Wider die Mieselsucht

Warum die Hoffnung auf eine amerikanische Wende zum Guten nicht naiv ist.

Es ist natürlich verdienstvoll von Peter Filzmaier, wenn er in einem kürzlich im „Standard“ erschienenen Artikel uns Österreicher davor warnt, den Sieg der Demokraten bei den US-Wahlen im kommenden November als ausgemachte Sache zu sehen.

Er hat ja Recht. Eine „gmahte Wiese“ ist das weder für Hillary Clinton noch für Barack Obama. Aber der österreichische Politologe, der uns seit Jahr und Tag mit durchaus brauchbaren Analysen über die österreichische Politik versorgt, will noch mehr wissen: Nach Bush wird ganz sicher wieder ein Republikaner ins Weiße Haus einziehen. „Die wählen, wen wir nicht wollen!“, titelt er seinen Artikel, den Austro-Slogan des Waldheim-Wahlkampfs 1986 „Wir wählen, wen wir wollen“ paraphrasierend. Da mögen wir Österreicher uns mit 90-prozentiger Mehrheit nach einem demokratischen US-Präsidenten sehnen. Das werde nicht gespielt: Denn „die Demokraten sind ein Grüppchen schlechter Kandidaten. Sie sind nicht mehrheitsfähig.“

Den Menschen sei Hillary zu unsympathisch. Diese Frau wollten sich die Amerikaner nicht „vier Jahre in ihrem Wohnzimmer“ vorstellen. Und Obama? Dass es eine „Chance für den ersten Afroamerikaner als Präsidenten“ gebe, sei ein „hiesiges Klischee“. In Wahrheit sei Amerika für einen Schwarzen im Weißen Haus noch nicht reif, meint Filzmaier. Vor allem wegen der „Masse der bösen weißen Männer im Süden“, formuliert Filzmaier launig.

Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass der österreichische Politikwissenschafter am 4. November triumphieren wird – unter dem Motto: Ich hab’s immer schon gesagt. Seine Argumentation ist aber klischeehafter als die jener Österreicher, die – von ihm als naiv gescholtenen – hoffen, dass ein Demokrat dereinst Bush ablösen werde.

Mag sein, dass der ehemaligen First Lady das Charisma ihres Mannes Bill abgeht, dass sie polarisiert und viele US-Bürger mit ihr nicht warm werden können: Tatsache ist aber auch, dass die toughe Hillary eine brillante Wahlkämpferin ist. Ihre Erdrutschsiege bei zwei Senatswahlen in New York haben gezeigt, dass sie letztlich durchaus die Herzen der Menschen erobern kann.

Der Rassismus in den USA ist gewiss nicht ausgestorben. Aber alle Untersuchungen zeigen, dass sich die Einstellung der Weißen zu den Afroamerikanern in den vergangenen Jahren geradezu in dramatischer Weise verbessert hat. Auch und gerade im Süden. Dass Schwarze strategische Positionen in der Regierung einnehmen, ist inzwischen selbstverständlich – siehe die Außenminister Colin Powell und Condoleezza Rice. Und Obama hat gerade in den bisherigen Vorwahlen gezeigt, dass er über Rassenschranken hinweg auch bei Weißen punkten kann.

Wo ist da also das „massive Kandidatenproblem“, das Filzmaier bei den US-Demokraten registriert? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Diagnose stark von Ressentiments genährt ist. Die „schlechten Kandidaten“ entpuppen sich bei näherem Hinsehen geradezu als Lichtfiguren. Hillary und Obama sind Traumkandidaten: blitzgescheite, blendende Redner, schöne, elegante Menschen, die an den besten Universitäten studiert haben, dort mit Auszeichnung abschlossen und in ihren Zivilberufen extrem erfolgreich waren. Und die beiden sind nicht glatte Karrierepolitiker, sondern Personen mit Ecken und Kanten, mit aufregenden Biografien, die auch Leid, Krisen und Scheitern mit einschließen.

Wie kann bei diesem fantastischen Politpersonal eine derart defätistische Sicht auf die US-Vorwahlen aufkommen – noch dazu bei jemandem, der sich professionell mit österreichischer Politik und Politikern beschäftigen muss?
Aber Peter Filzmaier ist unerbittlich: Nicht nur will er uns alle Hoffnungen auf einen zukünftigen demokratischen US-Präsidenten rauben. Auch die Hoffnung auf eine grundsätzliche Änderung der US-Außenpolitik sei „illusionär“, meint er.

Warum eigentlich? Unter einem demokratischen Präsidenten hätte der Irak-Krieg nicht stattgefunden. Die unilaterale militaristische Hauruck-Politik Bushs war ein eklatanter Bruch mit dem außenpolitischen Kurs von Bill Clinton. Dessen Frau wird, sollte sie wieder ins Weiße Haus einziehen, auf Bills außenpolitische Berater zurückgreifen. Mit einiger Sicherheit kann vorausgesagt werden, dass die amerikanische Weltpolitik sich nach acht Jahren des verrückten Ausnahmezustands unter der Bush-Präsidentschaft zumindest wieder normalisieren wird – wahrscheinlich selbst dann, wenn ein Republikaner wie John McCain gewählt würde.

Sollte Barack Obama das Rennen machen, käme ein Weiteres hinzu. Fareed Zakaria, US-Chefredakteur der Europa-Ausgabe des US-Magazins „Newsweek“, hat darauf hingewiesen: „Obamas Weltsicht ist auch geprägt von seiner Erfahrung als Kind eines Vaters aus Kenia und eines Stiefvaters aus Indonesien. Er hat wichtige Kindheitsjahre in Indonesien verbracht und wuchs dann im so bunten multikulturellen Hawaii auf.“ Solche Erfahrungen machten sensibel, schreibt Zakaria. Sie ermöglichten ein tieferes und differenzierteres Verständnis der Welt. Und er weiß, wovon er spricht: Zakaria selbst stammt aus Bombay und wurde erst als Erwachsener US-Bürger. Personen mit Migrationshintergrund hätten auf dem Gebiet der internationalen Politik anderen etwa voraus, meint Zakaria. „Sie wissen, was es heißt, nicht Amerikaner zu sein.“

Lassen wir uns also die Hoffnung auf eine Gesundung der amerikanischen Politik nicht madig machen. Diese Hoffnung ist realistischer als die als Realismus getarnte österreichische Mieselsucht der Filzmaier’schen Art.