Was macht Michael Moore richtig? Und warum liebt ihn Europa so sehr?

– und nebenbei der erfolgreichste Dokumentarfilmer der Welt. Nun startet „Fahrenheit 9/11“, seine zornige Abrechnung mit US-Präsident Bush, in Österreichs Kinos.

Mit Marilyn Monroe und Mickey Mouse teilt er durchaus mehr als nur die Initialen: eine fast brutale Selbstironie zum Beispiel, aber auch die Erfahrung des jähen Aufstiegs zu Ruhm und Ehre – und die Gewissheit, mit seiner Arbeit ganz direkt die hearts & minds eines zahlenden Millionenpublikums zu erreichen. Dabei ist der Stoff, aus dem dieser Mann seine Produkte herstellt, alles andere als weit hergeholt. Der Polit-Aktionskünstler Michael Moore spielt im Kino, auf der Bühne und in seinen Büchern Alltag: Er denkt über die Menschen nach, die ihn umgeben, und über die Dinge, die sie tun, aber er gerät dabei stets so sehr ins Spekulieren, dass sich etwas Fantastisches, auch Unglaubwürdiges in seine Arbeit mischt; Moore brilliert als Typ von nebenan, bleibt als Figur aber so künstlich wie die Vorstellung, Marilyn käme aus heiterem Himmel in unser Wohnzimmer gestolpert, weil sie gerade Lust auf ein bisschen Unterhaltung hat, oder einer wie Mickey könne im Alleingang ein desolates Dampfschiff flussabwärts manövrieren.

Michael Moore ist – und er gibt sich keine besondere Mühe, dies zu verbergen – eine Fantasie, ein schöner Bluff, aber was er in denen, die seine Tricks und Selbststilisierungen lieben, auslöst, das immerhin ist wirklich. Moore zeigt Wirkung, gerade weil es schwer fällt zu glauben, dass jemand wie er je Wirkung zeigen wird. Das ist der Simplicissimus-Effekt.

So hat er sich Popularität verschafft: Michael Moore setzt sich selbst aufs Spiel, indem er seinen Kontrahenten mit katzenfreundlichem Gesicht und gespielter Naivität entgegentritt. Goliath-Figuren reizen Moore, gegen sie kann man nur gewinnen. US-Präsident George W. Bush, Held in Moores jüngstem Film, „Fahrenheit 9/11“, ist nur der bislang letzte in einer Reihe prominenter Moore-Gegenspieler. Der Filmemacher treibt konservative Zeitgenossen gern in die Enge, auch um ihnen wenigstens für ein paar Sekunden ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie das ist, ohne Recht zu sein.

Öffentliches Unwohlsein. In seinem Debüt „Roger & Me“ (1989) war es General-Motors-Chairman Roger Smith, dem Moore – ganz buchstäblich – zu Leibe rückte, in „Bowling for Columbine“ (2002) wurde Charlton Heston als Präsident der amerikanischen Waffenvereinigung NRA (National Rifle Association) und Befürworter der privaten Aufrüstung Amerikas Opfer der Zudringlichkeiten Moores. Die lustvollen Konfrontationen des freundlich-hinterhältigen Dicken haben freilich immer einen Haken: Sie sind so gut vorbereitet, so clever eingefädelt, dass der Ausgang jedes Duells immer schon feststeht, noch ehe es begonnen hat. Und der Gewinner ist: der kleine, nur scheinbar machtlose Filmemacher, der Verteidiger simpler moralischer Grundsätze, der Stellvertreter eines schadenfrohen Weltpublikums, das sich über nichts mehr freut als über das öffentliche Unwohlsein der Reichen und Mächtigen.

Die feine Klinge ist Moores Sache nicht – als schließe Nähe zum Volk Subtilität grundsätzlich aus. Das Listige und das Populäre sind seine Grundmuster. Das Anarchische, Widerborstige, das die Figur Moore ausstrahlt, ist dementsprechend vornehmlich Staffage: Die Ideen und der unleugbare Witz des Filmemachers dienen einem höheren, genau berechneten Zweck – dem Zuwachs an Einfluss und der Gewinnmaximierung. Und genau wie in der Politik zählt auch bei Moore die Pose, nicht die „Wahrheit“, und das schöne Hirngespinst eher als die „Wirklichkeit“. „Fahrenheit 9/11“ versteht sich, wie alle Filme Moores, als Intervention – aber mehr (und offener) denn je betritt Moore damit die Gebiete der Propaganda: Es geht ihm ausdrücklich darum, den amtierenden „Kriegspräsidenten“ Bush vom Sockel zu stoßen, aktiv in den laufenden Wahlkampf einzugreifen. Sein Film, meint Moore, habe vorläufig kein Ende; dieses werde erst der 2. November, der Tag der Wahl des künftigen US-Präsidenten, liefern.

