen, und was nicht passt, wird eben passend gemacht.“ Deshalb zum Beispiel wird Jesu Geburt kurzerhand nach Bethlehem transferiert, um seine messianische Existenz zu rechtfertigen. Und deshalb wird Herodes auch der historisch nicht nachweisbare Kindermord umgehängt, ohne den eine ganze Reihe von Parallelen zum Buch Mose im Alten Testament nicht herstellbar wären: weder Josefs und Marias Zwangsaufenthalt in Ägypten noch der Kindermord des Pharao, dem Moses in einem Körbchen am Nilufer entging. Jesus, so postuliert es vor allem das Matthäus-Evangelium, ist nämlich der neue Moses.

Geburt der Kitschkrippe. Manche Exegeten des Neuen Testaments, wie etwa der ungarisch-britische Oxford-Professor Geza Vermes, Autor des erst kürzlich erschienenen Buchs „Die Geburt Jesu“, vertreten sogar die These, die Geburtsgeschichten seien erst nachträglich den beiden Evangelien vorangestellt worden, „um den neugeborenen Jesus mit einer Aura von Wunder und Rätsel“ zu umgeben und eine dramaturgische Balance zu seinem ebenfalls von wundersamen Ereignissen begleiteten irdischen Daseinsende zu erzielen.

Eines ist den Evangelien nach Matthäus und Lukas, trotz aller Widersprüche und historischen Unmöglichkeiten, allerdings nicht vorzuwerfen: An dem kitschigen Krippenzierrat und den biografischen Ammenmärchen tragen sie keine Schuld. Viel davon geht auf das Konto der so genannten apokryphen Evangelien, die in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die Aufnahme in den Kanon des Neuen Testaments nicht schafften: Pseudo-Matthäus und Jakobus modellierten aus Jesus, so Heil, „einen Superman für das einfache fromme Volk“. Sie zerrten erstmals, gleichsam als Reprise eines Jesaja-Wortes aus dem Alten Testament, Ochs und Esel in den Stall, ließen den jungen Jesus davonflatternde Vögelchen aus Lehm kneten oder ließen Marias Jungfräulichkeit nach der Geburt händisch überprüfen – mit weit reichenden Folgen. „Diese groschenromanhaften Darstellungen, die Marienfrömmigkeit und den unumstößlichen Glauben an eine gynäkologische Jungfräulichkeit beförderten“, sagt Bibelforscher Heil, „waren im frühen Christentum beim Volk populärer als die hohen theologischen Konzepte von Paulus oder Johannes. Was ich allerdings bedauerlich finde, ist, dass diese Dinge auch heute noch Eingang in die kirchliche Lehrmeinung finden.“ profil auf den Spuren der „Heiligen Nacht“: die neuesten Erkenntnisse, die krassesten Widersprüche und die Entstehungsgeschichten der historischen Verfälschungen.

Kam Jesus wirklich in der Nacht vom 24. Dezember in Bethlehem zur Welt?
„So zog auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.“Evangelium nach Lukas, 2,4-7

Auch wenn man gnädig davon absieht, dass der gregorianische Kalender im biblischen Palästina nicht sonderlich gebräuchlich war (er wurde erst 1582 eingeführt), bleibt der 24. Dezember als Geburtstag Christi historisch äußerst zweifelhaft. Bis ins vierte Jahrhundert galten der 28. März, der 18. April oder der 29. Mai als nicht minder akzeptable Weihnachtsfeiertage, erst unter der Herrschaft von Kaiser Konstantin (306–337 n. Chr.) wurde der 24. Dezember einigermaßen verbindlich. Das widersprach zwar der Weihnachtsgeschichte (die Hirten, von denen dort die Rede ist, ließen im wirklichen Leben ihre Tiere nur zwischen März und November auf der Weide), hatte aber andere Vorteile. Dem Datumswechsel lag – typisch für die Geschichte des frühen Christentums – eine pragmatisch-politische Entscheidung zugrunde: Man erklärte kurzerhand den höchsten Feiertag der Sonnenanbetung und des konkurrierenden Mithras-Kults zum eigenen. Wann Jesus wirklich zur Welt kam, lässt sich aus historisch gesicherten Quellen nicht exakt bestimmen, auch die Evangelien enthalten keine aufschlussreichen Details. Im Gegenteil: Sie tragen, dank äußerst widersprüchlicher Angaben, nur weiter zur Verwirrung bei. Nicht einmal das Geburtsjahr Jesu lässt sich festmachen. Wie Markus berichtet, wurde Jesus in der Regierungszeit des Königs Herodes geboren, der nachweislich im Jahr vier vor Christus verstarb (und nachweislich keinen Kindermord in der Gegend von Bethlehem anordnete). Lukas wiederum berichtet von einer Steuererhebung, die zu jener Zeit durch den römischen Statthalter Quirinius durchgeführt wurde. Das trifft sich insofern schlecht, als Quirinius erst ab 6 n. Chr. Statthalter der Provinz Syrien war, zwischen den möglichen Geburtsdaten also eine Lücke von mindestens zehn Jahren klafft. Insgesamt gilt, mit den Worten des berühmten Heidelberger Neutestamentlers Gerd Theißen: „Es ist unmöglich, das Jahr von Jesu Geburt eindeutig zu bestimmen.“ Immerhin: „Die letzten Jahre der Herrschaft Herodes’ stellen eine Möglichkeit dar.“

