Weltpolitik: Das unfähige Imperium

Chaos in Bagdad, Machtvakuum in Afghanistan, Terror im Nahen Osten: Die USA sind in der friedens- und ordnungsstiftenden Rolle, die sie sich selbst zugedacht haben, heillos überfordert.

Drei Stunden lang, vier vielleicht, dürfte Sergio Vieira de Mello noch gelebt haben, nachdem sein Büro über ihm zusammengebrochen war. Es gab Lebenszeichen, und angeblich hat der Chef der UN-Mission noch, schwer verletzt, sein Mobiltelefon benützt. Dann war er tot, eines von vermutlich 20 Opfern jenes Attentäters, der am Dienstag vergangener Woche mit seinem Betonmisch-Lkw gegen die Mauer des Bagdader Canal-Hotels gefahren war, mit einer Ladung von 250 Kilo Plastiksprengstoff.

Die US-Soldaten waren sofort da. Sperrten den Tatort ab, flogen mit Blackhawk-Hubschraubern Verletzte aus, gruben in den Trümmern. Aber sie hatten die Katastrophe nicht verhindern können.

Sie hatten zuvor ebenso wenig verhindern können, dass Saboteure eines der wichtigsten Wasserrohre der Stadt in die Luft jagten, die Ölpipeline in die Türkei sprengten und das Gefängnis von Bagdad mit Granaten beschossen. Sie haben die Energie- und Gesundheitsversorgung nicht im Griff, können die Gewalt nicht eindämmen. Sie können nichts dagegen tun, dass sich direkt vor ihren Augen Fanatiker zusammenrotten, aus dem Ausland eingereist, mit dem einzigen Ziel, Chaos zu stiften. Vor dem Krieg hatten die Amerikaner fälschlicherweise behauptet, im Irak seien islamistische Terroristen aktiv. Wirklichkeit geworden ist das erst, seit die Besatzer da sind.

Zwar sind die Amerikaner nicht an der Bombe schuld, die Sergio Vieira de Mello tötete. Offensichtlich ist ihnen aber ihre selbstauferlegte Mission, dem Irak Sicherheit und Demokratie zu bringen, eine Nummer zu groß.

Vergeltung. Jerusalem, wenige Stunden später: Der Hamas-Aktivist Raed Abdel Hamid Misk hat sich als orthodoxer Jude verkleidet und einen Bus der Linie 2 in Jerusalem bestiegen. Er reißt 20 Menschen mit in den Tod, als er seine Sprengladung zündet. Darauf folgen, wie immer, der israelische Vergeltungsschlag und der Abbruch aller Gespräche zwischen der Regierung und der Palästinenserführung.

Es ist erst sechs Monate her, seit Präsident Bush den Nahost-Konflikt zur Chefsache erklärt und seine „Straßenkarte zum Frieden“ auf den Tisch gelegt hat. Natürlich trägt Amerika auch am Attentat von Jerusalem keine Schuld. Aber man wird den Eindruck nicht los, dass es sich auch hier übernommen hat.

„Das Imperium, das in Amerikas Namen verkündet wurde, ist bestenfalls eine lahme Ente“, spottete der – sonst so amerikafreundliche – britische „Economist“ noch vor den jüngsten Anschlägen. „Im schlimmeren Fall ist es eine tote Ente.“

Eigentlich sehen tote Enten anders aus. Kraftstrotzend und muskelbepackt stehen die USA da: In 137 Ländern auf vier Kontinenten sind insgesamt 300.000 US-Soldaten stationiert (siehe Grafik). Mit ihrer Technologie und ihrem jährlichen Militärbudget von 300 Milliarden Dollar (40 Prozent aller weltweiten Militärausgaben) kann kein anderer Staat nur annähernd mithalten. Sie haben in Afghanistan und im Irak Regime gestürzt, jagen in diversen Dschungeln und Wüsten Terroristen, stehen immer noch mit 7000 Mann am Balkan, verteidigen Südkorea, bringen Zentralasien und den Kaukasus in ihren Einflussbereich, führen in Lateinamerika Krieg gegen Drogenbarone und müssen sich nun wohl auch für die Bürgerkriegsregion Westafrika etwas einfallen lassen.

Das sollte eigentlich reichen, doch die ambitionierten Rechtsintellektuellen in Bushs Umfeld haben noch mehr vor: die Neuordnung des gesamten Nahen und Mittleren Ostens inklusive einer Lösung der Palästinafrage und Regimewechsel in der gesamten arabischen Welt.

