Wenn Arigona ein Nigerianer wäre …

… dann könnte sie von Glück reden, unversehrt abgeschoben zu werden. Eine unweihnachtliche Polemik.

Verzeihung. Aber ich empfinde die Gefühlsaufwallungen rund um Arigona Zogaj als ein Ärgernis, und Weihnachten macht die Sache auch nicht besser. Da konzentriert sich das geballte Mitgefühl, zu dem diese Republik fähig ist, auf ein Mädchen, das weder hungert noch krank ist und das auch im Kosovo nicht hungern würde und nicht krank wäre, auf eine junge Frau, die in Österreich eine Ausbildung bekommen hat, die in ordentlichen Verhältnissen groß werden durfte, für die mindestens fünf Spendenkonten eingerichtet worden sind, deren „öffentliche Patenschaft“ gegenüber dem Innenminister und dem Rest der Welt medienwirksam Alfons Haider übernommen hat.
Sieht so Leid aus?

Ich erlaube mir auch, persönliche Betroffenheit zu zeigen. Ich erlaube mir zu erzählen, dass ich zu Beginn des Jahres am Rande Europas in Moldawien war, wo halbnackte, verlauste und kranke Kinder zu zehntausenden und frei
von jeder Zukunftsperspektive siechen, hungern und frieren. Ich erlaube mir zu erzählen, dass ich vor ein paar Monaten im Sudan war, wo sich rund um die Hauptstadt Khartum vier Millionen Flüchtlinge in den Sand gegraben haben, ein Müllhaufen von Vertriebenen, hauptsächlich Frauen und Kinder, die dort nach und nach allesamt krepieren. Im November führte mich mein Betroffenheits-Tourismus dann noch in den Süden des Kongo, wo ebenso wenig Verhältnisse zu finden sind, wie sie Arigona in Österreich hat und auch im Kosovo haben würde, wo vielmehr ein dumpfes Nichts herrscht und die Angst vor einem Rückfall des Landes in den Völkermord.
So sieht Leid aus.

Ich erlaube mir auch folgende Polemik. Man stelle sich vor, Arigona wäre kein apartes 15-jähriges Mädchen. Sie wäre zum Beispiel ein junger Nigerianer, dem es mangels Geld und Unterkunft Dreck und Gestank aus einem schwarzen Körper treibt. Man stelle sich vor, es gäbe nicht jenes Umfeld von wohlmeinenden Leuten, die Arigona wohlgedrechselte Sätze in den Mund legen, vielmehr spräche sie einen afrikanischen Dialekt und einige Worte schlechtes Englisch. Was wäre, wenn sie keine Bildung hätte, keine Wohnung, keine Freunde, wenn nicht ein besonders kameratauglicher Priester für sie spräche?

Einfach: Wäre Arigona ein afrikanischer Asylwerber, dann würde sich kein Mensch, kein Politiker, keine Zeitung um sie scheren. Vielmehr wäre sie automatisch des Drogenhandels verdächtig. Sie säße in Schubhaft. Mit Glück würde sie bloß abgeschoben, um in eine elende Dritte-Welt-Misere zurückzukehren. Mit etwas Pech würde sie in ein Heimatland geschickt, das sie mit unklarer Begründung sofort ins Gefängnis steckte. Mit noch mehr Pech würde sie freilich in Österreich bei einer polizeilichen „Fixierung“ zu Tode kommen. Man schlage nach unter Omofuma.

Mit Verlaub: Die Angelegenheit Arigona ist vor allem kitschig. Wer Leid lindern will, soll sich auf die schweren Fälle werfen, sei es in Österreich, sei es im Ausland, und nicht auf dieses so mediengerechte Drama. Arigona ist kein schwerer Fall. Das zu verstehen, bedarf es gar nicht erst einer Begründung, etwa jener, dass die Familie Zogaj immer wissen musste, dass sie nicht ewig bleiben würde. (Und es braucht erst recht nicht einen heißlaufenden Heinz-Christian Strache, der die Abschiebung in der ORF-„Pressestunde“ allen Ernstes mit Arigonas „Mobbing einer Mitschülerin“ unterfütterte.)

Selbstverständlich bin ich für eine weitere Öffnung der Grenzen, nicht mit dem überstrapazierten „Augenmaߓ, sondern mit Balance.

Es soll erstens ein großzügig verteiltes humanitäres Bleiberecht geben. Ewa für den hypothetischen Nigerianer: Der wäre nämlich ein gegen das Verhungern kämpfender Flüchtling – und nicht bloß einer, der seine ökonomische Situation verbessern will, wie die Familie Arigonas.

Es soll zweitens einen ordentlich geplanten Zuzug von Menschen geben, die eine bestimmte Ausbildung haben.

Drittens kann es eine generelle Amnestie für bereits integrierte Ausländer geben – am besten nach klar definierten Kriterien und überwacht von Landeshauptleuten oder Bürgermeistern.

Was es aber nicht braucht – sorry –, ist eine Ausnahme für Arigona. Gute Öffentlichkeitsarbeit ist kein Kriterium für ein Aufenthaltsrecht. Echte Not ist es schon: Mit dem Schicksal von Arigona, die im kommenden Jahr in den Kosovo zurückkehren soll, würden viele Menschen auf dieser Welt gerne tauschen.