Vergleichsweise gut abgesichert ist die Tatsache, dass Jesus nicht in der judäischen Stadt Bethlehem geboren wurde, sondern in Nazareth, einer unbedeutenden Kleinstadt im Süden Galiläas. Nazareth, das um 2000 v. Chr. gegründet worden war, lag abseits aller Handelsrouten, etwa sechs Kilometer entfernt von der Provinzhauptstadt Sepphoris, und war weitgehend bäuerlich geprägt. Die Bevölkerung (Schätzungen schwanken zwischen 50 und 2000 Einwohnern) lebte großteils in Höhlen. Aber warum berichten Matthäus und Lukas, dass der Sohn Gottes gut 120 Kilometer südlich, in Bethlehem, zur Welt gekommen sei? Wieder spielen religionspolitische Überlegungen eine Rolle: Galiläa lag außerhalb des jüdischen „Kernlands“ Judäa und war deutlich hellenistisch geprägt – kein guter Start für den kommenden Erlöser. Nicht umsonst melden im Johannesevangelium mehrere Figuren Zweifel an, dass der Messias aus Galiläa stammen könnte. Den Ausschlag für die großzügige Verlegung des Christusgeburtsorts dürften aber die Voraussagen der alttestamentarischen Propheten gewesen sein, nach denen der Messias in der Stadt Davids (also Bethlehem) geboren werde. Nun – dann wurde Jesus eben in Bethlehem geboren.

Wie entstand der krippale Effekt? Und gab es einen Kometen?
„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ Matthäus 2,1-2

Was für ein reicher Fundus an krippalen Reliquien: Aus den Überresten des messianischen Geburts-Settings, ätzten schon manche Häretiker, ließe sich eine ganze antike Geburtenstation konstruieren: Deshalb konnte wohl vergangene Weihnachten, weil die Planke Krippenholz aus der Kirche Santa Maria Maggiore zu zerfallen droht, ein Stück panniculum – Überreste des Wickeltuches, in das Jesus nach seiner Geburt gehüllt wurde – beim Einzug in die Christmette mitgetragen werden. Seit dem 4. Jahrhundert nach Christi Geburt werden die Funde dem weihnachtlichen Wunder zugeordnet. Zu diesem Zeitpunkt wurde über der vermuteten Geburtsstätte auch eine erste Version der berühmten Geburtskirche errichtet.

Historisch abgesichert sind die von den Evangelisten Matthäus und Lukas erstmals berichteten und später opulent ausgeschmückten Bethlehemer Ereignisse freilich nicht – zumal die seriöse Bibelforschung das Nest südlich von Jerusalem längst nicht mehr als Geburtsort Jesu anerkennt. Aber wie entstand das Szenario? Es speist sich aus zahlreichen alttestamentarischen wie heidnischen Mythen, wobei der Stern von Bethlehem bei den Nachforschungen über Jahrhunderte eine zentrale Rolle spielte. Supernova, Halleyscher Komet oder astrologische Saturn-Jupiter-Konjunktion im Zeichen der Fische – seit Johannes Keplers Tagen im 17. Jahrhundert läuft die Sache nach der wissenschaftlich nachweisbaren stellaren Vorlage. Matthäus’ Stern sei jedoch, so Bibelforscher Geza Vermes, wohl eher „mit literarischen Überlegungen“ zu erklären. „Sterne konnten eine doppelte Botschaft übermitteln; sie konnten Tod ebenso wie Geburt ankündigen.“ Und sie wurden mit außergewöhnlichen historischen Ereignissen in Zusammenhang gebracht, besonders gern mit dem Nahen eines neuen Herrschers, das war schon im Alten Testament so und im römischen Reich zur Zeit Jesu ebenfalls. Deshalb vermutet Vermes, dass der bei Juden wie Römern grassierende Aberglaube nicht nur religiös, sondern auch politisch genutzt wurde. Die Historiker Sueton und Tacitus berichteten 69 nach Christus, kurz vor dem vermuteten Zeitpunkt der Entstehung des Matthäus-Evangeliums, von Gerüchten, wonach sich aus Judäa ein Herrscher über die Welt erheben werde.