Macht. Das ist der Arbeitsalltag einer Weltmacht. Und es war schon immer so, dass mit der Macht die Zahl der Feinde und Aufgaben wächst. Wie der Historiker Paul Kennedy ausführt, erging es den Spaniern im 16. und 17. Jahrhundert nicht anders: Sie mussten sich mit holländischen Aufständischen, englischen Protestanten und gemeingefährlichen Ottomanen herumschlagen. Das britische Imperium im 19. Jahrhundert war mit den Afrikanern in Südafrika, islamistischen Fundamentalisten im Sudan und dem Boxeraufstand in China konfrontiert. „Das Heer der USA hat kolossale Ausmaße, aber seine Verpflichtungen sehen noch kolossaler aus“, schreibt Kennedy in der „Washington Post“. „Noch nie in der Geschichte hat die dominante Macht keinen Neid, keine Angst und keinen Hass provoziert. Das ist die natürliche Bedingung, der Preis, den man zahlt, wenn man Nummer eins ist.“

Und doch ist bei dieser neuen Weltmacht irgendetwas anders. Statt mit Euphorie geht sie ihre Mission mit einem seltsamen Widerwillen an. „Wir haben keine territorialen Ambitionen. Wir streben nicht nach einem Imperium“, sagte der US-Präsident im vergangenen November vor Veteranen im Weißen Haus. Dieses Bekenntnis tun die meisten Bush-Gegner angesichts seiner Serienfeldzüge als dreiste Lüge ab. Doch wahrscheinlich ist es schlicht die Wahrheit.

Die leidenschaftslosen Phrasen, mit denen der Präsident die Welt bedenkt, verraten, dass diese Welt ihm aus tiefstem Herzen gleichgültig ist. Die offensiv zur Schau getragene Abneigung gegen „internationale Verstrickungen“, mit der er vor drei Jahren die Wahlen gewann, wirkte um vieles glaubwürdiger als seine jetzige Weltführer-Rhetorik. Die Soldaten, die namhafte Teile des Globus in seinem Auftrag erobert haben, wollen hauptsächlich eines: so rasch wie möglich nach Hause. Und die Mehrheit des Volkes ist laut Umfragen der Abenteuer in fernen Ländern überdrüssig. „Die meisten Amerikaner wollen die Welt nicht regieren“, glaubt der Historiker Eric Hobsbawm.

Diesen seltsamen Widerspruch hat der kanadische Politologe Michael Ignatieff schon im Januar in einem viel beachteten Essay im „New York Times Magazine“ auf den Punkt gebracht. „Realitätsverleugnung“ diagnostizierte er da und prägte den Begriff „Empire Lite“: Die Amerikaner hätten ein Imperium errichtet, ohne sich bewusst zu sein, was sie sich damit aufhalsten. „Die Last des Imperiums ist jene der Langfristigkeit. Wenn die Invasion im Irak Erfolg haben soll, muss das Imperium Freiheit für die Irakis schaffen, für die Palästinenser ebenfalls, und Sicherheit für die Israelis.“ Kneifen gilt nicht, warnt Ignatieff: „Halbe Sachen sind gefährlicher als ganze Sachen. Imperiale Mächte können sich den Luxus der Feigheit nicht leisten.“

Pflichten. Es ist kein Zufall, dass Imperienvergleiche neuerdings das liebste Gesellschaftsspiel der Wissenschaft geworden sind. Niall Ferguson, schottischer Ökonomie-Professor an der New York University, hat mit seinem Buch „Empire: How Britain Made the Modern World“ einen Bestseller gelandet. Imperialismus, meint Ferguson, müsse nicht böse sein. Die Briten hätten weiten Teilen der Welt Marktwirtschaft und Eisenbahn, Schulen, Zivilisation – und Cricket gebracht.

Mit Methoden freilich, die sich von jenen der heutigen Amerikaner deutlich unterscheiden: Die Briten züchteten einheimische Eliten heran, um den Großteil der Verwaltung an sie zu delegieren. Mit nur 1000 Beamten und 70.000 Soldaten konnten sie so hunderte Millionen auf dem indischen Subkontinent regieren. Sie schickten nur ihre besten Leute nach Übersee, ausgewählt nach rigorosen Tests und mehrmonatigen Sprachkursen. Und sie entsandten auch nicht einzelne Männer, sondern ganze Familien, die Kapital, Sprache und Lebensstil von zu Hause mitnahmen. Kurz: Die Briten eroberten Länder, weil sie dort auch leben, Polo spielen und bleiben wollten.

