Weibliche Lust: Was Sie schon immer wissen wollten

Warum die bloße Penetration die ­unsicherste Methode für den Orgasmus ist. Wieso manche ihn erst im Alter entdecken. Was aus dem Mythos G-Punkt wurde. Wann die Pille gegen Erregungsstörungen für Frauen zu ­erwarten ist. Neue Bücher und Forschungen durchleuchten die komplizierte weibliche Lustmaschinerie.

Anderson Cooper gilt bei CNN als jener Moderator, der am verlässlichsten nicht lächelt. Mittlerweile versteht man auch, warum. Denn vor zwei Jahren warf ihm seine damals 85-jährige Mutter Gloria Vanderbilt, die aus der legendären ­dysfunktionalen US-Milliardärsdynastie stammt, „die sechs erstaunlichsten Worte, die eine Mutter ihrem Sohn sagen kann“, so Cooper, zu: „Schätzchen, ich schreibe einen erotischen Roman.“ Das schmalbändige Werk in überdimensionaler Schriftgröße – wahrscheinlich damit sich das Lesevergnügen für die Altersgenossen leichter einstellt – nennt sich „Die Bienenkönigin“ und ist pure Pornografie mit Hang zum Fünf-Sterne-Sadomasochismus.

Selbstredend wäre alles nur „meiner Fantasie“ entsprungen, erklärte die spätberufene Romancière mit „sehr hohen Backen“, wie die „New York Times“ die Wangenimplantate nobel umschrieb, dem Zeitungsredakteur, aber „die Liebe hält mich bis heute jung“.

Gloria Vanderbilt ist die exzentrische Spitze einer Welle von betagten Damen, die sehr weit nach der Menopause sexuell aktiv sind und darüber auch noch berichten.

Die Konzeptkünstlerin Yoko Ono , 77, stellte sich im vergangenen Sommer im New Yorker Museum of Modern Art mit einem kessen Hütchen auf dem Kopf vor einen Mikrofonständer und suchte vor einem etwas befremdet blickenden Publikum durch spitze, ekstatische Schreie den Nachweis ihrer Orgasmusfähigkeit zu erbringen. Durch die deutschsprachigen Talkshows tourt seit Monaten die heute 81-jährige Ex-Buchhändlerin Elfriede Vavrik, die in ihrem autobiografischen Roman „Nacktbadestrand“ von Selbstbefriedigung durch den „Schaufelgriff“ und ihrem ersten Orgasmus im Alter von 79 Jahren berichtet, dem seither viele folgen sollten.

Lustvolle Seniorinnen machen aus evolutionsbiologischer Sicht kaum Sinn. Sie sind ein soziologisches Produkt, ein Resultat der Emanzipation und der damit einhergehenden sexuellen Autonomie. Von dem Klischee, dass die Menopause den Anfang vom Ende eines sexuellen Frauenlebens bedeute und von den Symptomen Lustlosigkeit, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und vaginale Trockengebiete begleitet sein muss, hat man sich ohnehin schon verabschiedet. „Jeder Wechsel ist individuell“, erklärt die Wiener Gynäkologin Bibiana Kalmar, „ein Drittel meiner Patientinnen hat gar keine Beschwerden. Die Menopause mit dem Ende der Sexualität gleichzusetzen ist ein großes Missverständnis.“

Pfizers Kapitulation.
Wie Frauen Lust empfinden und wie kompliziert und variantenreich die weiblichen Gipfelstürme konzipiert sind, ist für die Wissenschaft im Vergleich zur Erforschung der männlichen Sexualität verhältnismäßiges Neuland. „Der Penis kam immer zuerst“, begründet die US-Wissenschaftsjournalistin Mary Roach die Spätzündung unter Forschern, „interessanterweise hat erst der Erfolg von Viagra das Interesse an der weiblichen Sexualität verstärkt.“ Die Entwicklung eines „Pink Viagra“, so der Branchenjargon für die weibliche Lustpille, würde Goldgräberstimmung in der Pharmaindustrie einziehen lassen. Der Pharmakonzern BioSante schätzte allein für die USA einen möglichen Jahresumsatz von zwei Milliarden Dollar. Der Viagra-Produzent Pfizer hat indessen das Handtuch geworfen. „Derzeit hat Pfizer keine Pläne, Medikamente gegen weibliche sexuelle Dysfunktionen zu entwickeln“, heißt es knapp aus der Zentrale.