Matthäus mag deshalb stellare Vorzeichen auf Jesus bezogen haben; die Römer indes fühlten sich bestätigt, weil zu dieser Zeit auch Vespasian zum römischen Kaiser gekrönt wurde; er hatte zuvor als Truppenkommandant den ersten jüdischen Aufstand, der mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem endete, niedergeschlagen. Der Stern jedenfalls dient Matthäus auch als dramaturgischer Aufhänger im Streit der Religionen zurzeit des frühen Chris­tentums. Ihm nämlich folgt eine im entsprechenden Evangelium noch unbestimmte Zahl von Sterndeutern, im griechischen Original „magoi“, aus dem Osten, um dem neugeborenen König zu huldigen. Matthäus, folgert Vermes dar­aus, passt dadurch das Szenario, in dem Heiden als erste Besucher den kleinen Jesus verehren, „perfekt seinen theologischen Absichten an“. Die späteren Heiligen Drei Könige retten das Kind sogar, indem sie es auf göttlichen Befehl im Traum nicht an Herodes verraten, der ihm nach dem Leben trachtet. Damit ist für die christliche Urkernfamilie der Weg frei für die Flucht vor dem Kindermord des Herodes nach Ägypten – und Matthäus kann die alte Geschichte aus dem Buch Exodus des Alten Testaments wieder beleben: In der ersten Staffel der Heilsgeschichte wollte der Pharao alle israelitischen Kinder in Ägypten ermorden lassen, in der zweiten Staffel trachtete Herodes Jesus nach dem Leben. Bibelforscher Christoph Heil: „Für Matthäus ist das die zentrale Botschaft seiner Kindheitsgeschichte: Jesus ist der neue Moses.“

Wer war Josef – eine biografische Marginalie oder der Patchwork-Pionier?
„Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.“Matthäus 1,20

Josef musste sich seinen Platz in den Krippendarstellungen erst hart erarbeiten. Früher hatte das göttliche Kind keine Eltern, sondern nur Ochs und Esel wachten über sein Wohlbefinden. Früher ist 1600 Jahre her. Maria braucht ein paar Jahrhunderte, bis sie ihren Platz findet, zögerlich folgt ihr Josef nach – vorrangig in Andachtsstellung, eine Kerze haltend. Anfangs wird Josef noch grauhaarig und glatzköpfig dargestellt; später wird er einer Verjüngungskur unterzogen.

Das Image vom armseligen Zimmermann, der die Kernfamilie in der irdischen Variante vervollkommnet, „war bis zum Zweiten Weltkrieg wichtig: Josef hatte die Funktion des katholischen Ehemanns“, so Bibelforscher Christoph Heil. Jedoch sowohl Matthäus als auch Lukas wollten dem neuen Messias keine gewöhnliche Herkunft zumuten: Beide listen Generationen von Josefs Ahnen auf, die ihn als direkten Nachkommen des legendären Königs David ausweisen. Indem Josef die Geburt eines Sohnes durch einen Engel verkündet wird und er die Anweisung erhält, Maria nicht zu verstoßen, erhebt ihn Matthäus zu einer weit bedeutsameren Figur, als seine von Einfachheit und Ärmlichkeit geprägte ikonografische Darstellung in späteren Jahrhunderten vermuten lässt.

