„Wer ist der Autor?“

Der Kurator Detlef Diederichsen über unmenschliche Klänge, Alien-Musik und Kompositionen aus der Konserve.

Interview: Thomas Edlinger

profil: Sie verantworten als Kurator das Festival „Unmenschliche Musik“ im Rahmen des Berliner „Anthropozän“-Projekts. Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?
Diederichsen: Wir greifen die Idee des Anthropozän auf, weil sie die Umweltdebatte ablöst. Dieses Denkmodell geht davon aus, dass es heute keinen Gegensatz zwischen Natur und Kultur mehr gibt. Alles ist vom menschlichen Wirken beeinflusst, der Mensch ist ein geologischer Faktor geworden. Das ist eine enorme Verantwortung: Man kann unter dieser Voraussetzung nicht mehr behaupten, dass eine Naturkatastrophe mit uns nichts zu tun habe. Wir sitzen auf der Kommandobrücke eines Dampfers; unsere Aufgabe ist es nun, diesen zu steuern.

profil: In dem Begriff „Unmenschliche Musik“ schwingt auch ein moralisches Werturteil mit. Warum heißt es nicht neutraler „Nichtmenschliche Musik“?
Diederichsen: Uns geht es nicht nur um Maschinen- und Tiermusik, sondern etwa auch um menschliche Musik, die nur so klingt, als wäre sie von Aliens erdacht worden.

profil: Ein kulturkonservatives Vorurteil besagt: Unmenschliche Musik ist vor allem technische Musik.
Diederichsen: Als unmenschlich galten immer schon neue, unvertraute Klänge. Vor Techno war es die E-Gitarre, davor waren es die Neutöner der klassischen Musik. Im Prinzip bildet Musik bloß die Umwelt ab: je technisierter diese Umwelt, desto technisierter auch die Musik. Wenn man von handgemachter Musik im Gegensatz zu elektronischer Musik spricht, so muss man darauf insistieren, dass im Prinzip jeder Sound aus Lautsprechern kommt und von elektronischen Impulsen gesteuert wird. Die Menschenhand spielt in der Musikproduktion allenfalls viele Stufen davor eine Rolle.

profil: Aber es ist doch etwas wirklich Neues, wenn intelligente Software sich an die Klangsignatur eines Komponisten anschmiegt und täuschend echte Mutantenmusik schafft. Wie reagiert das Publikum darauf?
Diederichsen: Solche Software führt bei vielen zu großem Unbehagen. Das ist wie mit den Schachcomputern, die irgendwann sogar die Weltmeister besiegen konnten – ganz ohne genialen Funken. Ähnlich verhält es sich mit der Software des Komponisten David Cope. Er hat aufgrund einer Schreibblockade begonnen, eine Software für seine eigenen Stücke zu entwickeln – und sein Verfahren dann auf Bach und Chopin ausgeweitet. Das Wichtigste ist eine differenzierte Datenbasis, aus der die Software dann den Stil eines Komponisten destilliert.

profil: Wie gut funktioniert diese Nachempfindung?
Diederichsen: Copes Tests haben ergeben: Selbst ein Fachpublikum kann kaum noch unterscheiden, ob es nun gerade den echten oder den virtuellen Chopin hört. Das romantische Bild, dem zufolge Musik die Kommunikation zwischen zwei empfindenden Seelen sei, ist falsch. Diese Tatsache hat Cope-Spektiker wie den Informatiker und Hobbykomponisten Douglas Hofstadter in eine regelrechte existenzielle Krise gestürzt. Außerdem generiert die Software neue Urheberrechtsprobleme: Wer ist denn nun der Autor eines virtuellen Bach-Stücks? Cope? Der imitierte Bach? Oder gar die Software selbst?

profil: Wie lässt sich die Bandbreite der Musikexperimente Ihres Festivals beschreiben?
Diederichsen: Wir hatten etwa drei Meter hohe Roboter, die E-Bass spielen. Zudem gab es Fußball spielende Roboterteams, die auch Musik machen. Und Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten hat nicht-chartstaugliche Musik wie Free Jazz mit einer Software bearbeitet, die sie Schritt für Schritt hitkompatibel macht.

profil: Die Unterschiede zwischen nichtmenschlicher und menschlicher Musik sind also gering?
Diederichsen: Es sieht so aus. Und dann wird die schon von John Cage vieldiskutierte Rolle des Zuhörers zentral. Radikal gesprochen ist es vielleicht so: Die wahre Kreativität leistet der Hörer, der Komponist liefert nur den Steigbügel.

Zur Person
Detlef Diederichsen, 52, war in den 1980er- und 1990er-Jahren als Musiker und Labelchef aktiv. Der gebürtige Hamburger und Bruder des Poptheoretikers Diedrich Diederichsen arbeitet seit 2006 als Bereichsleiter Musik im Berliner Haus der Kulturen der Welt, wo das „Anthropozän“-Forschungsprojekt noch bis Ende 2014 laufen wird.