Was hat Israel gewonnen?

Der Hass in der Bevölkerung hat zugenommen – die Soldaten der UN können ihn vielleicht in Schach halten.

Was, außer zerstörten Häusern und Toten, hat der Libanon-Feldzug gebracht? Schon die Ziffern innerhalb dieser Bilanz sind umstritten. „15.000 Häuser“ wurden angeblich zerstört – aber diese Zahl kommt vom Chef der Hisbollah und ist so unzuverlässig wie die noch viel wichtigere Zahl der Toten. Aus fünfzig toten Kindern eines Bombenangriffs wurden bekanntlich – immer noch schreckliche – 27; die vierzig Toten, die ein israelisches „Massaker“ nach einer ersten Aussage des libanesischen Staatschefs angeblich gefordert hatte, reduzierten sich wenig später auf einen.

Dieser Krieg war nicht zuletzt ein Propagandakrieg – und den hat Israel auf jeden Fall verloren.

Der folgenschwerste Fehler hat darin bestanden, dass Israel die Entführung zweier Soldaten als Grund für seinen Waffengang genannt hat, während der wahre Grund natürlich darin bestand, dass aus dem Süden des Libanon fortwährend Raketen auf den Norden Israels abgefeuert wurden, sodass dessen Bevölkerung immer mehr Zeit in Luftschutzkellern verbringen musste (die Gott sei Dank nicht, wie libanesische, einstürzten, sonst hätte es auch in Israel jederzeit 27 tote Kinder geben können).

Der Waffengang war zweifellos ein von Israel seit Langem geplanter, für den man in der völkerrechtswidrigen Entführung den idealen Anlass gefunden zu haben glaubte. Nur, dass die meisten Menschen – etwa auch in Österreich – mit dieser formalen Interpretation des Völkerrechts nichts anfangen können: Sofern sie tatsächlich an die Entführung als Kriegsgrund geglaubt haben, haben sie die israelische Reaktion als völlig überzogen empfunden.

Meist freilich haben sie nicht daran geglaubt und den Krieg als geplant angesehen. (Letzte Gewissheit lieferte Israels Generalstabschef, der bekanntlich schon Tage vor dem Feldzug seine Aktien verkauft hatte.)

Damit erwies sich die vorgeschobene Entführung als reiner Rohrkrepierer: Es gelang Israel nämlich nicht mehr, die Raketenangriffe wenigstens hinterher als begreiflichen Kriegsgrund ins internationale Bewusstsein zu rücken.
Vielmehr machten sich erstaunlich viele Menschen die Darstellung der Hisbollah zu eigen: Israel habe die Entführung zweier Soldaten als willkommenen Vorwand für eine Aggression gegen den Libanon genommen – „Doch wir, die Hisbollah, haben einen Sieg Israels verhindert.“

Wenn schon nicht wenige Österreicher diese Einschätzung teilen – wie stark muss ihr Widerhall erst unter Libanesen sein: Unzählige der Fahrzeuge, mit denen Flüchtlinge dieser Tage in ihre zerstörten Dörfer zurückkehrten, trugen Hisbollah-Fahnen.

Hier liegt das Kernproblem des israelischen Vorgehens: Es sollte dazu dienen, den Libanesen klarzumachen, dass sie so lange leiden werden, als sie die Umtriebe der Hisbollah dulden. Bei diesem oder jenem Regierungsmitglied – etwa dem hochintelligenten Finanzminister – scheint das auch gelungen. Aber ich zweifle, ob das ausreicht, den Stimmungsumschwung in der Bevölkerung zu kompensieren, für den mir das Statement der 35-jährigen Sarah Geith charakteristisch scheint: „Ich bin jetzt aufseiten des Widerstandes der Hisbollah bis an mein Lebensende.“

Nicht aus diesen, sondern aus ganz anderen Gründen behauptet diesmal selbst Israels Opposition, dass der Feldzug ein Fehlschlag war. Regierungschef Olmert habe seine Kriegsziele in keiner Weise erreicht: Die beiden entführten Soldaten sind nicht frei – und die Hisbollah ist nicht entwaffnet. Benjamin Netanjahu geht in seiner Kritik aber noch einen entscheidenden Schritt weiter: Israels einseitiger Rückzug aus besetzten Gebieten habe nur die Bedrohung erhöht. Man habe sich aus dem Libanon zurückgezogen – mit dem Erfolg, dass die Hisbollah dort ihre jetzige Stärke erlangt habe; und man habe den Gazastreifen geräumt, mit dem Erfolg, dass auch von dort Raketen abgeschossen würden. Die Rückzüge würden nicht als Beiträge zur Befriedung, sondern als Schwäche ausgelegt. Hamas und Hisbollah hefteten sie als Erfolge ihrer Angriffe an ihre Fahnen.

Ich fürchte, dass die Argumentation im Detail zutrifft – eine Reihe von Hamas- und Hisbollah-Führern reagiert tatsächlich so. Im Großen halte ich sie für ebenso falsch wie kontraproduktiv: Wenn Israel sich nicht zurückzieht, verliert es jede Aussicht auf Frieden.

Ob Israel mit dem Libanon-Vorstoß (samt Rückzug) irgendetwas gewonnen hat, wird die Durchführung der UN-Resolution zeigen. Inhaltlich ist sie schwächer als die schon bisher für diesen Raum geltende: Darin war nämlich die Entwaffnung der Hisbollah gefordert worden, während jetzt nur verlangt wird, dass keine fremden Bewaffneten im Südlibanon agieren dürfen. Dafür soll bekanntlich neben der libanesischen Armee eine UN-Truppe sorgen, die von derzeit 2000 auf 15.000 Mann aufgestockt werden soll.

Ob und mit welchem Auftrag das wirklich geschieht, ist so unklar wie die Resolution selbst: Derzeit sind die potenziellen Teilnehmerstaaten uneins, ob der neue Auftrag die Entwaffnung letztlich doch inkludiert.

Darüber kann man so lange streiten, wie der Iran braucht, um sämtliche von Israel zerstörten Raketenabschussrampen der Hisbollah zu erneuern.

Dass die Vereinten Nationen ihre Libanon-Resolution in der Vergangenheit nicht durchgesetzt haben, war eine entscheidende Ursache für den jüngsten Krieg – wenn sie sie wieder nicht durchsetzen, wird der nächste Krieg weit furchtbarer sein.