Waum wir so wenig über Reichtum und Vermögen wissen

Über Arme und Armut wissen wir fast alles, über Reiche und Vermögen so gut wie nichts. Warum eigentlich?

Yachten, Diamanten, Uhren, Villen, Privatbanken oder auch „Ultra Premium Alkohol“: Wer sich dafür interessiert, sollte ab kommendem Montag im Wiener Palais Liechtenstein vorbeischauen. Die britische Zeitung „Financial Times“ veranstaltet dort einen zweitägigen „Luxus-Gipfel“, bei dem unter anderem EU-Handelskommissar Karel de Grucht „Die Kraft des Luxus“ beschwören und „Luxus als die gesündeste Branche“ besungen wird.
Der Gipfel ist eine der raren Möglichkeiten, eine Reise in die unbekannte Welt des Geldes anzutreten. Der untere Rand der Gesellschaft in Österreich ist ja hervorragend ausgeleuchtet, Bücher und Studien über Armut füllen ganze Bibliotheken. Wer warum wie lange Sozialleistungen bekommt, mit wie viel Geld Arbeitslose auskommen, wer warum an der Armutsgrenze lebt, was „Working Poor“ besitzen: All das ist bis auf den letzten Cent wissenschaftlich dokumentiert – und in wiederkehrenden Debatten über so genannte „Sozialschmarotzer“ weidlich ausgeschlachtet. Reichtum und Vermögen hingegen sind hierzulande ein blinder Fleck. Die Illusion, dass der Wohlstand breit verteilt ist, wollte sich niemand durch empirische Daten zerstören lassen. Lieber wird gegen „die Reichen“ oder für „den Mittelstand“ polemisiert, ohne dass jemand weiß, wer das eigentlich sein soll.

„Von Armen wird verlangt, ihr Einkommen offenzulegen"
Martin Schenk, der rührige Sozialexperte der evangelischen Diakonie, kann ein Lied davon singen. Er ist einer der Mitinitiatoren der „Armutskonferenz“. Als aber eine „Reichtumskonferenz“ veranstaltet werden sollte, waren die Hürden wesentlich höher. „Für Studien über Obdachlosigkeit oder Sozialhilfeempfänger finden sich vergleichsweise leicht Finanziers, sei es aus Ministerien oder von privaten Stiftungen. Erhebungen über Vermögen will niemand bezahlen“, sagt Schenk. Er hat dafür zwei Erklärungen: Erstens dominiere das – durchaus hehre – Motiv, dass Wissen über die Benachteiligten wichtiger sei. Zweitens habe im Grunde niemand Interesse, Reichtum zu erforschen, glaubt Schenk: „Von Armen wird verlangt, ihr Einkommen offenzulegen, Reiche dürfen auf Privatsphäre pochen. Das wurzelt in der stillschweigenden Übereinkunft, dass es im Sozialstaat Österreich keine ungerechte Vermögenskonzentration geben kann.“
Das ist insofern erstaunlich, als man kein Wirtschaftsnobelpreisträger sein muss, um grob kalkulieren zu können, dass sich nach sechs Jahrzehnten ohne Kriege in einem der reichsten Staaten Europas ein erkleckliches Maß an Wohlstand angesammelt haben muss. In anderen Ländern, etwa in Frankreich, den nordischen Staaten oder im angloamerikanischen Raum hat die Vermögensforschung eine lange Tradition. Seit über einem Jahrhundert wird erhoben, wer wie viel besitzt – und woher der Reichtum stammt: Ist er erarbeitet? Erwirtschaftet? Vererbt? In Österreich hingegen tappt man im Dunkeln – und das hat Folgen: So gut wie niemand betrachtet sich als „reich“ oder „vermögend“. Stattdessen zählen sich fast 100 Prozent der Bevölkerung in ihrer Selbsteinschätzung zum so genannten „Mittelstand“, für den es zwar keine Definition gibt, der aber umso intensiver von Politikern aller Couleurs umworben wird.

Der Millionär Reinhard J. Berger, Präsident des Liechtensteiner Investmenthauses Valluga AG, vertritt die Minderheitenmeinung, dass die Öffentlichkeit das Recht habe, etwas über Vermögende zu erfahren. Sein jüngster Report konstatiert für das Jahr 2012 ein „fulminantes Rekordergebnis“ und ein Anwachsen des Klubs der heimischen Millionäre um zehn Prozent auf 77.600 Personen. Der „Global Wealth Report“ des Beratungsunternehmens Capgemini kam zuletzt für Österreich auf 88.000 Millionäre. Welche Zahl der Realität näher kommt, weiß niemand genau – beide beruhen auf Schätzungen.

