Wie man einen Hokusai kauft

„Zuverlässig kommen nur die Überraschungen“
Kurt W. Lechner

Wiener Spaziergänge bereichern oder machen arm. Ich habe einen hinter mir, für den beides gilt. Er war auch der kürzeste. Er führte von einem Sashimi im „Akakiko“ (Naglergasse) zum Palais Esterhazy. Im Durchgang zum Innenhof des Palais, der weiter führt zu Schönheitschirurginnen, gebot ein Reklameständer unverzüglichen Halt: „Hokusai und andere Meister der Holzschnittkunst“ – Ausstellung ab 18. Februar.
Da verschob ich mein Lifting und wandte mich, wie der Pfeil befahl, nach links. Eine japanische Touristin, die drei Schritte schneller gewesen war, hielt höflich die Tür offen.
„Domo arigato gozaimas“, brummte ich entzückt. Sie schlug die Hände vor den Mund und kicherte, wie man nur in Asien kichert. Sie war der letzte Mensch, den ich sah, ehe ich von Schönerem überwältigt wurde.

Als ich durch die Räume blickte, die hinter jener Tür lagen, traf mich der Schlag. Ich war von hundert unerfüllbaren Träumen meiner Fernostreisen umgeben. Anfangs hielt ich die japanischen Holzschnitte an der Galeriewand für erstklassige Kunstdrucke, doch fühlte ich schon bald das Höhere. Irgendwas war anders und besser, obgleich die Blätter schlicht gerahmt waren. Es gab auch keine Passepartouts. Die zirka DIN A5 bis DIN A3 großen Originale waren mit säurefreien Tixos locker aufgeklebt, man spürte das hauchfeine, alte Papier. Je näher man mit der Nase rückte, desto deutlicher wurden die schönen Spuren des Alters, feinste Haarrisse und vereinzelte Knitterspuren, angeriebener Staub und verblasste Farben.
Ich schüttelte benommen den Kopf, als ich in diesem Raum der Zacke Auktionen & Galerie AG stand. Als sich Sonnhild Kaindel, die ich als sachkundige Beraterin kennen lernen sollte, behutsam näherte, stammelte ich: „Eine Wanderausstellung, nicht wahr? Unverkäuflich!?“
„Keineswegs“, sagte sie und erzählte dann einiges, was ich wusste, und vieles, das mir neu war.

Es mag nützlich sein, mein Fehlwissen genauer darzustellen, um auch anderen die Scheu vor japanischen Holzschnitten zu nehmen. Ich lernte die „Königstiger-Staaten“ Rotchina, Nationalchina, Südkorea und Japan als Mitarbeiter von „trend“ kennen. Schwerpunkt: Business und High-Tech. Die Präsidenten von Canon, Sony, Mazda oder Acer, die ich traf, hatten durchwegs eine Aura von Macht, persönlichem Reichtum und Kunstliebe. Als daher mit jeder Reise die Zuneigung zu asiatischer Kunst inniger wurde, wusste ich, es würde eine platonische Liebe bleiben. Speziell die Japaner, die in der Hitze der neunziger Jahre Schwertlilien, Zypressen und andere Van-Gogh-Flora nebst Spitzenporträts und Harlekins um eine Milliarde Schilling pro Stück kauften, würden natürlich längst ihre nationalen Schätze aufgekauft haben.

Kein originaler Abzug eines bekannten japanischen Holzschneiders würde je sein Heimatland verlassen; und wenn doch, dann nicht zum Verkauf stehen; und wenn doch, dann nicht für unsereins.

Zacke zum Dank weiß ich: So ist es nicht. Es gibt sie auf dem Markt, auch mitten in Wien, und erstaunlich erschwinglich. Die Preisskala ist zwar nach oben offen. Hokusais „Unter der großen Woge bei Kanagawa“ (1834; 235 x 353 mm), das bekannteste Alterswerk des 1760 geborenen Künstlers, ist nördlich jeden Budgets. Aber: Die Preise für reizvolle Sujets beginnen bereits bei 400 bis 800 Euro (in Worten: ab vierhundert), und da reden wir schon von Hochdrucken einiger der Großmeister: Hokusai, Hiroshige, Koryusai, Harunobu, Moronobu, Utamaro und des Spinners Yoshitoshi.

Wie erklärt sich das Wunder? Die Bilder sind ja nicht beliebig vermehrbar. Ein Hirnholzschnitt gibt angeblich maximal 100 Stück her, ein Nachschnitt vielleicht weitere 100. Gilt auch in Japan das Eigene weniger als das Fremde? Oder gelten speziell die Holzschnitte weniger, die in Japan (im Gegensatz zu Dürer 300 Jahre zuvor) das Produkt von Werkstätten waren? Der Künstler war Zeichner, Farbdirigent und Endkontrollor, bedient von handwerklichen Spezialisten, die das Schneiden, Einfärben und Abziehen besorgten.

Geld und Preis sind im Detail nicht so wichtig. Wunderbar ist, dass man überhaupt, ohne in persönlichen Konkurs zu gehen, ein schönes Bild kaufen kann, das optisch und haptisch einzigartig über die Jahrhunderte grüßt. Wer dafür ein Sensorium hat, sollte zugreifen. Und wer nicht, der nicht.
Ich glaube keineswegs, dass ich gut kaufte. Ich weiß es. Denn ich fand mein Sujet. Ich fand das Bild, das ich liebe: im Hintergrund der Fuji, vorne eine Bogenbrücke, beides die wichtigsten Erinnerungsikonen an Japan-Reisen, dazu hundert Details, die man in späteren Bildwanderungen mit der Lupe erkunden würde. All dies in der wunderbaren, blassen Farbgebung der „Großen Woge“. Ich gebe zu: Dieser Holzdruck kam nicht aus der untersten Preislade. Aber ich habe jetzt einen originalen Hokusai, ein Blatt, das dieser skrupulöse Künstler wahrscheinlich zur Endkontrolle selbst in der Hand hielt. Ein Bild, das lebt, wie nur ein Original lebt, einen langen Atem hat, zu mir spricht und mich stärkt. Ein Bild, das ich als Eigentum behutsam berühren und, wäre mir dies nicht fremd, ablecken dürfte.

Für die Hardliner in Gelddingen: Viel billiger werden diese Bilder nimmer. Der Wirtschaftsaufschwung lacht uns an, die Deflation wird zärtlichen Inflationen weichen, die Sachwerte werden anziehen. Und nur so nebenbei: Versuchen Sie einmal, einen Erstdruck von Goethe in die Hand zu kriegen, der Hokusais Zeitgenosse war. Dann erst wissen Sie, was es heißt, Opa und Oma verkaufen zu müssen.