Wetten: Nachspielzeit

Zoff mit den deutschen Behörden, Unwägbarkeiten im Sponsoring und der Aktienkurs auf Talfahrt: Nach der WM-Euphorie folgt für das börsenotierte Unternehmen Betandwin die Ernüchterung.

Wenn Manfred Bodner und Norbert Teufelberger am Donnerstag dieser Woche vor die versammelte Presse treten, sind die Schlachtgesänge zur Fußball-WM 2006 vermutlich auch im Siegerland bereits verstummt. Dennoch werden die beiden Vorstände des Internetwettanbieters Betandwin das von vielen Überraschungen geprägte sportliche Großereignis noch einmal Revue passieren lassen. Sie werden betonen, welch großes Engagement sie bei der Veranstaltung gezeigt haben, und darauf verweisen, dass es sich letztlich voll und ganz ausgezahlt habe. Dass die WM für Betandwin ein überaus gutes Geschäft gewesen sein dürfte, ist aber weniger das Verdienst des Managements: Weit mehr als die Hälfte der Wettkunden hatten von Beginn an auf Brasilien, Deutschland oder Argentinien als neuen Weltmeister gesetzt – und verloren.

Anschließend werden die zwei Herren über ihre Expansionspläne, unter anderem für Südamerika und China, referieren und zum Kernpunkt der Pressekonferenz kommen: die wenige Stunden zuvor im Rahmen einer Hauptversammlung diskutierte und vermutlich auch beschlossene Änderung des Unternehmensnamens.

Wettanbieter waren zuletzt durch Skandale in Deutschland und Italien arg in Verruf geraten, da mag es vorteilhaft sein, den Begriff „Wetten“ (Englisch: bet) nicht im Namen zu tragen. Zudem ist der Anteil dieses Geschäftszweiges nach der Übernahme des schwedischen Online-Poker-Anbieters Ongame im Vorjahr von 68 auf 40 Prozent gesunken. Dem soll nun der Name Rechnung tragen: Aus Betandwin wird Bwin. Auch wenn die farbliche Gestaltung des Schriftzugs gleich bleiben soll, wird damit eine der mittlerweile bekanntesten Marken des Landes einer Transformation unterzogen, die nicht ohne Risken ist. Eine vergangene Woche veröffentlichte Studie reiht Betandwin mit einem errechneten Wert von 1,7 Milliarden Euro auf Platz acht der wichtigsten Marken Österreichs.

Allein im Rahmen der Fußball-WM hat das Management über 60 Millionen Euro zusätzlich investiert. 34 Geländewagen der US-Marke Hummer wurden mit Betandwin-Logo auf Tour durch Deutschland und Österreich geschickt, zahlreiche TV-Spots vor und nach den Übertragungen ausgestrahlt und nicht zuletzt groß inszenierte Gewinnspiele abgehalten.

„Dass man nun den Namen ändern will, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen“, sagt Leopold Salcher, Aktienanalyst bei der Raiffeisen Centrobank. Um den neuen Namen zu positionieren, sei schließlich erheblicher Marketingaufwand erforderlich. Und der ist mit geschätzten 307 Millionen Euro für 2006 schon jetzt beträchtlich. Ausgehend von einem für dieses Jahr prognostizierten Wettertrag von 504,4 Millionen Euro, bedeutet das, dass die Marketingkosten über 60 Prozent der Gesamteinnahmen verschlingen (siehe Tabelle).

Mehr als die Hälfte davon dürfte nun, nach dem Ende der WM, bereits platziert sein. Eine damit einhergehende Steigerung des Bekanntheitsgrades könnte durch die beabsichtigte Namensänderung möglicherweise wieder zunichte gemacht werden. „Ich war zunächst auch sehr skeptisch“, gesteht Hannes Androsch, Aufsichtsratschef und größter Aktionär des Unternehmens. Den Namen zu ändern sei sicherlich „eine subtile Angelegenheit“, sagt der ehemalige Finanzminister.

Kurssturz. Androsch beteuert, die Dienste des Unternehmens selbst noch nie in Anspruch genommen zu haben: „Ich hab als Bub von meinen Großeltern ein paar Mal Geld fürs Toto bekommen. Getippt hab ich nur einmal und später das Geld einfach eingesteckt. Das erschien mir gescheiter.“

Um mit Betandwin alias Bwin Nervenkitzel zu erleben, braucht Androsch auch nicht zu wetten. Die Entwicklung des Aktienkurses ist aufregend genug. Der Wert seines gut zehnprozentigen Aktienpakets hat sich im Vorjahr versechsfacht, im Gegenzug sackte der Kurs seit Anfang Mai 2006 um rund 40 Prozent ab. Androsch: „Das führt bei mir natürlich nicht gerade zur Ausschüttung von Glückshormonen.“

Auf den ersten Blick kommt diese unerfreuliche Kursentwicklung auch eher überraschend. Am 11. Mai erst hatte Betandwin gute Zahlen für das erste Quartal des laufenden Jahres präsentiert: Die Wetterträge hatten sich gegenüber dem Vergleichszeitraum 2005 nahezu vervierfacht, der Gewinn war um immerhin 50 Prozent gestiegen. Diese Eckdaten konnten offenbar aber weder Anleger noch Investoren darüber hinwegtäuschen, dass das Unternehmen in naher Zukunft noch einiges zu verdauen haben wird: Aus dem Ongame-Kauf besteht nach Aussage von Analyst Salcher „für die kommenden fünf Jahre ein Abschreibungsbedarf von mehr als 35 Millionen Euro“. Und auch wenn das Unternehmen operativ vorzeigbare Gewinne erwirtschaftet, so schleppt es acht Jahre nach der Gründung immer noch Anlaufverluste von über 20 Millionen Euro mit.

