Widerstand ist kostbar

Statt Bernardis gegen Dollfuß auszuspielen, sollten endlich alle Lager beider Leistung gemeinsam würdigen – ohne deren Fehler zu übersehen.

Dass anständige Leute, gleich ob sie der ÖVP, der SPÖ oder den Grünen zuneigen, sich außerstande sehen, mit den Söhnen der Nazis, wie sie die FPÖ beherrschen, zu einer gemeinsamen Sicht der jüngeren Geschichte zu gelangen, ist unvermeidlich. Dass sie diese gemeinsame Sicht auch untereinander nicht finden, tut mir weh.

Am jüngsten Beispiel: Zu Recht kritisiert ein anständiger, hervorragender Journalist wie Samo Kobenter im „Standard“, dass die ÖVP „sich beharrlich weigert, dem von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer Robert Bernardis ein anständiges Angedenken angedeihen zu lassen“. Aber er tut es mit Formulierungen, die den Widerstand eines anderen Mannes, der im Kampf gegen Hitler sein Leben gelassen hat, restlos diskreditieren: „So hält die ÖVP beharrlich daran fest, einmal im Jahr eine Messe für den von den Nazis ermordeten Schmalspurdiktator Engelbert Dollfuß zu lesen. (Statt) eine andere Bewertung des Ständestaates zu wagen, (begnüge sie sich) mit dem simplifizierenden Schluss, Dollfuß habe zwar – schlimm, schlimm – ein paar Arbeiterführer aufhängen lassen und alle Parteien verboten, dafür aber Österreich vor Nazideutschland gerettet. Vielleicht käme die ÖVP auf den Gedanken, dass die päpstliche Ständestaatslehre, die auch in Spanien, Kroatien und der Slowakei als politische Handlungsanleitung genommen wurde, in Dollfuß-Österreich den Boden für die giftige Frucht aufbereiten half, die Hitler vier Jahre später ernten sollte ...“

Mag sein, dass manche Leute in der ÖVP Dollfuߒ Verhalten derart simplifizieren – aber das ist doch kein Grund, zur umgekehrten Simplifizierung zu schreiten: Dollfuß, der „Schmalspurdiktator“, im Gegensatz zu Bernardis, dem „Widerstandskämpfer“. Obwohl der Tiroler Oberstleutnant genauso wenig als glühender Demokrat gegen Hitler angetreten ist: „Bernardis war während seiner Offiziersausbildung in der Berliner Kriegsakademie ein überzeugter Nazi und an den Angriffskriegen gegen Polen, Frankreich und die Sowjetunion beteiligt. (Erst) als er sah, dass der Krieg durch Hitlers dilettantischen Fanatismus verloren war, schloss er sich dem Widerstand an“, rügt „Standard“-Leser Leopold Schwarz in einem Leserbrief.

Doch auch dieser Hinweis ist lückenhaft: Was Bernardis zum Widerstand bewog, war zwar auch die drohende Niederlage, aber noch mehr waren es die Massenerschießungen, die er während des Ostfeldzuges miterlebte.

Damit wollte er sich nicht mehr identifizieren und riskierte den Tod, um Hitler loszuwerden.

Ich meine, im Gegensatz zu Herrn Schwarz, dass er dafür sehr wohl den Respekt verdient, der ihm durch die Benennung einer Kaserne erwiesen würde.

Wir – die wir diese Zeit nicht erlebt haben und vor ungleich leichteren Entscheidungen stehen – müssen begreifen, dass anständiges Verhalten in der NS-Zeit nur im Idealfall bruchlos stattfand, nur im Idealfall ein einziges, heroisches Motiv hatte, nur im Idealfall von einem makellosen Helden geübt worden ist. Widerstand war – und ist – etwas unendlich Komplexes. Entscheidend ist die Bilanz: Sie spricht – alles in allem – für Bernardis.

So wie sie alles in allem für Dollfuß spricht.

Natürlich hat die päpstliche Ständestaatslehre denen Argumente geliefert, die autoritäre politische Systeme etablieren wollten. Aber nicht nur die erzkatholischen Staaten wollten das. In Deutschland, wo Hitler vor Österreich zur Macht kam, bedurfte es weit und breit keiner katholischen Staatstheorie, um den Boden für seine giftigen Früchte aufzubereiten. (Wenn ihn in Österreich etwas aufbereitet hat, dann eher das Vakuum, das die Auflösung des katholischen Glaubens hinterließ, denn darin konnte der Nationalsozialismus zur Ersatzreligion werden.)

Dass Dollfuß die Parteien verbot, war zwar übel, aber kaum die Ursache dafür, dass die Nazis so stark wurden – er verbot zumindest die NSDAP, gerade weil sie schon so stark war. (Hätte er Wahlen abgehalten, die NSDAP hätte sie vermutlich gewonnen und die Macht wie in Deutschland „demokratisch“ an sich gerissen.)

Wie Bernardis war Dollfuß kein Demokrat – aber er hat zehn Jahre vor Bernardis erkannt, dass Hitler der Teufel ist: dass dessen nicht bloß autoritäre, sondern totalitäre Gewaltherrschaft allen Menschen jede Freiheit und jede Würde nimmt. Gegen diesen teuflischen Anspruch Hitlers ist er – das ist die andere Seite seines christlichen Selbstverständnisses – mit heiligem Eifer angetreten. Er hat gegen die Nazis gepredigt, gekämpft, sie verboten; er hat die „österreichische Nation“ erfunden, um jedem Bürger den Unterschied zu Nazi-Deutschland ins Herz zu senken (nachzulesen bei Fritz Muliar).

Dieser Unterschied hat zum Beispiel bedeutet, dass Juden in Dollfuß-Österreich leben konnten, während sie in Hitler-Deutschland vogelfrei waren. Es ist der Unterschied zu Auschwitz. In diesem kompromisslosen Kampf gegen Hitler-Deutschland war Dollfuß ziemlich einsam in Österreich und völlig allein in Europa. Er hat seinen totalen Einsatz nicht zufällig mit dem Tod bezahlt. Er verdient seine Messe.

Versuchen wir doch, bei Bernardis wie Dollfuß, vor allem die Leistung im Kampf gegen Hitler zu erkennen.

Versuchen wir doch, sie an ihrer Zeit, nicht an der Gegenwart zu messen.

Versuchen wir doch, Motivationen in ihrer Komplexität zu sehen und Widerstandskämpfern auch Irrtümer, ja Versagen zuzugestehen, wenn ihre Leistungen ihr Versagen überragen. Gehen wir behutsamer um mit dem Widerstand – er ist kostbar.