„Fahrenheit 9/11“ ist, wie immer man zu Moores Taktiken stehen mag, ein unerhörter Film. Politische Propaganda als Entertainment-Pflichtprogramm, eine antirepublikanische Belangsendung als Kino-Blockbuster, das ist nicht nur in Amerika neu.

Der Einzelkämpfer, den Moore in seinen Filmen, Büchern und auf seiner betont persönlich gehaltenen Homepage so beharrlich darstellt, ist er längst nicht mehr: Ein Geschwader an juristischen Beratern, Rechercheuren, Bodyguards und Filmassistenten ist Moore inzwischen dabei behilflich, seine Projekte herzustellen. Er könne, sagt er, bei vielen Dreharbeiten leider schon lange nicht mehr selbst dabei sein, weil er als Person inzwischen viel zu bekannt geworden sei; er entsende stattdessen präzise instruierte Filmteams, die es dann tunlichst vermeiden, den Namen ihres Auftraggebers zu nennen. Um zu kriegen, was er sucht, braucht Moore den Überraschungseffekt.

Das Unternehmen Michael Moore ist jedenfalls ein Erfolg, und das nicht erst seit den mittlerweile 105 Millionen Dollar, die „Fahrenheit 9/11“ in nur fünf Wochen an den nordamerikanischen Kinokassen eingespielt hat (Produktionskosten des Films: sechs Millionen Dollar). Seine beiden jüngsten Bücher, „Stupid White Men“ und „Dude, Where’s My Country“ (deutscher Titel: „Volle Deckung, Mr. Bush“), haben sich in Nordamerika bereits rund sieben Millionen Mal verkauft. Aber auch Europa zeigt sich fasziniert von Moores Nestbeschmutzungen – und auf die grenzüberschreitenden humoristischen Qualitäten dieses Mannes ist das wohl nicht allein zurückzuführen; ein Amerikaner, der dermaßen hart mit sich und seinem Land ins Gericht geht, scheint gegenwärtig bestens ins Zeitgeistprogramm selbstbewusster Europäer zu passen: Unglaubliche 1,8 Millionen Exemplare setzte der Piper Verlag bislang von der deutschen Übersetzung von „Stupid White Men“ ab.

Dennoch: Je genauer man Michael Moore betrachtet, desto weniger versteht man, wie er das alles macht. Wie sich das alles trifft in dieser Figur, dem dicken Mann mit der Baseball-Kappe und den stets ein wenig zu tief hängenden Jeans: diesem überdimensionierten späten Buben, dem man eigentlich nicht einmal so recht zutrauen mag, dass er morgens ohne Zutun der Mama rechtzeitig zur Arbeit kommt. Michael Moore, 50, sieht nicht so aus, als könne er das Kino oder gar die Kultur, in der er arbeitet, verändern – von der restlichen Welt ganz zu schweigen. Aber es ist, wie man in den USA gern betont, eben falsch, ein Buch nach seinem Umschlag zu beurteilen. In diesem Fall: ganz falsch. Buchmarkt und Filmlandschaft hat Moore, mit astronomischen Umsätzen für kleine Kinopolemiken und launig hingekritzelte Agitpropliteratur, bereits auf den Kopf gestellt, und die Welt soll – mit der erhofften Abwahl George W. Bushs – in wenigen Monaten folgen.

