Wie tot ist Sigmund Freud? Viele seiner Thoerien gelten heute als längst überholt

Ödipuskomplex, Penisneid, unreifer Orgasmus, das Bild der Frau – viele von Sigmund Freuds Theorien gelten heute als längst überholt. Anlässlich seines 70. Todestags am 23. September analysieren Psychoanalytiker und Wissenschafter, was vom Idol der Moderne übrig bleibt.

Der Volksschüler Adolf leidet an wiederkehrenden Albträumen. Der Hausarzt kann ihm nicht helfen. Er empfiehlt Klara Hitler, nach Wien zu diesem jüdischen Nervenarzt zu fahren. Nach einem Gespräch in der Berggasse 19 ist klar: Der kleine Hitler wird vom unaufgelösten Hass gegen seinen brutalen Vater Alois gequält, der, wie biografisch belegt ist, betrunken seine sechs Kinder zu schlagen pflegt und sich von seinem viertgeborenen besonders provoziert fühlt. Doktor Freud rät der Frau dringend, sich in dieser Schlacht vor ihren Sohn zu stellen. Vater Alois, dem der Verlauf der Visite pflichtschuldigst gemeldet wird, verbietet Klara weitere Besuche in der Berggasse.

Die Frage, die über dem fiktiven Theaterstück „Doctor Freud Will See You Now, Mr. Hitler“ schwebt, lautet: „Wäre die Weltgeschichte anders verlaufen, wenn Hitler eine Psychoanalyse absolviert hätte?“ Eine Antwort, die weder das britische Autorenduo Maurice Gran und Laurence Marks noch sonst jemand zu geben vermag. Denn die Wirkungsweise des von Sigmund Freud im Jahr 1886 erstmals genannten Verfahrens – im Aufsatz „Zur Ätiologie der Neurosen“ – ist bis heute nicht messbar. Trotz der jungen Forschungsdisziplin der Neuropsychoanalyse, „wo versucht wird“, so ihr Mitbegründer, der Südafrikaner Mark Solms, „die wunderbaren Hypothesen der Psychoanalyse mit neuropsychologischen Experimenten zu überprüfen“, sind der Erfolg und die Effizienz der langwierigen Therapiemethode nicht empirisch belegbar.

Freud-Kritiker wie der britische Kulturhistoriker ­Richard Webster attestieren der neuen Disziplin, „von großem Wunschdenken getragen zu sein, denn 90 Prozent seiner Theorien werden dabei zur Seite geschoben und nicht bestätigt“. Die Psychoanalyse, so Webster flapsig weiter, wäre nichts weiter als eine Religionsgemeinschaft und gehörte auch als eine solche behandelt.

Am Mittwoch dieser Woche jährt sich der Todestag Sigmund Freuds zum 70. Mal. Am 23. September 1939 starb der durch 35 Mundhöhlenoperationen über die Grenzen des Erträglichen getriebene Begründer der Psychoanalyse in seinem Londoner Exil durch eine Überdosis Morphium, die ihm sein Hausarzt Max Schur auf Wunsch des Patienten im Beisein seiner Tochter Anna verabreicht hatte.

Inzwischen gehören die von ihm geprägten Begriffe wie Todestrieb, Penisneid oder Ödipuskomplex zum allgemeinen Sprachgebrauch. Obwohl das Gros seiner Theorien heute längst überholt ist oder radikal weiterentwickelt wurde, regiert er nach wie vor in der kollektiven Wahrnehmung als unumstößliches Monument. Ein Weltruhm, den es zu überprüfen gilt.

Revolutionär. Dass „Freud wie kein anderer am Schlaf der Menschheit gerüttelt hat“, so sein Biograf Peter Gay, steht außer Zweifel. Das wesentliche Verdienst Freuds liegt darin, wie er das selbst formuliert hat, „dem Ich nachzuweisen, dass es nicht einmal Herr im eigenen Haus ist, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewusst in seinem Seelenleben vorgeht“. Seine bahnbrechende, aufklärerische Leistung bestand in der Erkenntnis, dass die Persönlichkeit des Menschen durch ein Wechselspiel zwischen Bewusstem und Unbewusstem geprägt ist und das Innenleben des modernen Menschen durch persönliche Symbole und Erzählungen organisiert ist, die keine gesellschaftlich allgemeingültige Bedeutung haben. Damit brach er klar mit den tradierten Vorstellungen vom Selbst, das bis dahin vorrangig von äußeren, schicksalsbedingten Umständen geprägt schien.

