„Wie Lech Walesa und wie Arpad Göncz“

Vaclav Havel, Schriftsteller und ehemals Präsident der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik, über überraschende Berührungspunkte mit Thomas Klestil.

profil: Herr Präsident, wann haben Sie Thomas Klestil zuletzt getroffen?
Havel: Ich denke, das war vor einem Jahr in Salzburg. Klestil hatte mich zum Treffen der zentraleuropäischen Staatsoberhäupter eingeladen, obwohl ich selbst nicht mehr Präsident war. Er wollte damit wohl daran erinnern, dass ich bei der Geburt der Idee dieses Treffens dabei war. Er sprach sehr schön über mich. Ich war selbst gerührt.
profil: War Klestil glücklich, oder hat er einen erschöpften und resignierenden Eindruck auf Sie gemacht?
Havel: Wir haben über die Jahre oft über Krankheit gesprochen. Wir waren ja beide krank, und – das ist eine eigenartige Parallele – wir hatten beide mit der Lunge zu tun. So haben wir unsere Erfahrungen mit dem Kranksein in der Politik ausgetauscht.
profil: Vor einem Jahr war das ein so wichtiges Thema für den Bundespräsidenten?
Havel: In Salzburg hatte ich den Eindruck, dass er in einer besseren Verfassung war als bei dem einen oder anderen Treffen zuvor. Er war nur etwas nervöser als sonst, vielleicht auch, weil aus den ursprünglich sieben Präsidenten dieser Zusammenkünfte nun weit mehr geworden waren. Er trug eine große Verantwortung für viele Menschen.
profil: Sprach Klestil jemals offen über seine schwierige Beziehung zum Land und zur Politik dieses Landes? Sprach er über sein zerrüttetes Verhältnis zur Volkspartei, die ihn zuerst gemacht und die ihn danach als Verräter verstoßen hatte?
Havel: Wir haben auch oft gemeinsam über Politik nachgedacht. Und da kamen wir immer wieder auf unser beider schwieriges Verhältnis zu den Politikern des eigenen Landes zu sprechen.
profil: Österreichs Regierung hat in den vergangenen Jahren eine zwiespältige Rolle im mitteleuropäischen Gefüge gespielt. Wie wichtig konnte da das Staatsoberhaupt als Vermittler zu jenem neuen und alten Europa überhaupt sein?
Havel: Er hat natürlich eine große, eine bedeutende Rolle gespielt. Ich hatte aber niemals den Eindruck, dass er in dieser Rolle eine österreichische Prädominanz anstrebte. Das hat geholfen. Er war ein mitteleuropäischer Vermittler.
profil: Haben Sie mit dem Bundespräsidenten über Benes diskutiert?
Havel: Wir haben sogar häufig über Benes gesprochen und auch über Temelin. Beide hatten wir Verständnis für den jeweiligen anderen Standpunkt. Dieses Verständnis hat auch bestanden, wenn sich die Standpunkte unterschieden.
profil: Wenn Sie in einem Jahr an Thomas Klestil denken, was wird Ihre allererste Erinnerung sein?
Havel: Ich glaube, dass er wie Lech Walesa in Polen und wie Arpad Göncz in Ungarn das Schicksal und Glück hatte, in einer Zeit Präsident zu sein, als sich nicht nur die Geschicke Mitteleuropas, sondern in der ganzen Welt verändert haben.
profil: Und wie Vaclav Havel in der Tschechoslowakei. Danke für das Gespräch.
Havel: Darf ich noch etwas sagen, das Sie nicht gefragt haben?
profil: Selbstverständlich dürfen Sie. Sie sind ja nicht nur Politiker, sondern auch Literat.
Havel: Thomas Klestils plötzlicher Tod hat mich persönlich sehr getroffen. Er ist genau an jenem Tag gestorben, als ich mit ihm zusammentreffen sollte. Wir wollten am Dienstag gemeinsam Abendessen gehen. Aber sein plötzlicher Tod hatte auch etwas Gutes, denn er ist ohne große Schmerzen gestorben.