Wenn nun also „Fahrenheit 9/11“, sechs Wochen nach dem US-Kinostart, auch in Österreich und Deutschland anläuft: Was kann ein Mann wie dieser für und in Europa tun? Ist seine Arbeit, die sich so obsessiv mit republikanischer Inkompetenz und der Macht der US-Konzerne, mit privater und nationaler Waffengewalt befasst, nicht viel zu stark auf die USA fokussiert, um auch anderswo ihre volle Wirkung zu entfalten? Offenkundig nicht: In nur drei Wochen haben allein in Frankreich eineinhalb Millionen Menschen „Fahrenheit 9/11“ gesehen. Die Strahlkraft der provokanten Kino-Essays Moores reicht – wie die seiner Bücher – über die Grenzen der Vereinigten Staaten weit hinaus. Schon die Goldene Palme, die im vergangenen Mai beim Filmfestival in Cannes an Moores umstrittene Arbeit verliehen wurde, stellte im Wesentlichen klar, dass in einem Klima des wachsenden Antiamerikanismus im alten Europa „dissidente“ Amerikaner wie Moore grundsätzlich erhöhte Chancen auf einen Platz in der aktuellen europäischen Heldengalerie haben.

Linkes Amerika. Kein Wunder – die neue Liebe ist nämlich wechselseitig: In Michael Moore hat Europa einen einflussreichen amerikanischen Bewunderer gefunden; vor allem in seinen Büchern wird er nicht müde, europäischer Kultur und Intelligenz zu schmeicheln, in der er ein Gegenbild zu seinem eigenen Land erkennt, in dem es leider cool sei, ein Idiot zu sein. Wie sonst, fragt Moore, sei die doch massive Zustimmung für George W. Bush zu erklären?

Als „Patriot“ sieht sich Moore, wie die meisten linken Amerikaner, dennoch. Den Antiamerikanismus, den Moore schürt und befördert, bestreitet er für sich selbst vehement. („Fahrenheit 9/11“ bestätigt übrigens in vielerlei Hinsicht das patriotische Pathos Moores, das durchaus dazu angetan ist, europäische Anhänger zu verstören.) Moore glaubt an ein liberales Amerika, an ein eigentlich längst nach links gedriftetes Land, dessen Bevölkerung mehrheitlich für Umweltschutz, kostenlose Krankenversorgung und Homosexuellenrechte eintritt.

Dass Moores Wurzeln im Journalistischen liegen, ist „Fahrenheit 9/11“ deutlich anzusehen. Geboren in Flint, Michigan, einer Stadt, die auch in seinem neuen Film Hauptschauplatz ist, gründete der ehemalige Priesterseminarist und Jungpolitiker in den siebziger Jahren die angesehene, alle 14 Tage erscheinende Zeitschrift „The Flint Voice“; später gab er das linke Magazin „Mother Jones“ heraus. Das Fernsehen war und ist, wie sich das für einen ordentlichen Populisten gehört, selbstverständlich eines der Hauptbetätigungsfelder Moores – auch wenn diese Seite seiner Karriere in Europa am wenigsten bekannt sein dürfte. In den neunziger Jahren produzierte und moderierte Moore Comedy- und Reality-Serien wie „TV Nation“ und „The Awful Truth“, nebenbei nutzt er bis heute jede Gelegenheit, mit TV-Gastauftritten, etwa in den Late-Night-Shows, präsent zu sein. Die Live-Situation hat den Entertainer geprägt: Die Vortragsabende, die er mit jedem neuen Buch vor ausverkauften Hallen und treu ergebenem Publikum absolviert (so auch im Vorjahr im Wiener Volkstheater), ähneln eher Stand-up-Comedy-Veranstaltungen als spröden Leseauftritten.

Schlichte Strategien. Moores Bücher lassen viele der eher schlichten Strategien dieses Künstlers deutlicher erkennen als seine Filme. Was etwa in „Volle Deckung, Mr. Bush“ – einer Sammlung jener Geschichten und Thesen, die direkt zu „Fahrenheit 9/11“ führen – verhandelt wird, erweist sich nicht erst bei näherer Betrachtung als banal. Moores launiger Rap über Bushs Verflechtungen mit den Saudis, über den 11. September 2001 und den Krieg gegen den Terror ist ein in endlose Wiederholungen aufgelöster Fundus fixer Ideen und krauser Verschwörungstheorien. Die Redundanz vieler Texte sucht Moore durch saloppe Formulierungen zu kompensieren: Amerikas Verteidigungsminister taucht bei Moore grundsätzlich unter seinem Spitznamen „Rummy“ auf, den Präsidenten nennt er schon mal „George of Arabia“ – und das umfassende Bespitzelungsgesetz, das die Bush-Administration euphemistisch Patriot Act genannt hat, sei, schreibt Moore, „nicht amerikanischer als ,Mein Kampf‘“. In der Wahl seiner Mittel ist Michael Moore jedenfalls kein Pedant. Frechheit siegt.

