Wer war Mohammed? Das abenteuerliche Leben des Propheten. Glaubensgrundsätze

Aus einem abenteuerlichen Leben schwang sich der Prophet zum Religionsgründer und Staatsmann auf. Soziales Engagement, Wissensdurst und religiöse Inspiration verliehen dem Islam eine Strahlkraft, welche binnen kurzer Zeit die halbe Welt erfasste.

Von Stunde zu Stunde breitet sich die Abenddämmerung weiter nach Westen aus, erfasst Städte Indonesiens, Malaysiens und Mittelasiens, senkt sich über den mittleren Osten bis in viele Länder Nord- und Zentralafrikas. Aus dem Häusermeer ragen da und dort Kuppeln und schlanke Minarette, von denen die Lautsprechergesänge der Muezzine zum Gebet rufen. Millionen Menschen halten in ihren Tätigkeiten inne und wenden sich zum Abendgebet kniend nach Mekka.

Das Bild des Islam im Westen ist vielfältig und widersprüchlich. Kunstvoll gestaltete Moscheen, eine ungewohnt konsequente Befolgung religiöser Gebote und Traditionen und über Jahrhunderte blühende Kunst und Wissenschaft stehen auf der einen Seite. Auf der anderen entsteht der Eindruck einer Religion, die Frauen hinter Schleiern verhüllt, ihnen fundamentale Rechte vorenthält, die sich der Politik und aller Lebensbereiche bemächtigt. Sie unterwirft jeden Winkel der Gesellschaft dem Urteil der Geistlichkeit, verhängt mittelalterliche Strafen und ruft zum mörderischen Kampf gegen Andersgläubige auf.

Mit blankem Unverständnis reagierten Menschen im Westen auf die Fatwa, das Todesurteil, das einst Ajatollah Khomeini über Salman Rushdie, den britisch-indischen Autor der „Satanischen Verse“, verhängt hatte. Und ebenso fassungslos reagieren sie auf Terroristen und Selbstmordattentäter, die sich auf einen angeblichen religiösen Auftrag berufen, oder auf Hass- und Gewaltausbrüche, die ein paar drittklassige Karikaturen in einer eher unbedeutenden dänischen Zeitung provozieren konnten, mögen diese noch so verletzend gewesen sein.

Was ist das Geheimnis dieser Macht, die dem Westen mehr und mehr Kopfzerbrechen bereitet? Und woher nahm der Prophet Mohammed diese Strahlkraft, dass sich die von ihm propagierte Religion binnen weniger Jahrzehnte um die Welt verbreiten konnte?

Wilde Beduinen. Im beginnenden 7. Jahrhundert nach Christus war Arabien reif für eine neue Zeit. Die großen Mächte der Region, das persische Sassanidenreich im Osten und das Byzantinische Reich im Westen waren durch jahrzehntelange, gegeneinander geführte Kriege geschwächt. Zwischen diesen beiden Mächten und dem arabischen Raum existierte eine Befestigungslinie, der syrische Limes, den die Römer – ähnlich wie gegen die wilden Germanen im Norden – gegen die wilden Beduinenstämme im Südosten errichtet hatten. Diese Befestigungslinie zog sich von Akaba am Roten Meer bis nach Deir ez Zor am Euphrat. Doch zu Beginn des 7. Jahrhunderts dachte niemand in Byzanz oder im Sassanidenreich daran, dass Gefahr aus dem Süden drohe.

Schließlich war die arabische Halbinsel auch zu dieser Zeit großteils von Wüstensand bedeckt, Ackerbau existierte nur im jemenitischen Süden sowie im „fruchtbaren Halbmond“, einem grünen Gürtel, der vom persischen Golf bis zum Golf von Akaba reichte und der ab Mitte des 5. Jahrhunderts nach Christus von arabischen Stämmen besiedelt wurde. Die Beduinen und die Stadtbewohner an der so genannten Weihrauchstraße im westlichen Teil der Halbinsel lebten vom Handel, insbesondere mit Weihrauch, dem „Öl der Antike“, wie ihn der Wiener Orientalist Stephan Prochazka bezeichnet. Weihrauchharz wurde auf römischen Altären verbrannt und auch für medizinische Anwendungen benutzt. Es war ein leichter und daher leicht zu transportierender, aber teurer Stoff. Handel und Transport waren deshalb ein einträgliches Geschäft.

