Wenn Christian Rainer Arigona wäre …

Über die Selbstverständlichkeit, mit der den Kosovo-Albanern ein eigener Staat zugestanden wird

Kürzlich wurde ich von einer Dame gefragt, wann eigentlich die Serben den Albanern den Kosovo weggenommen hätten. Über die Unwissenheit, die aus dieser Frage sprach, war ich entsetzt. Aber das bin ich schon seit 1991. Seit damals bin ich immer wieder erschrocken über die abenteuerliche Ignoranz, die mir, wenn es um meine ehemalige Heimat geht, entgegenschlägt: Alles wird durcheinandergebracht, die Gräueltaten aller am Balkan-Bürgerkrieg beteiligten Parteien verdecken offenbar die Fakten. Und in dieser verzerrten Wahrnehmung des tragischen südosteuropäischen Schauspiels sind die Rollen der Opfer und der Täter schnell vergeben.

Selten findet sich auch nur der leiseste Hinweis auf die serbischen Klöster aus dem 11. Jahrhundert in Kosovo Polje und Metohija. Dieses sehr fruchtbare Gebiet ist die nationale und spirituelle Wiege des serbischen Volkes und seiner Kirche, der autokephalen serbischen Orthodoxie. In einem Land, in dem seit Jahrzehnten über die Zweisprachigkeit von Ortstafeln diskutiert wird, mag es schwer zu glauben sein, dass die nationalen Ambitionen der Kosovo-Albaner nach dem Zweiten Weltkrieg nicht niedergeknüppelt, sondern im Gegenteil gefördert wurden: Die jugoslawischen Teilrepubliken hatten eigene Parlamente (also auch eigene Gerichte und andere wichtige Institutionen), die öffentlichen Stellen wurden nach dem so genannten „nationalen Schlüssel“ vergeben. War das die viel beklagte „Knebelung“ der albanischen Minderheit? Die Kosovo-Politik Belgrads damals hatte jedenfalls zur Folge, dass die Albaner zur Mehrheit im Kosovo wurden. Und sie wussten dementsprechend Machtpositionen zu besetzen.

Seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten die Albaner innerhalb des jugoslawischen Staates eigene Schulen mit Autonomie über die Lehrpläne: Pflichtschulen, Gymnasien und Hochschulen, in denen in der eigenen Sprache gelehrt wurde. Und dennoch wollten die Albaner die Sezession. Man möge doch bitte schön einmal die albanischen Kosovaren mit den Kurden, der Bevölkerung in Kaschmir oder den Tibetern vergleichen, Völker, die wirklich auf das Widerlichste unterdrückt werden. Den Kosovo-Albanern wurden hingegen alle Möglichkeiten der Entfaltung ihrer nationalen Existenz geboten.

Die Albaner waren geschichtlich immer schon eine Minderheit in Serbien. Jetzt will diese neben dem Mutterland Albanien einen zusätzlichen eigenen Staat gleicher Ethnie bilden. Nicht das Mutterland will den Kosovo schlucken, die Provinz – es handelt sich immerhin um 15 Prozent des serbischen Territoriums – will sich auch nicht mit dem Mutterland vereinigen, sondern will einfach ein zweiter albanischer Staat sein. Hunderttausende Menschen haben in den letzten Jahrzehnten Albanien ver­lassen. Nicht zuletzt auch in Richtung Kosovo. Verständlich, bot der doch viele Möglichkeiten, die einem in Enver Hod­xas Realsozialismus verwehrt blieben – fließendes Wasser, Strom und Bildung inbegriffen. So wurden die Albaner im Kosovo zur Majorität. Und nicht nur dadurch. Nichtalbaner wurden systematisch aus dem Kosovo vertrieben: allein in den vergangenen sieben Jahren 200.000 Serben und Menschen aus anderen Volksgruppen. Diese Vertreibungen begannen nicht erst 2001, sondern schon bevor Milosevic sein Regime errichtete. Ja, diese prekäre Situation im Kosovo hat erst zur Machtergreifung von Milosevic geführt – gegen dessen nationalistische Politik ich ebenso auf die Straße gegangen bin wie gegen das Bombardement Belgrads.

Wer aber diese komplexe historische Entwicklung kennt, kann nicht die Milchmädchenrechnung aufstellen: Die Provinz hat eine albanische Mehrheit, deswegen hat diese automatisch ein Recht auf Abspaltung und Unabhängigkeit. Am brennendsten interessiert mich aber: Was passiert mit dem Kosovo nach der Abspaltung, nach der Proklamation der Unabhängigkeit? Das wird heiß in Internet-Foren diskutiert. Da wird auch vielfach die Frage nach dem Cui bono aufgeworfen. Wem nützt die Sezession? Dem armen geschundenen Volk oder doch nur den mächtigen reichen Clans dort? Auch in den kosovarisch-albanischen Reihen wird zunehmend die Klage laut, das Volk befinde sich in der Hand von Mafiosi und im Würgegriff nationalistischer Propaganda. Wen interessieren heute die Menschenrechte von Nichtalbanern im Kosovo? Wer spricht über die Arbeitslosenrate von 70 Prozent?

Das alles wollte ich mit der Frau diskutieren, die mir die groteske Frage gestellt hatte, wann die Serben den Albanern den Kosovo gestohlen haben. Die Dame wollte aber nicht mehr zuhören. Ich hatte ihre wohlgeordnete Welt, in der so klar war, wer die Guten und wer die Bösen sind, gestört.