Himmelhochdruckgebiet

Die Kirche rüstet sich zur ­gigantischen Marketing-­Offensive in Madrid. Doch der einwöchige Weltjugend­tag der Katholiken wird der schwer angeschlagenen ­Institution nur einen kurzen PR-Schub bescheren. Die Austrittswelle hält weiter an, Reformbestrebungen stagnieren, Wiedereinsteiger wie Niki Lauda bleiben die Ausnahme.

Der deutsche Journalist Matthias Matussek zermartert sich das Hirn. Er ist einer von 20 Reportern, die kommende Woche den Papst auf seinem Flug nach Madrid begleiten, wo Benedikt XVI. ab Dienstag fünf Tage lang im Rahmen des Weltjugendtags rund 1,5 Millionen Gläubige beglücken wird. Matussek wird dem Pontifex maximus maximal zwei Fragen stellen dürfen. Das erzeugt Druck. Was fragt man den Stellvertreter Gottes auf Erden? Wie haben Eure Heiligkeit heute geschlafen? Wovon geträumt? Haben Eure Heiligkeit Bammel vor der Reise?

Man kann davon ausgehen, dass Matussek nicht die Kondomfrage stellen oder am Zölibat und der katholischen Einstellung zur Homosexualität rütteln wird. Denn Matussek gilt bei seinem Stammblatt, dem „Spiegel“, als unerschütterlich katholischer Einzelkämpfer, der jenem „Verein“, der in den vergangenen Jahren nahezu ausschließlich als „Krisenphänomen“ wahrgenommen wurde, mit seinem Buch „Das katholische Abenteuer“ eine flammende Solidaritätskundgebung widmete. Der Papst reist übrigens nicht in einer Art „Holy Spiritforce One“ des Vatikans nach Madrid, sondern in einer durchaus irdischen Alitalia-Maschine, die „natürlich mit einigem technischem Schnickschnack ausgestattet ist, von den verschiedenen Luftwaffen geschützt wird und unter ständiger Beobachtung steht“, so Matussek.

Es ist für den Papst eine heikle Mission, denn Spanien, früher eine verlässliche katholische Bastion, ist inzwischen eines seiner größten Sorgenkinder. Das Verhältnis zwischen der spanischen Bischofskonferenz und der sozialistischen Zapatero-Regierung ist seit geraumer Zeit mehr als spannungsgeladen; der Konflikt eskalierte im vergangenen Jahr mit der Aufhebung des Abtreibungsverbots. In Spanien verbreiteten sich neuerdings „raffinierte Formen der Glaubensfeindlichkeit“, erklärte der Papst beim Antrittsbesuch der spanischen Botschafterin im Vatikan, Maria Lopez-Palop, im vergangenen April. Bisweilen werde die Religion in Spanien neuerdings sogar „als sozial unwichtiger und gar lästiger Faktor“ wahrgenommen.

Inzwischen erweist sich auch das erzkatholische Irland als katholischer Akutpatient. Ende Juli bezeichnete der eigentlich prononciert katholische Premier Enda Kenny „die Kultur des Vatikans“ als ­„abgehoben, elitär und narzisstisch“. Dem scharfen öffentlichen Tadel waren von Vatikan-Vertretern vorsätzlich fehlgeleitete Untersuchungen zum Cloyne-Report vor­ausgegangen, der die Missbrauchsskan­dale in der Diözese Cloyne unter dem ­inzwischen zurückgetretenen Bischof John Magee untersuchen sollte.
Dass der Papst Spanien zum Austragungsort seiner PR-Offensive wählte, liegt nicht nur am kirchenkritischen sozialistischen Regierungschef José Luis Rodriguez Zapatero und seinen – als massive Angriffe gegen den Vatikan gewerteten – Gesetzesreformen zur Legalisierung der Homosexuellenehe und zur Lockerung des Scheidungsrechts. Die jüngste Umfrage des staatlichen Jugendinstituts ergab, dass auch die Zahl der praktizierenden Katholiken unter Spaniens Jugendlichen im vergangenen Jahrzehnt von 30 auf zehn Prozent gesunken ist. Im Gegenzug wuchs die Zahl der deklarierten Atheisten von zehn auf 30 Prozent – und das, obwohl die spanische Kirche, im Gegensatz zu Irland, den USA, Deutschland und Österreich, kaum Missbrauchsfälle in ihrem Sündenregister stehen hat.