„Reichtum bleibt in Österreich unerforschtes Terrain“, seufzt Martin Schürz – und niemand kann das besser wissen als er. Schürz ist Ökonom in der volkswissenschaftlichen Abteilung der Nationalbank und sammelt seit sechs Jahren wie „Puzzleteile“ Daten über Vermögen. Als nationaler Teil einer großangelegten Untersuchung der Europäischen Zentralbank wurden 2380 Privathaushalte befragt, wie viel Immobilien, Geld oder sonstige Werte sie besitzen. Die Interviewer können zwar offensichtliche Fehlangaben korrigieren: Wenn sie etwa jemand in dessen schmucker Villa in Döbling befragen, der aber kaum etwas besitzen will. Das Grundproblem der freiwilligen Befragung ist aber ein anderes, analysiert Schürz: „Erstens erfassen wir die wirklich Reichen auf diese Art nicht, wir haben in der gesamten Haushaltserhebung keine Milliardäre drinnen. Zweitens geben jene Vermögenden, die teilnehmen, nicht immer ihren ganzen Reichtum an.“ Das verzerre naturgemäß die Daten.

„Die Vermögensforschung steht erst ganz am Anfang“
Auch wenn die Vermögen der Superreichen gar nicht einberechnet waren, sorgten die ersten Teilergebnisse für gehörigen Wirbel, ergaben sie doch eine unvermutet hohe Vermögenskonzentration: Das reichste Zehntel der Österreicher besitzt mit 720 Milliarden Euro satte 60 Prozent des Immobilien- und Finanzvermögens. Statt darüber zu diskutieren, welche Konsequenzen – etwa für das Steuersystem – aus diesen überraschenden Ergebnissen gezogen werden sollten, wurde lieber die Methodik der Nationalbank angezweifelt (die übrigens von der US-Notenbank seit Jahrzehnten praktiziert wird und von deren Vermögensexperten auch begutachtet wurde) und Schürz als linker Ideologe diskreditiert. Er kann daraus nur den Schluss ziehen: „Die Vermögensforschung steht erst ganz am Anfang.“

Nicht nur in Österreich sorgten die Ergebnisse dieses EZB-Projekts für Aufruhr: In Deutschland etwa entfachten sie eine Diskussion über den „Reichtum“ der Spanier oder Italiener – und ob Milliardenhilfen für die taumelnden Südstaaten wirklich gerecht sind. Im Grunde kreist die Debatte um die Frage: Müssen auch Ansprüche auf Sozialleistungen, etwa auf Pensionen, zum Vermögen gerechnet werden?

Diese Frage beantwortet Wilfried Altzinger, Professor für Geld- und Finanzpolitik an der Wiener Wirtschaftsuni, mit „Nein“: Denn erstens seien Pensionen ein Versprechen, das eingelöst werden kann oder nicht, zweitens seien sie nicht frei verfügbar – im Gegensatz etwa zu Geldvermögen.
Altzinger hält andere Aspekte für wesentlich wichtiger. „Das ist die derzeit spannendste Grafik der Verteilungsökonomie“, sagt er und projiziert Ergebnisse einer amerikanischen Studie an die Wand: Demnach war die Konzentration der Vermögen in den USA im Jahr 1928, vor der Weltwirtschaftskrise, am höchsten – das oberste eine Prozent besaß knapp 25 Prozent des Vermögens. Durch Krieg und New Deal, etwa eine Erbschaftssteuer von 70 Prozent, flachte sich die Kurve bis in die 1980er-Jahre auf unter zehn Prozent ab – um kurz vor der Lehman-Pleite wieder fast dieselbe Konzentration wie 1928 zu erreichen. Dann kam ein Knick. Seit 2010 steigt die Konzentration wieder, was Altzinger „faszinierend und erschütternd zugleich“ findet. Denn wie viel Vermögen sich in wie vielen Händen befindet, ist für die Stabilität der Weltwirtschaft entscheidend – vereinfacht gesagt, ist das Vermögen der einen die Verschuldung der anderen.

Altzinger würde gerne sagen, ob auch in Österreich der Wohlstand derart ungerecht verteilt ist, stößt dabei aber auf Hindernisse: Durch das Bankgeheimnis und die nicht existente Vermögensbesteuerung bleibt vieles im Dunklen. Indizien lassen aber vermuten, dass die Nationalbank-Studie nur die Untergrenze der Vermögenskonzentration wiedergibt. Altzinger rechnet vor, dass in den kommenden drei Jahrzehnten jährlich ein Volumen von rund 25 Milliarden Euro vererbt werden wird – aber satte 65 Prozent der Bevölkerung werden nie in den Genuss einer Erbschaft kommen. „Erbschaften sind der Grundstein für Vermögen. Die Vermögensungleichheiten werden sich weiter zuspitzen.“ Über die Schlussfolgerungen daraus, etwa für das Steuersystem, sollte man endlich diskutieren.

Selbst außerhalb der Wissenschaft dominiert aber weiterhin die Debatte über Armut. Dass Milliardäre der ORF-Reportagesendung „Am Schauplatz“ Interviews geben, wie kürzlich Ingrid Flick, ist überaus selten. Meist wird dort mit Empathie das Leben im Gemeindebau, nicht in der Villa beleuchtet. Die Gründe dafür sind auch ganz profan, wie Schauplatz-Chefin Heidi Lackner schildert: „Wohlhabende lassen nicht so gerne Reporter in ihr Leben.“