Wer sich mit Jaguaren anlegt, tut sich weh:
Schauspieler John Malkovich im Interview

Der US-Schauspieler John Malkovich im Interview über Zynismus, seinen Hass auf Handykameras und sein Interesse an dem Grazer Serienmörder Jack Unterweger, den er demnächst im Wiener Ronacher darstellen wird. Interview: Stefan Grissemann

profil: Als Sie Jack Unterwegers Geschichte kennen lernten, dachten Sie da bereits daran, damit künstlerisch zu arbeiten?
Malkovich: Sicher, ich wollte aus Unterwegers Biografie, als ich vor Jahren davon erfuhr, gleich einen Film machen. Erstmals sah ich ihn im österreichischen TV, als er in irgendeiner Talkshow auftrat.
profil: Im weißen Anzug?
Malkovich: Genau. Edel gekleidet. Jemand erklärte mir dann, wer das war. Von da an verfolgte ich Unterwegers Story, auch weil wir in Amerika einen ähnlichen Fall hatten: einen außerordentlich gewalttätigen Mann namens Jack Henry Abbott, der allerdings viel besser schrieb als Unterweger – einen brillanten Roman mit dem Titel „In the Belly of the Beast“, die Chronik eines Lebens im Inneren des US-Justizsystems. Wie bei Unterweger ermöglichte der Druck der Literaturszene Abbotts vorzeitige Entlassung. Sechs Wochen später besuchte Abbott eine Austernbar in der Lower East Side, wo er einen jungen Autor kennen lernte – und gleich erstach. Man sieht also, das mit der Resozialisierung hat da nicht so gut funktioniert.
profil: Sie gehen davon aus, dass Rehabilitierung von Mördern unmöglich ist?
Malkovich: Viele Menschen meinen, dass jeder Gewalttäter irgendwie zum Guten zurückfinden kann. Ich bin da anders: Ich glaube das nicht.

profil: Was fasziniert Sie an Serienmördern?
Malkovich: Jeder, der kein „normales“ Leben führt, erscheint der Öffentlichkeit interessant. Egal, ob das nun König Ludwig ist, Howard Hughes oder Jack Unterweger. Denn für die meisten Menschen ist es schwierig, sich vorzustellen, wie solche Leute denken und sich durch die Welt bewegen.
profil: Das hat Sie dazu gebracht, Unterweger zu spielen?
Malkovich: Ich halte das Libretto für wirklich amüsant und auch grausam. Ich habe übrigens lange an einem Drehbuch über Howard Hughes gearbeitet. Er verschwand ein ganzes Jahr lang spurlos, einfach so. Als er zurückkehrte, hatte er in seinem Koffer nur zweierlei: ein Frauenkleid und einen Zahnarztbohrer. Mehr braucht eine gute Geschichte nicht: Was ist das für ein Mensch, der ausschließlich diese beiden Dinge bei sich führt? Das ist eine Herausforderung, ein Affront gegen unsere Normalität. Warum vegetiert ein berühmter Mann jahrelang in seinem Zimmer auf Zeitungspapier und füllt all die Flaschen in seinem Haus mit Urin?
profil: Es ist Ihre Mission, solches Verhalten zu erklären?
Malkovich: Meine Mission ist es, den Menschen vor Augen zu führen, dass auch sie, wenn sie die Welt so sähen wie dieser Mann, sich so verhielten wie er. Aber jeder reagiert auf seine Weise: Wenn wir auf der Straße an ­einer Prostituierten vorbeikommen, findet der eine das traurig, der Zweite wird sie für gar nicht so hässlich halten, und der Dritte wird die 30 Dollar suchen, die er noch in seinen Hosentaschen vermutet. Aber nur sehr wenige von uns werden denken: Ich glaube, ich werde diese Frau jetzt mit ihrem BH erwürgen.
profil: Bei so viel Verständnis für Unterwegers Psyche: Verharmlost man damit dessen Taten nicht auch?
Malkovich: Ich hoffe nicht. Michael Sturmingers Text ist glücklicherweise nicht süß genug, um Mitleid mit dem armen Unterweger zu wecken. Aber wir versuchen natürlich zu verstehen – denn wir machen gern den Fehler, den Menschen nicht für das Tier zu halten, das er ist. Wenn Sie sich mit einem Jaguar anlegen, können Sie sich eben wehtun. Aber das Denken des Jaguars fasziniert uns. Da sagt einer: Ich habe eine Dichterlesung in Graz, aber davor mache ich noch einen Umweg und bringe ein paar Nutten um. Oder ich bringe eine auf der Hinfahrt um, weil ich etwas nervös bin – und die andere nach der Lesung, weil sie so gut gegangen ist.
profil: Wie sehen Sie Österreich? Erst erfahren Sie von Jack Unterweger, dann von dem Kellerkerkermeister Josef F. Gehen Sie davon aus, dass mit Österreich etwas nicht stimmt?
Malkovich: Ich glaube, da muss Österreich noch einiges tun, um die Belgier einzuholen. Und wenn wir schon dabei sind: Wir Amerikaner sind in diesen Dingen auch nicht schlecht. Für mich hat das mit Österreich nicht viel zu tun. Es hat mehr mit Verdrängung zu tun. Ich würde sagen, je weniger man in sich unterdrückt, desto weniger wird man dazu neigen, sich zum Soziopathen zu entwickeln.