Die einzige Hochkultur, die zu dieser Zeit im arabischen Raum existierte, war das jemenitische Sabäerreich. Handelszentren wie Mekka und Medina tauchen zwar schon in Berichten des griechischen Geschichtsschreibers Herodot auf, aber es gab in dieser Weltgegend keine besonders hoch entwickelte Kultur, weshalb auch häufig vom „barbarischen Beduinenland“ die Rede war. Arabien galt als „absolute Peripherie“ (Prochazka) der großen Kulturzentren, wie sie seit Jahrhunderten in Palästina, Syrien oder Mesopotamien existierten.

Die Beduinenstämme verehrten zahlreiche Gottheiten wie eine Sonnen- und eine Schicksalsgöttin, die Venus in Gestalt des Morgensterns und Hubal, den Gott des Mondes, der die klaren Wüstennächte erhellte. Hubal war auch der Stadt- und Stammesgott der Bewohner von Mekka, wo schon in vorislamischer Zeit die Kaaba, ein Heiligtum mit einem großen schwarzen Stein, bestand – vermutlich handelt es sich dabei um einen Meteoriten. Jedoch drifteten immer wieder verschiedene Geistesströmungen in diese entlegenen Regionen, darunter auch jüdisch-christlich-monotheistische Glaubensvorstellungen, die über Nomadenstämme bis ins Innere Arabiens gelangten.

Magische Kraft. Viele von Mohammeds späteren Äußerungen zeigen, dass sein Bild des Christentums auch von syrischen und ägyptischen Traditionen geprägt war, die Jesus nicht als göttliche und menschliche Doppelnatur, sondern als prophetischen Menschen sahen. Da der alte arabische Vielgötterglaube zur Zeit Mohammeds bereits viel von seinem Glanz verloren hatte, gab es eine Zeit lang sogar Anzeichen dafür, dass Arabien christlich werden könnte. Doch so weit kam es nicht, denn in Arabien wurde ein Mann Begründer einer neuen Religion, dessen Worte für viele Menschen eine magische Anziehungskraft hatten und bis heute haben.

Dieser Mohammed, den Islamforscher lieber „Muhammad“ schreiben, wurde um das Jahr 570 in Mekka geboren. Schon vor seiner Geburt war sein Vater Abdallah verstorben, und die Mutter Amina starb, als Mohammed sechs Jahre alt war. Der verwaiste Bub wuchs zuerst bei seinem Großvater und nach dessen Tod bei einem Onkel names Abu Talib auf, der ihn auch später noch in vielen schwierigen Lebenssituationen unterstützte. Mohammed verdingte sich in jungen Jahren offenbar als Schafhirte und nahm laut Überlieferung an zwei Kamelkarawanen nach Syrien teil. Die Legende weiß von einer Begegnung mit einem syrischen Mönch, der an Mohammed „Zeichen des Prophetentums“ gesehen haben soll.

Eine Zeit lang arbeitete Mohammed als Karawanenführer. Im Alter von 25 Jahren heiratete er eine wohlhabende, um etliche Jahre ältere Kaufmannswitwe namens Chadidscha, für die er schon länger gearbeitet hatte. Die glückliche Verbindung bedeutete für ihn erstmals soziale und materielle Sicherheit. Der Ehe entsprangen sieben Kinder, wovon die drei Söhne jedoch bereits im Kindesalter starben. Von den vier Töchtern stammen alle späteren Nachkommen Mohammeds ab.

Um das Jahr 610, im Alter von etwa 40 Jahren, erlebt Mohammed seine erste Vision. Der Sure 96 genannte Abschnitt des Korans, einer der ältesten Teile der erst Jahrzehnte später zu Papier gebrachten Offenbarung, vermittelt die Dramatik des Erlebnisses: Mohammed nimmt eine Art himmlisches Wesen wahr, das ihm einen Text überreicht und diesen zu lesen befiehlt. Anfangs schweigt Mohammed über die erfahrenen Visionen und durchlebt eine Zeit der inneren Unsicherheit. Immer öfter zieht er sich in die Berge zurück, um in einer Höhle zu meditieren. Schließlich akzeptiert er den prophetischen Auftrag, wie es heißt. Er beginnt, Bewohnern von Mekka von seinen Visionen zu berichten. Von der Notwendigkeit, soziale Gerechtigkeit anzustreben, gegen die Gleichgültigkeit der Reichen aufzutreten, gegen das ausufernde materielle Gewinnstreben als einzigem Lebensinhalt, gegen die Verehrung von Götterstatuen und den archaischen Vielgötterglauben, und sich hinzuwenden zu dem Einen Gott, arabisch „Allah“, wie er sagt.

