Weltpolitik: Beste Feinde

Fatale Fehler, geheime Deals und grobe Missverständnisse prägen seit Jahrzehnten die Beziehung zwischen den USA und dem Iran. Nun sind die beiden wieder aneinander geraten. Droht die nächste dramatische Konfrontation?

Die Aufregung ist spürbar, und die Spekulationen überschlagen sich, seit der Iran wieder in das amerikanische Fadenkreuz geraten ist. Wird die Regierung von George W. Bush versuchen, Teherans Atomprogramm durch eine militärische Intervention zu stoppen? Oder geht es nur um einen Krieg der Worte zwischen alten Bekannten, die das Keifen nicht lassen können? „Der Iran bleibt der weltweit wichtigste staatliche Unterstützer von Terror“, schimpfte Bush jüngst bei seiner Rede an die Nation. „Er strebt nach Atomwaffen, während er seinem Volk die Freiheit verwehrt, die es begehrt und verdient.“ Die Retourkutsche von Ayatollah Ali Khamenei, dem geistlichen Führer des Iran, ließ nicht lange auf sich warten: „Die islamische Republik wird von Tyrannen angegriffen.“ Doch Bush werde – wie alle seine Vorgänger, von Jimmy Carter bis Bill Clinton – damit scheitern, das islamische Staatssystem zu beseitigen. Der Iran und die Vereinigten Staaten, meint der amerikanische Experte Kenneth Pollack, das sei wie eine Beziehung zwischen ehemaligen Geliebten, „die eine schwierige Scheidung hinter sich haben und viele ungelöste Probleme“.

Kompliziert ist dieses Verhältnis und befrachtet mit tiefem Misstrauen. Der Iran geht den Amerikanern unter die Haut und auf die Nerven. Welche andere Nation hat es geschafft, einen US-Präsidenten (Jimmy Carter) um die Wiederwahl zu bringen und einen anderen (Ronald Reagan) beinahe stolpern zu lassen? Nun belastet das Atomprogramm des Iran die transatlantischen Beziehungen. „Europäer und Amerikaner müssen vom gleichen Blatt lesen“, mahnt Mohammed El Baradei, der Direktor der Wiener Atomenergiebehörde.

Risiko. Doch nicht einmal in Washington wird „vom gleichen Blatt“ gelesen, wenn es um den Iran geht. Wird die Weltmacht aus der Luft attackieren, um die iranischen Nuklearanlagen zu zerstören? Nein, antwortet Gary Sick, einst Jimmy Carters rechte Hand während des Teheraner Geiseldramas 1979/80 und ein profunder Kenner des iranisch-amerikanischen Dilemmas: Die Risiken seien einfach zu groß. Wenn der Enthüllungsreporter Seymour Hersh für Aufregung sorgt, weil er von vermeintlichen amerikanischen Kriegsvorbereitungen berichtet, dann stecke, sagt Sick, dahinter vielleicht die Absicht der Bush-Administration, „die Iraner zu ängstigen und dadurch Druck auf sie auszuüben“. Verschlungen und unberechenbar ist das Verhältnis der beiden Widersacher, dazu geprägt von einer innigen Hassliebe, weshalb Fehlkalkulationen mit schlimmen Folgen möglich wären.

Immerhin nimmt sich der Iran in amerikanischen Augen stets wichtiger, als er tatsächlich ist. Amerika andererseits, so nörgelt man in Teheran, stehe den nationalen Aspirationen im Weg und wolle dem Iran einen Platz an der Sonne verweigern. Der Gedanke an einen nuklear bewaffneten Staat im Griff islamistischer Fundis lässt freilich nicht nur die Regierung Bush erschauern. Auch den Israelis und den iranischen Nachbarn ist dabei mulmig zumute. „Ich glaube nicht, dass George W. Bush denkt, er sei wiedergewählt worden, um zu erleben, wie das Theokratenregime die Atombombe erhält“, meint der neokonservative Publizist William Kristol. Im Gegensatz zum Irak-Krieg jedoch besteht diesmal keine Einigkeit unter den „Neo-Cons“. Einige plädieren für eine Intervention. Andere setzen auf iranische Oppositionsgruppen und glauben, das Ende der Theokratenherrschaft sei bereits in Sicht.