Der Beruf von Josef wird mit dem griechischen „tékton“ bezeichnet. In den Bibelübersetzungen wird dieser Begriff meist fälschlicherweise mit „Zimmermann“ wiedergegeben was in unserer Vorstellung handwerklicher Arbeit mit Holz gleichkommt. Holz war damals in Israel aber ausgesprochene Mangelware. Man baute vornehmlich mit Stein und Lehm. Korrekterweise müsste man Josef, aber auch Jesus, der nach der Schule im Alter von zirka 15 Jahren den Beruf seines Vaters erlernte, demnach als Baumeister oder Bauhandwerker bezeichnen. Jesus entstammt also nicht der Unterschicht, sondern der gehobenen Mittelschicht. Der römische Geschichtsschreiber Tertullian (160 bis 220 n. Chr.) benutzte Josef und Maria, um Jesus zu diffamieren. „Er ist der berühmte Sohn des Zimmermanns und der Hure.“ Die Theorie, dass Jesus das Produkt eines Fehltritts Marias mit dem römischen Soldaten Panthera ist, wurde übrigens vom Philosophen Kelsos um 180 nach Christus in die Welt gesetzt. Der amerikanische Bibelforscher James Tabor (siehe Interview) hält sie durchaus für möglich: „In einer der frühesten Quellen wird ­Jesus als Pantheras Sohn bezeichnet und Maria als arme Spinnerin, die Jesus heimlich zur Welt brachte. Das ist eine durchaus mögliche Variante.“ Rückblickend erweist sich Josef in jedem Fall als eindrucksvoller Pionier des Patchwork-Gedankens. Denn er hielt Maria die Treue trotz ihres vermeintlichen Fremdgangs und bewahrte sie vor einem Leben im gesellschaftlichen Abseits.

Üblicherweise heirateten die Männer um die zwanzig, also nachdem sie sich bereits eine Existenz aufgebaut hatten. Das erklärt, warum Josef nach Jesu zwölftem Lebensjahr nicht mehr erwähnt wird; die durchschnittliche Lebenserwartung betrug damals zwischen 40 und 50 Jahre. 2005 fand ein internationales kirchliches Symposium über die „Bedeutung des Heiligen Josef in der Heilsgeschichte“ im deutschen Marienheiligtum Kevelaer statt, das dem Image des Ziehvaters als Marginalie in der Jesus-Biografie ein Ende setzen wollte. Papst Benedikt XVI. erteilte der Veranstaltung seinen ausgesprochenen Segen und ließ durch seinen Sekretär, Kardinal Angelo Sordano, wissen: „Josef wird gleichsam zum Modell des Vaters in einer von göttlichem Geheimnis gestalteten Familie … und zum Begleiter des Erlösers.“

Wer war Maria und wie lief das mit der Empfängnis?
„Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben (...) Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Lukas, 1,31 u. 34

Während im Alten Testament die Frauen autonom und mit List und Tücke um ihr Schicksal kämpfen, wirken die Geschlechtsgenossinnen des Neuen Testaments vergleichsweise passiv und vergeistigt. Der Evangelist Lukas beschreibt Maria als „Magd des Herrn“, die gerade wegen ihrer Einfachheit von Gott zur Mutter des Erlösers erkoren wurde. Als der Engel ihr die Geburt von Jesus prophezeit, nimmt sie ohne Protest und Diskussion demütig ihr Schicksal an. Marias Name stammt vom hebräischen Miriam – wie die Schwester des Moses und erste Prophetin Israels genannt wurde. Mädchen der damaligen Zeit galten im Alter zwischen 12 und 14 Jahren als heiratsfähig. Wissenschaftler schätzen, dass Maria im Zeitraum ihrer Schwangerschaft nicht viel älter als 15 Jahre alt gewesen sein muss. Von Marias Herkunft ist kaum etwas überliefert. Laut Lukas ist Elisabeth die Vertraute und Verwandte Marias, die gleichzeitig Frau des Priesters Zacharias und Mutter des charismatischen Predigers und Täufers Johannes ist. Selbst mittellos, präsentiert Maria somit dennoch einen Ausläufer einer zutiefst frommen, religiösen und hoch gebildeten Familie, die von der damals durch mehrfache Prophezeiungen weit verbreiteten Erlösersehnsucht geprägt war. Die unbefleckte Empfängnis war zur damaligen Zeit kein Novum. Jungfräuliche Geburten von Göttern existierten in alten Religionen immer wieder. Neu war in diesem Fall, dass Maria ohne jegliche Vereinigung mit einem göttlichen Wesen ein Kind erwartete. Eine Deutung der Evangelisten, die mit einem banalen Übersetzungsfehler zu erklären sein mag. Denn die alttestamentarische Miriam heißt „junge Frau“ und nicht „Jungfrau“, wie von den Evangelisten fälschlich weitergegeben. Außer den Hohepriestern durften übrigens alle Männer des Kulturkreises auch geschiedene und verwitwete Frauen heiraten.