Meist fallen seine Ansprachen auf fruchtbaren Boden, doch immer öfter beginnen Anhänger des altarabischen Polytheismus – nicht zuletzt, weil sie um das einträgliche Pilgergeschäft fürchten –, gegen Mohammed und seine Thesen gewalttätig vorzugehen, sodass sich manche seiner Anhänger unter diesem Druck vom Monotheismus wieder distanzieren. Mit den Jahren seines Wirkens wird das Klima in Mekka immer aufgeheizter, und als im Jahr 619 – Mohammed war zu diesem Zeitpunkt etwa 49 Jahre alt – nicht nur seine Frau Chadidscha, sondern auch sein Onkel stirbt, der ihm bis dahin in allen Turbulenzen des Lebens zur Seite gestanden war, war die Konstellation reif für einen Neuanfang. Im Jahr 622 zieht Mohammed mit seinen Anhängern von Mekka nach Medina (die Stadt hieß damals noch Yathrib). Diese „Flucht von Mekka nach Medina“, auch Hidschra genannt, war ein so einschneidendes Ereignis für die im Entstehen begriffene monotheistische Religion, dass dieses Jahr später als Beginn der islamischen Zeitrechnung festgesetzt wurde.

Staatsmann. Nach Ansicht vieler Islamwissenschafter wandelte sich der Prophet in Medina vom glaubens- und moralverkündenden Mahner zum politischen Anführer und Staatsmann. In Medina gab es zahlreiche rivalisierende Stämme, darunter mehrere jüdische Sippen. Mohammed gab der jungen islamischen Gemeinde eine Art gesetzliches Regelwerk, den Vertrag von Medina. Er predigte im Hof seines Hauses und leitete rituelle Gebete. Als die Schar seiner Anhänger immer größer wurde, ließ er eine Kanzel bauen, damit alle Anwesenden ihn hören und sehen konnten. Aus diesen Versammlungen entstand das Urbild der Moschee, mit einer nach Mekka gerichteten Gebetsnische und einer Kanzel.

Im Vertrag von Medina werden die Juden der Stadt als gleichberechtigt bezeichnet, daher gibt es anfänglich zwischen den beiden Religionsgruppen keine Probleme. Als Mohammed jedoch immer wieder Versuche unternimmt, die Juden zu bekehren, wird das Klima zunehmend frostig. Obwohl ein großer Teil der jüdischen Glaubenslehren auch Teil des Islams ist, wie etwa Abraham als „Ur-Moslem“, als monotheistischer Gottsucher und frühester Prophet, kommt es zum Bruch zwischen der moslemischen und der jüdischen Gemeinde in Medina. Die Juden werden aus der Stadt vertrieben.

Bis zu diesem Zeitpunkt verneigten sich auch die Moslems beim Gebet in Richtung Jerusalem, der Heiligen Stadt der monotheistischen Religionen, wo die Juden zum einstigen Standort von Salomos Tempel pilgern, wo Christus gepredigt hat und gestorben ist. Nach dem Bruch mit den Juden ändert Mohammed im Jahr 624 die Gebetsrichtung, ab nun wird in Richtung Mekka gebetet, zum Heiligtum mit dem alten schwarzen Stein. Die im Zentrum der großen Moschee von Mekka gelegene Kaaba (arabisch für Kubus oder Würfel) ist bis heute das zentrale Heiligtum des Islam, für gläubige Moslems das „Bayt Allah“, das Haus Gottes.

