Weniger Kohle

Ungleicher Lohn für gleichwertige Arbeit – wie geht das? Zum Beispiel so:

Immer wieder können sich wohl meinende Menschen beim besten Willen nicht vorstellen, wie das gehen soll, dass Frauen für gleichwertige Arbeit schlechter bezahlt und weniger anerkannt werden als Männer. Was’s wiegt, das hat’s, oder? Was zählt, sind Qualifikation und Leistung, oder? Warum soll eine Firma die Leistung einer Frau schlechter beurteilen als die eines Mannes?

Darum. Weil’s billiger kommt. Weil Vorurteile einfließen. Und weil Qualifikation und Leistung oft sehr willkürlich interpretiert und gewichtet werden.

Wer sich die Fälle anschaut, die die österreichische Gleichbehandlungskommission seit ihrem Entstehen 1991 bearbeitet hat, gewinnt einen Eindruck von den mehr oder weniger subtilen Diskriminierungsmechanismen, denen Frauen im Berufsleben oft ausgesetzt sind.
Gleichbehandlungsanwältin DDr. Ingrid Nikolay-Leitner zählt – im Vorwort zur Fallsammlung der Gleichbehandlungskommission – die häufigsten auf. Frauen erleben demnach,

  • dass ihre Leistung systematisch übersehen wird;
  • dass ihre Tüchtigkeit zwar gelobt, sonst aber kaum belohnt wird;
  • dass diejenigen, die schon Positionen haben, Qualifikation und Qualifikationsmängel bei Bedarf neu definieren;
  • dass ihre persönliche Qualifikation schon im Vorfeld abgewertet wird, weshalb sie dann für einen Aufstieg nicht mehr infrage kommen.

Dahinter steckt oft weniger eine finstere Strategie als vielmehr verstaubtes Rollendenken, dem zufolge männliche Arbeitskräfte „gehalten“ werden müssen, damit sie nicht zur Konkurrenz wechseln, während Frauen unterstellt wird, dass für sie sowieso familiäre vor beruflichen Interessen rangieren.

Die Geringschätzung weiblicher Arbeit findet sich auf allen Ebenen der beruflichen Hierarchie, Arbeiterinnen sind ebenso betroffen wie (verhinderte) Führungskräfte. Ein paar konkrete Beispiele:

  • Ein Betrieb zahlt männlichen Beschäftigten Erschwerniszulagen für belastende Arbeitsbedingungen. Als belastend gilt das Arbeiten bei niedrigen Temperaturen. Die Frauen, die im selben Betrieb unter vergleichbar erschwerten Bedingungen arbeiten – in Hitze und Nässe, unter extremer Geruchsbelästigung – kriegen keine Zulage, ihre Belastungen werden einfach nicht als solche bewertet.
  • In einem anderen Betrieb werden angelernte Arbeiterinnen ausnahmslos in die unterste Lohnkategorie eingestuft, angelernte Arbeiter von Anfang an in die nächsthöhere. Begründung der Firma: Männliche Arbeitskräfte sind erfahrungsgemäß nicht bereit, für so wenig Geld zu arbeiten.
  • Eine Leiharbeitsfirma kassiert für männliche wie weibliche Leiharbeitskräfte denselben Stundensatz. Die Frauen bekommen trotzdem weniger ausbezahlt, denn sie werden für andere Tätigkeiten verliehen als die Männer. Also doch gerecht? Nein: Während nämlich die Männer großteils leichte Verpackungsarbeiten im Sitzen verrichten, müssen die Frauen in großer Hitze an Schweißmaschinen stehen.
  • Eine Sparkassenangestellte kommt durch Zufall darauf, dass die vom Unternehmen finanzierte Krankenzusatzversicherung auch für die Angehörigen ihrer männlichen Kollegen gilt. Ihr Mann und ihre Tochter sind jedoch – wie alle Angehörigen weiblicher Angestellter – nicht zusatzversichert.
  • Eine Frau arbeitet in einer Computerfirma im Bereich Schulung. Sie schult Firmenkunden ein und entwickelt Schulungskonzepte. Obwohl sie das Gleiche leistet wie ein männlicher Kollege, der gleichzeitig mit ihr eingetreten ist, bekommt sie weniger bezahlt. Begründung der Firma: Der Mann habe ein fachspezifisches technisches Studium absolviert, die Frau hingegen nur ein pädagogisches. Das Gehalt der Frau zieht erst mit dem des Mannes gleich, als sie – aufgrund ihrer pädagogisch-didaktischen Kompetenz – zur Schulungsleiterin aufsteigt. Sie bekommt als seine Vorgesetzte (!) endlich gleich viel Geld wie der Kollege.
    Und so weiter. Die dokumentierten Fälle sind zahlreich, weitere Beispiele bei Gelegenheit.

Für dieses Mal nur noch der Hinweis auf ein aktuelles und besonders prominentes Opfer von Ungleichbehandlung: Hildegund Piza, die gefeierte Leiterin des chirurgischen Teams, das Fuchs-Opfer Theo Kelz zwei Hände transplantierte, soll, wenn es nach der Medizin-Uni Innsbruck geht, ihre dortige Lehrtätigkeit beenden, schließlich sei sie mit 64 Jahren im Pensionsalter.

Der Vertrag des gleich alten Raimund Margreiter, ebenfalls verdienstvoller Chirurg und Universitätsprofessor, wurde hingegen anstandslos um drei Jahre verlängert. Piza – der nachvollziehbaren Meinung, dass sie ihr wertvolles Wissen weitergeben sollte – hat sich inzwischen an die Vorsitzende des Arbeitskreises für Gleichbehandlung an der Innsbrucker Medizin-Universität, Prof. Margarethe Hochleitner, gewandt, die bereits Einspruch erhob. So weit, so richtig und vernünftig.

Ich erinnere mich allerdings noch gut an Zeitungsinterviews, in denen Prof. Piza die Meinung vertrat, dass es in der Medizin keine Frauendiskriminierung gäbe, was zähle, seien ausschließlich, siehe oben, Qualifikation und Leistung.
Nun ist sie eines Schlechteren belehrt. Das hat ihr niemand gewünscht. Aber es wäre doch schön, wenn hochrangige Frauen die Notwendigkeit von feministischem
Engagement nicht erst entdeckten, sobald sie persönlich
betroffen sind.