Weiß nicht!

Eine Woche vor der Wahl: was André Heller, Robert Palfrader, Florian Scheuba und Ingrid Thurnher über die politische Kultur des Landes verraten.

Dass die Weltwirtschaft sich nicht um den österreichischen Wahlkampf schert und ausgerechnet in dessen heißester Phase zu crashen geruht, ist natürlich ein ausgemachter Skandal, auf den die Spitzenkandidaten der Parteien beim besten Willen nicht auch noch vorbereitet sein konnten. Alles halb so schlimm, beschwichtigen sie jetzt: Österreich bleibt, was es immer war – eine Insel der Seligen, und da gibt es nun wirklich wichtigere Themen als den Kollaps des globalen Finanzsystems. Die verflixte Teuerung etwa. Oder die leidige Ausländerfrage. Die Pendlerpauschale nicht zu vergessen.
In einer Woche wird gewählt. Die Politik hat unter solchen Voraussetzungen naturgemäß Hochkonjunktur – ob man daraus schließen darf, dass die Zeiten auch besonders politisch seien, ist eine andere Frage, die man bis vor wenigen Wochen und Monaten noch uneingeschränkt negativ beantwortet hätte. Damals bot die große Koalition ein ähnlich desolates Bild wie die Banken- und Versicherungshäuser, die nun reihenweise einstürzen. Die latente Politikverdrossenheit steigerte sich zum akuten Ekel und infizierte sogar Medien, deren Geschäftsgrundlage nicht zuletzt politische Berichterstattung ist.

Der defätistische Furor hat sich gelegt, aber wohl auch nur, weil Wahlkämpfe selten dazu genutzt werden, um über Zustand und Qualität der politischen Kultur eines Landes im Allgemeinen zu sinnieren. Manche tun es trotzdem, die Satiriker Robert Palfrader und Florian Scheuba zum Beispiel in dieser profil-Ausgabe. Sie halten den aktuellen Wahlkampf für den bislang „zynischsten“ – in keinem anderen zuvor seien „die Menschen für dermaßen dumm verkauft“ worden. Darüber kann man redlich streiten, so wie man redlich darüber streiten kann, ob es jemals irgendwo einen Wahlkampf gab, in dem es nicht über weite Strecken darum ging, Wähler zu ködern, indem man sie für dumm verkaufte.
Wen Palfrader und Scheuba am 28. September wählen werden, verraten sie nicht. Doch man darf davon ausgehen, dass es eine Partei sein wird, bei der sie ihre Intelligenz halbwegs gut aufgehoben wissen. Das einschlägige Angebot ist allerdings überschaubar, auch wenn es durch Heide Schmidt ein wenig aufgestockt wurde. Sie macht den Grünen einerseits deren Quasimonopol auf urbane, humanitäre Liberalität streitig – andererseits agiert sie in einem ökonomischen Umfeld, das, wie jüngste Recherchen von profil und „News“ belegen, keineswegs über jeden Verdacht erhaben ist.
Wie viele Augen muss man zudrücken, um am Wahltag einer Partei sein Vertrauen aussprechen zu können, allen womöglich gravierenden Vorbehalten zum Trotz? „Ich wähle aus taktischen Gründen Liberales Forum, damit eine achtbare Partei mehr im Parlament ist und SPÖ und ÖVP so wenig Mandate wie irgend möglich erhalten“, sagt der Multikünstler und langjährige Gusenbauer-Vertraute André Heller in unserer aktuellen Ausgabe und bezieht damit erstmals nach dem „Krone“-Kotau der SPÖ-Spitze politisch Stellung: „Herr Faymann und sein mehr als befremdliches System haben es mir und vielen meiner Freunde und Bekannten sehr leicht gemacht, uns von der SPÖ zu verabschieden.“

Es ist also doch etwas in Bewegung geraten in einem Land, das zuletzt am kleinmütigen großkoalitionären Mief zu ersticken drohte. Ob die Bewegung ausreicht, um die Verhältnisse neu zu ordnen, wird man am kommenden Sonntag wissen – vorausgesetzt, das Wahlergebnis fällt so klar aus, dass eine System-Selbstblockade nicht vorprogrammiert ist. „Ich weiß nicht, wen ich wählen soll“, sagen viele, die am Angebot auf dem österreichischen Politmarkt verzweifeln: „Wahrscheinlich wähle ich weiß.“ Es ist einigermaßen schick geworden, sich politisch zu deklarieren, indem man sich einer politischen Deklaration verweigert. Diese Haltung mag in gewisser Weise argumentierbar sein, aber nur um den Preis, damit genau jene Blockade festzuschreiben, die zu dieser Haltung geführt hat.
Es ist außerdem die unpolitischste Position, die man als prinzipiell politisch verfasster Mensch beziehen kann. „Ich wähle ungültig“, erklärte Ingrid Thurnher vollmundig in einem Interview, ehe sie sich anschickte, die TV-Konfrontationen im ORF zu moderieren. Wahrscheinlich dachte die so chronisch hoch gelobte Nachrichtenjournalistin, auf diese Weise Äquidistanz zu sämtlichen Parteien zu markieren. In Wahrheit handelte es sich um eine gedankenlose Simulation von Objektivität, deren Fahrlässigkeit nach Maßstäben politischer Intelligenz nur Kopfschütteln auslösen kann.
Aber warum sollte man von Menschen, deren Tagesgeschäft es ist, Politik zu analysieren, unbedingt mehr Weitsicht erwarten als von Menschen, deren Geschäft es ist, Politik zu betreiben? „Darum trete ich für die Halbierung der Lebensmittel ein“, sagte SPÖ-Spitzenkandidat Werner Faymann im ORF. Wenn die Weltfinanzkrise anhält, wird er dieses Wahlversprechen irgendwann sogar einlösen müssen.