Ganz anders mutet da die US-Taktik an. „Ein paar Granaten abschießen, einmarschieren, Wahlen abhalten – und dann nichts wie abhauen. Bis zur nächsten Krise“, analysiert Ferguson. Tatsächlich hat Verteidigungsminister Donald Rumsfeld seinen Männern einen Blitzkrieg versprochen, einen Jubelempfang in Bagdad, einen raschen Regimewechsel und dann gleich einen Jubelempfang in der Heimat.

Stattdessen sitzen sie nun seit neun Monaten schwitzend im Sand fest, frustriert, angefeindet, der örtlichen Sprache nicht mächtig, und verstehen nicht, warum sie als Befreier zu Zielscheiben geworden sind. Eine „Haltung zwischen Selbstmitleid und Selbstromantisierung, mit einem Schuss antiarabischem Rassismus“, hat die britische Tageszeitung „Guardian“ bei den Soldaten diagnostiziert; die Enttäuschung mache sie ressentimentgeladen, misstrauisch und gefährlich.
Eine ähnlich fatale Mischung hat Ignatieff bei seinen Reisen in andere Krisengebiete beobachtet: „Amerikanische Präsenz im Ausland ist immer öfter schwer bewaffnet, uniformiert und steckt hinter Stacheldraht und hohen Mauern.“ Bei internationalen Missionen überlassen die USA den Kontakt mit dem Volk meist den anderen. Während Franzosen, Deutsche oder Briten den Verkehr regeln oder Konflikte schlichten; während Skandinavier oder Schweizer Brunnen graben oder Schulen bauen, igeln sich Amerikaner in ihren Camps ein und würden kaum je auch nur ein örtliches Kebab-Restaurant aufsuchen.

Angst. Britische Soldaten im Kosovo gingen vom ersten Tag an ohne Helm und Splitterschutzweste auf Straßenpatrouille – ohne große Berührungsängste. Ihre US-Kollegen hingegen verschanzten sich an Checkpoints, nie ohne volle Montur und nie ohne Gewehr im Anschlag. Ihr Hauptquartier „Bondsteel“ wurde auf einem künstlichen Erdhügel im Niemandsland errichtet, möglichst weit weg von allem Volk. Ebenso unterschiedlich gehen heute die britischen Besatzer im südirakischen Basra und die amerikanischen in Bagdad ihre Aufgabe an.

„Die Außenposten des Imperiums ähneln immer mehr Fort Apache“, meint Ignatieff. „Damit erzeugt man vielleicht Angst und Respekt, aber nicht Bewunderung und Liebe.“

Diese klinische Vorstellung von Weltherrschaft entspricht ziemlich genau den Visionen der neurechten Ideologen im Pentagon. Minimalistisch und präzise soll die US-Armee nach Rumsfelds Reformen sein: mobil, in kleinen Einheiten rund um den Erdball unterwegs, ohne dauerhafte Basen und Besatzungen, ohne irgendwo Wurzeln zu schlagen, immer mit möglichst viel Technologie und möglichst wenig Personal.

Für die Eroberung der Macht mag diese Logik ausreichen. Der Denkfehler: Sie reicht nicht mehr aus, wenn man die Macht einmal hat. Bei der unklinischen, unpräzisen Konfrontation mit einem murrenden Volk, mit kaputten Wasserrohren und Ressentiments hilft strategischer Minimalismus nicht viel weiter. Wem wollten die USA nach dem Regimewechsel eigentlich die politischen Geschäfte übergeben? Wem die Verwaltung und die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit? „Es scheint, als stünden die Amerikaner ohne Handbuch da“, ätzt die britische Presse.

Illusionen. Zeit für einen Reality-Check: Als Illusion hat sich erwiesen, dass sich die Besetzung des Irak nach einer kurzen Anlaufzeit praktisch „von selbst“ finanzieren würde. Vizepräsident Dick Cheney, selbst ein Spross der Ölindustrie, träumte davon, die irakische Ölförderung bis Dezember 2003 auf drei Millionen Barrel pro Tag hochzubringen. 3,4 Milliarden Dollar wollte man damit noch heuer verdienen. Derzeit wird bloß ein Drittel dieser Menge gefördert, und angesichts kaputter Förderanlagen, Pipelines und Infrastruktur wird sich das so bald nicht ändern.

