Was hat der denn geleistet? Obamas Friedensnobelpreis überrascht die Welt

Georg Hoffmann-Ostenhof über die Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama.

Niemand hätte das erwartet. Vor allem nicht jetzt. Und doch hat Oslo entschieden: Barack Obama ist der Friedensnobelpreisträger 2009 – nicht einmal ein Jahr nachdem der 47-jährige Afroamerikaner ins Weiße Haus ­eingezogen ist. Was hat er denn geleistet, wird nun allerorten gefragt. Ist die Verleihung nicht zumindest verfrüht?

Die zwei vor Obama in Ausübung ihres Amts ausgezeich­neten US-Präsidenten, Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson, erhielten den Preis für konkrete Handlungen: dieser für die Schaffung des Völkerbunds, jener für die erfolgreiche Friedensvermittlung im russisch-japanischen Krieg 1905. Auch Shimon Peres und Michail Gorbatschow, zwei Staatsmänner, die während ihrer Amtszeit vom Nobelpreiskomitee gekürt wurden, konnten die Ehrung für ganz konkrete Friedensaktivitäten entgegennehmen: den Abzug aus Afghanistan, den Fall der Berliner Mauer und die Friedensverträge von Oslo.

Und was hat Obama vorzuweisen? Ist er nicht der US-Oberbefehlshaber, der gerade zusätzliche Truppen in den Hindukusch entsendet? Stehen US-Soldaten nicht nach wie vor an Euphrat und Tigris? Die Palästinenser haben immer noch keinen Staat. Und wenn man den westlichen Experten glaubt, so basteln Teheran (wahrscheinlich) und Pjöngjang (ganz sicher) weiter an der Atombombe.

Das stimmt alles. Dennoch: Jene, die nun die Nase rümpfen und die Preisverleihung für fragwürdig halten, weil Obama bisher nichts Greifbares geliefert hat, verstehen von Weltpolitik weniger als das Nobel-Komitee in Norwegen. Dieses hat den US-Präsidenten geehrt für seinen außerordentlichen Einsatz zur „Stärkung der internationalen Diplomatie und der Zusammenarbeit der Völker“. Nur selten, so wird in der Begründung fortgesetzt, habe „ein Mensch im gleichen Ausmaß wie er die Aufmerksamkeit der Welt gefangen genommen und seinem Volk Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben“. Obamas Vision einer atomwaffenfreien Welt habe zudem Schwung in die Abrüstungsverhandlungen gebracht. Der norwegische Komiteechef Thorbjörn Jagland verteidigte die Verleihung an Obama trotz dessen kurzer Präsidentschaft: „Alles, was er in seiner Zeit als Präsident angepackt und wie sich dadurch das internationale Klima verändert hat, ist schon mehr als Grund genug.“

Tatsächlich hat Obama eine fundamentale Wende der Weltpolitik vollzogen. Das Oberhaupt der Supermacht USA hat dem aggressiv-arroganten Imperialismus und Militarismus der vergangenen acht Jahre ein Ende bereitet. Zwar sind im Irak noch US-Truppen stationiert, doch Obama hat den Abzug angekündigt. Er bot dem Iran und Nordkorea direkte Gespräche über deren nukleare Ambitionen an. Und er erklärte offen, dass, nur wenn die Besitzer von Atomwaffen abrüsten, diese von den andern verlangen können, dem Streben nach der Bombe zu entsagen. An Russland sendet er Signale der Entspannung und gab schließlich den Verzicht auf den geplanten globalen Raketenschild bekannt, von dem die Russen sich bedroht gefühlt hatten. Inzwischen verhandeln Washington und Moskau wieder über den Abbau von Nuklearwaffen.

Der vom Nobel-Komitee gepriesene „außerordentliche Einsatz“ Obamas hat unmittelbar noch wenige Früchte getragen. Dem ist jedoch die Einschätzung des US-Starjournalisten Fareed Zakaria entgegenzuhalten: „Wenn man in ein Land einmarschiert, sind die Folgen sofort sichtbar. Um mit einer langfristig angelegten Diplomatie erfolgreich zu sein, bedarf es der Geduld.“

Den Worten müssen auch Taten folgen, das war oft der kritische Schlusssatz in Rezensionen von allgemein bewunderten Obama-Reden. Und so wird auch jetzt die Nobelpreisverleihung kritisiert. Doch dabei wird die Macht des gesprochenen Wortes unterschätzt. Die drei großen rhetorischen Meisterleistungen Obamas – seine Rede in Kairo über das Verhältnis des Westens zum Islam, jene in Prag über die nukleare Abrüstung und die Ansprache in New York vor den Vereinten Nationen – haben die Dynamik der internationalen Diplomatie von Grund auf verändert.

Und genau betrachtet hat Obama bereits einen Krieg beendet: jenen „Krieg gegen den Terror“, den sein Vorgänger George W. Bush erklärt hatte und der die Grundlage für die Desaster der vergangenen Jahre bildete.
Noch steht die große Wende der Weltpolitik, für die Obama eintritt, am Anfang. Er kann Fehler begehen (viele glauben, dass er das bereits in Afghanistan tut), er kann sogar mit seinen Bemühungen scheitern. Das ist möglich. Aber das Nobelpreiskomitee ehrt Barack Obama für die Weichenstellung, die er vollzogen hat, und leistet Unterstützung für eine radikale Erneuerung der amerikanischen Außenpolitik. Diese Unterstützung kommt zur richtigen Zeit. Sie ist nicht verfrüht. Es war eine politische Entscheidung Oslos, monieren Kritiker. Und sie haben Recht: Es ist eine Entscheidung für die weltpolitische Vernunft.