„Freuds unschätzbare Leistung lag darin, die Erkenntnisse vom Unbewussten, die sich ja schon bei Nietzsche und Schopenhauer fanden, auf die Medizin anzuwenden“, so der inzwischen verstorbene Historiker der Psychoanalyse, Ernst Federn, zu profil. Federn, dessen Vater Paul als Freuds rechte Hand in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung fungierte, erzählte, dass Freud selbst bereits 1909 Zweifel an der Wirksamkeit des psychoanalytischen Verfahrens anmeldete: „Bis dahin war er überzeugt, eine Neurose heilen zu können, indem man sie interpretierte. Aber schon 1909 schrieb er an seinen späteren Dissidenten C. G. Jung: ,Wir heilen eigentlich nur durch Liebe.‘“

Inzwischen gilt die Psychoanalyse als eines von 600 möglichen Therapieverfahren, die aus dem Ur-Konzept entstanden sind. Bei aller heutigen Kritik an der Methode, die extrem kosten- und zeitaufwändig ist und, so Freud laut Federn, „nur an einem erwachsenen, reifen Ich“ anzuwenden ist, symbolisiert sie „das große, emanzipatorische Versprechen der Moderne“, wie Eli Zaret­sky in „Freuds Jahrhundert“ schreibt, „von der Selbstbestimmung des Individuums“.

„Es ist unbestritten, dass Freud für die Seelenforschung so viel leistete wie Darwin für die Biologie oder Einstein für die Physik“, konstatiert der US-Psychiatrieprofessor und Autor der Freud-Biografie „Inventor of the Modern Mind“, „nur sind seine Theorien inzwischen längst nicht mehr wissenschaftlicher Konsens. In der modernen Wissenschaft wird er nur noch als Gralshüter großteils völlig veralteter Annahmen hochgehalten. Betrachten wir ihn als literarisches Genie und Wegbereiter und nicht als ewigen Übervater.“

Rotes Tuch. Die Freud-Kritik der Gegenwart unterscheidet sich jedoch von dem vor allem ideologisch bedingten Freud-Bashing der siebziger Jahre durch wissenschaftliche Beweisführungen. Im Zuge der Studentenrevolte, in der Mao, Marx und die sexuellen Befreiungstheorien des obskuren Freud-Dissidenten Wilhelm Reich auf der Agenda standen, war die seelische Nabelschau im Geiste Freuds deswegen totes Gebiet, weil sie den apolitischen Rückzug in die Innerlichkeit propagierte. Für den Feminismus war Freud, der Mädchen einmal als „diese kleinen Wesen ohne ­Penis“ bezeichnete, ohnehin ein rotes Tuch und ist es zu Recht bis heute.

Dass Freud heute in Österreich nach wie vor Denkmalstatus genießt, führt der Psychoanalytiker und ­Institutsvorstand der Sigmund-Freud-Privatuniversität, Felix de Mendelssohn, auf „den selbstverliebten, kleinbürgerlichen Lokalpatriotismus und die entsetzliche Zäsur durch die Nazi-Herrschaft“ zurück. Durch die Vertreibung der Psychoanalyse nach dem Anschluss 1938 „ist ihre Weiterentwicklung hier völlig abhandengekommen“. Das Trauma des „Dritten Reichs“ und die jahrelange „Unfähigkeit zu trauern“, so der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, verursachten eine Beißhemmung, die „die Psychoanalyse erstarren ließ, als wäre sie mit dem Verschwinden Freuds abrupt stehen geblieben“. Aus diesem Blickwinkel, so de Mendelssohn, sei es durchaus nachvollziehbar, dass sie heute „mehr nach Kirchensekte, Denkschule der Philosophie und esoterischem Kult“ klinge „als nach einer empirischen Wissenschaft“.

Eine ähnliche Kritik hatte schon der neben Ludwig Wittgenstein vielleicht bekannteste Philosoph des 20. Jahrhunderts, Karl Popper, in den fünfziger Jahren geäußert. Die Psychoanalyse basiere „allein auf Mythenbildung“, wofür die Verfahrensweise Sigmund Freuds Schuld trage, „der immer nur versuchte, seine Thesen zu bestätigen, anstatt sie kritisch-empirisch zu überprüfen“. Dennoch äußert Popper auch Respekt für Freuds Visionskraft; die fehlende Wissenschaftlichkeit sei „nicht das Todesurteil seiner Ideen“. Poppers Rivale Wittgenstein bemerkte zu Freud so knapp wie lakonisch: „Freud irrt sich gewiss sehr oft. Was seinen Charakter betrifft, ist er wohl ein Schwein oder so etwas Ähnliches.“

Die Methodik, mit der Freud zu seinen Erkenntnissen gelangte, war schon zu seinen Lebzeiten umstritten. Schon die erste Fallgeschichte „Anna O.“, die in der Rezeptionsgeschichte als die Geburtsstunde der Psychoanalyse gilt, erscheint fragwürdig. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich die spätere Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim, Tochter aus wohlhabendem jüdischem Haus, die Hysterie-Patientin des damaligen Modearztes und Freud-Mentors Josef Breuer war. An der Fallgeschichte der Frau, die er nie persönlich, sondern nur aus Gesprächen mit Breuer kennen gelernt hatte, entwickelte Freud das Verfahren einer „Redekur“ oder des „Kaminfegens“, wie die eloquente Pappenheim es nannte.