Dabei steht der Iran eigentlich tief in amerikanischer Schuld. Es war Franklin Roosevelt, der 1944 den Abzug der Briten und Russen aus dem Iran betrieb. Schah Reza Pahlevi war ins Exil gegangen, sein Sohn Mohammed Reza ein Nachfolger ohne Befugnisse. Er sei „begeistert von der Idee“, im Iran zu zeigen, was eine „selbstlose amerikanische Außenpolitik“ bewerkstelligen könne, schrieb Roosevelt an seinen Außenminister Cordell Hull. Doch dass die Anglo-Iranian Oil Company 1951 vom Parlament verstaatlicht und der Nationalist Mohammed Mossadegh gegen den Willen des Schahs zum Premierminister ernannt wurde, musste Washington reizen – wenngleich der von London beherrschte Ölkonzern höhere Abgaben an die britische als an die iranische Regierung zahlte und somit ein Paradebeispiel für jene „ausländische Ausbeutung“ war, die US-General Patrick Hurley nach einem Besuch des Iran im Auftrag Roosevelts 1943 angeprangert hatte.

1953 regierte nicht mehr Roosevelt, sondern der Kalte Krieg. Da Mossadegh in Washington Anbändelei mit den Kommunisten unterstellt wurde, beseitigte die CIA den Premier im August 1953 – ein kolossaler Fehler, da der Coup, organisiert vom legendären CIA-Agenten Kermit Roosevelt, die iranisch-amerikanischen Beziehungen auf Jahrzehnte hinaus vergiftete und den Weg für die spätere unselige Herrschaft der Gottesmänner ebnete. „Ich verdanke meinen Thron Gott, dem iranischen Volk – und Ihnen“, bedankte sich der aus kurzzeitigem Exil in Rom heimgekehrte Schah artig bei Kermit Roosevelt. Das Kompliment sollte sich als fatal erweisen, galt der Schah in den Augen vieler Iraner fortan doch als Kreatur der CIA. Zugleich markierte der Sturz des kauzigen Mossadegh die Geburtsstunde einer erstaunlichen iranischen Paranoia, die der CIA wie überhaupt amerikanischen Regierungen wahre Zauberkräfte zuschrieb und bei noch so kleinen Washingtoner Regungen gleich klandestine Machenschaften witterte.

Geheime Spiele. Durchaus nicht immer zu Unrecht: So sandte die Regierung Carter im Jänner 1979 General Robert Huyser nach Teheran, wo er die iranische Armee zum Kampf gegen Ayatollah Khomeinis islamische Revolutionäre animieren sollte. Und dieser Tage berichten Washingtoner Insider, die amerikanische Luftwaffe verletze planmäßig Irans Luftraum, um ein klares Bild der iranischen Luftabwehr zu erhalten. Vom Norden des Irak spähten kurdische Kommandos im Auftrag amerikanischer Dienste den Iran aus, vom irakischen Süden aus operiere die iranische Oppositionsgruppe „Mudschaheddin e Khalk“. Mit Einverständnis des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf dränge sie sogar von Belutschistan in den Südosten des Iran ein und forsche dort nach atomaren Installationen – geheimdienstliche Spielchen, die der ehemalige CIA-Nahostexperte Vincent Cannistraro als „sehr, sehr, sehr gefährlich“ bezeichnet.