„Die meisten Urologen und Naturwissenschafter waren und sind Männer“, erklärt der französische Sexualmediziner und ­Sexualtherapeut Yves Ferroul (siehe Interview), der eben mit seinem Werk in Koo­peration mit der Wissenschaftsjournalistin Élisa Brune, „Le secret des femmes“ (Das Geheimnis der Frauen), in Frankreich für Medienecho sorgt. „Deswegen herrschte eine besondere Ignoranz, was das weibliche Lustempfinden betrifft.“ Die wichtigste Erkenntnis, die auf seinem Praxisalltag und ­einer Studie von 314 Frauen basiert, lautet: „Jede Frau kann lernen, zum Orgasmus zu kommen – egal, wie alt sie ist.“ Die wichtigste Voraussetzung wäre nur, dass „sie den Willen entwickelt, ihren Körper zu erkunden, und herausfindet, welche Trigger sie drücken muss“. Der bloße Geschlechtsverkehr erweist sich, so Ferroul, auf dem Weg zum „absoluten Vergnügen“ in der Regel als die unsicherste Methode. Nur sechs Prozent der befragten Frauen gaben an, durch Penetration zum Höhepunkt zu kommen.
Ein Phänomen, das auch die Wiener Sexualtherapeutin und Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit, Elia Bragagna, beobachtet, deren neues Buch „Weiblich, sinnlich, lustvoll“ ebenfalls die weibliche Sexualität und ihre Störzonen zum Thema hat und diese Woche (bei Ueberreuter) erscheint: „Das so genannte Vorspiel beginnt meist erst im Bett, was für Frauen schwierig ist. Sie brauchen länger, um erregt zu werden, und dementsprechend sollte eine Einstimmung schon davor beginnen. Oft stehen sie auch unter Stress, und durch den Anspannungsnerv wird die Durchblutung der Genitalien blockiert.“ Sobald der Mann in die Frau eingedrungen ist, verliert er, so Bragagna, „den nötigen Kontakt zur Klitoris oder den anderen Erregungspunkten wie der vorderen Scheidenwand und dem Muttermund“, die Frau werde durch die mangelnde Stimulation trocken, der Höhepunkt rücke in weite Ferne. Frustration und Enttäuschung machen sich breit – vor allem bei ihr. Denn der Mann kann ja noch durch die Orgasmus-Simulation der Frau geschont werden. Zehn Prozent der Frauen würden, laut einer Studie der Berliner Charité-Klinik, ihrem Partner ständig ein Orgasmus-Theater vorspielen, bei den restlichen neunzig Prozent ist es schon zumindest einmal vorgekommen. „Es kann Männer zerstören“, erzählt Bragagna aus ihrer therapeutischen Praxis, „wenn ihnen ihre Partnerinnen nach mehrjähriger Beziehung gestehen, dass sie manchmal den Orgasmus vortäuschen. Das ist ein solcher Vertrauensbruch, von dem sich ein Mann nur schwer erholen kann, und massiv verunsichernd.“ Bragagna rät, wie ihr französischer Kollege Yves Ferroul, zur Kommunikation: „Es gibt Frauen, die nur durch Schmusen so erregt werden können, dass sie abheben. Nur: Sie müssen erst einmal selbst herausfinden, wo ihre Lustzentren liegen. Und das dann auch artikulieren können.“

Das, was die weibliche Sexualität so kompliziert und unfassbar macht, ist ihr Variantenreichtum. „Die Erregungsmechanismen sind bei jeder Frau höchst individuell“, so Ferroul, „und sie verändern sich auch ständig. In der weiblichen Sexualität gibt es keinen Stillstand.“

Sexuelle Autonomie.
Lady Gaga, stets höchst erfinderisch im Verfüttern frivoler Häppchen mit Skandalpotenzial an die Weltpresse, protzte jüngst in einem Interview mit der „absoluten sexuellen Autonomie“, indem sie bekannte, „ich kann mir Kraft meines Geistes einen Orgasmus verschaffen. Das habe ich mir bei Imaginationsübungen in der Schauspielschule beigebracht.“ Orgasmus-Einlagen bei ihren Konzerten gehören ohnehin zum fixen Show-Repertoire. Die Orgasmus-durch-Denken-Methode besitzt natürlich keine Mehrheitsfähigkeit. „Aber es gibt Frauen, die zum Beispiel nur durch die Berührung ihrer Schultern seitens des Partners zum Höhepunkt kommen können“, so Ferroul.

