Wie gesund ist Alkohol? Künstler und
Experten über die gesellschaftsfähige Droge

Wie gesund ist Alkohol? Wie dosiert man ihn richtig? Warum sind so viele Kreative bekennende Trinker? Braucht die menschliche ­Psyche das Phänomen Rausch? Und wo verläuft die Grenze zum Alkoholismus? Künstler, Suchtexperten und Kulturforscher über die gesellschaftsfähigste aller Drogen.

Von Tina Goebel , Angelika Hager und Sebastian Hofer

Punschtrinken für den Weltfrieden, feierliche Begrüßungen ­diverser Jungweine, Cocktailpartys bis zum Abwinken, Rotwein-Verkostungen, bei denen Toskana-Sozialisten friedlich mit Piemont-Konservativen fachsimpeln, Clubbings nach dem Motto „Zudröhnen, aber richtig“, wie vergangenen Samstag in Wien, als Bobos unter dem Arbeitstitel „Mensch im Rausch“ zum Protesttrinken gegen die „repressive Suchtpolitik der Politiker“ antraten – wobei sich zwischen Politik und Alkohol in der Praxis kaum Berührungsängste feststellen lassen. Der Wahlkampf ist für die Stimmenkeiler eine einzige Hebebühne; Anekdoten über wenig durstresistente Honoratioren kursieren in den Innenpolitik-Redaktionen bis zum Abwinken. Der Wiener Rathausplatz, so der Volksmund, sei immer sauber, weil die jeweiligen Bürgermeister verlässlich mit einem „Fetz’n“ drübergehen.

Die Vorweihnachtszeit ist Hochsaison für die gesellige Aufnahme von C2H5OH-Molekülen – so die chemische Bezeichnung von Ethanol, in der Umgangs­sprache fälschlicherweise Alkohol genannt – in den Blutkreislauf und das Gehirn und gemeinschaftlichen, gesellschaftlich akzeptierten Schwips, bis hin zu kollektiven Rauscherlebnissen. Für Michael Musalek, den Leiter des auf Suchtproblematiken spezialisierten Wiener Anton-Proksch-Instituts, ist Österreich aber ohnehin zu jeder Jahreszeit „ein Riesenwirtshaus“. Fünf Prozent der Be­völkerung ab 16 Jahren, insgesamt 350.000 Österreicher, sind als „chronische Alkoholiker“ zu bezeichnen; jährlich ist eine Neuerkrankungsrate von 0,13 Prozent zu registrieren, was ungefähr 10.000 Personen entspricht. Zehn Prozent der Bevölkerung durchlaufen einmal in ihrem Leben eine ­Phase des Alkoholismus – mit volkswirtschaftlichen Konsequenzen in Milliardenhöhe und oftmals irreparablen seelischen und gesundheitlichen Kollateralschäden. Komasaufen als Kampfsportart der Teenager (siehe Kasten), im Jahr 2008 48 Verkehrstote durch Alkoholisierung am Steuer (wobei die Zahl der Opfer in den vergangenen Jahren erfreulicherweise drastisch sank, 1972 waren noch 450 zu beklagen), zerstörte Hirnzellen (pro Vollrausch 20.000 bis 30.000): Die fatalen Konsequenzen exzessiven Alkoholkonsums sind so vielfältig wie bekannt.