profil: Unterweger schien kein großer Verdränger zu sein. Er fühlte sich in öffentlichen Situationen wohl, war ein Spieler in jedem Sinn des Begriffs.
Malkovich: Und dennoch hat er wohl Dinge verdrängt. Er hat da einiges gemeinsam mit einem weiteren eminenten US-Serienkiller: Ted Bundy.
profil: Was teilte Unterweger mit Bundy?
Malkovich: Er sah gut aus, erschien Frauen attraktiv, und die Leute mochten ihn. Er war ein Konservativer, aber nicht radikal; er arbeitete bei einer Selbstmörder-Hotline und brachte Studentinnen um, die langes brünettes Haar hatten. Als er verhaftet wurde und ihn ein Mann vom FBI beschuldigte, 30 Morde begangen zu haben, sagte er nur, dass da eine Null fehle. Bundy war, wie Unterweger, kein Komplexler: Aber Verdrängung ist eben immer relativ zu dem, was begehrt wird. Wenn es Ihre Sehnsucht wäre, Sex mit acht Monate alten Babys zu haben, würden Sie vermutlich einiges verdrängen müssen. Hoffentlich.

profil: Sie scheinen zu Hollywood eine gewisse Distanz zu wahren.
Malkovich: Das höre ich oft, aber das stimmt nicht. Ich halte keinen Abstand. Man muss die Filmindustrie nur als das nehmen, was sie ist.
profil: Wenn Sie in dem US-Blockbuster „Con Air“ auftreten, ist dies für Sie ebenso lohnend, wie in einem Art-House-Film zu spielen?
Malkovich: In gewisser Weise lohnender: Nach „Con Air“ konnte ich mir dieses Haus kaufen. Nein, ich würde sagen, es ist dieselbe Arbeit. Man versucht, etwas Spannendes herzustellen oder, wie wir Amerikaner gern sagen, etwas Unterhaltsames, Zwingendes. Mehr ist da nicht.
profil: Aber anders als viele Ihrer Kollegen treten Sie tatsächlich in Nischenfilmen auf: in Arbeiten von Raul Ruiz oder Manoel de Oliveira. Weil Sie cinephil sind?
Malkovich: Nein!
profil: Weil Sie sich mehr für Kunst interessieren als ­andere?
Malkovich: Nicht einmal das. Vielleicht bin ich einfach nur neugieriger. Okay, ich weiß, wie es ist, in einem Film zu spielen, der 300 Millionen Dollar einspielt, aber das Leben geht weiter. Wird es mich beschädigen, in einem Musical aufzutreten? Glaube ich nicht. Mein Auftritt in „Con Air“ hat meine Arbeit mit Ruiz keineswegs behindert. Man kann sich sogar fragen, ob die scheinbar so pure Kultur in den Filmen von Ruiz, Oli­veira oder Bertolucci etwas so fundamental anderes zu bieten hat als die Kultur in einem großen US-Film.
profil: Sie sind da nicht wählerisch?
Malkovich: Als erwachsener, professioneller Schauspieler gebe ich jedem Projekt alles, was mir zur Verfügung steht – und gewinne damit oder gehe mit dem Schiff unter. Aber letztlich kümmert mich weder das eine noch das andere.
profil: Verstehen Sie, warum so viele Regisseure Sie als Zyniker besetzen?
Malkovich: Ich habe keine Ahnung. Es ist mir unverständlich, aber seit Jahrzehnten so geläufig, dass ich gut damit leben kann.

profil: Man kann sehen, dass Ihnen Kleidung sehr wichtig ist: Woher kommt Ihre Liebe zur Mode?
Malkovich: So war ich immer. Ich hatte schon als Kind meine speziellen Outfits. Ich entwerfe übrigens jetzt auch meine eigene Linie: Die erste Kollektion wird in ein paar Tagen in Mailand vorgestellt.
profil: Sie lieben es zu zeichnen, zu entwerfen, Dinge mit Ihren Händen herzustellen. Sehen Sie im Schauspielen auch nur eine Art Handwerk?
Malkovich: Schauspielen ist sehr taktil. Alles ist Ausführung, Arbeit, der Rest ist Blödsinn. Ich kenne ein paar Schauspieler, deren Intelligenz ich ihren größten Fehler nennen würde. Man sollte nicht zu viel denken am Set.
profil: Sie reden nicht gerne übers Schauspielen.
Malkovich: Genau, habe ich nie getan.
profil: Warum? Weil es so selbstverständlich ist?
Malkovich: Ja. Man muss nicht erklären, was man als Akteur zu tun hat. Es scheint mir selbstverständlich zu sein, dass man als Schauspieler Demut und nichts als Demut zu bewahren hat. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht unbeschreiblich protestantisch.