Roberto Barbeito , Soziologieprofessor mit dem Themenschwerpunkt Jugend und Religion an der Universität von Madrid, begründet diese Entwicklung mit dem „wachsenden Gefühl der Jugend, dass die Kirche in der Vergangenheit stehen geblieben ist und die Kluft zwischen dem realen Leben und den moralischen Werten des Katholizismus sich ständig vergrößert“. Vor dem Hintergrund von Spaniens dramatischer Wirtschaftslage mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 40 Prozent erscheinen Glaubensfragen jedoch sekundär.

Die schwindende Macht des Katholizismus ist aber auch tief in der jüngeren spanischen Geschichte verwurzelt. Während des Bürgerkriegs gab es unter Spaniens Geistlichen zahlreiche Opfer zu beklagen, die auf das Konto der antifaschistischen Kräfte gingen. General Franco zwang das Land nach seiner Machtübernahme 1939 ins Korsett seines Nationalkatholizismus; erst nach dem Tod des Diktators 1975 herrschte in Spanien wieder Religionsfreiheit. Die Eltern der heutigen Teenager bildeten die erste Generation, die sich dem erzkatholischen Druck entziehen konnte – inzwischen wird nur noch die Hälfte aller Neugeborenen getauft und weniger als die Hälfte aller Ehen vor dem Altar geschlossen.

Auf dem dritten Weltjugendtag in der Amtszeit Benedikts XVI. – der letzte fand 2008 in Sydney statt – wird die katholische Kirche wieder zeigen, was sie am besten beherrscht: die Inszenierung eindrücklicher Spektakel voller Pomp und Prunk, begleitet von fantastisch anachronistischen Kostümen und einer musikalischen Untermalung mit großer spiritueller Sogwirkung.
25.000 freiwillige Helfer haben sich als Ordnungspersonal für die großen Events und Messen in Madrid gemeldet; acht Millionen Pilgermahlzeiten wurden mit der Madrider Restaurantvereinigung ausgehandelt; 10.000 Polizisten befinden sich im Großeinsatz; 400 mobile Beichtstühle wurden im Retiro-Stadtpark installiert; 4000 Journalisten werden vor Ort von dem Ereignis berichten.

„Die Organisation einer einwöchigen Massenveranstaltung dieser Dimension ist unheimlich komplex“, erklärt der Geschäftsführer des diesjährigen Weltjugendtags, Yago de la Cierva, der 250 Mitarbeiter in einem Madrider Großraumbüro dirigiert: „Schließlich soll und darf nichts schiefgehen, wenn weltweit 600 Millionen Menschen live im Fernsehen unser Fest des Glaubens mitverfolgen.“

Dass diese Form der „theatralischen Frömmigkeit“ (Matussek) das Publikum immer in ihren Bann zieht, zeigte sich ­zuletzt bei der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. im Mai, als über eine Million Menschen nach Rom pilgerten.

„Der Katholizismus hat insofern auch etwas Heidnisches, als er in hohem Maß durch seine äußere Erscheinungsform bestimmt ist und diese Inszenierungen auch einen großen Magieanteil besitzen“, sagt der Wiener Kulturphilosoph Robert Pfaller. Irrationale Phänomene wie Spontanheilungen oder Marien-Erscheinungen bilden seit jeher das Fundament der katholischen Wunder-Welt. Die dazugehörigen Wallfahrtsorte wie Lourdes oder Medjugorje sind inzwischen „gigantische Abfertigungsmaschinerien“ (Thomas Glavinic) und ziehen jährlich Millionen von Pilgern an.

Doch die katholische Spektakelkultur, wie sie nun am Weltjugendtag in Madrid zelebriert wird, bedient nachweislich mehr die Schau- als die Glaubenslust. Zur Wiedergewinnung verloren gegangener Anhänger taugt sie kaum. Der Mitgliederschwund der beharrlich reformresistenten katholischen Kirche ist trotz aller Inszenierungskunst nicht zu stoppen.