Wundersame Zeugungsprozesse zählten zu einer Art alltäglichem Aberglauben, „den damals jeder Heide oder Hebräer bereitwillig übernommen hätte“, so der US-Religionswissenschaftler Joseph Wheless. Die uneingeschränkte Jungfernschaft behielt Maria auch nach der Geburt Jesu. Was kein moralischer Zwang gewesen wäre, denn generell war das frühe Christentum nicht durch Lustfeindlichkeit gekennzeichnet; Matthäus räumte sogar die Möglichkeit ein, unverheiratet zu leben. Die katholische Kirche erhebt Maria jedoch in den Stand ewiger Jungfräulichkeit; eine Konsequenz der kollektiven Sehnsucht, so der Begründer der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jung, nach einer sauberen, von jeglichen Triebbedürfnissen befreiten Urmutter. Auf dem Konzil von Ephesus wurde Maria 431 mit dem Titel „Gottesgebärerin“ versehen, womit sie ihrer Leiblichkeit und Fraulichkeit endgültig entledigt wurde. Der 1968 verstorbene protestantische Theologe Karl Barth stellte in seinem Werk „Die kirchliche Dogmatik“ fest: „Die Kirche weiß sehr wohl, was sie getan hat, indem sie dieses Dogma sozusagen als Wache vor der Tür vor das Geheimnis der Weihnacht stellt.“

War der junge Messias ein Problemkind?
„... und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun?“Lukas 2,48

Wenn die Bibelforschung die Prologe der Evangelien von Matthäus und Lukas Kindheitsgeschichten nennt, ist das maßlose Übertreibung. Nach den Schilderungen von Jesu Geburt offerieren die beiden kanonischen Schriften des Neuen Testaments eine einzige Anekdote über den jungen Jesus: Er ging, laut Lukas, als Zwölfjähriger bei einem Besuch das Pesachfestes in Jerusalem verloren; Josef und Maria fanden ihn nach drei Tagen im Tempel – wo sonst? Das lückenhafte Porträt des Messias als junger Mann setzt sich deshalb aus Legenden in den apokryphen Evangelien und allgemeinen historischen und archäologischen Erkenntnissen über das römisch besetzte Palästina jener Tage zusammen.

Jesus hatte, was die Amtskirche später gerne unter den Tisch kehrte, Geschwister: vier auch in den Evangelien erwähnte Brüder namens Jakobus, Joses, Judas und Simon sowie mehrere ungenannte Schwestern. Sein Ziehvater Josef soll aber auch Kinder aus einer ersten Ehe gehabt haben. Der Verfasser des apokryphen Protoevangeliums des Jakobus behauptet, ein „Herrenbruder“ (also ein Sohn Josefs aus erster Ehe) zu sein; die heutige Bibelforschung lehnt diesen Anspruch jedoch ab. Jakobus schmückt vor allem die Genealogie der messianischen Kernfamilie aus, bis hin zur dreijährigen Maria, die auf den Stufen eines Altars mit Gottes Hilfe zu tanzen beginnt. Einen überaus selbstbewussten und allmächtigen, bisweilen sogar bösartigen Knaben Jesus schildert vor allem die Kindheitserzählung des Thomas, die vermutlich Ende des zweiten Jahrhunderts nach Christus entstand. Der unbekannte Autor wollte mit seinen Erzählungen mutmaßlich suggerieren, dass schon der junge Jesus zum Zorn Gottes fähig gewesen sei: Jesus lässt einen Spielkameraden verdorren, weil dieser ihn schubst, und lässt sich nicht einmal von einem Gelehrten zur Räson bringen, den sein Ziehvater Josef zu Rate zieht. „Der Autor“, sagt Bibelforscher Heil, „wollte offenbar zeigen, dass einer, an den man glaubt, alles kann – ob gut oder böse.“

Einen wahren Kern indes dürfte die Charakterisierung Jesu als schwieriges Kind dennoch haben. Bei Markus nämlich, dem ältesten Evangelisten, glauben seine Angehörigen, der bereits missionierende Twen sei „von Sinnen“. Bibelforscher Christoph Heil: „Solche Aussagen widersprechen der christlichen Dogmatik, und je mehr etwas der Dogmatik widerspricht, desto historisch authentischer scheint es zu sein. Matthäus, Lukas und Johannes war der schwierige, renitente Jesus dann schon zu peinlich. Sie ließen die Passage einfach weg.“

Von Angelika Hager, Sebastian Hofer und Klaus Kamolz