Dennoch gibt und gab es in der Kulturgeschichte keine Gesellschaft, die ohne Drogen auskommt. Schon die Neandertaler aßen vergorene Früchte, um in Stimmung zu kommen. Der Weinbau selbst wurde von den Ägyptern erfunden, um 4000 v. Chr; der Konsum blieb allerdings nur den höheren Ständen vorbehalten. An hohen Feiertagen musste bei Pharaos bis zur Bewusstlosigkeit gebechert werden – so hofften sie, den Göttern näherzukommen. Die Griechen kultivierten die Kombination „Drink & Think“ in Form des Symposiums: Trinkgelage, bei denen Philosophen mit Wasser verdünnten Wein tranken und dabei über die Götter und die Polis grübelten. Sokrates galt bei diesen Besäufnissen als der Denker mit der höchsten Trinkfestigkeit. Die Römer kommerzia­lisierten diesen Gedanken – der Weinbau wurde zur Wissenschaft, inklusive Winzerschulen, die Ärzte entdeckten die heilende Kraft von Alkohol. Pathologisiert wurde der Alkoholkonsum erst Ende des 19. Jahrhunderts, als sich das Industrieproletariat sein wachsendes Elend durch den gesundheitszersetzenden, aber billigen Branntwein schöntrank. „Arbeit ist der Fluch der trinkenden Klassen“, schrieb Oscar Wilde. Um die vorvergangene Jahrhundertwende entstanden die ersten Trinkeranstalten, in denen Zwangsarbeit, religiöse Exerzitien und Schockkuren wie Eiswasser-Duschen als Therapiemittel angewandt wurden.
Wein als Genussmittel und auch als Symbolträger einer Aufsteigerkultur erlebte in Österreich erst in den späten achtziger Jahren eine Blüte – mit der demütigenden Zäsur des Weinpanschskandals 1985. Zuvor, so die Wiener Kulturhistorikerin Brigitte Marschall, regierte „die Doppler-Anarchie“: „Der Doppler war unentbehrliches Requisit jeder noch so kleinen Veranstaltung – er verfügte über ein hohes künstlerisches und politisches Potenzial und diente als Symbol eines anarchischen Lebensgefühls.“ Inzwischen sind Winzer ein fixer Bestandteil der „Seitenblicke“-Karawane; der Konsum edler Weine gehört längst zum Dauerinventar der Ober- und Mittelschicht.

Kein Grund zur Sorge. Denn in Maßen genossen, birgt Alkohol viele, oftmals ungeahnte Vorteile. Als unbedenklicher Tageskonsum gilt bei Männern laut der Weltgesundheitsorganisation WHO 0,3 Liter Wein oder 0,6 Liter Bier; bei Frauen 0,2 Liter Wein oder 0,4 Liter Bier.
Alkohol ist eine zutiefst demokratische Droge, die allen Schichten zugänglich ist und deswegen auch verbindend wirkt. Er blockiert die Schüchternheit und trägt somit indirekt zur Erhöhung der Geburtenrate bei. Er verschönert das Gegenüber, wie Forscher der Universität von Glasgow kürzlich mit einem Experiment bewiesen, in dem sie nüchterne Probanden auf etwas angeheiterte prallen ließen. Die Ursache für den Effekt, sich jemanden „schönzutrinken“, konnte allerdings nicht erforscht werden.
Alkohol wirkt stressentlastend und aggressionsmindernd. „Sorgen werden im Alkohol zwar nicht ertränkt, aber schwimmen besser“, konstatierte der Schriftsteller Robert Musil. Durch den Eintritt des Ethanols in das Gehirn entsteht ein Ungleichgewicht beim Austausch der Nervenbotenstoffe. Erregende Substanzen werden durch gewisse Blockaden nicht mehr weitergeleitet, was die Laune merklich hebt. Aber nicht nur die Psyche, sondern auch die Gesundheit kann vom richtig dosierten Alkoholkonsum profitieren (siehe auch Kasten Seite 82). Die Farbstoffe des Rotweins hemmen Krebs sowie Entzündungen; seine Bitter-, Duft- und Aromastoffe senken den Cholesterinspiegel und peppen das Immunsystem auf. Sowohl den Studien der WHO als auch dem „Österreichischen Ernährungsbericht“ zufolge korreliert die nationale Gesundheit mit der üppigen Verwendung von Gemüse, Obst, Fisch – und Rotwein. „Das französische Paradoxon ist nur durch den regelmäßigen Konsum von Rotwein zu erklären“, so das Magazin „Wine Spectator“ über das Faktum, dass die Franzosen sich trotz fetten Essens und Nikotinzuspruchs im europäischen Vergleich einer überdurchschnittlichen Lebenserwartung erfreuen. Der amerikanische Präventivmediziner und Universitätsprofessor Curtis Ellison ging sogar noch weiter: „Alkoholabstinenz sollte in den Katalog der bekannten Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfälle aufgenommen werden.“
Gegen das quer durch alle Epochen und Kulturen existierende menschliche Grundbedürfnis nach dionysischen Erlebnissen und Auszeiten für das Über-Ich kann auch der grassierende Gesundheitswahn, der den hundertprozentig funktionstüchtigen Menschen ohne Schwächen und Einbrüche zum gesellschaftlichen Ideal ausruft, wenig ausrichten. In diesem Fahrwasser entstand im vergangenen Jahrzehnt eine neue Branche der Zuchtmeister, auch Coaches genannt, die Nikotin und Alkohol auf ihrer Verbotsliste ganz oben stehen haben und Glück durch Entsagung, spirituell gefärbte Turnübungen und den Genuss von Gemüse aus organischem Anbau propagieren.