Das etwa 15 mal zwölf mal zehn Meter große Gebäude wird von der Kiswah umhüllt, einem schwarzen Brokat, der jährlich erneuert wird. In der südlichen Ecke des Gebäudes ist in Augenhöhe der al-Hadschar al-Aswad eingemauert, jener schwarze Stein, bei dem es sich um einen Meteoriten handeln könnte. Allerdings wurde der Stein nie wissenschaftlich untersucht. Die islamische Überlieferung besagt, dass Abraham den Stein beim Bau der Kaaba vom Erzengel Gabriel als Geschenk empfangen hat, dieser demnach aus dem Paradies stamme. Der Stein wurde im Jahr 692 bei Kämpfen innerhalb des Kalifats mit Brandgeschoßen attackiert und beschädigt, im Jahr 931 von Sektierern verschleppt und erst 951 wieder zurück nach Mekka gebracht. Um diesen Stein rankt sich eine Reihe von volksislamischen Legenden, wie etwa jene, er sei ursprünglich weiß gewesen, habe sich aber aus der Trauer über die vielen Sünder unter den Menschen schwarz verfärbt.

Im Jänner 630 zieht Mohammed mit seinen Anhängern in der Stadt Mekka ein. Da jedem, der keinen Widerstand leistet, Amnestie versprochen wird, gibt es kaum Blutvergießen. In allen Privathäusern und im Heiligtum der Kaaba lässt der Prophet sodann sämtliche heidnische Götterstatuen zerstören – er „säubert“ die Kaaba, heißt es in der Überlieferung –, und er erklärt die Pilgerreise nach Mekka zu einer zentralen Institution für die Anhänger des jungen moslemischen Glaubens.

Plötzlicher Tod. Im Frühjahr 632 plant der Prophet Eroberungszüge nach Byzanz und nach Persien. Doch der 62-jährige, mittlerweile zum zweiten Mal verheiratete Mohammed erkrankt plötzlich schwer und stirbt am 8. Juni überraschend im Haus seiner jungen Frau A’ischa in Medina. Seine Grabstätte, deren Besuch für gläubige Moslems den krönenden Abschluss ihrer Pilgerreise darstellt, liegt heute innerhalb der „Moschee des Propheten“ in Medina. Anfangs können Mohammeds Anhänger nicht glauben, dass ihr Prophet gestorben ist. Sie warten auf seine Wiederkehr.

Mohammeds plötzlicher Tod führt in den Folgejahren zu heftigen Turbulenzen und Nachfolgestreitigkeiten unter den Moslems. Im Unterschied zu Jesus, dessen „Reich nicht von dieser Welt war“, der also keine irdische Herrschaft anstrebte, verstand Mohammed den Gottesglauben nicht nur als Gebot für den Einzelnen, sondern auch als gesellschaftspolitischen und staatlichen Auftrag. Diese Verbindung von Religion und Politik gerade auch im frühen Islam wirkt teilweise bis heute nach.

Mohammed sah sich, wie Nicht-Moslems vielleicht erstaunt zur Kenntnis nehmen werden, keineswegs als Gründer einer neuen Religion, sondern als Erneuerer des alten monotheistischen Glaubens von Abraham, Moses und Jesus. Für ihn waren sowohl Juden wie Christen Menschen, die vom „rechten Weg“ des Glaubens abgekommen sind, die den Inhalt von Thora und Neuem Testament „verfälscht“ hätten. Jesus war für ihn ein Prophet, ein von Gott inspirierter Mensch, aber eben kein Gottessohn. Für Moslems ist es unverständlich, dass Christen zu Jesus beten anstatt zu Gott. Ein Moslem würde nie zu Mohammed beten. Ein „gottähnlicher Prophet“ klingt für einen Moslem beinahe wie ein Vielgottglauben. In Sure 4:171 des Koran wird betont, dass es nur einen Gott gebe, aber keinen „Gottessohn“ und schon gar keine „Drei“ (Dreifaltigkeit). Aber aus der Überzeugung, Jesus sei einer der Propheten, würde kein wahrhaft gläubiger Moslem Christus schmähen oder sich über ihn lustig machen.

