Was von Popper bleibt

Philosophie. Zehn Jahre nach seinem Tod gilt der große Denker als der von Politikern und Managern meistzitierte Philosoph der Welt. Kritiker halten ihn für einen Idealisten.

Manche mögen Karl Popper mehr als Schmuck oder als Beweis ihrer Belesenheit im Munde führen. Aber so mancher Politiker oder Wirtschaftsmanager identifiziert sich tatsächlich mit dem, was der große Denker einst gesagt oder geschrieben hat. Ein Blick ins Archiv eröffnet eine ganze Reihe von Zitierungen auch aus den vergangenen Wochen und Monaten. Dass Eduard Mainoni, der neue FPÖ-Staatssekretär im Verkehrs- und Technologie-Ministerium, Popper-Aussagen zur Unterstützung seines Amtsantritts heranzog, ist zwar ohne wörtliches Zitat verbürgt, aber bei Heinz Fischer notierten es die Zeitungsschreiber genauer.
Schon im Präsidentschaftswahlkampf hatte sich Fischer als Anhänger des großen Philosophen zu erkennen gegeben. Und als frisch gekürter Bundespräsident bemerkte er anlässlich der Verleihung des Kurt-Vorhofer-Preises für Qualitätsjournalismus an den „Standard“- und „Format“-Kolumnisten Hans Rauscher („rau“), dieser schreibe in Alternativen und versuche sich dabei der Einsicht Poppers anzunähern, die sinngemäß laute: Ich kann Recht haben, du kannst Recht haben, aber wir beide sind verpflichtet, uns auf die Spur der Wahrheit zu begeben.
Popper starb am 17. September 1994 im Londoner Stadtteil East Croyden im Alter von 92 Jahren. Aber auch jetzt, zehn Jahre danach, ist die Bewunderung für den aus Wien stammenden Philosophen ungebrochen. Die deutschen Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und Helmut Schmidt beriefen und berufen sich gleichermaßen auf ihn wie der neue deutsche Bundespräsident Horst Köhler. Österreichs Finanzminister Karl-Heinz Grasser hat sich bei Popper den Optimismus abgeschaut, Innenminister Ernst Strasser einen Teil seines Weltbildes. „Wenn man Popper danach misst, wie oft er von Politikern zitiert wird, dann gehörte er sicherlich zu den großen Denkern des 20. Jahrhunderts“, sagt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann.
Poppers Lebensweg durchmisst nahezu das ganze 20. Jahrhundert. 1902 als Sohn eines angesehenen liberalen, kunstsinnigen jüdischen Rechtsanwalts in Wien geboren, erlebte er die zu Ende gehende Monarchie, das Aufkeimen des Antisemitismus, die politischen Wirren der zwanziger und dreißiger Jahre. Er beobachtete den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, den stalinistischen Terror in der Sowjetunion, erlebte den Bürgerkrieg des Jahres ’34, den austrofaschistischen Ständestaat. Und er nahm 1937, also noch bevor die sich abzeichnende Katastrophe des Nationalsozialismus über Österreich hereinbrach, eine Professur in Neuseeland an. Nach dem Krieg ließ er sich in London nieder, wo er mit den bedeutendsten Philosophen und Wissenschaftstheoretikern dieser Zeit zusammentraf, darunter mit Bertrand Russell. Er lehrte an der London School of Economics und wurde 1965 von der Queen in den Adelsstand erhoben.

Liberale Demokratie. Von den zahlreichen von ihm verfassten Büchern sind drei besonders wichtig: 1934 veröffentlichte Popper die „Logik der Forschung“, ein erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Werk, mit dem er unter Philosophen und Wissenschaftstheoretikern schlagartig bekannt wurde. Aber viel nachhaltiger, weil über den Kreis der Philosophen weit hinausgehend, wirken bis heute seine sozialphilosophischen Arbeiten „Das Elend des Historizismus“ und das noch in Neuseeland abgefasste zweibändige Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“.