Trotz dieses groß angelegten Angriffs auf die Lebenslust, „wo die Wellnessmania zu einer Ersatzreligion wird und Gesundheit zu einer moralischen Kategorie“ (so der britische Soziologe Frank Furedi), wird munter weitergesoffen. In Österreich werden im Durchschnitt im Jahr 11,1 Liter reinen Alkohols pro Kopf konsumiert; der Wert ist seit einigen Jahren konstant. Im gesamteuropäischen Vergleich befindet sich Österreich im Mittelfeld, auf dem 13. Rang, nach Frankreich (11,4 Liter) und Portugal. Spitzenreiter ist Luxemburg (15,6 Liter), gefolgt von Irland (13, 7 Liter) und Ungarn (13,6).

Während Alkoholkonsum im mediterranen Raum, insbesondere in Italien, Spanien oder Frankreich, integrativ erfolgt, einen Teil der Lebenskultur präsentiert, exzessive Räusche aber die Ausnahme darstellen, herrschen im englischsprachigen und nordeuropäischen Raum eher explosive, also auf Rauschexzesse abzielende Trinkmuster vor. Diese verschiedenen Trinkkulturen gleichen sich freilich mehr und mehr an: Während in Südeuropa der durchschnittliche Alkoholkonsum sinkt, steigt er im Norden.
Die öffentliche Beurteilung der Trinkgewohnheiten ihrer Repräsentanten liefert zuverlässige Hinweise auf die Alkoholkultur des jeweiligen Landes. Kein deutscher oder österreichischer Politiker hätte einen volltrunkenen Auftritt, wie Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy ihn sich vor zwei Jahren beim G8-Gipfel in Heiligendamm leistete, unbeschadet überstanden. Für den an Depressionen leidenden japanischen Finanzminister Shoichi Nakagawa endete ein ähnlicher Gesichtsverlust bei der G7-Konferenz in Rom im Jahr darauf zuerst mit einem Rücktritt und acht Monate danach mit Selbstmord.

Die Bezeichnung „Rotwein-Kanzler“, wie die FPÖ Alfred Gusenbauer ob seiner Vorlieben für edle Tropfen nannte, wäre für Regierungsvorsitzende im mediterranen Raum sinnlos, weil obsolet. Schützenhilfe bekam der damals wegen seines demonstrativen Hedonismus heftig kritisierte Gusenbauer ausgerechnet von einem Grünen. Peter Pilz, ebenfalls bekannt für ein einschlägiges Faible, bloggte auf dem Höhepunkt des Gusi-Bashings: „Muss man in Zeiten drohender Pensionskürzungen heimlich trinken? Sparzeiten sind die Hochzeiten der Heuchler. Wenn Gusenbauer ordentlich gegen die Plünderungspläne der Regierung kämpft, soll er zur Belohnung auch ganz besonders guten Wein trinken. Für den Sturz der vorliegenden Regierung lobe ich hiermit eine Flasche Château Montrose 1990 aus.“ Gusenbauer selbst wollte zu seinem Image als Luxus-Schluckspecht auf profil-Anfrage nichts sagen: „Als Privatmann kann ich mir das jetzt erlauben. Nur so viel: Meine Vorfahren waren Weinbauern, ich bin also vorbelastet.“

