Weihbischof Helmut Krätzl. „Fast mit Selbstironie“

Weihbischof Helmut Krätzl über Kardinal Königs Verhältnis zu sich als Legende, den liberalen Weg und die Abrechnung aus Rom.

profil: Herr Bischof, wie trauert man über den Verlust eines Menschen, der fast 100 wurde?
Krätzl: Von diesem Jahrhundert stand ich fast die Hälfte an seiner Seite. Sein Tod kam nicht unerwartet, weil der Kardinal in den letzten Wochen sichtbar schwächer wurde. Das Berührendste war zu sehen, wie bewusst dieser Mensch auf den Tod zugeht. Oft werden Starke schwach und Schwache stark. König blieb stark: Wie ein Patriarch ist er gegangen.
profil: War das ein Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Ihnen beiden?
Krätzl: In seiner Amtszeit war das ein sehr korrektes Verhältnis, nicht besonders freundschaftlich. Das hat er nicht so gekonnt. Erst nach seinem Rücktritt 1985 entwickelte er mehr Interesse, sodass ich heute einen Freund verloren habe.
profil: Wo liegt der Ursprung der spröden Distanz, die man König nachsagte?
Krätzl: Sicher in seiner Kindheit. Die Beziehung zu seinem Stiefvater war sehr schwierig. Angenommen zu sein hat er nicht gespürt. Ein früherer Schulfreund Königs erzählte mir: Wir haben ihn immer bewundert, aber einen dicken Freund hatte er nicht. Aber er hat auch das Gegenteil bewiesen, als er in der Nazizeit die Jugend begeisterte, vor allem durch seine intellektuelle Art. Er hat stets den Kontakt zur Menge gesucht. Einsam war er vielleicht in seinen Sorgen.
profil: War König denn ein Liberaler? Viele sagen Nein: Zum Beispiel habe er das konservative Opus Dei nach Wien geholt.
Krätzl: Das Erscheinungsbild war vor 50 Jahren anders. Er hat das Opus Dei nicht geholt, sondern wirken lassen. Liberal wird oft so verwendet, als ob König keinen Standpunkt gehabt hätte. Aber er ließ Freiraum und stand in der Mitte: Dadurch hat er eine Polarisierung in Wien verhindert.
profil: Für seinen Weg bekamen er und Sie als Administrator nach Königs Rücktritt schlussendlich die Rechnung aus Rom. Die Ernennung Hermann Groers und Kurt Krenns ist kaum anders zu interpretieren.
Krätzl: Wie der Kardinal das empfunden hat, kann ich nicht sagen. Da treffen wir wieder auf seinen verschlossenen Charakter.
profil: Und Sie?
Krätzl: Wir haben uns über Groers Bestellung schon gewundert, aber nie aus Rom gehört, welcher Kurswechsel da angestrengt wurde. Auch wenn es viele nicht glauben: Ich war ehrlich nicht gekränkt; ich hätte mich furchtbar gefürchtet, in Königs Fußstapfen zu treten.
profil: Vergangene Woche schrieben Sie: „An seiner Bahre sollte man nicht nur einzelne Vorzüge loben, sondern erforschen: Was hat er insgesamt gewollt, initiiert, noch vorgehabt …“ Ihre Antwort darauf?
Krätzl: Er wollte, dass wir weiter in die plurale Gesellschaft hinausgehen, statt uns ängstlich zurückzuziehen, wie dies häufig der Fall ist. Das Gespräch mit den Weltreligionen wird immer dringender, das Potenzial der Laien muss mehr genützt werden, die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft darf nicht abreißen.
profil: Wie ging der Kardinal denn damit um, dass er zu Lebzeiten zur Legende wurde?
Krätzl: Es war seine zunehmende Größe, da drüber zu stehen. Die Akzeptanz, die zuletzt immer größer wurde, hat er positiv ausgenützt, weil er wusste, dass er ein Kirchenbild repräsentiert, das viele Leute gesucht haben. Er tat das ohne Stolz, fast mit Selbstironie.
profil: War er ein Heiliger?
Krätzl: Nein, bitte: Man sollte überhaupt mit „Heiligsprechungen“ sparsamer umgehen.