Für Moslems ist auch die im Christentum übliche bildliche Darstellung des Erlösers unvorstellbar. Wie im Judentum, wo es heißt, „du sollst dir von Gott kein Bild machen“, ist eine Abbildung von Mohammed oder Allah streng verboten. Zwar existiert im Koran kein explizites Abbildungsverbot, aus den Hadithen (Überlieferungen) und der Sure 3 wurde jedoch abgeleitet, dass nur Gott Lebewesen erschaffen könne. Das Abbilden von Lebewesen sei sozusagen ein magischer Schöpfungsakt und daher Gott vorbehalten. Das war mit ein Grund, warum die herabwürdigenden Mohammed-Karikaturen zu derartigen Wutausbrüchen unter Moslems führten.

Was aber war die Strahlkraft der neuen, von Mohammed begründeten Religion? Der Orientalist Bert G. Fragner, Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, sagt, der Islam habe gegenüber der hierarchischen byzantischen Gesellschaft und dem im persischen Sassanidenreich vorherrschenden Kastenwesen „einen starken sozialen Egalismus angeboten“. Mit der neuen Religion wird die Almosensteuer zur Versorgung der Armen eingeführt.

Alles geschieht unter dem Aspekt, „wie will Gott, dass wir miteinander umgehen, dass wir gut zusammenleben“. Der Islam schafft die Sklaverei nicht ab, führt aber Regeln ein, wie mit Sklaven umzugehen ist und unter welchen Bedingungen sie freikommen sollen.

In einer Welt, in der die Polygamie gang und gäbe war, von den Urvätern des Juden- und Christentums über die arabische Welt bis ins Sassanidenreich, setzt sich der Islam erstmals mit der rechtlichen Stellung der Frau in der Gesellschaft auseinander. Er schafft die Ungleichbehandlung der Frau nicht ab, regelt aber, dass Frauen – im Gegensatz zur Zeit davor – an der Erbschaft beteiligt werden. Der Tschador (eigentlich „Zelt“) war ursprünglich als Schutz der Frau gedacht. Sie sollte sich in der Öffentlichkeit sicher fühlen, auch vor lüsternen Blicken der Männer. Weil beispielsweise Kopfhaare oder Knöchel im arabischen Raum als besonders erotisierend gelten, sollten diese im öffentlichen Raum bedeckt sein und nur in der Privatsphäre innerhalb der Sippe enthülllt werden.

Gemeinschaftsgefühl. Mohammed propagiert auf diese Weise mehr Verantwortung füreinander und mehr Gemeinschaftsgefühl. Und mit seiner Forderung, nach Wissen und Erkenntnis zu streben und täglich Neues zu lernen – selbst wenn man dafür „bis nach China“ gehen müsse, wie es in einem seiner überlieferten Aussprüche heißt –, legt er den Grundstein für den Aufstieg der arabischen Wissenschaft.

Die Araber in den Pufferzonen des Nordens hatten seit jeher die Kultur der römischen Antike mit ihrem Reinlichkeits- und Hygienestreben willig aufgesogen. Von ihnen übernimmt der Islam die Reinlichkeitsvorschriften aus der römischen Badekultur und propagiert fünf tägliche Waschungen. Er übernimmt auch Elemente der altpersischen und altindischen Schule der Medizin. Aufgeschlossene Kalifen rufen persische Ärzte ins Land, die beispielsweise in Bagdad die ersten Spitäler außerhalb Persiens gründen. Und so wie heute die USA Spitzenwissenschafter aus der ganzen Welt ins Land holen, riefen weltoffene Kalifen Astronomen, Mathematiker, Techniker, Grammatiker und Philosophen ins rasch wachsende islamische Reich, dazu Übersetzer, welche das antike griechische und römische Schrifttum ins Arabische übersetzten.

Sprache, Vielsprachigkeit und Schriftkunde gelten ebenso als gottgefällig, daher kommt es zu einer rasch fortschreitenden Alphabetisierung im ehemals von Analphabeten dominierten arabischen Raum, mit Quoten weit über jenen anderer Gegenden rund ums Mittelmeer. Bücher, Wissenschaft und neue Erkenntnisse spielen genauso eine zentrale Rolle wie soziales Engagement und straffe Organisation in allen Bereichen. Über allem aber steht die Kraft religiöser Inspiration. Sie motiviert die Moslems über Jahrhunderte zu außergewöhnlichen Leistungen und zur Ausweitung ihres Einflussbereichs von Spanien bis an die Grenzen Chinas.

Von Robert Buchacher und Gerhard Hertenberger