Wie wichtig ist die Homo-Ehe?

Ist ihre Anerkennung das Kennzeichen einer „offenen Gesellschaft“?

Während Spaniens Bischöfe eine „neue, nationale und europaweite Kampagne gegen Schwangerschaftsabbruch und Homo-Ehen“ ankündigen, lässt sich Spaniens Premier José Luis Rodríguez Zapatero unter Blitzlichtgewitter vom Homo-Aktivisten Pedro Zerolo umarmen. So, wie er sein Versprechen gehalten hat, die spanischen Truppen aus dem Irak abzuziehen, ist er entschlossen, im wohl katholischsten Land Europas die Homo-Ehe durchzusetzen. Der „El País“-Kolumnist Josep Romoneda sieht in ihm jenen europäischen Politiker, der am ehesten geeignet ist, die „offene Gesellschaft“ gegen die neokonservative katholische Reaktion zu verteidigen – gegen ein Weltbild, das mit George Bush davon ausgeht, dass „die hierarchische Ordnung der Dinge uns von Gott unabänderlich vorgegeben ist“ und dass „eine bestimmte Idee von Familie Teil davon ist“.

„El País“ beschert mir damit ein Dilemma wie sonst nur die „Kronen Zeitung“: Muss ich schon für die Homo-Ehe sein, weil George Bush dagegen ist – obwohl selbst er „eingetragene Partnerschaften“ akzeptiert? Darf ich mich nicht mit „eingetragenen Partnerschaften“ begnügen, obwohl sie selbst Alfred Gusenbauer nicht mehr genug sind?

Ich glaube, der „offenen Gesellschaft“ ziemlich offen anzuhängen – aber ich habe meine Probleme damit, sie an der Homo-Ehe zu messen.

Die spanische Entwicklung ist mir verständlich: Die Franco-Diktatur war so eng mit der katholischen Kirche und deren Bild von der „Familie“ verwoben, dass die Aggression, mit der sie über Bord geworfen wurde, sich auch gegen jede Bevormundung durch die Kirche richten musste. Dass die Bischöfe gegen die Homo-Ehe wettern, ist für viele Spanier ein Grund, sie zu befürworten.

Ich allerdings habe nicht unter Francos Klerikofaschismus gelitten, also ist es mir kein solches Bedürfnis, die Homo-Ehe gegen doch ziemlich viele Menschen durchzusetzen, die sich durch die zumindest in der Bezeichnung vorgenommene Gleichsetzung mit einer ihnen heiligen Institution missachtet fühlen.

In der Geschichte der Menschheit ist die lebenslange monogame Ehe eine sehr junge Institution, die sich allerdings weit gehend durchgesetzt hat. Offenbar hat sie sich als besonders vorteilhaft für die Erhaltung der Art erwiesen, indem sie geregelte wirtschaftliche Verhältnisse und ein hohes Maß gegenseitiger Verantwortung geschaffen hat, beides Voraussetzungen, die das Aufziehen von Kindern erleichtern.

Da die Erhaltung der Art im weitesten Sinne auch Ziel jedes Staatswesens ist, hat der Staat die Ehe durch Gesetze geregelt: Ein Normvertrag erspart es, dass jedes Paar seinen eigenen Ehevertrag aushandelt und darin für das möglichst erfolgreiche Aufziehen von Kindern vorsorgt.

Da Religionen Gesellschaften formen und von ihnen geformt werden, gibt es in praktisch allen Gesellschaften eine Übereinstimmung zwischen der Förderung der Familie/Ehe durch den Staat und ihrer Überhöhung durch die Religion.

Das „Sakrament“ der Ehe ist – in der Sicht eines nicht religiösen Menschen, wie ich es nun einmal bin – der katholische Beitrag zur Erhaltung der Art.
Als solchen vermag ich ihn zu würdigen und ihm Respekt entgegenzubringen.

Die Haltung dieser Kirche zur Homosexualität ist mir unverständlich. Wenn Homosexualität „eine Spielart der Natur“ sein sollte (so die derzeit gängige Auffassung), dann verstößt ihre Ächtung gegen die Natur; wenn sie eine psychische Besonderheit darstellt (so die psychoanalytische Auffassung), dann ist ihre Ächtung ein Akt der Unbarmherzigkeit.
Beides ist in meinen Augen unchristlich.

Aber die Kirche ist ein Verein, dem man nicht angehören muss. In einer „offenen Gesellschaft“ sind die Statuten eines Vereins so lange nur dessen Sache, als sie niemandem schaden. Solange die Kirche für die Strafbarkeit der Homosexualität eingetreten ist, musste jeder Vertreter einer offenen Gesellschaft sie darin bekämpfen – doch wenn sie homosexuelle Paare nicht mit dem Sakrament der Ehe versehen will, ist das ihre Sache.

Dass Homosexuelle unbedingt den Segen einer Institution wollen, von der sie geächtet werden, verstehe ich nicht.

In der „offenen Gesellschaft“ – zumindest der, die Karl Popper mich gelehrt hat – verdient Religion zwar Respekt, nie aber Dominanz über die Normen des Staates. Die haben sich danach zu richten, was für die Gesellschaft sinnvoll ist. Und natürlich ist es sinnvoll, dass homosexuelle Partner längerfristig Verantwortung füreinander übernehmen. Daher ist es sinnvoll, dass der Staat auch ihre Beziehung durch einen Normvertrag, der ihre wirtschaftlichen Verflechtungen regelt, stärkt.

Aber dazu genügt die mit einer Reihe in der „Ehe“ bewährter Rechte versehene „eingetragene Partnerschaft“.

Der Unterschied zur „Ehe“ ist die begründete Vermutung, dass diese Partnerschaft im Allgemeinen keinen Beitrag zur Erhaltung der Art durch Kinder leisten wird.

Das ist keine Diskriminierung, sondern – trotz gelegentlich kinderloser Ehen Heterosexueller oder der Adoption von Kindern durch Homosexuelle – eine begründete sachliche Unterscheidung.

Ich vermag sie nicht zu negieren, auch wenn Wolfgang Schüssel und George W. Bush sie gleichfalls vertreten.