Die erste und bis dato einzige wissenschaftlich valide Studie zur Verbreitung sexueller Dysfunktionen bei österreichischen Frauen stammt aus dem Jahr 2004 und wurde vom Wiener Urologen Stephan Madersbacher am Donauspital durchgeführt. Mit dem Fazit, dass sexuelle Störungen ein Massenphänomen sind. 22 Prozent der befragten Frauen gaben an, an Luststörungen zu leiden, 35 Prozent an Erregungsstörungen und 39 Prozent an Orgasmus-Problemen, wobei das Phänomen damals vor allem bei jungen Frauen unter 20 Jahren auffällig war und leicht mit der mangelnden Erfahrung zu erklären ist.

Bragagna bemerkt bei ihren Patientinnen inzwischen eine Verschiebung, was „die Frauen im sexuell höchst aktiven Alter zwischen 20 und 40 Jahren“ betrifft: „Dort registriere ich die zurzeit höchste Rate von Beschwerden wie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.“ Bragagna erklärt sich diesen Zuwachs dadurch, dass „diese Frauen, auch durch die ständig lasziven Frauen in Videoclips, glauben, immer bereit sein zu müssen, obwohl ihr Lustzentrum ihnen eigentlich das Gegenteil meldet, sie sich darüber aber hinwegsetzen“.

Dass das größte Sexsymbol der Kulturgeschichte, Marilyn Monroe, ihrem Psychiater Ralph Greenson offenbarte, „dass ich noch nie einen Orgasmus hatte“, war großteils selbst verschuldet. „Anorgasmie ist kein Schicksal“, so die bekannteste Sexualtherapeutin der Welt, Ruth Westheimer, „nur mit der Fähigkeit, ihre Sexualität selbst zu gestalten, müssen sich Frauen auch noch im 21. Jahrhundert anfreunden lernen. Sie waren lange darauf gepolt, hauptsächlich dem Mann Befriedigung zu verschaffen."

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Wo liegt der ominöse G-Punkt?

Seinen Namen verdankt jener Punkt, der Männer in den achtziger Jahren so unter Stress setzte, dem deutschen Gynäkologen Ernst Gräfenburg, der in einem Artikel 1950 von einer Stelle an der vorderen Vaginalwand berichtete, durch deren Stimulation Frauen besonders intensive Orgasmen erleben könnten, wobei manchmal eine Flüssigkeit freigesetzt werde, die einer weiblichen Ejakulation gleichkomme. Die damaligen Sex-Gurus Virginia Johnson und William Masters verwarfen diese Erkenntnis jedoch, da sie der festen Überzeugung waren, dass die Klitoris der einzige Pfad zur sexuellen Erfüllung der Frau sei.

Erst 1978 setzte der mediale Hype ein:
Damals publizierte das US-Forschungsteam John D. Perry und Beverly Whipple das Werk „The G-Spot and Other Recent Discoveries“, basierend auf einer Studie, und gab die Parole aus, dass jede Frau über dieses Lustzentrum verfüge, die Männer müssten sich nur entsprechend Mühe geben, es zu finden. Die Lifestyle-Presse griff das Modell dankbar auf; G-Spot-Artikel dominierten „Cosmopolitan“ und Co. Erst 2008 gab es Entwarnung: Sie kam aus Italien, aus der Universität von L’Aquila. Nur jede dritte Frau habe einen G-Spot, so die Forschungsleiterin Emmanuele Jannini. Dessen Existenz sei von der individuellen Anatomie abhängig und hänge mit der Dicke des Gewebes zwischen Harnröhre und Vagina zusammen. Elia Bragagna definiert den G-Punkt in ihrem neuen Buch als „weibliche Prostata“ knapp oberhalb der Harnröhrenöffnung, deren Stimulation wie beim Mann zur Absonderung eines Sekrets in Form ­einer klaren Flüssigkeit führt.

Vaginal oder klitoral? Wie kommt es am intensivsten?

Man kann sich endgültig vom ideologischen Glaubenskrieg verabschieden, dessen Fundament der Begründer der Psychoanalyse Ende des 19. Jahrhunderts setzte. Die Debatte über den Qualitätsunterschied zwischen dem „reifen“, sprich vaginalen und dem „unreifen“, also klitoralen Orgasmus, wie Sigmund Freud differenzierte, kann ad acta gelegt werden. Allerdings erst seit 1998: Damals schockierte die australische Gynäkologin Helen O’Connell die Fachwelt, als sie mit einer 3D-Kamera den Unterleib bei Frauenleichen sondierte und dabei folgende bahnbrechende Entdeckung machte: „Die Klitoris ist ungefähr doppelt so groß wie bisher angenommen. Sie ist nahe an der Harnröhre und deckt einen viel größeren Teil der vorderen Vaginalwand ab, als man gedacht hat.“ Der Klitorisschaft gehe bis zum Nabel, erklärt die Sexual- und Psychotherapeutin Rotraud Perner: „Deshalb ist es egal, ob er vaginal, klitoral, anal oder durch die Massage der Bauchdecke stimuliert wird – der Effekt ist der gleiche.“ Sollte jemandem der Sinn nach technischen Navigationsanleitungen stehen, möge der Tipp der New Yorker Sexualtherapeutin Ava Cadell aus ihrem ­autobiografischen Buch „Confessions of a Sexologist“ für den „erderschütternden ­Triple-Orgasmus“ nicht unerwähnt bleiben: „Beginnen Sie mit der Klitoris, dann wenden Sie sich der vaginalen Penetration zu, um knapp vor dem ­Gipfel ihrer Partnerin ins Finale mit einer Stimulationskombination aus Klitoris und Anus zu gehen. Diese Methode wirkt bei vielen meiner Patientinnen wahre Wunder.“