Entsorgung. Mit Breuer sollte Freud so verfahren wie mit vielen seiner Weggefährten und Ideengeber: In den 1895 erschienenen „Studien zur Hysterie“ firmierte Breuer noch als Co-Autor. Als er Freuds These des sexuellen Missbrauchs als alleinige Ursache für die Hysterie hinterfragte, entsorgte der radikale Egomane Freud seinen langjährigen Förderer und Patientenvermittler als maßgeblichen Geburtshelfer der Psychoanalyse – mit der Begründung, dass er ihm viel zu lange „einen unangemessenen Ausdruck von Dankbarkeit“ erwiesen habe. „Er hatte immer einen wahren Heißhunger nach Menschen“, so sein Jünger Isidor Sadger, „die er freilich, wenn sie verbraucht waren, wieder abstieß.“ Der US-Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway, der in seiner Freud-Analyse „Biologist of Mind“ sämtliche Freuds Theorien zugrunde liegenden Fallgeschichten akribisch untersuchte, resümiert: „Freud interpretierte seine Patienten so, wie es für seine Theorien am günstigsten war. Er lag wie ein Detektiv auf der Lauer, bis er auf eine Assoziation stieß, die ins Konzept passte.“

So verließ Ida Bauer, Schwester des Sozialdemokraten Otto Bauer und unter dem Patienten-Pseudonym Dora berühmt, im Alter von 18 mit wehenden Röcken die Berggasse, als Freud ihr einen Beziehungswunsch mit der Geliebten ihres Vaters unterstellte, ihren Husten als Nachahmung der väterlichen Koitusgeräusche interpretierte und ihren gereizten Blinddarm als Ausdruck einer Entbindungsfantasie. „Die Publikationen der Krankengeschichten“, so die Wiener Historikerin Gudrun Wolfgruber, „dienten vor allem dazu, die Psychoanalyse schlüssig darzustellen.“ Die ständig wiederkehrenden Träume von bedrohlichen weißen Wölfen des „Wolfsmanns“, so die Chiffre für den Russen Serguis Pankejeff, rührten laut Freud daher, dass er als kleiner Bub seinen Eltern beim Koitus zugeschaut hatte und ihre weiße Unterwäsche in Wolfsfelle transponierte. 1200 Stunden absolvierte Pankejeff auf der Couch und starb dennoch verarmt und depressiv 1979 in Wien. An der Heilung seiner Patienten zeigte sich Freud generell wenig interessiert; sie waren ihm vielmehr „Forschungsgegenstand“ und „Glückstiere“, die im Dienste seines „Conquistadorentemperaments“ eben Opfer bringen mussten. Freuds radikale Interpretationen, in denen er die Verdrängung und Unterdrückung des Trieblebens für jedes neurotische Unglück zur Verantwortung zog, waren das Produkt einer sexuell repressiven und frauenfeindlichen Zeit und sind in diesem Kontext zu sehen. Das psychische Unglück des 21. Jahrhunderts tritt längst nicht mehr in Form von Hysterie auf, sondern in narzisstischen Störungen, Depressionen, dem Borderline-Syndrom oder Panikattacken. „Natürlich existieren auch immer wieder Moden der Diagnosen“, so Christine Diercks, ehemalige Vorsitzende der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, „heute ist vieles Borderline, eine Zeit war die multiple Persönlichkeit schick.“ Gleichzeitig sind Freuds Theorien und häufig spekulative Erkenntnisse untrennbar mit seinen eigenen biografischen Erfahrungen verbunden. Im Alter von vier Jahren sah er seine Mutter auf einer Zugfahrt von Wien nach Leipzig erstmals nackt und entwickelte aufgrund dieser Erfahrung später den Ödipuskomplex. Die überdimensionale Liebe seiner Mutter („Sigi, mein Gold“) legte das Fundament für einen Größenwahn, der durch jahrelangen Kokain-Konsum zusätzlich genährt wurde.

In seinen Briefen und Notizen sprach der deklarierte Atheist, der in der Religionsausübung Analogien zur Zwangsneurose ortete, von sich selbst gerne als „Feldherr“, „Messias“ und „Moses“; seine Anhänger bezeichnete er als „Strenggläubige“ und die gegen seine Dogmen revoltierenden Schüler als „Ketzer“.

Auch für seine Besessenheit von der Sexualität gibt es eine schlüssige Erklärung. Nach der Geburt der sechs Kinder – als letztes kam seine spätere Erbin in der Profession, Anna, 1895 zur Welt – sollen die sexuellen Aktivitäten zwischen dem damals 41-jährigen „teuren Oberhaupt“ und seiner Frau Martha zum Stillstand gekommen sein. Über die „sexuelle Malaise“ notierte Freud, dem kein Biograf je einen Seitensprung nachweisen konnte: „Befriedigenden Sexualverkehr in der Ehe gibt es nur durch einige Jahre … dann versagt die Ehe, insofern sie die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse versprochen hat.“ Und jetzt: Freuds maßgebliche Theorien im Reality-Check.