Weltuntergang in 14 Tagen

Wie sich eine mäßig unterhaltsame Nationalratswahl zum Ende der Zweiten Republik mauserte.

Geht es nach „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker, dann steht „Das Ende der 2. Republik“ – so der Untertitel seines eben erschienenen Buches „Politikerbeschimpfung“ – unmittelbar bevor. Was Jörg Haider „nicht gelungen ist“ und was „der linksliberale Mainstream des hiesigen semipragmatisierten Berufsschreibermilieus befürchtet hatte“, hätten „der Partykanzler und seine Amateurtruppe erledigt“. Ähnlich alarmiert klingt Kommentator Christian Ortner in jener Zeitung, der Fleischhacker vorsteht: „Wir bekommen, was wir verdienen. Hurra, die Politik ist endlich auf dem Niveau ihrer Wähler angekommen. … Was wir derzeit beobachten können, ist der Kollaps der politischen Nachkriegsordnung der 2. Republik.“

Aber hallo! Was haben wir denn da versäumt? Droht bei den anstehenden Wahlen massives Ungemach, das wir Mainstream-Schreiber nicht einmal erahnen, während es die beiden feinen Herren schon erkennen können? Ende? Kollaps? Untergang? Muss so sein. Denn für uns Mainstream stellt sich dieser Wahlkampf, die Vorgeschichte und das, was nach dem 28. September droht, so spektakulär dar wie die Plakate des sozialdemokratischen Spitzenkandidaten Werner Faymann und so aufregend wie die Worte „Es reicht“ des Willi Molterer. Österreich bewegt sich vorgezogenen Neuwahlen entgegen, wie schon zum dritten Mal seit 1995, und der Grund dafür sind nicht brutale inhaltliche Auseinandersetzungen der Koalitionsparteien, die das Land auseinanderreißen könnten. Vielmehr waren banale persönliche Differenzen zwischen Kanzler und Vizekanzler ausschlaggebend. Auch das soll schon vorgekommen sein.

Der Wahlkampf bringt im Vergleich zu früheren Auseinandersetzungen etwas teurere Versprechungen der Parteien und etwas billigere Argumente ihrer Spitzenkandidaten. Faymann ist glatt, Molterer ist bemüht, Van der Bellen langweilig, Strache rotzig, Haider abgenutzt, Schmidt unsichtbar, Dinkhauser alpin. So richtig skandalös gab sich bisher keiner, völlig unfähig ebenso wenig. Und nach dem 28. September, dann in der Dritten Republik? Hätten wir nicht die Wahl 1999 und die darauf folgende Regierungsbildung erlebt, dann wären wir vielleicht tatsächlich furchtsam erregt. Die Redimensionierung der Groß- auf Mittelparteien fand freilich schon damals statt, das Anwachsen des dritten Lagers in eine vergleichbare Größenordnung ebenso. Den Tabubruch einer Regierungsbildung mit Rechtsradikalen werden wir dieses Mal nicht erleben, Tabus werden nur einmal gebrochen. Falls überhaupt, dann hat Fleischhackers und Ortners Zweite Republik demnach bereits 1999 geendet.

Was also ist anders, wenn überhaupt irgendetwas anders ist? Nun, vielleicht sind es denn doch einige Medien, die verhaltensauffällig wurden. Abseits von Fleischhackers Mainstream an gedankenfaulen Berufsschreibern hätten wir zunächst einmal den ORF, der derzeit auffällig ist, weil er so unauffällig ist, nämlich völlig unparteiisch. Dann ist da als zweite massentaugliche Kraft die „Kronen Zeitung“: Die fährt eine scharfe Kampagne für einen Spitzenkandidaten. Das ist für echte Boulevardzeitungen, also zum Beispiel die angloamerikanischen, nichts Ungewöhnliches, für die Volkszeitung „Krone“ aber schon. Hinzu kommt erstmals ein weiteres Massenblatt, „Österreich“, das die Masse derzeit noch durch massentaugliche Verschleuderung zu erreichen sucht. „Österreich“ hält tendenziell zu Faymann, hält sich im Übrigen aber eher bedeckt – und muss als Boulevard auch alarmistisch sein.

Bleibt Fleischhackers „Presse“ selbst. Die hat sich in den vergangenen Jahren eine schöne Unabhängigkeit angeeignet und in diesem Wahlkampf eine recht reißerische Linie. Das könnte am Chef liegen: Fleischhacker wählte für den Vorabdruck seines Buches nicht die gottgefällige „Furche“, sondern – hört, hört! – den Gottseibeiuns seines Vorgängers, die Illustrierte „News“. Das Ende der Zweiten Republik? Allenfalls in und bei den Medien.