Wie bei allen Drogen ist nicht die Substanz per se das Problem, sondern der unkontrollierte Umgang damit. „Die Dosis ist die Droge“, erklärt der Aktionskünstler Hermann Nitsch, im Nebenerwerb Weinbauer: „Wenn die Balance zwischen Lustgewinn und der Zerstörung des psycho-physischen Organismus ein Missverhältnis darstellt, handelt es sich um Missbrauch unserer dionysischen Medizin.“ Alkoholgenuss „in Maßen“, auch „der geregelte Rausch“ belebe „das Vorstellungsvermögen: Unter Alkohol­einfluss wurde in meinem Künstlerleben das Schöpferische eindeutig aktiviert.“
Hermann Nitsch zählt neben anderen bekennenden Trinkern wie Christian Ludwig Attersee und Franz West zu den produktivsten Künstlern des Landes. Doch ebenso lang ist die Liste der tragischen Künstlerexistenzen, die ihre Exzessbereitschaft mit einem allzu vorzeitigen Abgang bezahlen mussten: Romy Schneider, Oskar Werner, der Lyriker Hermann Schürrer, der Maler Martin Kippenberger oder die Dramatiker Wolfgang Bauer und Werner Schwab, der eines seiner Stücke „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“ nannte und im Alter von 36 Jahren starb.

Besonders bei Schriftstellern tritt die Symbiose von Kreativität und Alkohol häufig auf. Fünf der sieben US-Nobelpreis­träger waren schwere Alkoholiker: Sinclair Lewis, Eugene O’Neill, William Faulkner, John Steinbeck und Ernest Hemingway, der das Credo prägte: „Nur trinkende Schreiber sind gute Schreiber.“ – „Die meisten dieser Karrieren zeichnen sich durch brillante Anfänge aus und ein Burnout der Schaffenskraft im Alter von 40 oder 50 Jahren“, schreibt der amerikanische Literaturwissenschafter Tom Dardis in seinem Buch „The Thirsty Muse“: „Nur Faulkner, der ohne Whiskey keinen Satz verfassen konnte, gelang es, zehn Romane, vier davon Meisterwerke, vorzulegen.“ Talente wie ­Truman Capote, Scott F. Fitzgerald, der
sein bestes Buch „Der große Gatsby“ im Trockentraining verfasste, oder Dorothy Parker, die es nie zu einem Roman brachte, „opferten ihre Begabung dem Alkohol.“

Der Grat zwischen Genuss- und zwanghaftem Gewohnheitstrinken ist schmal, sowohl in der Kunst als auch im Alltag. Wer sich in dieser Gefahrenzone zu verlieren droht, dem rät Simon Borowiak in seinem Buch „Alk“ zur „Erstellung eines Trinkkalenders, wo man mit sich einen Pakt schließt, wann und wie viel getrunken werden darf und welche Auszeiten unbedingt eingehalten gehören“.
„Ich empfehle das reine Be­lohnungstrinken“, sagt der Autor Werner Schneyder: „Beim Arbeiten sollte Alkohol tabu sein.“ Als abschreckendes Beispiel dient ihm kein Geringerer als Goethe: „Der hat doch einige grottenschlechte Gedichte geschrieben, die nur durch die drei bis vier Flaschen Wein täglich zu erklären sind.“ Andererseits hinterließ Goethe bekanntlich auch einige durchaus solide Werke, wurde 83 Jahre alt und hielt knapp vor seinem Tod um die Hand einer Neunzehnjährigen an. Es gilt wohl der Satz des deklarierten Alkohol-Asketen Sigmund Freud: „So wie es keinen hundertprozentigen Alkohol gibt, gibt es auch keine hundertprozentige Wahrheit.“