Pink Viagra – wann kommt die Wunderpille für die Frau?

Der Viagra-Hersteller Pfizer hat vorerst das Handtuch geworfen. Mit der bitteren Erkenntnis, dass die Durchblutung und Anschwellung der weiblichen Geschlechtsorgane zwar medikamentös beeinflusst werden kann, diese physiologischen Tatsachen das Libido-Zentrum im Hirn jedoch völlig kaltlassen, musste sich der US-Pharmakonzern 2008 endgültig von der Hoffnung auf ein weiteres Milliardengeschäft verabschieden. Das Forschungszentrum für die weibliche Lustpille liegt zurzeit im schwäbischen Dorf Biberach, wo der zweitgrößte deutsche Pharmahersteller, Boehringer Ingelheim, an 5000 Frauen in Europa und in den USA den Wirkstoff Flibanserin erprobt, der ursprünglich für ein Antidepressivum entwickelt wurde. „Girosa“, so der Arbeitstitel für die für den Konzern mit hohem finanziellem Risiko verbundene potenzielle Wunderpille, dringe in das zentrale Nervensystem vor, denn „weibliches Verlangen ist eine Kopfsache, die mit dem Körper wenig zu tun hat“, so der Leiter der Projektgruppe Manfred Haehl. Doch nun erlitt „Girosa“, deren Markteinführung ursprünglich für dieses Jahr geplant war, ­einen schweren Rückschlag. Im vergangenen Juni sprach sich die US-Gesundheitsbehörde gegen eine Zulassung aus, da die Test­ergebnisse zu wenig signifikant erschienen. Die Neigungsgruppe „Girosa“ bleibt dennoch zuversichtlich. Man befinde sich in wei­teren Testphasen und hoffe, Ende 2011 „dem weiblichen Lustverlust“ – der Projektleiter wehrt sich gegen den Begriff „Erregungsstörung“ – Abhilfe schaffen zu können.

Fake-Orgasmus – kann er ihr Täuschungsmanöver durchschauen?

Jede zehnte Frau simuliert regelmäßig einen Orgasmus, der Rest der weiblichen Welt tut es gelegentlich, ergab eine deutsche Studie – ganz im Unterschied zu Yves Ferrouls französischer Untersuchung: 72 Prozent der befragten Frauen erklärten, ihrem aktuellen Partner noch nie einen Orgasmus vorgespielt zu haben, 20 Prozent bekannten sich in Ausnahmesituationen zu einer Showeinlage, nur acht Prozent gaben ein regelmäßiges Täuschungsmanöver zu. Was die Alterssignifikanzen betrifft, kristallisierten sich „Frauen um die 20 als jene Gruppe her­aus, die am häufigsten zur Simulation tendiert“, so Ferroul. Die verzweifelte Suche nach dem Orgasmus unter Twenty­-somethings bietet nun sogar Stoff für eine TV-Serie des US-Pay-TV-Senders HBO mit dem schönen Titel „Thanks for Coming!“, die im kommenden Jahr ausgestrahlt werden soll. Schwedische Wissenschafter fanden unlängst heraus, dass sogar weibliche Forellen beim Anlocken der Männchen Ekstase vortäuschen, indem sie den Mund wiederholt ­öffnen und dabei gewaltig zittern und trotzdem keine Eier loslassen. Um Frauen ­„seriös“ zu überführen, müsste man sie an Hirnmessungsgeräte anschließen, wie der holländische Neurologe Gert Holstege her­ausgefunden hat. „Unsere Untersuchungen ergaben, dass Frauen bei vorgetäuschten Orgasmen nicht jene emotionalen Zentren zu deaktivieren imstande sind, die für Kontrolle und Angst zuständig sind. Bei einem echten Orgasmus ist der Gefühlszustand ähnlich wie nach Heroinkonsum: entspannt und angstfrei.“ Da solche Prüfungsvorkehrungen für den Hausgebrauch schwer zu bewerkstelligen sind, bleiben als Indiz für das Echtheits-Gütesiegel nur die muskulären Kontraktionen im Beckenbodenbereich.