In Teheran fördern diese Aktivitäten die historisch gewachsene Verbitterung über vermeintliche wie reale US-Einmischungen. Und nicht nur die Hardliner in der iranischen Führung erinnern grimmig an die Jahrzehnte, in denen amerikanische Regierungen die Augen verschlossen, wenn Mohammed Reza Pahlevis brutale Geheimpolizei SAVAK Regimegegner folterte und ermordete. Bereits 1961 hatte die CIA kühl konstatiert, im Iran seien „profunde politische und soziale Veränderungen in der einen oder anderen Form unvermeidlich“. Korrupt und schamlos jedoch regierten die Pahlevis und ihr höfischer Tross mit amerikanischer Unterstützung das Land, während Irans Botschafter Ardeschir Zahedi im Washington der siebziger Jahre prachtvolle Partys gab.

Der Hass auf den Schah und die USA mochte im Iran überwältigend sein, trotzdem feierte Jimmy Carter Silvester 1977 in Teheran und tat, als habe alles seine Ordnung. Natürlich trog der Schein: Als Carters Finanzminister Michael Blumenthal im Herbst 1978 den Schah besuchte, war er entsetzt. „Wir haben es mit einem Zombie zu tun“, warnte Blumenthal nach der Rückkehr. Wenige Monate später setzte sich der Schah ab, im Februar 1979 kehrte Ayatollah Ruhollah Khomeini aus dem Pariser Exil im Triumphzug nach Teheran zurück. Antiamerikanismus wurde die Zivilreligion des neuen Regimes, der Kampf gegen den „großen Satan“ war fortan Staatsangelegenheit.

Nachdem radikale Studenten im Herbst 1979 die amerikanische Botschaft überrannt und 52 Diplomaten als Geiseln genommen hatten, setzte hinter den Kulissen ein Geschacher ein, in dessen Verlauf iranische Hardliner angeblich einen Pakt mit Jimmy Carters republikanischen Gegnern eingingen, um die Freilassung der Diplomaten vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November 1980 zu verhindern. Die Angelegenheit wurde 1992 untersucht, eine iranische Einmischung jedoch verworfen: Geheime Kontakte zwischen iranischen Emissären und Ronald Reagans Wahlkampfmanager, dem späteren CIA-Boss William Casey, habe es keine gegeben, urteilte ein Untersuchungsausschuss des Kongresses.

Eine im Oktober 1992 an die russische Regierung ergangene Bitte um Amtshilfe allerdings bescherte den Ermittlern kurz vor dem Ende der Untersuchung im Jänner 1993 einen brisanten Befund. So alarmierend fiel die russische Antwort aus, dass sie in Washington zur Verschlusssache erklärt und weggesperrt wurde. Mehrmals habe sich Casey, behaupteten die Russen, 1980 mit Abgesandten aus Teheran getroffen und dabei eine Verzögerung der Geiselbefreiung bis nach den Wahlen angeregt. In der Tat verlor Jimmy Carter die Wahl, erst am Tag der Amtseinführung Ronald Reagans traten die Geiseln die Heimreise an. Im Gegenzug habe Teheran, so berichteten die Russen, israelische und amerikanische Waffen für den Krieg gegen Saddam Hussein erhalten.

Als der irakische Diktator den Iran im Herbst 1980 angriff, hatten die Ayatollahs einmal mehr amerikanische Perfidie gewittert: Jimmy Carter, so ihre Leseart, habe Saddam zum Krieg ermuntert. Tatsächlich berichtete Ronald Reagans Außenminister Alexander Haig nach seiner ersten Reise in den Nahen Osten dem Präsidenten streng vertraulich, die Saudis hätten eine entsprechende Ermutigung Carters an Saddam weitergereicht. Die Amerikahasser in Teheran stiegen bald wieder ins Geiselgeschäft ein. Ihre libanesischen Hisbollah-Hilfstruppen entführten ab 1982 eine Reihe amerikanischer Staatsbürger in Beirut, darunter den später zu Tode gefolterten CIA-Repräsentanten William Buckley. Damit begann das bizarrste Kapitel der an Merkwürdigkeiten reichen iranisch-amerikanischen Geschichte: Wie im Basar wurde um die Freilassung der Geiseln gefeilscht und pittoresken Gestalten und Betrügern die Verhandlungsführung anvertraut.