Diese Arbeiten gelten heute als philosophische Grundlagen der pluralistischen liberalen Demokratie. Sie allein garantiere, dass man Fehler korrigiert und schlechte Staatslenker in die Wüste geschickt werden. Popper äußert darin seine tiefe Skepsis gegenüber allen Heilsbringer-Ideologien, die mit ihrem Streben nach der perfekten Gesellschaft am Ende zwangsläufig in einer Tyrannei enden müssten. Einige Eckdaten aus Poppers Jugendjahren dürften den Keim zu diesen späteren Arbeiten über Staat und Gesellschaft gelegt haben.
In seinem bildungsbürgerlichen Elternhaus begeisterte sich Popper in frühen Jugendjahren für Kunst, Musik und Philosophie. Besonders die Lektüre der Vorsokratiker dürfte ihn nachhaltig beeindruckt haben. Doch die sozialen Zustände in Österreich während des Ersten Weltkriegs begannen den behüteten Bürgersohn mehr und mehr zu irritieren. Popper brach die Schule ab, ging in eine Tischlerlehre und schloss sich vorübergehend den Kommunisten an. Doch deren umstürzlerischer Anspruch schreckte ihn ab. 1919 hatte die KP zu einem Sturm auf die Rossauer Kaserne aufgerufen, um dort inhaftierte Arbeiter zu befreien. Popper, der an der Aktion teilnehmen wollte, kam zu spät: Die Polizei hatte auf die Arbeiter geschossen und acht von ihnen tödlich getroffen.
Dieses einschneidende Erlebnis ließ Popper nachdenklich und vorsichtig werden. Er hielt es für unverantwortlich, deklassierten Menschen in einer neu zu bauenden Gesellschaft das Himmelreich auf Erden zu versprechen und sie stattdessen ins Verderben zu treiben. Nationalsozialismus und Stalinismus lieferten ihm die Bestätigung für sein früh entwickeltes Sensorium gegen jegliche Art des Totalitarismus. In seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ analysierte er die philosophischen Wurzeln, die seiner Ansicht nach solchen Entwicklungen den Boden bereitet hätten. Das Denken dreier Philosophen schien ihm dafür maßgeblich zu sein: Platon, Hegel und Marx.
Popper unterschied zwei große Typen von Gesellschaften, offene und geschlossene. Offene Gesellschaften zeichnen sich durch evolutionäre Veränderbarkeit, durch die Fähigkeit zur Selbstkritik und zur permanenten Reformierbarkeit aus. Geschlossene Gesellschaften weisen jedem Einzelnen einen bestimmten Platz zu, die Freiheit ist eingeschränkt oder nicht existent, alles wird einem Prinzip untergeordnet, sie sind diktatorisch und nicht reformierbar.
Schon in Platons Werk „Politeia“ erkannte Popper totalitaristische Elemente, weil darin die Macht im Staat den Philosophen, den Weisesten, zugeordnet wird – ein statisches Gesellschaftsideal, in dem die Menschen am Ende in Unfreiheit und Knechtschaft gehalten werden. Noch mehr mit Schaudern erfüllte ihn die Überzeugung Hegels, der Menschen einer Idee opfern wollte, um dieser Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Etwas nachsichtiger ging Popper mit Marx um, weil er dessen Intention anerkannte, eine soziale Verbesserung für die verelendeten Massen herbeizuführen. Doch Marx’ Anspruch, den Kapitalismus durch eine gewaltsame Revolution zu beenden und an seine Stelle die Diktatur des Proletariats zu setzen, missfiel ihm zur Gänze. Die Vorgänge in der Sowjetunion mussten ihn zu der Einsicht führen, dass dort die Idee der Befreiung pervertiert wurde zu einem totalitären, terroristischen Regime.
Manche Philosophen wundern sich heute, warum Popper trotz der zeitlichen Distanz von fast zweieinhalbtausend Jahren Platons Staatsgedanken kritisierte, nicht aber jene Nietzsches, die häufig als dem Faschismus nächste betrachtet werden. Jedenfalls gilt Popper als Theoretiker einer liberalen, toleranten Demokratie modernen Typs. Wiewohl er mit dem großen Theoretiker des Liberalismus, dem österreichischen Nobelpreisträger Friedrich von Hayek, persönlich befreundet war, lehnte er einen schrankenlosen Wirtschaftsliberalismus ab. Die Politik müsse den Primat vor der Wirtschaft haben und dabei trachten, die sozialen Verhältnisse schrittweise zu verbessern, eine Idee, die vor allem bei europäischen Sozialdemokraten großen Anklang fand.