Gehört ein Vibrator in ­jeden Haushalt?

Nur 17 Prozent der befragten Französinnen gaben an, bei der Masturbation regelmäßig ein manuelles Hilfsgerät zu benutzen, der Großteil vertraute den eigenen Handfertigkeiten. Erst unlängst stieß die britische Historikerin Rachel P. Maines ausgerechnet in Handarbeitsmagazinen aus dem 19. Jahrhundert auf jede Menge Vibratorenwerbung. Ein erstaunliches Phänomen – galt doch die weibliche Selbstbefriedigung zu dieser Periode als besonders verwerflich; als „gesunder“ und zulässiger Orgasmus wurde nur jener gelten gelassen, der mit dem Mann in der Missionarsstellung erlangt wurde. Dass dennoch Vibratoren in Produktion gingen, hatte damit zu tun, dass sie bei der Diagnose Hysterie zur Anwendung gebracht wurden. Mittels der Manipulation des Unterleibs durch solche Geräte hofften die damaligen Ärzte, die Zustände der Frauen lindern und entspannen zu können. 1878 konstatierte der französische Arzt Désiré Magloire Bourneville entsetzt in einem Patientenprotokoll: „Die Frau schreit ,Ja, ja!‘. Ihre Vulva ist feucht, und sie wirft den Kopf aufgeregt hin und her. Ein Orgasmus – ganz ohne ehelichen Verkehr!“

Muss in Langzeitbe­ziehungen die Libido zwangsweise sinken?

Dass ständige Nähe die Lust auf ­Intimität zwangsweise zum Sinken bringt, verneinen die von profil befragten Sexualtherapeuten. Als verlässliches Anti-Aphrodisiakum gilt familiärer Zuwachs, wie Elia Bragagna aus ihrem therapeutischen Alltag weiß. „Man sollte sich jedoch im Klaren sein, dass der Kick aus der Phase des ersten Verliebtseins sich nicht mehr so einstellt, und andere Wege finden.“ Tödlich wäre jede Form von Druck: „Das registriere ich vor allem bei so genannten Wochenendbeziehungen, wo Paare sich unter den Stress stellen, sexuelle Begegnungen absolvieren zu müssen, auch wenn ihre Körper gar nicht dafür bereit sind.“ Dass langjährige Vertrautheit den Sex durchaus beflügeln kann, geht auf Oxytocin zurück, das auch als „Bindungshormon“ definiert wird. Dieser für Nähe, Intimität und Anti-Stress verantwortliche Stoff verstärkt die Wirkung anderer Sexualhormone und die Muskelzuckungen während des Orgasmus.

Woran denkt sie während des Orgasmus?

Da für den deutschsprachigen Raum keine validen Studien für die Facetten und Häufigkeiten des weiblichen Lustempfindens existieren, muss wieder die französische Untersuchung herhalten. Die Bilder, die Frauen bei ihrer körperlichen Explosion am häufigsten durch den Kopf schießen, sind laut dem Autoren-Duo Ferroul und Brune: „Eine Reise in die Sterne, in der man Raum und Zeit verlässt“, gefolgt von „einem Aufstieg, vergleichbar mit dem Abheben eines Flugzeugs und jenem kleinen Rumpler, den man spürt, wenn es seine Flughöhe erreicht hat“, gefolgt von der Überzeugung, „dass man nicht mehr in seinem Körper existiert“. „Fantasie, Ambiente und Chemie sind die wichtigsten Komponenten für Frauen“, sind sich die „Girosa“-Forscher sicher, „die sind eben weit komplizierter als angenommen.“

Dass musste selbst Silvio Berlusconi einsehen. Die Edelprostituierte Patrizia D’Addario schildert in ihrer Autobiografie „Genießen Sie es, Herr Präsident“ zahlreiche sexuelle Begegnungen mit dem Staatsoberhaupt, „ohne dass ich den Anflug eines Orgasmus hatte“. Obwohl sie Macht und Geld durchaus aphrodisierende Wirkung unterstellt. Aber Berlusconi stand vor jedem Akt „plötzlich im Raum in einem weißen Seidenpyjama und sah eigentlich wie ein Gespenst aus. Das hat mich zutiefst erschreckt und somit jede Lust zerstört.“

Mitarbeit: Sebastian Hofer