Irancontra-Skandal. Im November 1986 flogen die Deals zwischen Ronald Reagans Sicherheitsberater Robert McFarlane, dem Armee-Oberst Oliver North und den „Gemäßigten“ in Teheran auf, doch hatte der Iran bereits 2000 TOW-Antipanzer-Raketen, 18 HAWK-Boden-Luft-Raketen sowie Flugzeugladungen voller Ersatzteile erhalten. Fast wäre der Präsident über den so genannten „Irancontra-Skandal“ gestolpert, in Teheran hingegen löste die Affäre Genugtuung aus: Ayatollah Khomeini mochte vom Schäkern seiner Unterlinge mit dem „großen Satan“ peinlich berührt sein, aber immerhin hatte man den Feind gehörig ins Schleudern gebracht. Scharmützel mit amerikanischen Marineverbänden im Persischen Golf sowie der Abschuss eines iranischen Passagierflugzeugs 1988 durch den Kreuzer „USS Vincennes“ verschärften die Spannungen zwischen Washington und Teheran danach ebenso wie eine Serie iranischer Terroranschläge.

Der Iran sei „der gefährlichste Sponsor von Staatsterrorismus“, hielt der jährliche Terrorbericht des US-Außenministeriums ab 1993 regelmäßig fest. 1995 verhängte die Regierung Clinton Sanktionen gegen die Mullahs, zwei Jahre später aber schien ein politischer Durchbruch möglich: Kaum war der als Reformer geltende Mohammed Khatami 1997 überraschend zum iranischen Präsidenten gewählt worden, begann mithilfe der Schweizer Diplomatie ein geheimer Dialog zwischen Teheran und Washington. In einem CNN-Interview bedauerte Khatami die Geiselnahme 1979 in Teheran; trotz diverser amerikanischer Zugeständnisse jedoch, darunter eine Lockerung der Handelsrestriktionen, zierte sich die Teheraner Führung weiterhin, mit Washington über eine Normalisierung zu verhandeln. Obwohl Außenministerin Madeleine Albright im März 2000 sogar eine Entschuldigung für den Sturz Mossadeghs ausgesprochen hatte, zeigten sich Teherans Hardliner, die Präsident Khatami inzwischen praktisch demontiert hatten, völlig unbeeindruckt.

Auch der Krieg in Afghanistan im Herbst 2001, den das Regime in Teheran unterstützte, sowie direkte Gespräche mit Vertretern der Bush-Administration in Genf brachten keine dauerhafte Besserung: Feindselig wiesen die Betonköpfe amerikanische Avancen zurück und sahen sich in ihrer Unnachgiebigkeit bestätigt, als Präsident Bush den Iran bei seiner Rede zur Lage der Nation im Jänner 2002 der „Achse des Bösen“ zuordnete. In Washington wiederum läuteten die Alarmglocken, als im Sommer 2002 bekannt wurde, dass Teheran insgeheim an der Anreicherung von Uran arbeitete. Ein Angriff auf die Atomanlagen, glauben sowohl Kenneth Pollack wie Gary Sick, sei zu riskant, eine Lösung böten demnach nur Verhandlungen, wie sie von Frankreich, Deutschland und Großbritannien derzeit mit dem Iran geführt werden. Vorläufig hält sich auch die US-Administration noch zurück: Ein Angriff auf den Iran stehe „nicht auf der Tagesordnung“, beschwichtigte Außenministerin Condoleezza Rice bei ihrer Europareise vergangene Woche.

Dennoch wäre vorstellbar, dass die Last der gemeinsamen Geschichte neuerlich in eine Konfrontation mündet – ein weiteres tragisches Kapitel in einer an Missverständnissen reichen Beziehung.