König der Breitseite. Genieren sollen sich die anderen, zum Beispiel George W. Bush: „Shame on you, Mr. Bush!“, rief Moore im Rahmen seiner Oscar-Rede 2003 in die Welt hinaus – und verewigte sich damit einmal mehr als König der Breitseite. In dieser Rolle fühlt er sich am wohlsten: als Sprachrohr der Sprachlosen, als gerissener Einfaltspinsel, der Machtmenschen, Ordnungshütern und Kriegstreibern Bilder und Worte entgegenzusetzen weiß, die auch all jene verstehen, die so etwas nie könnten. Die tiefe Sehnsucht Amerikas nach einem proletarischen Helden, nach einer Ersatz-Arbeiterbewegung, steht hinter dem gigantischen Erfolg des Michael Moore.

Dazu kommt Moores ausgeprägter Instinkt für das jeweils richtige Bild, die passende Intervention und das perfekte Timing. Unverblümtheit und Hinterhältigkeit halten sich – genau wie Amüsement und Pathos – in seinen Filmen die Waage. Damit hat Moore nicht wenige angesehene Figuren überraschend ausgehebelt: Disney-Boss Michael Eisner etwa hat sich mit seiner Weigerung, „Fahrenheit 9/11“, produziert von der Disney-Tochter Miramax, in die nordamerikanischen Kinos zu bringen, nicht nur um sehr viel Geld gebracht, sondern auch weltweit lächerlich gemacht.

Als selbststilisierter Robin Hood lebt Moore privat einen nicht ganz unproblematischen Widerspruch. Der Welterfolg hat ihn reich gemacht – damit hat er, in seiner eigenen Logik, die Seiten und die Moral gewechselt. Nicht ohne Grund bemüht er sich deshalb, seine eigentlichen Lebenszusammenhänge zu verheimlichen: Ein antikapitalistischer Demagoge, der im edlen 2-Millionen-Dollar-Domizil in New York City residiert, kann schnell an Glaubwürdigkeit verlieren. Der VW-Käfer, den Moore besitzt, passt bestens zur selbst geschaffenen öffentlichen Figur, aber wenn gerade keine Fotografen in der Nähe sind, lässt er sich angeblich lieber in der Limousine durch die Gegend fahren.

Man kann aber auch, wie gesagt, die Rolle des Underdogs, die Moore so souverän spielt, als angenommen, als künstlich verstehen – und ihm mangelnde persönliche Authentizität nicht zum Vorwurf machen. Es ist jedenfalls keine Übertreibung zu behaupten, dass Michael Moore mit der Verleihung des Oscar für „Bowling for Columbine“ und der Goldenen Palme von Cannes – und mit US-Einspielergebnissen, die kein Dokumentarfilm jemals erreicht hat – zu den ganz Großen des amerikanischen Showgeschäfts aufgeschlossen hat. Wie gut es ihm mit dem enormen Popularitätszuwachs geht, den er seit 2002 erlebt hat, lässt sich nicht leicht ermessen. Angespannt hetzt Moore dieser Tage durch die Welt, stets umringt von Sicherheitskräften, von einem Auftritt zum nächsten, bewegt sich zwischen Filmpremiere und demokratischem Parteitag (siehe auch Reportage S. 78) – und überall deklamiert er seine sozialpolitischen Selbstverständlichkeiten, genau wie die Politiker, deren falsches Leben er in seiner Arbeit so genüsslich auseinander nimmt.

Moores Karriere wird überraschend bleiben – seinen Kritikern ist er mit den Haken, die er schlägt, immer ein paar Längen voraus. Für 2005 kündigt er einen Film namens „Sicko“ an, eine aggressive Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Gesundheitssystem – charakteristisch betitelt mit einem Begriff aus der Alltagssprache, einem abschätzigen Wort, das so viel wie „Perverser“ bedeutet. Die Angriffslust kommt der karitativen Idee zuvor: erst die Provokation, dann die Vernunft. Michael Moore weiß sehr genau, wie viel Coolness er dem Kino schuldig ist.