Entwickeln sich die Geschäfte weiter wie geplant, sollte dieser Posten in zwei oder drei Jahren abgearbeitet sein. Doch genau daran bestehen mittlerweile leise Zweifel. „Die rechtliche Basis im Wettgeschäft ist leider sehr schwierig“, meint Michael Tojner. „In Griechenland sind kürzlich sogar Leute verhaftet worden, die für Betandwin geworben haben.“ Tojners Investmenthaus Global Equity Partners war einer der Gründungsaktionäre von Betandwin, ist aber im Vorjahr ausgestiegen. Er persönlich hält nach eigenem Bekunden heute noch einen „bescheidenen Anteil“.

Vergangene Woche erst war eine seit Monaten schwelende Auseinandersetzung mit den deutschen Behörden neu aufgeflammt. Grundsätzlich besteht in Deutschland ein staatliches Monopol für Sportwetten. Die DDR-Behörden hatten jedoch kurz vor der Wiedervereinigung vier Wettanbietern Lizenzen erteilt. Mit einer davon agiert auch die Deutschland-Tochter von Betandwin. Nach Ansicht der Gerichte hätte diese aber bestenfalls auf dem Gebiet des ehemaligen Ostdeutschland Gültigkeit. Zurzeit sind mehrere Verfahren anhängig, eine endgültige Entscheidung dürfte noch Monate auf sich warten lassen. Bleibt die Justiz bei dieser Ansicht, wäre Betandwin mit einem Schlag die rechtliche Basis für das Deutschland-Geschäft entzogen. Mit weit reichenden Folgen: Aktuell zeichnet die Bundesrepublik für fast ein Drittel der Erträge verantwortlich.

Kein Leiberl. Vergangene Woche ließ zudem das bayerische Innenministerium mit einer Drohung gegen den von Betandwin gesponserten Bundesligaklub 1860 München aufhorchen. Man betrachte das Unternehmen als illegalen Wettanbieter, donnerte ein Ministersprecher und kündigte an: „Wenn 1860 an der Werbung festhält, schicken wir ihnen den Staatsanwalt.“ Ähnliche Probleme könnten dem gleichfalls unter Vertrag stehenden Verein Werder Bremen demnächst ins Haus stehen.

Hinzu kommt, dass nicht Betandwin selbst, sondern der deutsche Partner Steffen Pfennigwerth persönlich Lizenzinhaber ist. Besinnt sich dieser eines anderen und zieht sich, aus welchem Grund auch immer, aus dem Geschäft zurück, ist mit ihm auch die Lizenz dahin.

Seit der Ongame-Übernahme im Vorjahr sind die USA für rund ein Drittel des Betandwin-Konzernumsatzes verantwortlich, und auch dort dräut rechtliches Ungemach herauf: Zurzeit liegen im US-Repräsentantenhaus drei Entwürfe für eine gesetzliche Regelung von Online-Wetten und -Glücksspielen und harren ihrer Behandlung. Einhelliger Grundtenor: Bis auf die in Amerika traditionsreichen Pferdewetten soll vieles, wenn nicht gar alles verboten werden. Freilich ist unwahrscheinlich, dass derart radikale Gesetzesentwürfe tatsächlich beschlossen werden, ein gewisses Risiko für das künftige Geschäft von Betandwin besteht in den USA dennoch.

Das Führungsduo Bodner und Teufelberger wollte vergangene Woche zu all diesen Fragen mit Verweis auf die anstehende Pressekonferenz nicht Stellung nehmen. Aktionär Tojner, der heute mit einer Beteiligung am deutschen Sportwettenvermittler Starbet gewissermaßen auch die Konkurrenz fördert, sieht Betandwin in einer Konsolidierungsphase: „Da wurde Enormes geleistet. Nun ist es an der Zeit, das starke Wachstum zu verdauen und sich den Herausforderungen zu stellen.“

Auch Wilhelm Rasinger, gemeinhin skeptischer Präsident des Interessenverbandes für Anleger, bezeichnet die bisherige Entwicklung des Unternehmens als „beeindruckend“. Was derzeit mit dem Aktienkurs passiere, sei eine längst überfällige Korrektur, nachdem das Papier lange Zeit überbewertet gewesen sei, so der Anlegerschützer: „Man soll das Unternehmen nicht totjammern, aber eines steht fest: The honeymoon is over.“

Von Martin Himmelbauer