Ostblock-Stipendien. Poppers Ideen wurden durch seine Schüler weitergetragen. Laut dem Grazer Philosophen und Popper-Kenner Kurt Salamun ist die Wirkung größer als allgemein angenommen: „Popper hat eine Rolle gespielt bei der Destabilisierung des Ostblocks.“ So habe George Soros, Poppers Schüler an der London School of Economics, sein bei Börsenspekulationen angehäuftes Vermögen auch für Stipendien an Studenten aus Ostblockstaaten verwendet, um sie auf eine liberale Demokratie im Sinne Poppers vorzubereiten (siehe nebenstehendes Salamun-Interview).
Kritiker meinen allerdings, Popper habe in seiner Theorie von der kontrollierten und abwählbaren Macht die nicht abwählbare und viel weniger sichtbare Macht der großen Konzerne übersehen, welche die demokratischen Entscheidungsprozesse unterminiere. Popper wäre allerdings auch in diesem Punkt optimistisch gewesen, dass die Demokratie auch wirtschaftliche Fehlentwicklungen zu korrigieren imstande sei. USA-Kritikern hielt er gerne den von Bob Woodward und Carl Bernstein, zwei Journalisten der „Washington Post“, aufgedeckten Watergate-Skandal vor, der Präsident Richard Nixon zu Fall brachte – als Beispiel kontrollierter Macht.
Kritiker halten Poppers Theorien dennoch für „zu idealistisch“, wie übrigens auch seine Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien.
Nach seiner Tischlerlehre und Externistenmatura legte Popper die Lehramtsprüfung ab und unterrichtete Mathematik und Physik an der Hauptschule in der Wiener Schweglerstraße. Er war ein glühender Anhänger der schulreformerischen Bemühungen des sozialdemokratischen Wiener Stadtrats Otto Glöckel. Nebenbei studierte er als außerordentlicher Hörer an der Wiener Universität bei Moritz Schlick und Rudolf Carnap und geriet so in die Nähe des Wiener Kreises der Philosophie, der sich um eine positivistisch-logische Grundlage der modernen Wissenschaft bemühte.
Popper, der manchmal fälschlich als Positivist bezeichnet wird, stand diesen Philosophen von Anfang an kritisch-distanziert gegenüber. Er hielt die positivistische Forderung, wissenschaftliche Aussagen durch Verifikation an letzten Erfahrungsdaten zu begründen, für unmöglich. Als Alternative entwickelte er seine Falsifikationstheorie: Der Wissenschafter könne die von ihm aufgestellte Hypothese nur durch Falsifikation auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Je öfter sich die These der Falsifikation widersetzt, desto wahrscheinlicher wird ihr Wahrheitsgehalt. Aber in jedem Fall ist die Wahrheit ein Wert, dem wir uns nur annähern können. Nach Poppers „Kritischem Rationalismus“ müsste sich Wissenschaft einem beständigen Prozess der Kritik und Selbstkritik unterwerfen, sonst sei sie keine Wissenschaft.
Der Wiener Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits hält Poppers Thesen für „zu idealistisch“ und merkt überdies an: „In seiner Praxis als Philosoph war Popper das Gegenteil dessen, was er gepredigt hat.“ Berühmt wurde die Anekdote, wonach Popper 1946 im Moral Science Club in Cambridge seinen Widersacher Ludwig Wittgenstein derart zur Weißglut brachte, dass dieser mit dem Schürhaken auf ihn losging. Er selbst reagierte aber mimosenhaft, wenn er sich nach einem Vortrag Kritik anhören musste. So soll er sich einfach ans Herz gegriffen und gesagt haben: „Was wollen Sie von mir, ich bin ein alter Mann“ oder „Tut mir Leid, ich habe kein Wort verstanden.“