Im vergangenen Jahr musste die katholische Kirche in Österreich einen Verlust von mehr als 87.000 Mitgliedern und damit einen historischen Tiefstand hinnehmen. Nach Kardinal Hermann Groers Rücktritt wegen der Missbrauchsvorwürfe gegen ihn hatten 1995 „nur“ 44.300 Katholiken der österreichischen Kirche die Gefolgschaft aufgekündigt. Allein in Wien musste Kardinal Christoph Schönborn 2010 einen Exodus von über 25.000 Mitgliedern verkraften; im Gegensatz dazu konnten nur 922 Neu- und Wiedereintritte verbucht werden, wobei die Statistik die zurückkehrenden Katholiken nicht extra ausweist. Fest steht, dass „Rückkehrer“ wie Niki Lauda nur eine marginale Gruppe ausmachen. Neo-Katholik Lauda will seine Popularität auch dafür nutzen, lautstark Kritik an der Institution Kirche zu üben, „vor allem gegen rechtsnahe Kirchenformationen wie Opus Dei“. Trotzdem wird Lauda, der wegen der überzogenen Steuerforderungen der Kirche vor über 30 Jahren ausgetreten war, unfreiwillig zu einem erstklassigen PR-Zugpferd für Österreichs Kirche. Dass die Kirchensteuer-Pflicht, die selbst der überzeugte Katholik Matthias Matussek als „eine Form des modernen Ablasshandels“ kritisiert, dringend reformbedürftig ist, findet übrigens auch ein prominenter Geistlicher wie Toni Faber, Dompfarrer von Sankt Stephan.

Ähnlich wie in Spanien leidet die Kirche auch in Österreich an einer eklatanten Nachwuchsschwäche, wie sämtliche aktuellen Jugendwertestudien beweisen. „Wenn ich darauf angesprochen werde, rechtfertige ich schon meinen Glauben, denn viele meiner Altersgenossen finden es sehr komisch, dass ich jeden Sonntag den Gottesdienst besuche“, sagt die 16-jährige Wiener Schülerin Julia.

„Wir versuchen vermehrt, die Leute über Facebook und unsere Homepage zu erreichen“, berichtet die 23-jährige Studentin Monika, Jugendgruppenleiterin in der Wiener Pfarre Gersthof: „Ich finde natürlich, dass die Priester, die Missbrauch begangen haben, schon viel früher vor ein normales Gericht gehört hätten. Aber mit meinem persönlichen Glauben hat das nichts zu tun.“ Am Weltjugendtag in Madrid werden rund 2300 junge Katholiken aus Österreich in rund 40 Gruppen anreisen, von denen die größten Trupps aus der Steiermark stammen.

Der spanische Theologe Evaristo Villar befürchtet, dass die Anfeindung der Kirche von außen innerhalb der katholischen Jugend „zu einer gewissen Radikalisierung“ führen wird: „Erzkonser­vative kirchliche Bewegungen wie Opus Dei oder der Neokatechumenale Weg haben unter Spaniens gläubigen Jugendlichen seit geraumer Zeit verstärkten ­Zulauf. Der Trend, dass die Katholiken immer weniger werden, dafür aber umso intensiver an ihrem Glauben festhalten, wird sich verstärken.“ Unter den österreichischen Formationen zählen die Pfarre St. Rochus im dritten Wiener Gemeindebezirk und das Opus Dei zum konservativen Rand, während die Verbände aus dem Umfeld der Katholischen Jugend „eher liberal ausgerichtet sind“, so Bundesjugendseelsorger Markus Muth.

Eine Rechtslastigkeit unter den katholischen Burschenschaften ortet Muth nicht: „Die katholischen Burschenschaften sind zwar auch farbtragend, grenzen sich aber ganz klar von den FPÖ-nahen schlagenden Verbindungen ab. Sie sind meist ÖVP-orientiert, ohne sich von der Partei vereinnahmen zu lassen. Sie ­nehmen nur insofern eine Sonderstellung ein, als ausschließlich Schüler und Studenten, aber keine Lehrlinge zugelassen werden.“

Zweifellos befindet sich die katholische Kirche im Jahr 2011, bedingt durch den harten ideologischen Kurs des Papstes, in einem anhaltenden Reformstillstand, und die dramatischen Konsequenzen jahrelanger Doppelmoral und Vertuschungspraktiken sind ein historisches Imagetief. Davon wird man bei den TV-Übertragungen vom Weltjugendtag allerdings nichts merken. Das Motto der Megaveranstaltung – „In Ihm verwurzelt und auf Ihn gegründet, fest im Glauben“ – zeigt unterschwellig, dass Papst Benedikt XVI. nicht im Traum daran denkt, Konzessionen an die gesellschaftliche Realität zu machen. Sein ehemaliger Studienkollege, der Reformtheologe Hans Küng, hat aus ebendiesem Grund soeben ein Buch geschrieben, das er „eigentlich nicht schreiben wollte“. Es trägt den Titel: „Ist die Kirche noch zu retten?“ Küngs Antwort lautet: „Nur mit Zwangstherapie. Denn so rückwärtsgewandt, wie sie sich jetzt unter Benedikt XVI. darstellt, wird sie mit Sicherheit nicht überleben.“