profil: Wie gehen Sie damit um, in der Öffentlichkeit überall erkannt zu werden?
Malkovich: Das stört mich nicht. Ich grüße freundliche Menschen gern. Ich mag nur eines nicht: von Fremden auf der Straße fotografiert zu werden. Leider hat mittlerweile jeder eine Handykamera dabei – und aus unerfindlichen Gründen scheinen die meisten Menschen sie deshalb auch benutzen zu müssen. Ich verstehe nicht, wieso ich hinnehmen muss, mein Bild nach einem Res­taurantbesuch gegen meinen Willen in irgendwelchen Celebrity-Sendungen im Fernsehen wiederzufinden. Da machen Leute Geld mit meinem Bild, aus meinem Privatleben. Wieso gibt es keine Gewerkschaft, die sich um meine Rechte kümmert?
profil: Ist das eine Dauerbelästigung in Ihrem Leben?
Malkovich: Sicher. Ich kann bestimmte öffentliche Veranstaltungen nicht mehr besuchen. Manche Freunde halten mich für verrückt. Aber ich gehe zwei Straßen in Paris entlang und habe 20 Leute hinter mir, die mich verfolgen; vier oder fünf davon mit Videokamera. Wer sind die? Keine Ahnung. Was soll ich tun? Ich kann diese Leute ja nicht schlagen.
profil: Sonst finden Sie diese Szene zehn Minuten später auf YouTube wieder.
Malkovich: Genau das wollen sie ja. Wenn ich nichts sage, gelte ich als arrogantes Schwein. Wenn ich Ja sage, wird die Aufnahme, die sie von mir machen wollen, wegen Nervosität und kleiner technischer Gebrechen länger dauern als meine Fotosession mit ­Richard Avedon. Wenn ich Hallo sage: keine Reaktion. Dabei wissen die meisten gar nicht, wer ich bin. Ich komme ihnen nur bekannt vor, also halten sie mir die Kameras ins Gesicht und fragen mich, wie ich heiße. Ich frage zurück, wie sie heißen, aber sie glotzen mich nur verblüfft an. Wenn ich Nicolas Sarkozy, Bob Dylan oder Britney Spears am Flughafen sehe, gehe ich auch nicht hin und richte mein Handy auf sie. Das ist doch unverschämt.

profil: Falsche Schnurrbärte und Perücken haben Sie nie erwogen?
Malkovich: Das bringt nichts. Wann immer man jemanden mit Baseballkappe und dunklen Sonnenbrillen sieht, weiß man doch schon, dass das jemand Berühmter ist.
profil: Also ist es doch eine Belästigung, dass Sie dauernd erkannt werden.
Malkovich: War es nie – bis vor ein paar Jahren. Heute ist das Veröffentlichen privater Lebenszusammenhänge eine Epidemie geworden, eine Pest. Als mir am Telefon mitgeteilt wurde, dass meine Mutter gerade stirbt, machten drei Leute von mir Fotos. Man entkommt dem nicht, wenn man eine öffentliche Figur ist. Und meist enden diese Fotos dann im Internet mit Bildtexten wie: Schaut mal, wie lächerlich er aussieht! Dabei bin ich immer von der Annahme ausgegangen, ich hätte ein Recht auf privates Leben. Offenbar war das falsch. Ich lese auf Wikipedia, dass ich eine Affäre mit einer französischen Schauspielerin habe, und frage mich, warum ich davon nichts wusste.
profil: Der Verlust an Privatsphäre ...
Malkovich: … ist der Horror der modernen Technologie. Heute ist alles öffentlich. Jeder kann, wenn er einkaufen geht oder über die Straße geht, im Internet landen. Man holt sich die Bilder derer, die reich oder berühmt sind – und stellt sie im Netz aus. Mir kommt das vor wie die Rache­aktion eines Mobs aus selbst ernannten Machtlosen.
profil: Eine anarchistische Revolution im digitalen Raum.
Malkovich: Klar. Und dabei wird alles Thema: Malkovich gibt zu wenig Trinkgeld – was für ein Geizhals! Oder er gibt zu viel: Was für ein Angeber! Er gibt angemessenes Trinkgeld? Wie langweilig!

Foto: Grégoire Bernardi