Eine Illusion war auch, dass man den Umfang der – ohnehin schon kleinen – Invasionsarmee bald nach dem Regimewechsel weiter reduzieren könne. Praktisch alle 146.000 einmarschierten Soldaten stehen derzeit noch im Irak, laut Rumsfelds Plan sollten es nur 50.000 sein. Das Rotationssystem, das man sich ausgedacht hatte, ist hinfällig. „Wir brauchen mehr Leute – so einfach ist das“, sagte General Peter J. Shoomaker, Stabschef der US Army.

Die Rechnung ist simpel: Je weniger fähiges Personal, desto weniger funktioniert der Alltag im Land, und desto größer werden die Widerstände gegen die Besatzer – was wiederum mehr Personal erfordert, um den Unmut niederzuzwingen.
Die bittere Lehre ergibt sich aus diesen beiden Illusionen zwangsläufig: dass „auch ein übermächtiges Imperium nicht ohne Verbündete auskommt“, wie Historiker Kennedy mahnt. Händeringend sucht Washington Partnerländer, die bereit sind, unter US-Kommando Truppen zu stellen oder Verwaltungs- und Wiederaufbauagenden zu übernehmen. Noch haben diese aber nicht vergessen, wie brüsk sie vor dem Krieg beiseite geschoben wurden.

So bleibt dem Imperium nichts anderes übrig, als seine Mittel von einer Peripherie an die andere umzuschichten. Der Wiederaufbau Afghanistans ist im US-Budget erst gar nicht mehr eingeplant.

Ein recht normaler Tag im befreiten Afghanistan: Eine Busexplosion in der südlichen Provinz Helmand fordert 15 Tote. Eine Taliban-Attacke gegen Regierungssoldaten in der östlichen Provinz Khost – 20 Tote. Ein Scharmützel zwischen rivalisierenden Warlords in Uruzgan – 20 Tote. Und in Kabul sprengten sich gleichzeitig zwei Studenten beim Bombenbasteln selbst in die Luft. Die Sicherheitslage hat sich so rapide verschlechtert, dass sich kaum ein ausländischer Helfer mehr in den Süden des Landes traut.

Enttäuschung. Das war nicht ganz so geplant gewesen. Als die USA Präsident Hamid Karzai einsetzten, beauftragten sie ihn mit dem Aufbau staatlicher Strukturen und einer nationalen Armee sowie der Entmachtung der Warlords. Doch diese Mission haben sie längst aus den Augen verloren. Mit 9000 Mann (das sind mehr, als die gesamte internationale Schutztruppe in Kabul umfasst) jagen derzeit US-Spezialeinheiten im Süden des Landes al-Qa’ida-Terroristen. Sie gefährden damit die humanitäre Hilfe, schüren das Misstrauen der Bevölkerung, versorgen lokale Warlords mit Geld und Waffen, um sich deren Unterstützung bei der Terroristenjagd zu sichern – und torpedieren mit diesem Privatkrieg ihr großes Projekt eines „neuen Afghanistan“, das sie selbst mit dem Sturz der Taliban erst auf die Schienen gebracht hatten.

„Könnten wir nicht ein bisschen bescheidener sein, in unseren Zielen, in der Sprache, in den Ausgaben und im Umgang mit der internationalen Gemeinschaft?“, fragt der Historiker Paul Kennedy zaghaft. Und Ökonom Niall Ferguson erinnert Washington an „eine der ältesten Lehren der Militärgeschichte“: dass Macht wesentlich von der Moral lebt, die sie antreibt. „Macht, das heißt Gewehre, Butter, Männer, Geld, Öl. Aber richtige Macht hängt ab von Glaubwürdigkeit.“
Wie glaubwürdig kann jedoch ein Weltimperium sein, dessen Vorkämpfer sich zu Hause am wohlsten fühlen? Schließlich hat niemand den Nerv seiner Nation so genau getroffen wie seinerzeit Ronald Reagan, als er Amerika als „leuchtende Stadt auf dem Hügel“ malte, eine Insel der Freiheit und Freundschaft, unberührt von den Widrigkeiten der Welt und immun gegen deren Krankheiten.

Man kann das auch kühler sagen. „Empire is simply not the american way“, resümiert der „Economist“. Und als Briten kennen die sich da wohl aus.