Wem gehört die Shoah?

Regisseur Stefan Ruzowitzky wehrt sich gegen die profil-Kritik an seinem Film „Die Fälscher“.

Auf der Taxifahrt zur Deutschlandpremiere meines Films „Der Fälscher“ erzählte mir Adolf Burger, der Mann, auf dessen Erinnerungen der Film basiert, von seinen Vorträgen in Schulen: Er mache stets Witze, versuche, seine Zuhörer zum Lachen zu bringen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen dann viel eher bereit seien, seinen Bericht über die Zeit in Auschwitz, die Vergasung seiner Frau und die Gefangenschaft in der Fälscherwerkstatt Sachsenhausen anzunehmen.

Wie fast alle KZ-Autobiografen schreibt auch Burger in seinem Buch „Des Teufels Werkstatt“ (Elisabeth Sandmann Verlag, 2007), dass ihm vor allem der Wunsch, „davon“ zu berichten, die Kraft gegeben habe weiterzumachen.
Burger hat im Rahmen von Zeitzeugen-Programmen im Laufe seines Lebens vor über 80.000 Schülern gesprochen – er macht das spannend und mitreißend, er präsentiert selbst gestaltete bunte Schautafeln und verteilt Xerografien seiner im KZ gefälschten Banknoten als Souvenirs an die Schüler.
Vom pädagogischen Konzept „Schock-Didaktik“ sei man abgekommen, erklärte mir dann auch Harald Lindner, der Zeitzeugen-Programme in Deutschland organisiert und Burger jahrelang begleitete. Sie hätten vielfach den gegenteiligen Effekt bewirkt: Die emotional überforderten Jugendlichen reagierten auf schockierende Dokumentaraufnahmen mit albernem Gelächter oder identifizierten sich gar mit den Tätern.

Mit „Die Fälscher“ versuche ich, Burgers Anspruch gerecht zu werden: seine Geschichte zu erzählen, wahrhaftig, aber eben auch so, dass sie gehört wird von möglichst vielen Menschen. Und das geschieht in meinem Fall mit den Mitteln des Kinos, mit einer packenden Geschichte, guten Schauspielern, mit Kulissen, Kostümen und Schminke.

Während internationale Medien den Film für sein handwerkliches Niveau und die dichte, spannende Erzählweise loben, löst ebendiese gute Rezipierbarkeit bei manchen deutschsprachigen Medien Unbehagen aus: Darf ein Film über den Holocaust „gefallen“? Müsste er nicht den Zuseher zu selbstquälerischer Trauerarbeit zwingen? Handelt es sich gar um eine „strategische Verklärung des Massenmordes“, wie es Stefan Grissemann vergangene Woche im profil auch Steven Spielberg („Schindlers Liste“) und Roberto Benigni („Das Leben ist schön“) unterstellt?

Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass es hier vor allem um eine tiefe Skepsis gegenüber dem Populären geht: Nein, die Shoah darf nicht in die Fänge der Populärkultur geraten, nur radikale Konzepte dürfen bestehen, die sich einem breiten Publikum durch ihre Machart erfolgreich verweigern. Dass etwa Spielbergs Film mit über sechs Millionen Kinogehern in Deutschland genauso wie der einst viel geschmähte TV-Vierteiler „Holocaust“ Meilensteine waren bei dem Prozess, den man Vergangenheitsbewältigung nennt, gilt nichts. Wer darf sich bezüglich der Shoah Deutungshoheit anmaßen?

Auch der Holocaust-Film „Der letzte Zug“ wurde vor nicht allzu langer Zeit im profil ohne viel Federlesens in die „Kino – Nein, danke“-Rubrik verbannt. Der Produzent dieses Films, Artur Brauner, ist einer, der selbst in einem Zug ins Konzentrationslager transportiert wurde – ihm erschien es offensichtlich adäquat, seine Geschichte mit den dramaturgischen Mitteln des Melodrams, des Katastrophenfilms zu erzählen. So stellt sich die Frage: Wer soll hier durch Bilderverbote und Darstellungstabus eigentlich geschützt werden? Die Opfer?
Nach Kriegsende trieb man in Deutschland die Tätergeneration buchstäblich mit Waffengewalt in die Kinos und zwang sie, sich Filmdokumente aus den befreiten Lagern anzusehen. Und bis in die siebziger, achtziger Jahre wandten sich Filmemacher an eine Gesellschaft, in der die Friedrich Peters, Filbingers und Waldheims noch an den Schalthebeln der Macht saßen. Diesen konnte man die Wahrheit ins Gesicht schreien, es wenigstens versuchen.

Doch heute? Man spricht nicht zu den Tätern, sondern zu deren Kindern, Enkeln und Urenkeln, zu Menschen ohne jegliche schuldhafte Verstrickung. Was kann und soll man denen sagen, außer sie einzuladen, sich einer ererbten Verantwortung bewusst zu sein?

„Schock-Didaktik“ kann eben auch fürchterlich in die Hose gehen.
Wenn ich Adolf Burger, Artur Brauner und die anderen Überlebenden, mit denen ich sprechen durfte, richtig verstanden habe, dann geht es vor allem um zwei Dinge: keine Unschärfen bei der Frage, wo die Täter und wo die Opfer sind. Und: Kampf gegen das Vergessen.

Stefan Ruzowitzky, 45, ist Autor und Regisseur des Kinofilms „Die Fälscher“
(ab 23. März im Kino).